Das Gefecht
von
Slade
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Es herrschte Ruhe. Keine vollkommene, alles verschlingende Stille, aber Ruhe. Alle Tische standen in Schlachtordnung. Eigentlich sollte alles gut klappen. Trotzdem war ich nervös.
»Hey! Hey!« flüsterte Mudd, ein Leidensgenosse von mir, und brach damit das Schweigen.
»Was ist?«
»Wo bleibt Mr. Monk?«
»Woher soll ich das wissen?« antwortete ich genervt. »Bin ich seine Mutter?«
Mudd überlegte eine Weile, schüttelte dann den Kopf und wandte sich wieder seinen eigenen Überlegungen zu. Er war ein bißchen dumm. Nein, nicht dumm. Sagen wir... einfältig.
Ich wischte mir einige Schweißperlen von der Stirn und schaute auf die Uhr, 12.43 Uhr, drei Minuten nach Unterrichtsbeginn, 42 Minuten vor Abgabe der Arbeit. Vor mir saß David. Oder »Dave«, wie wir ihn nennen. Genau genommen weiß ich gar nicht, ob er wirklich David heißt, weil wir ihn ja immer Dave nennen. Na ja, Tatsache ist, daß er gerade damit beschäftigt war, zu kontrollieren, ob der kleine Spickzettel, den er an der Tischunterseite befestigt hatte, sich noch an eben dieser Tischunterseite befand. Ich lächelte spöttisch.
Plötzlich schaute er auf, als hätte er gemerkt, daß ich ihn beobachtete. Er drehte sich zu mir um und sah mich einen Augenblick sorgenvoll an. Als ich ihm dann lächelnd zunickte, wandte er sich erleichtert wieder um. Nein, ich würde es nicht verraten.
Neben mir saß Jessie, meine Freundin. Sie schaute verträumt ins Leere, bis auch sie merkte, daß ich sie ansah. Sie zwinkerte mir zu und lächelte, woraufhin ich zurücklächelte und ihr einen Kuß zuwarf.
Plötzlich öffnete sich die Tür und alle Bewegung im Kurs - falls man von Bewegung sprechen konnte - kam zum Stillstand. Mr. Monk wollte gerade laut »Schlachtordnung!« rufen, aber wir waren ihm ja bereits zuvorgekommen. Ein wenig erstaunt marschierte er durch den Klassenraum und legte die Arbeiten auf den Tisch. Eigentlich schmiß er sie regelrecht auf den Tisch, denn es knallte so laut, daß sich jeder von uns erschreckte. Tja, das war eben Mr. Monk.
Mein Wecker schrillte laut auf und riß mich aus dem Tiefschlaf. Na ja, genaugenommen riß er mich gar nicht aus dem Tiefschlaf, sondern bewirkte lediglich, daß ich vom Tiefschlaf in den Halbschlaf fiel und nur für so lange die Augen öffnete, bis ich den Stecker vom Wecker herausgezogen hatte. Dann schlief ich einfach friedlich weiter.
Bis meine Mutter kurz in mein Zimmer kam und vermutlich das Folgende sagte: »Aufstehen!« Ich schreibe »vermutlich«, weil ich in dem Moment gar nicht wirklich verstanden habe, was sie tatsächlich gesagt hat, aber die Routine meiner Mutter hat sich wahrscheinlich auch zu jener Morgenstunde bestätigt. Denn immer wenn sie zur Arbeit ging und merkte, daß ich noch im Bett lag, kam sie herein und sagte: »Aufstehen!« nur damit ich dann später nicht behaupten kann, daß sie mich ja hätte wecken können, falls ich denn verschlafen habe. So ist meine Mutter eben... Aber ich glaube, daß ich mittlerweile ein wenig von meiner kleinen Geschichte abschweife...
Ich schlief also weiter. Als es langsam hell wurde - es war nämlich tiefster Winter - und mir das Tageslicht auf mein Gesicht schien, purzelte ich ein zweites Mal vom Tiefschlaf in den Halbschlaf. Meine Gehirnzellen fingen allmählich an zu arbeiten, und ich überlegte, warum ich mitten in der Woche -war es eigentlich mitten in der Woche?- gar nicht in der Schule war. Ich fand keine Antwort. Ich grübelte immer mehr, immer tiefer - es konnte einfach nicht sein, daß ich schon wieder verschlafen hatte! Doch es gab keine andere Möglichkeit. Als mir das bewußt wurde, schreckte ich hoch und fiel aus dem Bett - um 9.13 Uhr.
