Das Ende der Wirklichkeit 2
von
Beautiful Experience
Das schamanistische Weltbild geht also von der existentiellen Tatsache aus,
dass der „Einzelmensch“ nur leben und überleben kann in Kommunion nicht nur
mit allen anderen Menschen, sondern in wechselseitiger Beziehung und
Abhängigkeit von allen in der Natur und im Kosmos befindlichen Kräften. Dem
Schamanen ist diese lebendige Beziehung bewusst. Er nimmt sie nicht
theoretisch, sondern geht sie in der Praxis an: der Schamane arbeitet mit
den in der Natur befindlichen Kräften; er kommuniziert mit ihnen.
Diese Praxis unterscheidet ihn grundlegend von dem in unserem
abendländischen Kulturkreis aufgewachsenen Menschen. Neuere Forschungen
(siehe „Chaos-Theorie“) orientieren sich zwar immer mehr auf ein
ganzheitliches Weltbild hin (das verblüffende Parallelen zum „primitiven“,
schamanistischen Weltbild aufweist), jedoch ist der Einzelne, ja unsere
ganze Gesellschaft durch die ihr zugrundeliegende Erziehung nach wie vor zu
sehr im „Individualitätswahn“ befangen, um größere Zusammenhänge überhaupt
erst wahrnehmen zu können (geschweige denn zu wollen).
So, wie es nun eine Erziehung zum leistungs- und konsumorientierten
Abendländer gibt, so gibt es auch eine Erziehung zum Schamanen – der Umgang
mit universellen Kräften will ebenso gelernt sein wie Kuchen backen.
Diese Erziehung nennt sich die schamanische Initiation (um
Missverständnissen vorzubeugen: der Initiationsbegriff geht auf
Anthropologen zurück; die ursprünglichen Bezeichnungen für diese Art von
Erziehung variieren in den verschiedenen Stammesgesellschaften).
„Das normale Wachbewusstsein (...) kennzeichnen die südamerikanischen Jivaro
als ’falsch’ oder als eine ’Lüge’; erst die Intoxikation mit psychedelischen
Substanzen führt für sie zur Geburt der wirklichen Welt, weshalb sie ihren
Kindern schon einige Tage nach der Geburt einen Vorgeschmack dieser
Wirklichkeit geben, aber auch wenn sie ungehorsam sind. Sie wollen ihnen
damit eine andere Realität zeigen, die umfassender ist als jene, auf die sie
ihr gegenwärtiges Verhalten gründen, und ihnen beweisen, dass ihr Wissen,
verglichen mit dem der Erwachsenen, gering ist.“ (Kalweit 1988, 165).
Seit frühesten Zeiten verwendet die Menschheit psychedelische Pflanzen (oft
„halluzinogene Pflanzen“ genannt). Gleichwie körperliche und geistige
Exerzitien die normalen Filter des Bewusstseins durchbrechen können,
bewirken psychoaktive Drogen eine Herabsetzung der
Informationsaufnahmeschwelle (siehe auch Einleitung!); zusätzliche,
ansonsten unbewusst bleibende Reize aus der Umwelt können nun verarbeitet
werden, wodurch sich eine erhöhte Sensibilität und Eindringlichkeit der
Gefühlswahrnehmung einstellt. Die ’Schere in unserem Kopf’, die unsere
Wahrnehmung reguliert, wird stumpf. Eine explosionsartige Ausdehnung des ’
Blickfelds’ vollzieht sich im Bewusstsein des Schauenden – eine Vision tritt
ins Leben.
Bevor die psychedelische Ausbildung zum Schamanen beginnt, läutern die
Initianten (die „Einzuweihenden“, „Einzuführenden“) in vielen Kulturen
zuerst ihren Geist und Leib. Beispielsweise bleibt der Novize der
kolumbianischen Siona-Tukano einen Monat lang völlig isoliert, um seine
Erinnerung an die gewohnte Alltagswelt verblassen zu lassen, denn die
vielfältigen, irritierenden Gedanken aus der Alltagssphäre stehen den neuen
Erfahrungen und den damit verbundenen Lernprozessen nur im Weg. Danach folgt
die Einnahme von Ayahuasca in bestimmten Intervallen: an drei
aufeinanderfolgenden Tagen nimmt der Initiant die Droge ein; dann schließt
sich ein Ruhetag an – diesen Rhythmus behält er für zwei Wochen oder gar bis
zu zwei Monaten bei. In diesem Zeitraum durchläuft er verschiedene
psychische Phasen.
Die erste Phase ist lediglich von einer Art Trunkenheit (Euphorie, zielloses
Denken, verzerrte Wahrnehmung) gekennzeichnet. Bald aber setzt Todesfurcht
ein; hier beginnt die eigentliche Prüfung. Wer hier aufgibt, kann nichts
gewinnen; wer aber seine Angst überwinden kann, begegnet der Jaguar-Mutter.
Die Jaguar-Mutter weint über das Schicksal des Novizen; er werde sterben,
meint sie. Damit jedoch prüft sie nur die Standhaftigkeit seines Willens.
