Das Cologne Business Center
von
Michael Speier
Ich arbeitete nun seit gut zwei Wochen im angesehenen Cologne Business Center, einem Fünfstöckigen Bürokomplex mitten in der wunderschönen Domstadt. Ich war eigentlich froh das ich endlich eine Arbeitsstelle gefunden hatte, nach fast drei Arbeitslosen Jahren. Ich hätte wirklich alles gemacht. Und dieser Job war mehr als Gut. Ich arbeitete als Wachmann in diesem Gebäude, und aufgrund der Hochbrisanten Technik die in diesem Gebäude entwickelt wurde war die Sicherheitsstufe recht hoch. Niemand kam in das Gebäude ohne vorher durch diverse Kontrollsysteme hindurch zu müssen. Eines dieser Kontrollsysteme war natürlich die Leitwarte die ständig mit zwei Wachmännern besetzt war, Fünf Männer insgesamt, einer davon war ich. Bereits am ersten Tag überschwemmte mich eine Flut von Informationen, die ich nicht wirklich in der Lage war zu verarbeiten. Dreitausend Menschen arbeiteten hier, dreitausend Ausweise die zu kontrollieren waren, dreitausend Gesichter die man zu kennen hatte, und einige Hunderte Besucherscheine zusätzlich die ausgefüllt werden mussten. Für alles gab es Regeln. Anders war es wohl auch kaum möglich ein solches Bürogebäude zu bewachen. In jedem Gang gab es Bewegungsmelder die mit Kameras gekoppelt waren deren Bilder auf Fünf Monitore geschaltet waren die im 3-Sekunden-Takt wechselten. Wenn irgendwo eine Türe geöffnet wurde ging sofort ein Blinklicht auf dem Überwachungscomputer in der Leitwarte an. Ein ständiges Piepsen, surren und rattern durchlärmte die Schalldichte Kabine in der wir saßen. Ein stählernes Nervenkostüm und unzählige Zigaretten waren nötig um die Ruhe zu bewahren. Ich bin Nichtraucher. Meine Kollegen nicht.
Es war am Freitag der Dritten Woche. Ich hatte mir gerade einen Tee gekocht als das Telefon klingelte (sicher zum Tausendsten Mal an diesem Tag). Es war mein Einsatzleiter, und er verkündete mir die frohe Nachricht das er mit meinen Kollegen gesprochen hatte und man der Ansicht war ich wäre nun ausreichend eingewiesen um auch die Nachtschicht übernehmen zu können. Nachtschicht hatte ich immer gehasst, aber was sollte ich machen? Der Job wurde einigermaßen gut bezahlt, und nach drei Jahren Arbeitslosigkeit und dem ewigen Jeden-Cent-herumdrehen wollte ich nichts riskieren diesen Job zu verlieren. Endlich stand ich wieder auf eigenen Beinen. Endlich war ich nicht mehr auf das Wohlwollen des Staates angewiesen. Und endlich konnte ich mich von diesem Abschaum distanzieren der Tagtäglich die Sessel irgendwelcher Talkshows belagert und mit geistigem Dünnschiss die Arbeitende Menge verärgerte. Mit diesem Gesindel wollte ich nicht verglichen werden. Hunderte von unbeantworteten Bewerbungen (es ist ein Gerücht das die Betriebe Absagen verschicken, die Meisten haben es nicht nötig soviel Porto zu verschwenden) war ich dankbar für jeden Strohhalm den man mir zuwarf. Und dieser Strohhalm verlangte Nachtarbeit. Der Einsatzleiter gab mir noch den Guten Rat mit meinen Kollegen zu sprechen bevor ich die erste Nachtschicht leistete. Sie sollten mich über "gewisse Sonderheiten" informieren. Das fiese Grinsen in seiner Stimme konnte ich deutlich durch den Telefonhörer hören.
Die "gewissen Sonderheiten" waren an den Haaren herbeigezauberter Unsinn. Ganz offenbar sollte es nachts in diesem Gebäude spuken. Ja, natürlich, dachte ich mir. Es spukt hier in diesem Gebäude, wo auch sonst? Mitten in Köln, mitten in dem wahrscheinlich sichersten Gebäude Deutschlands, hier sollte es spuken. Wenn nicht hier, wo sonst? Die Zeiten in denen Geister alte verlassene Villen auf dem Land oder gar im Sumpf heimsuchten sind ja wohl lange vorbei. Es lebe die Industrialisierung. Man wollte mir Angst machen. Man wollte mich rauskicken. Ich war nur noch nicht sicher warum. Aber es stand fest das man mir etwas wollte, und zwar nichts gutes. Vielleicht wollte man auch nur sehen wie ich reagierte. Ich reagierte überhaupt nicht. Ich trat meinen Nachtdienst am Montagabend um 19 Uhr an. Wider Erwarten passierte überhaupt nichts.
