Daryostrox' Zeichen I
von
RisingSun
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Mondnacht
Das weiße Licht des vollen Mondes schien auf den Hügel herab und erleuchtete die alte Tempelruine, von der nur noch die Grundmauern standen. Sie war überwachsen mit grünen Dornenpflanzen, die sich um die verwitterten Steine rankten. Es war vollkommen still und auch aus dem umliegenden Wald drang kein Laut.
Langsam schlug die junge Frau mit den dunklen Haaren, die neben einer zerbrochenen Säule auf dem Boden lag, die Augen auf. Die Sterne und der runde Mond schauten ihr vom klaren Nachthimmel entgegen als sie versuchte, sich zu erinnern, wer und wo sie war. Doch ihr Gedächtnis war leer, blank wie die Seiten eines unbeschriebenen Buches.
Panik ergriff sie. Verzweifelt suchte sie nach ihrem Namen, nach Bildern aus ihrem Leben, aber alles war verschwunden. Die junge Frau stand auf und sah sich um. Ihr Blick fiel auf den steinernen Altar des Tempels, der von einer weiß blühenden Rankenpflanze überwachsen wurde. Der süßliche Duft der Blüten wehte zu ihr hinüber. Bilder tauchten vor ihrem geistigen Auge auf und verschwanden wieder, bevor sie auch nur eines fassen konnte.
Langsam trat sie über mit Gras überwachsene Steinplatten auf den die gesprungene Steinplatte des Altars zu. Der Blütenduft wurde stärker, doch der jungen Frau gelang es immer noch nicht, eine ihrer Erinnerungen zu festzuhalten.
Langsam fuhr sie mit den Fingern über die Schrift, die in die Steinplatte eingemeißelt war. Ihr Finger blieb auf einem Wort liegen. Daryostrox.
Die junge Frau hielt die Luft an. Wortfetzen formten sich in ihrem Kopf zu Wörtern. Daryostrox, der große Göttervater, der Himmels- und Wettergott, der Allmächtige mit dem Symbol des Drachens. Diese Ruinen mussten die Überreste eines seiner Tempel sein.
Kaum dass sie sich an dies erinnert hatte, kamen auch die Erinnerungen an die anderen sechs Götter zurück, die im Land der Drei Fürstenhäuser verehrt wurden. Die junge Frau betrachtete den Waldrand. Ob sie sich immer noch im Herrschaftsbereich der Drei Fürstenhäuser befand? Sie konnte sich nicht an Einzelheiten zu diesem Land erinnern, doch sie war sicher, dass sie einst dort gelebt hatte.
Die Drei Fürstenhäuser verehrten jeweils einen der Drei Tugendreichen, Sapien, Mod oder Liberja. Sapien war der Gott der Weisheit und der Gelehrten; sein Fürstenhaus unterhielt große Bibliotheken, in denen man alle Schriften fand, die aus alten Zeiten noch erhalten waren und in neuen Zeiten geschrieben worden waren. Sein Symbol war die Eule. Mod war der Gott der Tapferkeit und des Mutes, des Draufgängertums und der Stärke, daher war der Bär sein Zeichen. Sein Fürstenhaus brachte die tapfersten und stärksten Krieger hervor. Soweit die junge Frau wusste, herrschte sein Kriegsherr über die ebenen und freien Flächen im Zentrum des Landes. Sie schaute sich um. Der dichte Wald am Fuß des Hügels reichte so weit das Auge reichte. Die Tempelruine musste sich in einem abgeschiedenen Gebiet befinden.
Das dritte Fürstenhaus, Liberja, war das einzige, das seit Anbeginn von Frauen geführt wurde. Liberja war die Göttin der Schläue, der Gewandtheit und der Freiheit. Ihre Krieger und Kriegerinnen waren für ihre Schnelligkeit gefürchtet. Das Fürstenhaus war in den Bergen am Rand des Landes angesiedelt. Sein Symbol war der Falke.
Die junge Frau legte auch die andere Hand auf den zerbrochenen Altar. Welchem Fürstenhaus sie angehörte oder unterstand, wusste sie nicht.
Im Land der Drei Fürstenhäuser wurden noch drei weitere Götter verehrt. Man nannte sie die Freien, es waren Oligia, Vrachtajan und Skaldja. Oligia, die Göttin der Liebe, der Freude und der Fürsorge war vor allem beim einfachen Volk beliebt. Ihre Priesterinnen kümmerten sich um die Armen und Kranken und hatten sich selbst zu einem Leben in Armut verpflichtet. Das Symbol der Göttin war die weiße Taube, die im Land für den Frieden stehen sollte.
