Das Böse
von
Schattenschwinge
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Das Böse
Das Gras, auf dem er saß, war feucht vom Regen. Den ganzen Tag über hatte er unbarmherzig vom Himmel geprasselt, als wolle er die gesamte Welt ertränken.Erst am Abend hatte das Unwetter nachgelassen und der Himmel sich aufgeklart. Jetzt schob sich der Mond hinter den letzten übrig gebliebenen Wolkenschleiern hervor und tauchte die Wiese und den Baum unter dem Henrik saß in silbriges Licht – Vollmond … Schon immer eine ganz besondere Stunde. Monat um Monat wieder lockte sie ihn nach draußen. Auf die Wiese zu dem alten knorrigen Baum.
Und jedes Mal brachte er ein anderes Tier mit. Dieses Mal war es die Ziege. Sie stand unweit von ihm im hohen Gras und fraß bedächtig an den langen Halmen. Ihr weißes Fell glänzte samtig im Mondlicht und ihre gutmütigen Augen sahen immer wieder zu ihm hinüber. Doch er sah nicht zurück, konnte ihr nicht in die Augen sehen.
Mensch! Es ist nur eine Ziege, versuchte er sich einzureden, nichts weiter als eine gutmütige, dumme Ziege.
Doch das schlecht Gewissen blieb.
Über ihm rauschte der Wind in den Bäumen. Irgendwo in der Ferne tropfte das Wasser von den Blättern. Immer wieder. Plock – Plock – Plock …
Bald würde es so weit sein.
Er zog seine Taschenuhr aus der Brusttasche. Die Zeit schien still zu stehen. Dann endlich bewegten sich die Zeiger – gegen den Uhrzeigersinn. Es fing an …
Und dann sah er ihn. Lautlos trat der Alte zwischen dem mannshohen Gestrüpp hervor. Sein langer weißer Bart flatterte im Wind und in seinen pupillenlosen Augen fing sich das Mondlicht.
Henrik stand auf und ging zu dem Blinden hinüber.
„Es ist Zeit!“ Die Stimme des Alten klang rau wie immer.
„Ja, ich weiß.“ Niemand wusste das besser als er.
„Hast du die Ziege?“
„Ja.“ Es fiel Henrik schwer zu sprechen. Der Alte war ihm immer noch unheimlich.
Wortlos drückte dieser ihm einen roten lehmigen Klumpen in die Hand. Henrik wusste bis heute nicht, um was es sich dabei eigentlich genau handelte. Aber es war ihm auch egal.
Hastig nahm er ihn entgegen und formte daraus mit seinen Händen eine kleine Kugel. Je schneller es vorüber war umso besser. Er kniete sich hin und bearbeitete die Kugel, bis sie langsam aber sicher die Gestalt eines Herzen annahm, eines feuerroten, pulsierenden Herzens.
Er warf einen kurzen Blick auf die Ziege. Sie graste noch immer friedlich auf der Wiese, nichts Böses ahnend. Sie hatte ihm immer maßlos vertraut. Irgendwie war es nicht richtig, was er tat.
Doch noch während er das Herz formte, hielt sie plötzlich inne, schien nicht einmal mehr zu atmen. Ihre Glieder wurden steif und ihr Blick leer.
Henrik biss sich auf die Lippen. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er konnte das nicht, das war einfach nicht richtig. Zu viele Leben hatte er schon sinnlos geopfert.
„NEIN!“ Er stand auf. „Ich mach das nicht!“
Er sah den Alten an, doch dessen Gesicht blieb unbewegt. Seine blinden Augen schienen ihn zu durchbohren.
„Ich mach das nicht mehr“, sagte er, doch seine Stimme klang nun nicht mehr ganz so sicher.
„Entweder du oder die Ziege“, entgegnete der Alte kalt. „Das war der einzige Deal, den der Teufel akzeptiert hat, nachdem du die Unverschämtheit hattest in sein Reich einzudringen. Ein Tier, jeden Monat bei Vollmond.“
Henrik lief ein Schauer über den Rücken, als er an jenen Tag dachte, an dem er dem Teufel persönlich gegenüber gestanden hatte. Ja, es war ein Fehler gewesen, in der Hölle einzudringen, um seine tote Frau zurückzufordern, die es so hinterhältig aus dem Leben gerissen hatte. Viel zu früh!
Der Alte nahm ihm das pulsierende Herz aus der Hand. Langsam führte er es zum Mund. Sein Atem strich darüber wie fauliger Dunst, der Hauch des Bösen.
Als er es Henrik zurückgab, fühlte es sich kalt an, kalt wie der Tod.
„Nun pflanz es der Ziege ein!“
Henrik starrte auf das pulsierende Ding in seiner Hand. Sein Kopf drehte sich. Er hatte es doch sonst auch immer geschafft! Hatte sich jedes Mal überwunden. Unzählige Male. Warum jetzt nicht?
„Was ist los?“, fragte der Alte, „Nun mach schon, ich hab nicht die ganze Nacht Zeit!“ Henrik hörte die Ungeduld in seiner Stimme.
„Nein …“, flüsterte er, „Nein!“
Und damit schlossen sich seine zitternden Finger fester um das Herz.
„Was soll das heißen?“ Der Alte wurde zornig. „Soll ich lieber dich mitnehmen? Willst du dein Leben für das einer dummen Ziege opfern?“
„Nicht für eine Ziege“, brüllte Henrik, hob die Hand und schleuderte das Herz mit aller Kraft auf den Boden.
Es schien als würde alles in Zeitlupe passieren. Der Alte öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei, während das Herz wie durch zähen Sirup langsam zu Boden fiel.
Dort zerschmetterte es mit solcher Wucht, dass die kleinen Splitter über die gesamte Wiese flogen. Rote Splitter wie Blutstropfen. Kleine Blitze schlugen aus dem Herzen und für einen Moment schien die Nacht selbst Feuer gefangen zu haben.
Dann legte sich die Dunkelheit wieder wie ein Tuch über das Geschehen. Als Henriks Augen sich allmählich wieder an das schwache Licht des Mondes gewöhnt hatten, war der Alte verschwunden. Nicht eine Spur blieb von ihm zurück, als hätte es ihn nie gegeben.
Nur die Ziege war noch da. Sie stand im Mondlicht und rührte sich nicht.
Henrik brauchte ein paar Momente, um sein rasendes Herz zu beruhigen. Er hatte es geschafft. Er hatte es tatsächlich geschafft! Der Höllenbote war fort und die Ziege war noch da. Er hatte verhindert, dass das Böse Besitz von ihr ergriff.
Erleichtert schlenderte er zum Brunnen hinter den Büschen. Er brauchte jetzt eine Erfrischung.
Es ist vorbei!, war das einzige was er denken konnte, Es ist endlich vorbei.
Aber war es das wirklich?
Nachdenklich betrachtete er die Wasseroberfläche des Brunnens. Das Spiegelbild eines roten Herzens pulsierte darauf und erzeugte kleine Wellen.
Eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf. Langsam drehte er sich zu der Ziege um.
Alles Gutmütige war aus ihren Zügen gewichen und kleine rote Augen funkelten ihn an, rot wie das Feuer der Hölle, dem er sie ausgeliefert hatte, rot wie das Böse …
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Kommentare
nels schrieb am 2010-12-21 15:48:52:
echt gute geschichte gut geschrieben und so....
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