Und auch in den nächsten Nachtschichten passierte nichts. Die Gerüchte und Erzählungen meiner Kollegen wurden immer verrückter und ausgefallener. Einer wollte sogar eine "weiße Frau" gesehen haben, die hier Nachts durch die unendlich langen Gänge schwebte. Man erzählte sich auch das in diesem Gebäude vor Jahren zwei Menschen gestorben seien, ein Mann, an seinem Schreibtisch. Herzinfarkt während er Überstunden machte. Und ein halbes Jahr später eine Frau, die Beschreibung der Dame passte auffallend zu der Beschreibung der weißen Frau die hier Nachts umherwandelte. Am Anfang belächelte ich diese Geschichten noch, aber mittlerweile nervten sie nur noch. Ich wünschte mir fast irgendetwas zu sehen, nur um mitreden zu können. Ausgekochter Blödsinn.
Wieder einmal Nachtschicht, ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt. Man verdiente zwar nur unwesendlich mehr in der Nacht, aber dafür war es ruhig. Keine Kunden, keine Angestellten, keine Besucherausweise, nicht einmal Anrufe. Es war recht angenehm. Einmal in der Nacht, meistens zwischen zwölf und halb zwei, musste man einmal durch das gesamte Gebäude gehen und nachsehen ob auch alles in Ordnung war. Es gab Stechpunkte die man anlaufen musste, so konnte nachvollzogen werden das auch wirklich ein Wachmann den Rundgang gemacht hatte. Ein Rundgang pro Nacht, das reichte aus. Den Rest übernahmen die Kameras und Bewegungsmelder. Ich übernahm diese Aufgabe gerne. Immerhin konnte man so schon mal anderthalb von den zwölf Stunden herumbringen, nebenbei hatte man ein wenig Bewegung und es fiel einem leichter die Augen offen zu halten. Ich ging gerade in der dritten Etage Streife als es passierte. Es war genau achtzehn Minuten nach Mitternacht. Ich bewegte mich langsamer als nötig durch eines der Großraumbüros auf das Fenster zu unter der die Stechstelle befestigt war. Plötzlich erfasste mich ein eiskalter Windstoß, fast so als wäre ein Fenster offen, aber dem war nicht so. Außerdem war es Hochsommer, eine kalte Böe wäre das letzte was man erwartete wenn man ein Fenster öffnete. Rrrrrring! Auf einmal klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch der mir am nächsten stand. Rrrrrring! Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Ich hatte mich erschreckt. Wer hätte das nicht. Das Gebäude war leer, es war absolut still, und der letzte Mensch (mit Ausnahme von meinem Kollegen in der Leitwarte und mir) hatte das Gebäude vor über vier Stunden verlassen. Sollte ich abnehmen? Ich wollte gerade nach dem Hörer greifen, wartete auf ein weiteres Klingeln, aber es kam keines mehr. Ich nahm mein Funkgerät aus der Brusttasche und schrie meinen Kollegen an er solle den Scheiß lassen, wenn er nicht wirklich eine Herzinfarkt-Leiche in diesem Gebäude wollte. Es dauerte etwas bis er sich meldete. Er blaffte mich an und fragte was ich für ein Problem hätte. Ich war sauer, er hatte mich erschreckt, da fiel mir plötzlich auf das es praktisch unmöglich für ihn gewesen war mir diesen Streich zu spielen, denn woher sollte er wissen an welchem Schreibtisch ich mich gerade befunden hatte als das Telefon läutete?
Das Herz rutschte mir so ganz allmählich in die Hose. Ich beeilte mich, ging rasch durch die Gänge, blickte weder nach links noch nach rechts, lief meine Stechstellen ab und rannte das Treppenhaus herab zurück in die Leitwarte. Ganz sicher war ich nicht. Ich ging an das Telefon und drückte die Wahlwiederholungstaste. Es erschien die Nummer meines Bruders, den ich kurz zuvor noch angerufen hatte. Die Uhrzeit stand auch noch in Display. Nummern löschen konnte man an diesem Gerät nicht, alles musste genauestens festgehalten werden. Ebenso konnte man in diesem Gebäude, und ganz speziell hier in der Leitwarte kein Handy bedienen. Somit schied mein Kollege gänzlich aus. Er konnte mir diesen Streich nicht gespielt haben. Aber wer dann?