Vrachtajan hingegen war der Gott des Hasses, des Zwiespaltes, des Krieges und des Todes. Seine in schwarz gekleideten Priester waren allseits gefürchtet, wurden aber von den Obersten der Fürstenhäuser vor jedem Krieg zu Rate gezogen, um ihren Gott gnädig zu stimmen. Sein Symboltier, die schwarze Schlange, war ein schlechtes Omen und stand für den Tod.
Die letzte Göttin im Bund der Sieben war Skaldja, die Wissende. Sie war die Göttin der Zukunft und des Schicksals. Ihre Priesterinnen besaßen große Reichtümer, denn die Fürsten entlohnten sie großzügig dafür, dass sie in Trance ihre Göttin befragten. Ihr Zeichen, die Krähe, stand für ein schicksalhaftes Ereignis und löste in den Dörfern und Städten des ganzen Landes Aufregung aus.
Die junge Frau starrte auf die Flechten und Moose auf der Steinplatte. Sie hoffte sehr, dass noch weitere Erinnerungen an ihre Heimat zurückkehren würden, doch ihr Gedächtnis war nicht bereit, auch nur ein wenig über sie selbst zu enthüllen. Langsam hob sie die Hände und legte sie ein letztes Mal auf den eingemeißelten Namen des höchsten Gottes.
Im selben Moment durchzuckte sie ein Bild, von dem sie nicht sicher war, ob es ihrer eigenen Erinnerung entsprang. Sie sah Daryostrox’ Tempel brennen, Flammen schlugen hoch hinauf in den Nachthimmel. Und sie hörte Schreie und das Klirren von Schwertern.
Dann war es vorbei. Um sie herum wurde es wieder still, totenstill. Erschrocken trat die junge Frau zurück und stolperte über ein Mauerstück. Sie rappelte sich auf und erstarrte. Auf dem Stein waren Spuren von Ruß zu sehen, Anzeichen für einen Brand.
Die junge Frau riss ihren Blick von den schwarzen Flecken los und suchte sich einen Weg aus der Ruine heraus. Sie eilte den Hügel hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen. Am Waldrand entdeckte sie einen schmalen Trampelpfad, dem sie ohne zu zögern folgte. Unter den Bäumen war es dunkel, denn der Mond schien nur durch kleine Lücken im Laub. Doch die Augen der Frau gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit, sodass sie fast schon geblendet wurde, als der Weg sich plötzlich zu einer weiteren Lichtung weitete, in deren Zentrum ein kleiner See lag. Langsam trat die junge Frau ans Ufer. Der Sternenhimmel und der Mond spiegelten sich im glatten Wasser. Sie schaute herab. Von der Wasseroberfläche schaute ihr eine Frau mit schmalem, fast weißen Gesicht und feinen Zügen entgegen. Ihr Kopf wurde von glattem, langen schwarzen Haar umgeben.
Sie berührte die Wasseroberfläche mit dem Finger, sodass das Bild der Fremden im Wasser verschwamm, als der glatte Spiegel sich kräuselte. Dann ging sie einen Schritt zurück und begann, alle ihre Kleider auszuziehen. Zuerst den langen, schweren Umhang, dann die Jacke, das Hemd und ihre Hose.
Das Wasser war kühl als sie langsam hineinwatete. Der kleine See war recht flach. Nach fünfzehn Schritten ging ihr das Wasser nur gerade bis über die Hüfte. Sie blieb stehen und betrachtete noch einmal ihr Spiegelbild. Der helle Mond stand jetzt direkt über ihr.
Plötzlich wurde die Stille im Wald von einem Knacken durchbrochen. Erschrocken fuhr die junge Frau herum und starrte ins Dunkel zwischen den
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Kommentare
Lou schrieb am 2006-10-23 15:53:15:
Endlich bin ich auch mal dazu gekommen mir deine neuste Geschichte durchzulesen und muss sagen sie icst dir wieder fabelhaft gelungen. ZUm Glück gibt es schon ein nächstes Kapitel...Werds gleich mal lesen...
Lieben Gruß, Lou
Anariel schrieb am 2006-10-17 03:33:05:
Uii....was für ein grandioser Auftakt.
Schon ganz gespannt auf die Fortsetzung bin.
Mit liebem Gruße
Anariel
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