Das Ding am Fenster
von
Matthias Tφpfer
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Das Ding am Fenster
Freitag. Schulschluss.
Patrick schlenderte so vor sich hin. Er hatte eigentlich keine Lust, nach Hause zu gehen. Er wusste, dass seine Mutter heute wieder spät heim kommen würde. Und am nächsten Tag würde er um fünf Uhr aufstehen müssen, um sie endlich einmal wieder zu Gesicht zu bekommen. Zum Kotzen.
Er liebte seine Mutter, aber so langsam war er sich dessen nicht mehr sicher. Klar musste sie dauernd arbeiten. Seit der Scheidung seiner Eltern brachte sie all ihre Kraft auf, um das Haus für ihn und Silvia zu halten. Wie oft hatten sie darüber schon gesprochen. Er wusste ja, dass sie für ihn und seine kleine Schwester jede Menge Opfer bringen musste. Sie alle brachten Opfer. Er war der ältere, der Vernünftige. Er musste immer zurückstecken, mithelfen, aufpassen. Jeden Samstag dieses blöde Zeitungen austragen, um sich sein Taschengeld selber zu verdienen. Und Silvia? Nun, diese kleine Nervensäge war viel zu häufig sich selbst überlassen. Wer wusste schon, was sie den ganzen Tag trieb. Jedenfalls half sie Patrick im Haushalt.
Es hatte nichts genutzt. Obwohl Patrick gebummelt hatte, stand er viel zu schnell vor der Haustür. Er kramte absichtlich langsam in seinen Hosentaschen. Gerade, als seine Finger das Metall des Schlüssels ertasteten, wurde die Haustür aufgerissen. Patrick zuckte zusammen, trat einen Schritt zurück und wäre fast die drei Stufen vor der Tür hinuntergefallen.
Verdammt, Silvia! Willst du, dass ich ´nen Herzinfarkt bekomme?
Wütend starrte er seiner Schwester ins Gesicht. Sofort jedoch schlug sein Ärger in Sorge um.
Ist alles in Ordnung? fragte er. Silvias Augen waren rot, als hätte sie gerade geweint. Auf ihren blassen Wangen waren dunkle Streifen. Einen Moment lang überlegte Patrick, ob sie sich wohl an Mutters Schminke vergriffen hatte. Dann bemerkte er ihre dreckigen Hände und wusste, dass sie sich damit über das Gesicht gewischt hatte.
Ohne eine Antwort von seiner Schwester abzuwarten, schob er sie in den Flur und betrat das Haus. Sofort fiel ihm der Geruch auf. Es roch faulig, wie verdorbener Blumenkohl. Patrick sah seine Schwester lange an. Dann fasste er sie an den Schultern. Nicht grob, sondern sehr behutsam.
Silvia. Was ist passiert?
Für ein paar Sekunden schien es, als würde sie die Fassung verlieren. Sie schien mit sich zu kämpfen, ob sie ihrem Bruder etwas anvertraute oder lieber nicht. Ihre Augen glitzerten, als würde sie noch einmal weinen. Sie holte tief Luft, straffte sich und schüttelte dann den Kopf.
Alles in Ordnung, Ricky. Ich war im Keller, weil ich was gesucht habe. Da habe ich ein Geräusch gehört und mich erschreckt. Das ist alles.
Log sie? Er war sich nicht sicher. Bestimmt verschwieg sie ihm etwas. Aber er kannte diesen sturen Gesichtsausdruck. Egal, was er fragen würde. Sie würde von ihrer Geschichte nicht mehr abweichen.
Also gut , sagte er müde und legte seine Schultasche in die Ecke. Was hast du denn im Keller gesucht? Während er fragte, zog er seine Jacke aus und hängte sie ordentlich an die Garderobe. Silvia lief an ihm vorbei in die Küche.
Ich wollte schon mal Kartoffeln für das Essen holen! rief sie.
Patrick ging in die Gästetoilette, ließ die Tür auf und wusch sich die Hände.
Wieso denn Kartoffeln? Ich wollte heute doch Ravioli machen. Er grinste still vor sich hin. Vielleicht konnte er sie in Wiedersprüche verstricken, sodass er doch noch erfuhr, was passiert war.
