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Kategorien > Grusel > Kurzgeschichte

Das Ding am Fenster

von Matthias Töpfer

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zu bleiben. So leise wie möglich stand er auf. Schritte konnte er nun keine mehr hören. Es war totenstill im Haus. Es rappelte laut, diesmal aus der Küche. Patrick hätte fast geschrieen. Es war nur der Kühlschrank. Vorsichtig schlich er zur Tür in den Flur. Wenn er jetzt vorhatte, ins Bett zu gehen, musste er das Licht überall ausschalten. Dann wäre er der Dunkelheit schutzlos ausgeliefert. Patrick fing an zu schwitzen. Was sollte er denn jetzt bloß tun? Mühsam versuchte er, sich selbst Mut zuzusprechen.
Zuerst knipste er das Flurlicht an. Dann griff er vom Flur aus ins Wohnzimmer und tastete sich mit der Hand bis zum Lichtschalter vor. Bevor ihm einfiel, dass ihn jetzt etwas packen konnte, hatte er den Schalter für das Wohnzimmerlicht schon gefunden. Knips. Schnell zog er die Hand zurück und schloss die Wohnzimmertür. Eine Hürde hatte er genommen.
Auf Zehenspitzen schlich er den Flur entlang, um zur Treppe zu kommen. Die Küchentür war noch offen. Hatte er die nicht bereits zu gemacht? Er streckte den arm aus, um die Klinke zu greifen.
Das stand das Ding, ganz unverhohlen neben dem Herd. Seine weiße Haut schimmerte im Licht. Seine schwarzen Augen so wässrig und gemein. Es hatte den Arm ausgestreckt, zeigte auf ihn. Es grinste. Es…
…war nur der Kühlschrank. In der Küche war nichts. Er hatte sich geirrt. Was er für Augen gehalten hatte, waren zwei Magneten, mit denen seine Mutter Kochrezepte am Metall des Kühlschrankes befestigte.
Normalerweise hätte Patrick nun über seinen Irrtum gegrinst. Er konnte es nicht. Der Schreck saß zu tief. Das Ding war zu real. So konnte er nicht weiterleben. Ständig in Angst, ewig aus dem Fenster starrend.
Er schloss auch die Küchentür. Schnell ging er zur Treppe. Und erstarrte abermals. Die Kellertür war offen. Das bildete er sich nicht ein. Er keuchte, hielt sich krampfhaft am Geländer fest. Es war da unten. Er konnte es hören, wie es im Keller auf und ab lief. Wahrscheinlich lauerte es nur auf ihn. Wenn er jetzt die Treppe hinunterging, um die Tür zuzumachen, war er geliefert. Von Panik überrannt, sprintete Patrick die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Er pfiff auf die blöde Tür da unten. In seinem Zimmer würde er sicher sein. Oben angekommen, schaltete er das Flurlicht aus, öffnete seine Zimmertür und ging hinein. Sicher würde Silvia schon in seinem Bett liegen. Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und drehte den Schlüssel herum. Er konnte Silvias gleichmäßige Atemzüge hören. Er war in Sicherheit. Schnell kletterte er in sein Bett. Die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, lag er die ganze Nacht da und lauschte nach unten. Bei jedem Geräusch zuckte er zusammen. Erst gegen Morgen übermannte ihn die Müdigkeit und er schlief doch noch ein.

Am nächsten Tag nahm Patrick sich ein großes Messer aus der Küche. Er steckte es in den Rucksack, der ihm als Schultasche diente. Von jetzt an, so nahm er sich vor, würde er nur noch bewaffnet herumlaufen.
Es war purer Zufall, dass ausgerechnet an diesem Tag in der Schule die Taschen aller Schüler kontrolliert wurden. Ein Mädchen aus seiner Klasse vermisste ihr Portemonaye. Darauf hin musste jeder seine Tasche öffnen und ausräumen. Der Klassenlehrer ging dann von Tisch zu Tisch und inspizierte die Taschen. Als der Lehrer Patricks Rucksack untersuchte, fand er das Messer. Patrick musste zum Direktor der Schule. Er schwitze Blut und Wasser, als der Direktor, der Klassenlehrer und der Vertrauenslehrer ihn ins Gebet nahmen. Er tischte ihnen eine dumme Geschichte auf, um sich rauszureden. Am Ende glaubten sie ihm sogar. Sie sagten ihm, dass sie seine Mutter nicht informieren würden, da er immer ein hervorragender Schüler gewesen war und sich immer vorbildlich verhalten hatte. Patrick hätte fast gelacht. Ihm fiel ein, dass er somit seine Mutter nicht belogen hatte. Nun hatte er Ärger in der Schule. Sein Messer jedenfalls nahmen sie unter Verschluss. „ Konfisziert“ nannten sie das.

