Das Ende der Wirklichkeit 1
von
Beautiful Experience
PSYCHEDELICA IN SELBSTZEUGNISSEN BEKANNTER AUTOREN
VOR DEM TRADITIONELLEN HINTERGRUND DER PSYCHEDELICA
BEI INDIANISCHEN/SCHAMANISCHEN STAMMESKULTUREN
(Teil 1)
Vorbemerkung
Am 3. Februar 2002 habe ich in "The Endorphinmachine" etwas geschrieben, ohne lange nachzudenken:
"The Endorphinmachine - das ist unser Körper, eingebunden ins universelle Ganze, mit allen Möglichkeiten, die Gott uns gegeben hat; da bin ich inzwischen völlig sicher! Ich liebe euch alle!"
Es kam spontan und völlig überschwenglich, und wenn ich es auf das beziehe, was ich in "Das Ende der Wirklichkeit" über Drogen geschrieben habe, so bin ich inzwischen vollkommen sicher, dass die Seelenerfahrung ohne Zuhilfenahme von Drogen nicht nur der bei weitem sicherere, sondern auch der weitaus bessere Weg ist.
Die Droge reißt das Fenster mit einem Mal auf, doch alle anderen Wege, die auf Lebenserfahrung beruhen (Meditation, Schreiben oder was auch immer), bieten nicht nur die dauerhaftere, sondern auch die weitaus intensivere Lösung.
Als ich 1993 Dr. Croissant, der meine Diplomarbeit begleitete, um die Möglichkeit der Selbsterfahrung, des Eigenexperiments mit Meskalin bat, war ich enttäuscht über seine Ablehnung. Ich glaubte ihm nicht, als er sagte, dass ich nicht wisse, was ich mich aussetzen würde und dass er es nicht verantworten könne.
Jetzt, neun Jahre später, öffnen sich wie von selbst Türen auf allen Seiten, und ich sehe und fühle Dinge, die ich nie zuvor gefühlt habe - und da ist nichts, das nicht zu mir gehören würde. Die Droge wäre die billige Lösung gewesen.
"Der Mann, der auf dem Boden seines Tipis sitzt
Und über den magischen Sinn des Lebens nachdenkt
Erkennt, dass sich alle Wesen verwandt sind.
Die Einheit des Universums sehend
Flößt er seinem Dasein
Das wahre Wesen der Zivilisation ein.
Verlässt der Indianer diesen Zustand der Vollkommenheit
Geht seine Entwicklung einen Schritt zurück."
Häuptling Luther Standing Bear
"Ich bin mir bewusst, dass viele sagen werden, niemand kann
irgendwie mit Geistern und Engeln sprechen, solange er im Körper
lebt; und viele werden sagen, es sei alles Phantasie, andere, dass ich
diese Dinge erzähle, um Anerkennung zu finden, und wieder andere
werden weitere Einwände vorbringen.
Aber von all dem lasse ich mich nicht abschrecken, denn ich habe
gesehen, ich habe gehört, ich habe gefühlt."
Emanuel Swedenborg
"Sobald man über sich hinauswächst, erreicht man das Allgemeine -
und die Erhabenheit des Menschen.
Ich kenne keine einzige edle Haltung, die auf der Vernunft beruht."
Saint-Exupéry
"Nur eine Glocke und ein Vogel durchbrechen die Stille...
Es scheint, die beiden plaudern mit der sinkenden Sonne.
Goldenfarbenes Schweigen, Nachmittag aus Kristallen
geschaffen.
Eine wehende Reinheit wiegt die Bäume,
und jenseits all dessen
träumt ein durchsichtiger Fluss, er werde
Perlen zertrampelnd
sich losreißen
und in die Unendlichkeit fließen."
Juan Ramón Jiménez
Die Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit liegen zum einen auf der Darstellung des kulturell-traditionellen Hintergrundes der Psychedelica in ihrer Anwendung bei Stammeskulturen (dabei insbesondere der indianischen Stammeskultur) und zum anderen auf der Darstellung der offensichtlichen Faszination, die diese Stoffe auf ihre (bekannteren) Konsumenten ausübten/ausüben, und des Einflusses, den sie - soweit ersichtlich - auf die Lebensführung der betreffenden Personen hatten.