Den restlichen Abend verbrachte ich damit durch die Panzerglasscheibe in den Foyerraum zu starren. Dies war alles was wir aus der Leitwarte heraus sehen konnten. Mein Kollege saß neben mir und grinste mich die ganze Zeit an. Ich versuchte ihn zu ignorieren, aber es fiel mir schwer. Es war völlig still in diesem Raum. Lediglich das leise Summen der Überwachungsmonitore war zu hören. PATSCH! Das Geräusch hatte uns beide völlig aufgeschreckt. Mein Kollege war bleich wie eine Wand und zitterte. Ruckartig drehten wir uns um und sahen staunend auf meinen Rucksack der mitten im Raum auf dem Boden lag. Mein Kollege starrte mich an. Es dauerte einige Sekunden bis er Worte fand.
"Wird wohl vom Tisch gerutscht sein", meinte er. Ich schüttelte nur den Kopf. Ich hatte den Rucksack nicht auf die Kante des Tisches gelegt, sondern ziemlich in die Mitte. Er konnte unmöglich von alleine heruntergefallen sein.
Plötzlich passierte es. Das Drehkreuz gleich vor unserem Fenster begann sich zu drehen. Ganz langsam. Und das war ein Ding der Unmöglichkeit. Immerhin waren alle Türen zu, in dem Vorraum konnte unmöglich ein Luftzug wehen, und selbst wenn, nicht einmal eine Sturmböe wäre in der Lage gewesen das Drehkreuz zu drehen, denn es war elektrisch versperrt. Nicht einmal mit Gewalt hätte man das verdammte Ding drehen können. Und dieses Ding drehte sich von ganz alleine. Mein Kollege und ich starrten uns an, niemand konnte es so recht glauben. Plötzlich stupste mein Kollege mich mit offenem Mund an und deutete auf den Monitor mit den Bewegungsmeldern. Ganz hinten, am Ende des Ganges kam ein Signal von dem Melder, und dieses Signal setzte sich den Gang entlang fort, ganz so als würde jemand durch den Gang huschen. Panisch fummelte mein Kollege an den Knöpfen der Monitore herum um ein Signal von der Kamera zu bekommen die den Gang überwachte von der das Signal kam. Wir stellten den Monitor auf den Gang im vierten Brandabschnitt. Wenn die Person oder was auch immer ihren Gang so fortsetzte wie bisher, dann müsste sie in den nächsten Sekunden genau dort ankommen. Wir hielten beide den Atem an. Mein Kollege hatte schon den Zeigefinger auf dem Alarmknopf für die Polizei, wollte aber noch nicht drücken da er noch nicht genau wusste was er sagen sollte. Im Moment deutete alles auf eine elektrische Störung hin, wenn man die Sache einmal ganz nüchtern betrachtete.
Die wenigen Sekunden bis ein Signal auf der Kamera erschien kamen uns wie Stunden vor. Jetzt ging der Öffnungskontakt der Brandschutztür los, auf dem Monitor beobachteten wir mit angehaltenem Atem wie die Türe sich langsam öffnete. Und mit einem Mal wurde der Ganze Monitor weiß, so als hätte man einen Hochleistungsstrahler darauf gerichtet. Ein blendend weißes Licht, so hell das es die gesamte Leitwarte erhellte, und dann wurde es dunkel. Wir waren geblendet, und als unsere Augen den Schrecken verdaut hatten war wieder alles so wie vorher. Nur das auf einmal eine kleine Kontrolllampe auf unserem Schaltpult anfing zu leuchten. Ich schaute meinen Kollegen fragend an, aber der zuckte auch nur mit den Achseln. Weder er noch ich wussten wofür diese Lampe gut war. Es war nicht der Knopf für die Polizei, und es war auch keine Taste für irgendwelche Schranken, denn die waren alle beschriftet, und ich kannte sie mittlerweile auch ganz gut. Den Knopf für die Polizei hatte mein Kollege natürlich längst gedrückt. Das Klingeln des Telefons riss uns wieder hoch. Ich nahm ab und meldete mich. Es war die Polizei. Sie wollte wissen warum wir Alarm gegeben hätten. Eine Sinnlosere Aktion konnte ich mir damals nicht vorstellen. Ich stellte mir vor wie wir heimlich dem Alarmknopf drücken weil man uns mit Waffen bedroht, und dann ruft die Polizei an und fragt was los sei. Heute weiß ich das die Polizei sich so nur rückversichert das nicht aus Versehen jemand an den Knopf gekommen ist. Wenn der Angerufene nicht dran geht oder ein vereinbartes Zeichen gibt weiß die Polizei bescheid was los ist und wie sie vorzugehen hat. Ich stammelte das ganz offenbar Eindringlinge im Cologne Business Center wären und sie antworteten das sofort ein Streifenwagen vorbeikäme.
