Das Fundament
von
Rommee
1
Das Fundament
Ich kann nichts weiter sehen als die zerfallen Gebäude. Das alte Gericht und das Gefängnis. Mehr nicht. Zumindest nicht wenn ich aus den Fenster sehe. An der Tafel vorn würde bestimmt etwas schöneres stehen. Englische Vokabeln. Der Lehrer hatte sie gerade an die Tafel geschrieben, mit weißer Kreide, gleichmäßig und mit einer gut lesbaren, bewegten Schrift. Es wäre bestimmt schöner als diese vor Ewigkeiten zu Grunde gegangenen Häuser mit ihren fehlenden Ziegeln, zerschlagenen Fenstern und abgebröckeltem Putz. Als diese graubraunen, geraden Steine ohne jede weitere Funktion, nur als Schandfleck verblieben.
Aber vor vielen Jahren waren sie garantiert ein Ansehen wert. Nun gut, ein Gefängnis sicher weniger, aber ein Gericht strahlt eigentlich immer etwas machtvolles, etwas wichtiges aus. Schließlich werden wichtige Entscheidungen gefällt. Tod oder Leben oder ein unwürdiges Leben? Vergeben oder Verderben? Lüge oder Wahrheit?
Nun ist das Gericht eine Ruine, einfach ein Schandfleck. Hier werden keine Entscheidungen mehr gefällt. Die Macht, diese wichtige Ausstrahlung – erloschen. Schon vor vielen Jahren. Ich war wahrscheinlich gerade in den Kindergarten gekommen als das Gericht in die nächste Stadt verlegt wurde. Und nun saß ich hier, in einer 11. Klasse und anstatt über schöne englische Vokabeln nachzudenken, grüble ich vor mich hin, über das frühere Leben unserer Stadt. Über zwei Steinklotze, die ich zufällig durch das Fenster an meinem Platz sehe. Die Frage ist nur, welche der Überlegungen wichtig sind. Über die Zukunft zu denken, die so vielleicht gar nicht ablaufen wird? Wer weiß denn ob ich später in einem englischen Land lebe? Oder über die Vergangenheit? Über das einstige Leben, die Macht da gegenüber, in diesen Schandflecken? Müssen wir nicht erst unsere Geschichte kennen, bevor wir unsere Zukunft bauen? Stein auf Stein sozusagen, bis wir vom Fundament bis um Dach sagen können, wir kennen das Haus; wir wissen wie es erbaut wurde; wir haben es selbst mitgebaut?!
„Dafür gibt es ja das Fach Geschichte!“ würde mein Englischlehrer wohl sagen. Aber er sagt gar nichts. Nicht zu mir. Ich höre nur was mir wichtig erscheint und nicht das Gerede über die schönen englischen Vokabeln an der Tafel. Mein verhalten beruht aber auch auf gegenseitiges Verhalten. Er ignoriert mich auch, er bemerkt gar nicht, dass ich nicht anwesend bin. Oder ignoriert er mich gerade weil er es bemerkte? Nein sicher nicht. Es gibt ja noch andere Schüler auf die er achten muss. Auf die, die laut sind – nicht still aus dem Unterricht geflohen. Ich würde nie mich laut äußern. Nicht zu solchen Dingen, solange ich den wichtigeren Teil nicht weiß. Ich möchte nichts wissen bevor ich mein Verlangen nach der Historie nicht gestillt habe. Und wenn ich mich doch äußern würde bekäme ich eh nur den Satz: „Dafür gibt es ja das Fach Geschichte!“ an den Kopf geworfen, wie ein Ziegel von den Dächern – schwer. Entkräftigend für alle, außer mich.
In Geschichte pauken wir Jahreszahlen, Ursachen und Ergebnisse. Nicht wie das Leben wirklich war. Es ist ein Unterschied ob ich sage, das Gericht wurde dann und wann, da es zu wenige Bürger gab, nach Buxtehude verlegt – oder ob ich sage, das Gericht hatte eine wichtige Funktion, eine Machtstellung, die nun verloren ist, für immer. Oder ? Welche Aussage hat mehr Bedeutung? Oder drückt die Bedeutung mehr aus? Und haben diese beiden mehr Bedeutung als der Satz „Court is the english name of Gericht!“? Ich kann also doch Englisch, aber, ihr ahnt es schon, meine noten sind nicht die Besten. Es ist einfach ein stiller Protestschrei, ein philosophischer Ansatz – vielleicht..
Es klingelt. Ich verlasse meinen unausgepackten Platz wieder so und schlurfe aus dem Raum mit der Tafel, den schönen Vokabeln und dem mich ignorierenden Lehrer mit der bewegten, lesbaren Schrift. Ich schlurfe zum nächsten sinnlosen Fach, nach meiner Meinung. Ich schlurfe weiter ohne, aus Protest, einen einzigen Ziegel für mein Lebenshaus mitzunehmen. Bastele weiter am noch wackeligen Fundament. Und warte darauf, dass es sich festigt, um weiter oben zu starten. Ob es sich lohnt ein Leben lang ein stabiles Haus zu bauen, anstatt sein halbes Leben einfach unter einem Haufen Ziegeln, einem bloßen Dach zu leben?
1
Kommentare
rommee schrieb am 2007-03-08 12:12:55:
ja schon sein ganzes leben lang..
jetzt amch das doch alles ni so mysteriös.. mein gott.. ein leben beginnt da wo man geboren wird und hört auf wenn man stirbt.. (zumindest geistig.. dann wie gesagt is das alles nur eine METAPHER!!!)
und ich glaub auch nich wirklich dran.. es ist mir an einem melancholischen tage nur mal so in den sinn gekommen udn als ich es dann aufschrieb ergab sich das.. irgendwie glaub ich schon dran.. aber wenn du mir einen gegenbeweis ordentlich belegst kann sich meine meinung auch ändern.. :D
Nymphen schrieb am 2007-03-06 16:51:57:
Sein ganzes Leben lang ?
Glaubst du das wirklich?
Wie lang ist das, was du Leben nennst?
rommee schrieb am 2007-02-03 13:34:11:
ich kann dir nicht ganz folgen... irgenwie hab ich das gefühl du hast da in die story mehr wert reingelegt als ich selbst..?udn außerdem war das haus doch nur eine metapher.. logisch... im übertragendem sinne funktioniert sowas in unserer gesellschaft eh nicht mehr...
aber wie meist du das jetzt mit den nürnberger prozessen?
Lexa schrieb am 2007-01-31 19:59:35:
Glaub mir, ich habe beides getan, mit Herzblut ein Haus gebaut, welches nicht meins ist. Ein Haus mit Herzblut erhalten, welches ursprünglich nicht mir zugedacht war. Und ich lebe 1/7 meines Lebens in einer Dachkammer, von einem
Haus, das nicht meins ist und ich es versucht habe, es durch Herzblut zu erhalten. Mein Herz ist ausgeblutet. Da
komm mir nicht mit irgendwelchen fadenscheinigen Fundamenten - selbst wenn ich den guten Sinn und die Richtung Deiner Gedanken verstehe. Nürnberger Prozesse? LG Lexa
rommee schrieb am 2007-01-17 20:00:52:
aber es ist ja nicht so das man für 3 wochen da wohnt sondern sein ganzes leben lang..
Nymphe schrieb am 2007-01-16 19:24:33:
Ist es nicht egal in welchem Haus man lebt ?
Denke daran : Auch du ziehst wieder aus.
LG Nymphe
rommee schrieb am 2007-01-16 19:07:18:
kiner kmmentiert mich =(
Kommentar hinzufügen