Neben diesen Schwerpunkten interessieren mich die Gefahren, die mit einer missbräuchlichen Nutzung der psychoaktiven Drogen verbunden sind, sowie die Bedeutung der Psychedelica für die Sozialarbeit und soziale Berufe im allgemeinen.
Mit dieser Arbeit möchte ich versuchen, einer bestimmten Art von Drogen unvoreingenommen gegenüberzutreten. Ziel dieser Arbeit soll demnach auch der Versuch der Vermittlung einer "neutralen", weniger von Vorurteilen geprägten Sichtweise von Drogen (anhand des Beispiels der psychedelischen Drogen) sein, einer Sichtweise, die diese Substanzen nicht ausschließlich in ihren Gefahren, sondern auch in ihren bedeutenden Möglichkeiten begreift.
Diese Arbeit widme ich meinen wunderbaren Eltern, ohne deren selbstlose Hilfe und Unterstützung weder dieses Studium noch diese Arbeit für mich möglich geworden wären.
1 BEGRIFFSKLÄRUNG ("Psychedelica")
"Halluzinogene", "Psychedelica", "Phantastika", "CED's" (consciousness-expanding drugs), "Psychotomimetica" und "Psycholytica" - das alles sind Begriffe, die von der Psychopharmakologie ins Feld geführt werden, um Drogen wie LSD, Meskalin, Psylocybin, Ololiuqui und die Cannabisprodukte Haschisch und Marihuana unter einen gemeinsamen Oberbegriff zu stellen.
Viele dieser Begriffe sind jedoch ideologisch belastet und induzieren dem unvoreingenommenen Betrachter eine bestimmte Sicht der Dinge.
"Halluzinogen" meint: eine Droge, die Halluzinationen, also Trugwahrnehmungen hervorruft. Fraglich ist dabei, ob es sich tatsächlich um Trugwahrnehmungen handelt; bewiesen wurde es nicht.
"Psychotomimetica" heißt: Drogen, die einen psychoseähnlichen Zustand erzeugen. Der Begriff der Psychose impliziert, dass die von der Droge hervorgerufenen psychischen Veränderungen pathologisch sind. Aus diesem Grund ist er abzulehnen.
"Psycholytica" meint: Pharmaka zur Erzeugung experimenteller Psychosen. Dieser Begriff ist ebenfalls aus obengenanntem Grund abzulehnen.
"Phantastika" impliziert, dass es sich bei den von den Drogen hervorgerufenen Zuständen um "phantastische", irreale Wahrnehmungen handelt. Der Begriff orientiert sich also ebenfalls am derzeit (noch) gültigen westlichen Weltbild, das nur die Wahrnehmungen als real anerkennt, die sich innerhalb einer allgemeinen Norm bewegen.
"CED's" heißt: bewusstseinserweiternde Drogen. Der Begriff unterstellt jedoch eine Art Höherentwicklung der Wahrnehmung, ohne dass dies bewiesen worden wäre, und stellt damit eine "Gegenideologie" zu den bisher genannten Begriffen dar.
Als unverfänglich und weitgehend "wertneutral" erscheint mir lediglich der Begriff "Psychedelica".
"Psychedelisch" bedeutet soviel wie "auf die Psyche einwirkend", "die Psyche/Seele in Erscheinung treten lassend". Der Begriff orientiert sich also an der Wirkungsweise der spezifischen Drogen und vermeidet weitgehend, zu interpretieren.
Sollten im folgenden Text in Ausnahmefällen andere Termini anstatt des Begriffs "Psychedelica" von mir gebraucht werden, so gebietet das der jeweilige traditionell-kulturelle Kontext, in dem die spezifischen Drogen verwendet werden, bzw. wird es dann notwendig sein, wenn die Ursprünglichkeit und Echtheit der ausgewählten Selbstzeugnisse bekannter Autoren unter einer "Begriffsmodifizierung" an Ausdruck und Gehalt verlieren könnten.
2 EINLEITUNG
Das folgende Gedicht ist die Verarbeitung einer Meskalin-Erfahrung.