Ich vermag nicht zu beschreiben, wie schnell ich dann unter die Dusche sprang, mich anzog, meine Schulsachen packte, frühstückte - falls man von einem Frühstück im klassischen Sinn sprechen konnte - und zur Bushaltestelle hastete. Ich bildete mir nämlich ein, daß ich noch den Schulbus erwischen könnte... Ich hatte mich natürlich geirrt.
Mr. Monk schaute uns alle an, dann lächelte er. Ich glaube, daß es das zweite Mal war, daß ich ihn lächeln sah. Beim ersten Mal hat er über eine Ausrede von einem meiner Kameraden gelächelt, der versuchte seine vergessenen Hausaufgaben zu erklären. Irgendwie war ich plötzlich ein wenig beunruhigt.
»Ihr kennt die Regeln: Erst das Blatt umdrehen, wenn es alle vor sich liegen haben. Erst anfangen zu schreiben, wenn ich es sage.«
Wir nickten alle. Wir kannten die Regeln.
»Auf in den Kampf!« rief Mr. Monk dann und das besagte Gefecht begann - um 12.46 Uhr. Aufgabe war es, die folgende Aussage zu analysieren und zu interpretieren: "Als ich in den Krieg zog, wußte ich, daß ich sterben würde. Als ich den Krieg überlebt habe, war ich traurig, daß ich mich geirrt hatte."
Was? Ich las es noch einmal. Ein drittes Mal. Ein viertes Mal. Dann ließ ich meine Waffe fallen. Aus Angst, aus Verwirrung, aus Selbstmitleid.
Als ich wieder aus meiner Fassungslosigkeit aufwachte, versuchte ich, einen Weg zu finden, meinem nahenden Heldentod auszuweichen. Ich wollte einfach kein Märtyrer werden, also blickte ich zur Seite. Neben mir saß Scott. Scott, der Streber. Ich versuchte ihn auf mich aufmerksam zu machen, indem ich übertrieben vortäuschte, daß meine Waffe Ladehemmungen hätte. Doch Scott hielt seine Augen angestrengt auf das Blatt Papier vor sich.
»Shit!« fluchte ich leise. Mr. Monk sah mich wütend an, sagte aber glücklicherweise nichts. Er war wohl in guter Stimmung, sonst hätte er mich auf der Stelle hinausgeworfen... Hinauswerfen? Natürlich!
Ich räusperte mich. »Ähem, Mr. Monk?«
»Was ist? Warum störst du?«
»Ich müßte 'mal für kleine Jungs«, erwiderte ich, während ich verlegen auf den Boden schaute.
»Das kannst du auch nach der Arbeit.«
Verdammt! dachte ich.
»Okay, Mr. Ich-fluche-im-Unterricht: Raus!« rief daraufhin Mr. Monk.
(Oh, ich hatte »Verdammt!« wohl doch nicht nur gedacht...)
»In fünf Minuten kommst du wieder herein und beendest die Arbeit!«
Ich vermochte, meine Freude kaum zu unterdrücken, während ich schlurfend die Klasse verließ.
Ich kam noch rechtzeitig zur Schule. Leider nicht zum Unterricht, sondern nur zum Mittagessen in der Mensa, aber immerhin.
»Hey Jungs!« sagte ich, als ich mich an den Tisch setzte, an dem meine Kameraden aßen. An den Tisch, an dem wir immer saßen.
»Hey!« antworteten sie im Chor. Dann schauten sie mich fragend an.
»Ich habe nur verschlafen.« Alle nickten, als wäre es bei mir etwas völlig Alltägliches. Nachdenklich schaute ich durch die Mensa. Plötzlich stand Jessie neben mir.
»Hallo! Ich habe dich schon vermißt!« Dann drückte sie mir einen langen Kuß auf den Mund. Ich bemerkte hungrige Blicke auf meinem Hinterkopf und drehte mich um.
»Ich glaube, wir sind hier am falschen Ort«, sagte ich schmunzelnd und ging mit Jessie ein paar Tische weiter, wo wir uns setzten und uns ein wenig unterhielten. Über meine Verspätung, über das letzte Wochenende, über meine Kameraden, über Käsenudeln in der Mensa, über ihre Eltern, darüber, was wir heute machen
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