Wenn der Initiant endlich an ihrer Brust zu saugen beginnt, regrediert er
zum Säugling. Er wird wieder zum Kind. Auch ausgebildete Schamanen
verwandeln sich oft (in ihrer Vorstellung? in einer Art feinstofflichem
Körper?) in kleine Jaguare und fühlen sich dann als Kind der Jaguar-Mutter.
(Kalweit 1988, 166).
Die allgemeinste Voraussetzung zum späteren Schamanentum ist die Rückkehr
zur kindlichen Unschuld, Reinheit und geistigen Unversehrtheit; erst dann
kann man zur Phase der „Visionen des Wissens“ (Kalweit) weitergehen.
Nachdem nun die Furcht als Ausdruck ich-orientierter Zweifel an einer
anderen Wirklichkeit überwunden ist, dringt der Schüler in den verborgenen,
unterbewussten (im Sinne von unter bzw. über der Wahrnehmungsschwelle des
„normal“ wahrnehmenden Bewusstseins liegend) Bereich der „wirklichen Welt“
ein.
Dazu muß er jedoch zuvor seinen Körper verlassen haben, denn er nimmt jetzt
alles mit seinem Seelenleib wahr, den die Siona sich als Papagei vorstellen.
Im Körper des Initianten wächst nun die Kraft heran – das Wissen, das ihn
letztendlich zum Schamanen macht (Kalweit 1988, 166/167).
Kann man nun davon ausgehen, dass jeder durch die Einnahme von
psychedelischen Drogen zum Schamanen werden kann? Die Yebámasa im
Amazonasgebiet sagen, dass die Droge selbst keinen Schamanen hervorbringt,
denn die Anlage zum Sehenden muß bereits vorhanden sein. Die Einnahme von
Cají (Banisteriopsis spp.; eine „Kraft-Pflanze“) ist gewissermaßen ein Test,
der die latente spirituelle „Begabung“ enthüllt. Cají kann also lediglich
verborgene geistige Qualitäten hervorlocken, nicht aber solche erzeugen. Die
Disposition zum Schamanen ist nach Ansicht der Yebámasa angeboren (Kalweit
1988, 167).
Als weiteres Beispiel einer schamanischen Initiation lassen sich die
südamerikanischen Desana, eine Untergruppe der Tukano, anführen.
Durch den Genuß von Yajé oder auch von Vihó (Piptademia), einem
psychoaktiven Pulver, das durch die Nase eingezogen wird, durchbrechen sie
die Schranken unserer natürlichen Umwelt und dringen zu Ahpikondiá, der
anderen Welt, vor.
Während der Visionen wandert der Payé (spanischer Begriff für Schamane) über
die Milchstraße. Er muß fähig sein, sie als einen langen Weg mit Seen,
Bergen und Häusern zu erkennen. Die Initianten, die nicht in dieser
vorgeschriebenen Weise auf die Droge reagieren, sehen bloß Steine und Wolken
in der Trance. Sie verlieren die Kontrolle, entkleiden sich, urinieren und
defäkieren in aller Öffentlichkeit ohne jede Scham.
Wirklich erfahrene Payé haben sich besser unter Kontrolle; sie schwingen
sich zur Milchstraße empor und pflegen den Umgang mit den dort wohnenden
Wesen. Später reisen sie zu ihrem Körper zurück, der ruhig in der Hängematte
schläft.
Die westliche Parapsychologie kennt diese Erscheinungsform psychischer
Fähigkeiten unter dem Begriff out-of-body-experiences, verwendet ihn jedoch
fast ausschließlich im Zusammenhang mit Nah-Todeserfahrungen.
Doch auch die schamanische Erfahrung hat viel mit Todesnähe zu tun: bei den
Tukano wird „Yajé trinken“ gleichgesetzt mit der Rückkehr in den kosmischen
Uterus, zum Urquell aller Dinge. „Yajé nehmen heißt sterben“, sagen die
Desana. Sie sehen mit eigenen Augen und erfahren am eigenen Leib den
universellen Ursprung durch die Begenung mit den „übernatürlichen“ Wesen.
Die religiöse Tradition wird so in jedem einzelnen verankert, denn: jeder
hat das Schlangen-Kanu gesehen und auch, wie der erste Mensch davon
heruntersprang. Das Sehen ist hierbei das Entscheidende.
„Aus der Drogenerfahrung, in der jeder die Geburt der Welt und der
Menschheit von neuem persönlich miterlebt, kehren die Individuen mit mehr
Vertrauen in ihre Kultur und ihre mythischen Überlieferungen wieder in die
normale Welt zurück. Mit psychoaktiven Pflanzen wird hier der
Sozialisationsvorgang unterstützt. Da sie das Empfinden für die
Großartigkeit des Seins verstärken, festigen sie gleichzeitig auch die
kulturelle Identität und die individuelle Autonomie.“ (Kalweit 1988, 172).
Als grundlegend und entscheidend für eine mystische Erfahrung erachten
jedoch alle Stammesgesellschaften die innere Haltung, die Reinheit dessen,
der die psychoaktive Droge zu sich nimmt. Ohne innere Einsicht, Gebet und
Geständnis der Fehlschritte sei keine authentische Offenbarung zu erreichen.
Weiterhin sei eine lebendige, ehrfürchtige Beziehung zur Pflanze
erforderlich, dass diese sich in letzter Konsequenz offenbare (Kalweit 1988,
178).
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