"In Mescalitos rotem Licht
Und gestreiftem Sonnenschein
Sah ich den Tiger, sie -
Die Tigerin, die Tigerfrau
Ein schillernder Tropfen
Hängt an der Vulvazunge
Unendliche Lust, ja, Wollust
Spiegelt sich in seinem Glanze
Weiche Sohlen, behände Beine
Klickende Krallen, scharfe Spitzen
So diffundiert sie durch die Tür
Fest verschlossen und doch offen
Ich kralle mich in ihr Fell -
Haare der Glut, gleißend gelb
Ich klammere mich um den Leib
Ein metermessender Muskelstrang
Ohne Tun dringe ich ein
Durchdringe sie, die Tigerfrau
Wollüstig wedelt der Schweif
Ihrer oder meiner?
Eine Schlange durch die Schenkel
Tigergesprenkel bedeckt mein Aug'
Sie saugt und faucht
Webend, wimmernd und wabernd
Sprudelt der Tau der Lust
Zungen rau und weich
Haare steif und sanft
Glieder hart und lieblich
Brüllen rau und plötzlich
Ihre Zähne, zungenumspült
Gleich den blutgierigen Dolchen
Mosaikbesetzter Opfermesser
Stachelspitz und lüstern
Zuerst die raue Feuchte
Der leuchtenden Zunge am Hals
Die Zähne flutschen mir ins Fleisch
Knacken, krachen - mich schlabbernd
Tot bin, doch ich lebe
Gefressen werde ich, doch ich entstehe
Verdaut werde ich, doch geboren
Die Tigerin war ich"
Galan O. Seid
Galan O. Seid's Worte illustrieren in prägnanter Form den Reiz, aber auch den Schrecken einer psychedelischen Drogenerfahrung. Seid's Gedicht umfasst beide Bereiche, sowohl "Himmel" als auch "Hölle" einer psychedelischen Erfahrung, deren auffälligstes Merkmal die für die Drogenwirkung (hier von Meskalin) charakteristische Unberechenbarkeit ist. Bei Galan O. Seid schlägt ein sexuell-visionäres Erleben in ein Jäger-Beute-Verhältnis um, das zunächst in den Tod der Beute (Galan O. Seid), dann aber in eine fast schon mystische Wiedererschaffung und absolute Einswerdung von Subjekt und Objekt mündet.
Ich habe dieses Gedicht als Einstieg in meine Arbeit gewählt, weil es meiner Ansicht nach sehr gut veranschaulicht, wie stark sich die psychedelische Erfahrung von der Alltagserfahrung unterscheidet bzw. unterscheiden kann. Inwieweit die "psychedelische Vision" als Befreiung oder als Belastung empfunden wird (oder als etwas dazwischen), hängt sehr stark von der erlebenden Persönlichkeit mit all ihren soziokulturellen und charakterlichen Ausprägungen und Bedingtheiten ab. Die psychedelische Erfahrung kann sich nicht allein bei verschiedenen Personen unterschiedlich auswirken und manifestieren; sie kann auch bei ein und derselben Person (siehe Henri Michaux) von Mal zu Mal (je nach Gestimmtheit und atmosphärischem Umfeld) unterschiedlich ausfallen. Diese Tatsache wird in den von mir dargestellten Selbstzeugnissen bekannter Autoren noch verdeutlicht werden.
Es liegt nicht in meiner Absicht, den Charakter bzw. den Ursprung von auf welche Weise auch immer (sei es durch die Anwendung psychedelischer Drogen, bestimmter Meditationsformen oder sei es durch die moderne Psychotherapie) hervorgerufenen Visionen durch diese Arbeit erklären zu wollen (bzw. auch nur annähernd erklären zu können!).
Die Vision als solche ist - bei allen Versuchen namhafter Forscher (u.a. C.G. Jung) - noch längst nicht ausreichend erklärt.