Patrick weinte auf dem gesamten Weg nach Hause. Er war völlig ratlos. Ihm wollte einfach keine Lösung einfallen. Er war müde, hatte abgenommen. Dunkle Ringe hatten sich wie ein böser Schatten unter seine Augen gelegt. Ihm graute davor, auch nur noch eine einzige Nacht in dem Haus zu verbringen. Als er vor der Haustür stand und nach dem Schlüssel kramte, beschloss er, sich seiner Mutter anzuvertrauen. Er würde ihr alles erzählen. Angefangen bei Silvia, die abends anfing, in sein Bett zu kriechen, bis hin zu dem Messer heute in der Schule. Er wusste einfach nicht mehr weiter.
Er betrat den Flur, den er mittlerweile nur noch mit Argwohn betrachten konnte und warf seinen Rucksack achtlos in die Ecke. Seine Schuhe und seine Jacke schmiss er auf die Treppe. Dann ging er in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Er hörte Silvia verhalten lachen. Dann war sie also zu Hause. Gut. So brauchte er wenigstens keine Angst zu haben. Wenn sie lachte, hatte sie wahrscheinlich Miriam mitgebracht. Er würde mit den beiden vielleicht ein wenig spielen. Das war immerhin eine Ablenkung. Er löffelte Kaffeemehl in den Filter und schaltete die Kaffeemaschine an. Silvia kicherte. Etwas fiel hin und schepperte.
„ Silvia?“
Es kam keine Antwort. Wo steckte sie bloß? Patrick verließ die Küche. Noch einmal rief er seine Schwester.
„ Hier!“
Nur dieses Wort. Es kam von unten. Die Kellertür stand offen. Spielte sie etwa dort?
„ Bist du im Keller?“
Sie lachte. Es klang, als wollte sie ihn necken. Trieb sie ein Spiel mit ihm? Er fand es jedenfalls nicht lustig.
„ Silvia, hör auf mit dem Scheiß. Komm rauf!“
„ Komm runter.“
Zögernd betrat Patrick die Treppe. Ganz langsam ließ er seine Füße ihn nach unten führen. Was machte sie überhaupt im Keller?
Patrick wurde so langsam wütend auf seine kleine Schwester. Sie wusste doch, dass das Ding da unten lauerte. Sie konnte doch nicht einfach so da runter gehen und spielen. So kannte er Silvia gar nicht. Die Treppe kam ihm unglaublich lang vor. Als er an ihrem Fuß ankam, war er außer Atem. Silvia saß im Keller auf dem kalten Betonboden. Das Licht brannte nicht. Auf dem Hosenboden rutschte sie auf ihn zu.
„ Was machst du denn da?“ fragte er.
Mit zitternden Fingern tastete er nach dem Lichtschalter. Er berührte die Wand, fühlte den rauen Putz. Er fand den Schalter. Schleim klebte darauf. Patrick wurde klar, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Seine Knie wurden weich. Er zitterte nun am ganzen Körper. Seine Lippen waren taub. Er schaltete das Licht an. Das Ding saß vor ihm, starrte ihn an. Es grinste und streckte die Arme nach ihm aus. Als es seine Knöchel umklammerte, schluchzte Patrick laut auf. Zu spät, dachte er. Zu spät.
„ Hab dich“ sagte das Ding. Seine Stimme klang nach Moder, nach alten Baumstümpfen und nach tiefen, dunklen Brunnen.
„ Hab dich“
Dann lachte es.

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