Ach, hatte ich vergessen , rief sie zurück. Du weißt doch, wie gern ich deinen Kartoffelbrei esse.
Fast hätte Patrick laut losgelacht. Sie war nicht nur geschickt im lügen, sie kannte auch seine Schwächen. Für eine zwölfjährige nicht schlecht. Er folgte seiner Schwester in die Küche. Sie hatte bereits das Frühstücksgeschirr gespült. Patrick zeigte darauf:
Du hast schon abgewaschen? Wie lange bist du denn schon zu Hause? Silvia verdrehte die Augen: Man, du Heini. Ich hatte heute doch schon nach der vierten Schluss. Und auch wenn nicht, hätte ich es geschafft. So wie du nach der Schule immer trödelst. Jetzt lachte Patrick tatsächlich laut. Er packte seine Schwester, nahm sie in die Arme und drückte sie.
Danke schön, sagte er und drückte ihr einen Kuss auf die dreckige Wange. Verlegen blickte sie auf den Boden.
Nee, dafür nicht.
Sie konnte zwar eine Nervensäge sein, aber manchmal war sie für ein kleines Mädchen echt in Ordnung. Patrick knuffte ihren Arm.
Komm, wir machen was zu futtern. Ich habe Hunger.
Mutter war erst um zehn Uhr nach Hause gekommen. Sie hatten sich eine halbe Stunde lang unterhalten. Dann war sie so müde gewesen, dass sie wieder auf der Couch eingeschlafen war. Vorsichtig hatte er sie zugedeckt, bevor er nach oben gegangen war, um sich die Zähne zu putzen. Vorher hatte er noch bei Silvia ins Zimmer geschaut. Sie hatte schon tief und fest geschlafen. Nun lag Patrick auch im Bett. Es regnete, und die Tropfen prasselten gegen sein Fenster. Vor seinem Zimmer stand eine Straßenlaterne, die genau zu ihm hineinschien. Ihr Licht warf seltsame Schatten durch das regennasse Fenster. Auf seinem Nachtschrank tickte der altmodische Wecker, den er von seinem Opa geschenkt bekommen hatte. Das war letztes Jahr gewesen, zu Patricks fünfzehnten Geburtstag. Drei Wochen später war sein Opa dann gestorben.
Patrick war fast eingeschlafen, als er hörte, wie seine Zimmertür leise geöffnet wurde. Träge drehte er sich um. Es war Silvia. Verlegen stand sie in ihrem rosa Nachthemd in der Tür.
Bist du noch wach? flüsterte sie.
Nein, du blöde Ziege. Ich schlafe schon.
Sie ließ sich von seinem rauen Ton nicht einschüchtern und kam auf Zehenspitzen an sein Bett.
Darf ich bei dir schlafen?
Patrick seufzte, schlug dann aber doch die Bettdecke zurück. Schnell sprang seine Schwester zu ihm ins Bett und drückte sich an ihn. Sie zitterte. Ihre Füße waren eiskalt.
Hat dich was erschreckt? fragte Patrick. Eigentlich wollte er es gar nicht wissen. Er wollte schlafen.
Silvia antwortete, aber sie sprach so leise, dass er sie nicht verstehen konnte.
Was hast du gesagt?
Ich sagte, da war was an meinem Fenster.
War es ein Tier?
Nein, es war dieses Ding.
Patrick war schon fast eingeschlafen. Er brummte etwas und zog an der Decke. Silvia hatte sie fast ganz für sich alleine. Langsam hörte sie auf zu zittern. Sie gähnte.
Das Ding, das vorhin auch im Keller war.
Patrick hörte nicht mehr auf das, was sie sagte. Wenige Sekunden später waren sie beide eingeschlafen.
Fünf Uhr. Nach wenigen Stunden tiefen Schlafes und schlechter Träume erwachte Patrick durch das konstante Brummen des alten Weckers. Noch völlig schlaftrunken rieb er sich die Augen. Silvia lag noch immer in seinem Bett. Ihre Atemzüge waren kurz und pfeifend, aber regelmäßig. Sie schlief noch. Träge zog Patrick seinen Schlafanzug gerade und ging ins Bad, um zu urinieren. Auf dem Flur roch es nach frischem Kaffee. Also war seine Mutter bereits aufgestanden. Nachdem er sich schnell Gesicht und
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