Beispielsweise bringt ein Erklärungsversuch aus dem Repertoire des modernen Physiologismus die gehirneigenen Opiate, Kokaine und Amphetamine ins Spiel, die für "halluzinative" Erscheinungen ursächlich sein sollen. Eine solche Theorie ist darauf angelegt, die fruchtbaren therapeutischen und kathartischen Potenzen der Visionen abzutun und Modellvorstellungen, die den transindividuellen, körperunabhängigen Aspekt dieser Visionen betonen, auszuschließen. Dagegen neigen die modernen holistischen Forscher dazu, das Gehirn als eine Art Filtersystem zu betrachten, das nur kleine (für die jeweilige Spezies absolut überlebensnotwendige) Ausschnitte einer größeren Wirklichkeit zur bewussten Wahrnehmung freigibt. Sie nehmen an, dass durch psychoaktive Drogen die "Filterwirkung" des Gehirns verringert wird (Castaneda würde von einem abrupten Anhalten des "inneren Dialogs", den jeder Mensch zeitlebens mit sich selbst führt, um die Kontinuität seines Weltbilds zu sichern, sprechen), die "Pforten der Wahrnehmung" (Huxley 1970) aufgestoßen werden und die Drogen somit zu einer "Objektiveren" Erkenntnis der Welt beitragen (Kalweit 1988, 175).
Diese Theorie wird auch von dem bekannten Psychiater und Psychotherapeuten Stanislav Grof gestützt, der in seinem Buch "Geburt, Tod und Transzendenz" darlegt, dass die meisten Forscher, die sich mit der Wirkung psychedelischer Drogen befassen, zu dem Schluß gekommen sind, dass "..diese Substanzen am besten als Verstärker oder Katalysatoren geistiger Prozesse verstanden werden können. Sie scheinen nicht drogenspezifische Zustände herbeizuführen, sondern bereits bestehende Matrizen oder Potentiale des menschlichen Geistes zu aktivieren. Die Person, die sie einnimmt, gerät nicht in eine "toxische Psychose", die zu den psychischen Funktionen im Normalzustand wenig oder gar keinen Bezug hat. Sie begibt sich statt dessen auf eine phantastische Reise in ihr Unbewusstes und Überbewusstes." (Grof 1985, 41).
Damit erschließen die Drogen also, so Grof weiter, den Zugang zu einer Vielfalt sonst verborgener Phänomene, die "..dem menschlichen Geist innewohnende Fähigkeiten repräsentieren und eine wichtige Rolle in der Dynamik normaler geistiger Prozesse spielen." (Grof 1985, 41).
Im Mittelpunkt der Forschungen um alternative Bewusstseinszustände steht die Erkenntnis, dass unsere Weltwahrnehmung aus Gewohnheitsstrukturen entsteht, die schon durch geringe Veränderungen des biochemischen und neurologischen Haushalts sehr schnell zerstört werden können. Es scheint, dass beispielsweise eine Störung der Zellsekretion, durch die Serotonin freigesetzt wird, einen Enthemmungs- und Entkonditionierungsvorgang auslöst. Überhaupt nichts mehr erscheint uns dann altbekannt und gewohnt, die Welt entsteht völlig neu vor uns. "Mit großen Kinderaugen betrachten wir die Wunder des Daseins, alles fasziniert, das Alltägliche bekommt Leben, und das Bekannte wird geheimnisvoll.
Wir werden neu geboren, wir kehren zurück zur embryonalen, pränatalen und urzeitlichen Welt. Hier entsteht keine halluzinative, krankhafte Selbsttäuschung. Im Gegenteil: Die Welt des Alltagstrotts wird hinweggeschwemmt, und eine Farben- und Formenpracht tritt an ihre Stelle, die wir nur in Begriffen des Märchenhaften beschreiben können." (Kalweit 1988, 175).
Die Wirkungsweise von Serotonin: es dämpft die Reaktion auf einlaufende Reize und ist sofort überall dort zur Stelle, wo es einen übermäßigen Reizeinfall zu verhindern und abzuschwächen gilt. Serotonin fördert damit die Gewohnheitsbildung und schützt uns so vor Informationsüberfluß. Offenbar verzögern Psychedelica den Beginn der Gewohnheitsbildung, indem sie die Serotoninproduktion blockieren. Jedoch können auch Fasten, Erschöpfung, Temperaturextreme, Meditation und Konzentration die Serotoninsynthese unterbrechen - mit dem Effekt, dass das Gehirn auf an sich altbekannte Reize wie auf etwas vollkommen Neues reagiert (Kalweit 1988, 175).