Als nächstes bewegte sich der Fahrstuhl, ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Er hatte keinen Strom, und ein Kurzschluss wäre uns angezeigt worden, es sei denn das auch unsere Kontrollsysteme ausgefallen wären, aber Verschiedenes wies darauf hin das sie funktionierten. Mein Kollege und ich hielten uns gegenseitig die Hand. Eine Geste die lächerlich und absolut merkwürdig anmuten würde, doch wenn ich an die Minuten zurückdenke schäme ich mich nicht dafür. Der Aufzug kam unten an. Er öffnete sich, war aber absolut leer. Ich wusste auch nicht was ich erwartet hatte, aber leer war es absolut nicht. Dann fiel mein Blick wieder auf den Bewegungsmelder. Irgendwie hatten wir den total vergessen. Die Bewegung hatte sich jetzt bis in den Gang vor dem Foyer fortgesetzt. Die Öffnungskontakte der Tür zum Foyer wurden unterbrochen, die Türe wurde geöffnet. Jetzt konnten wir endlich mit eigenen Augen sehen was dort durch die Gänge gezogen war.
Es war eine weiße Gestallt mit langen, weißen Haaren. Sie hatte die ungefähre Form einer Frau, das Alter war nicht zu erkennen. Sie hatte die Arme angewinkelt und die Hände nach vorne gerichtet. Sie ging nicht, eher schwebte sie über dem Boden, und sie schwebte auf den Aufzug zu. Sie sah uns nicht an, aber wir konnten unseren Blick nicht von ihr abwenden. Sie machte uns keine Angst, aber irgendwie war es merkwürdig. Es wurde plötzlich wieder kalt, genauso wie oben im Großraumbüro, kurz bevor das Telefon klingelte. Die weiße Gestallt schwebte in den Fahrstuhl, die Türen schlossen sich und der Aufzug bewegte sich, ebenfalls komplett ohne Strom und ohne das unsere Kontrollsysteme es bemerkten, bis hoch in den vierten Stock. Dann wurde es wieder dunkel. Die Beleuchtung der Anzeigentafel ging aus, die Monitore schalteten wieder ruhig hin und her, und auch die Bewegungsmelder blinkten nicht mehr. Das nächste was uns aus unserer Starre riss war das Blaulicht der Streifenwagen.
Viele Leser halten mich jetzt sicherlich für verrückt, oder vielleicht vermuten sie ich hätte getrunken oder geträumt. Aber ich versichere das es absolut so war. Natürlich gibt es kein Cologne Business Center, aber den tatsächlichen Namen des Objektes zu nennen wäre aufgrund der Hinweise der Überwachungstechnik zu riskant. Ferner habe ich als Wachmann die Vertragliche Verpflichtung über solche Dinge Stillschweigen zu bewahren. Aber ich denke es ist vertretbar wenn ich meine Erlebnisse jenes Abends zu Papier bringe. Als man später die Aufzeichnungen der Überwachungskameras auswertete war nichts darauf zu sehen, nur ein helles Licht, das von der Polizei als elektrische Störung abgetan wurde. Ebenso glaubte uns niemand das der Aufzug oder die Drehkreuze sich bewegt hatten, immerhin gab es keine Aufzeichnungen darüber. Von der weißen Gestallt wollte die Polizei nichts hören, und sie meinten das sie dies zu unserem Besten auch nicht in ihrem Bericht erwähnen würden. Auch das Aufleuchten der Lampe auf dem Kontrollpult glaubte uns niemand. Der Grund warum mein Kollege und ich ihre Funktion nicht kannten war denkbar einfach. Sie hatte keine Funktion. Das merkwürdigste daran war allerdings das sie auch keine Glühbirne hatte.
- E N D E -
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