Dass die Beobachtungen aus der psychedelischen Forschung keineswegs auf den Gebrauch von psychisch wirksamen Substanzen eingeengt sind, stellt auch Stanislav Grof fest. Er sagt, dass die im wesentlichen gleichen Erfahrungen sich auch im Zusammenhang mit (wie bereits erwähnt) modernen Psychotherapieformen, die keine solchen Substanzen zu Hilfe nehmen, finden, und "..in den Körpertherapien, etwa in der Jungschen Analyse, in der Psycho-Synthesis, in verschiedenen neo-reichianischen Therapien, in der Gestalttherapie, in modifizierten Formen der Primärtherapie, im katathymen Bilderleben mit Musik, im Rolfing, in verschiedenen Rebirthing-Techniken, in der Technik der Past-Life Regression und in den "Beichtsitzungen" der Scientology-Bewegung." (Grof 1985, 40).
Psychedelica stellen demgegenüber eine Art "Beschleuniger", ja fast so etwas wie "Aladins Wunderlampe" dar: sie ermöglichen die psychedelische Erfahrung hier und jetzt, ohne lange Vorbereitung. Aladin rieb an seiner Lampe, um den Geist erscheinen zu lassen; wer gewillt ist, sich der Faszination und dem Schrecken des eigenen Geistes zu öffnen, setzt sich der Wirkung der Droge aus.
Hierin liegt eine der großen Gefahren der psychedelischen Drogen: wer von uns kann sicher sein, dass er die persönliche Konfrontation mit dem verkraftet, wozu ihm die Droge unvorbereiteten Zugang gewährt?
Meine Arbeit wird sich demnach nicht nur mit den Möglichkeiten, sondern auch mit den Gefahren der Psychedelica, die durch Missbrauch der Drogen entstehen, zu beschäftigen haben.
Die Schwerpunkte meiner Arbeit liegen zum einen auf der Darstellung des kulturell-traditionellen Hintergrunds der Psychedelica in ihrer Anwendung bei Stammeskulturen (dabei insbesondere der indianischen Stammeskultur) und zum anderen auf der Darstellung der offensichtlichen Faszination, die diese Stoffe auf ihre (bekannteren) Konsumenten ausübten/ausüben, und des Einflusses, den sie - soweit ersichtlich - auf das Leben/die Lebensführung der betreffenden Personen hatten.
Neben diesen Schwerpunkten interessieren mich die oben angeschnittenen Gefahren, die mit einer missbräuchlichen Nutzung der psychoaktiven Drogen verbunden sind, sowie die Bedeutung der Psychedelica für die Sozialarbeit und soziale Berufe im allgemeinen. Abschließend interessiert mich die Frage nach Alternativerlebnis- und Sinnfindungsmöglichkeiten innerhalb einer inhumanen, weitgehend leistungs- und geldorientierten westlichen Gesellschaftsordnung, die Drogenmissbrauch verhindern helfen könnten. Die Beantwortung letzterer Frage soll dann noch einmal "eine Brücke schlagen" zur traditionellen Nutzung von Rauschmitteln, insbesondere psychedelischer Drogen. Dabei möchte ich eine Möglichkeit besonders ins Auge fassen: könnten die Psychedelica auch in der Gegenwart als Verbündete, als "Helfer" des Menschen auf der Suche nach einem Lebenssinn eine Rolle spielen?
3 TRADITION DER PSYCHEDELICA
3.1 Initiationsriten der Schamanen: Heilige Drogen
Zunächst: Ein "Schamane", was ist das eigentlich? Es gibt eine Unzahl von Definitionen, die sich des Schamanenbegriffs annehmen, ohne ihm jedoch wirklich auf eine befriedigende Weise gerecht werden zu können. Das mag daran liegen, dass das äußere Erscheinungsbild und die Handlungsweisen/Aufgabenbereiche der "Schamanen" von Kultur zu Kultur differieren, hat aber seine Ursachen sicher auch darin, dass die Lebensweise unseres Kulturkreises so ganz verschieden ist zu der der alten Stammeskulturen - damit einher geht unsere Unfähigkeit, tiefere Einsichten zu gewinnen in Vorgänge und Handlungen, die uns zutiefst fremd geworden sind.
Was ist ein "Schamane"? Wahrsager, Fakir, Magier, Medizinmann, Priester-Hellseher, Dichter, Hexer oder Gottheit? Der Schamane ist all das. Aber ein australischer oder indianischer Medizinmann muß nicht notwendigerweise ein Schamane sein, und bei den sibirischen Völkern kann der Opferpriester sehr gut mit ihm koexistieren.
"Das Wort Schamane stammt vom tungusischen saman, das mit dem Sanskritwort sramana und dem Paliausdruck samana verwandt ist, die beide von den Geistern beeinflusster Mensch bedeuten." (Montal 1985, 16).
Eine interessante, recht umfassende Definition bietet Holger Kalweit in seinem Buch "Die Welt der Schamanen - Traumzeit und innerer Raum", das 1988 erschienen ist, an: "Der Schamane ist der klassische Erforscher des Todesbereichs, er erforscht Routen und Wege zum und im Jenseits und entwirft eine Landkarte des Post-mortem-Terrains. Als "Wissenschaftler" der trans-individuellen Dimension und nicht-irdischen Bewusstseinsdomäne gilt er in seiner Kultur als die große Autorität, die nicht nur die Alltagspsyche kennt, sondern auch den unabhängig vom Körper sich manifestierenden Geist. Seine Einweihungszeit hat den Schamanen gelehrt, psychische und physische Funktionen, Körperchemie, Physiologie sowie Konzentration und Kontemplation zu beherrschen und sich psychisch weit über den Durchschnittsmenschen zu erheben." (Kalweit 1988, 23).
Jung sagt, dass im Charakter des Schamanen und Medizinmannes etwas vom Trickster (= mythologische Figur, die allen sogenannten primitiven Völkern bekannt ist; "Trickster" bedeutet soviel wie "Possenspieler": er ist seinen Leidenschaften und Gelüsten völlig preisgegeben, wird von Impulsen mitgerissen, die er nicht unter Kontrolle halten kann - sein Handeln lässt alle Möglichkeiten offen und liegt jenseits von "Gut" und "Böse") liegt, indem er ebenfalls den Leuten bösartige Streiche spielt, um dann seinerseits wieder der Rache der Geschädigten zu verfallen. Aus diesem Grund ist sein Beruf manchmal lebensgefährlich. Davon abgesehen, so Jung weiter, bereiten schon die schamanistischen Techniken dem Medizinmann häufig erhebliches Ungemach, "..wenn nicht geradezu Qual. Auf alle Fälle bedeutet <the making of a medicine man> vielerorts eine derartige körperliche und seelische Tortur, dass, wie es scheint, dauernde psychische Schädigungen dadurch verursacht werden." (Jung 1976, 274).
Über letzteres lässt sich meiner Meinung nach streiten: es ließe sich fragen, was man denn nun als eine psychische Schädigung definieren will und inwieweit wir nicht alle bereits unter einer solchen "dauernden psychischen Schädigung" leiden. William James beispielsweise geht davon aus, dass "..jeder und alle von uns bis zu einem gewissen Grade Opfer einer Gewohnheits-Neurose sind." (James in: Kalweit 1988, 240). So bliebe die Frage offen, ob denn nun der Schamane oder aber der "Durchschnittsmensch" näher dran sei an einem "Idealzustand" geistig-seelisch-körperlicher Gesundheit (immer vorausgesetzt, dass es einen solchen "Idealzustand" in einem Universum, in dem alles ständig "im Fluß" ist, überhaupt geben kann/darf!).
"Das schamanistische Weltbild überspringt Zeit und Kausalität, verkürzt Räume telepathisch und huldigt der Kommunikation mit allem Sein. Es sieht den Einzelmenschen eingespannt in ein universelles magisches Kraftfeld, in dem schon der leiseste Gedanke das gesamte Universum erschüttert, das gesprochene Wort den Nachbarn tötet und der normale Verstand durch ekstatische Kommunion mit der Umwelt zunichte gemacht wird." (Kalweit 1988, 7/8).
Kommentare
deathsabbath@web.de schrieb:
faszinierende Arbeit
Kommentar hinzufügen