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Kategorien > Besinnliches > zum Nachdenken

Das Geschenk

von Eva

1

Jedes neugeborene Kind erhält von seinen Eltern ein Geschenk. Dieses Geschenk begleitet das Kind auf seinem Weg ins Leben.

Anna bekam von ihren Eltern eine Tarnkappe geschenkt.
Sobald etwas geschah, was sie verunsicherte oder ihr Angst machte, setzte sie die Kappe auf. Im gleichen Augenblick wurde sie unsichtbar. Sie war praktisch gar nicht mehr da. Und niemand konnte ihr etwas anhaben ... Das war gut, denn die Welt war voller Gefahren.
Unter der Tarnkappe schien die Zeit stillzustehen: Anna erstarrte. Sie machte die Augen ganz fest zu und stopfte die Finger in die Ohren: Zumindest solange sie unsichtbar war, solange war sie in Sicherheit ... Eigentlich waren die Augenblicke, die Anna unter dem Schutz ihrer Tarnkappe verbrachte die einzigen, in denen sie sich nicht fürchtete.
So kam es, dass sie die Tarnkappe immer seltener ablegte. Anna wurde immer öfter und für immer längere Zeiträume unsichtbar. Die Tarnkappe wurde ihr Kleid, ihr Mantel. Und so fühlte sie sich endlich sicher.
Was sie leider nicht bedacht hatte, war die Einsamkeit, die ihre ständigen Fluchten ins Niemandsland mit sich brachten. Sobald es irgendwie schwierig wurde, floh sie in ihre eigene Welt. Sie verschwand einfach. Sie war vielleicht außerhalb aller Gefahr, aller Auseinandersetzungen und Konflikte - aber sie war auch außerhalb dessen, was man das Leben nennt.
Niemand nahm Anna wirklich wahr, denn sie zeigte sich nur selten. Und sobald sich das allerkleinste Problem am Horizont ankündigte, wurde sie so durchsichtig wie Fensterglas. So gelang es Anna nie, genug Mut aufzubringen, um jemanden aus der Außenwelt an ihren Sorgen und Ängsten teilhaben zu lassen. Anna blieb also allein, allein mit sich selbst und ihrer Angst. Aber dafür war sie in Sicherheit.
Allerdings sah Anna mit wachsender Verwunderung, dass die anderen um sie herum sehr gut ohne Tarnkappe zurechtkamen: Sie schienen vor nichts Angst zu haben, sie scheuten kein Risiko. Sie stritten sich und manchmal kam es zum offenen Kampf. Einer gewann, der andere verlor, nur selten gab es ein Remis. Sie wichen einander nicht aus. Immer wieder fochten sie ihre Meinungsverschiedenheiten aus. Und dabei erlebten sie Freude, Schmerz, Liebe, Lust, Verzweiflung - die ganze Palette des menschlichen Fühlens.
Anna fing an, sie zu beneiden. Aber was hatte das mit ihr zu tun? Sie konnte das alles nicht. Es erschien ihr zu gefährlich. Wem konnte sie schon trauen? Wen konnte sie zum Kampf auffordern? Was, wenn sie jemanden verletzen würde? Das könnte sie sich nie verzeihen. Oder wenn sie verlieren würde? Dann würde alles noch viel schlimmer, als es jetzt schon war. Nein, das war nichts für sie. Sie war nun mal keine Kämpferin. Sie war Anna, die sich unter einer Tarnkappe versteckte.
Mit der Zeit wurde sie immer unglücklicher. Sie fing an, sich selbst und ihre Scheinwelt zu hassen. Der Wunsch, den Schutz der Tarnkappe zu verlassen wuchs beständig. Zugleich schwoll aber auch die Angst vor dem, was dann kommt an. Am Ende siegten Angst und Zweifel. Sie beschränkte sich auf Träume darüber, wie es wohl sein könnte ... Und darüber verging Jahr um Jahr ... und alles blieb beim Alten.
Anna ergab sich in ihr Schicksal, das offenbar darin bestand, ein Feigling zu sein.
Dann geschah ein Wunder: Sie verliebte sich. Sie fand einen Mann, der sie so liebte, wie sie war: mit ihrer Verletzlichkeit und ihren Fluchten. Er versuchte niemals ihr Geheimnis zu lüften.
Erst in dem Moment, als ihre beinahe erwachsene Tochter vor ihr stand , um ihr das Geschenk, welches Anna ihr zu ihrer Geburt gemacht hatte, zurückzugeben, wurde ihr klar, dass nichts im Leben unabänderlich ist.
Ihre Tochter demonstrierte ihr, was Anna selber nie gelungen war: Wie man sich als junge Erwachsene entschieden und eindeutig aus der besitzergreifenden mütterlichen Umarmung löst. Eine schmerzliche Erfahrung, aber lebensnotwendig, für beide Seiten.
Wieso war Anna auf diesen Gedanken, diese Tarnkappe einfach an ihre Eltern zurückzugeben, niemals gekommen?
Anna hatte ihrer Tochter zu ihrer Geburt ein Licht geschenkt: Ein Licht der Hoffnung und der Zuversicht, ein Licht des Glaubens an die Dinge, die wir mit unserem Verstand nicht fassen können. Weil sie nur das Beste wollte für ihr Kind, hatte sie das verschenkt, was sie selbst am Allernötigsten brauchte: Mut und Glauben.
Mit den Jahren hatte sich dieses Kind eine junge Frau verwandelt, die jetzt vor ihr stand, um ihrer Mutter das Licht ihrer Kindheit zurückzugeben. Sie brauchte es nicht mehr. Sie wollte in die Welt hinausziehen und ihren eigenen Weg, ihr eigenes Licht finden.
Anna weinte, als sie das Licht wieder selbst in den Händen hielt. Sie weinte darüber, dass aus ihrer kleinen Tochter eine junge Frau geworden war, die ihrer Liebe und Zuwendung in dem Maße wie früher, nicht mehr bedurfte.
Sie weinte darüber, dass ihr nach all den Jahren doch noch eine Chance gewährt wurde, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Sie könnte die Tarnkappe abziehen, auch wenn es noch so schmerzhaft sein sollte. Sie könnte vor ihre Mutter hintreten und ihr das Geschenk, das sie ihr vor so langer Zeit gemacht hatte, zurückgeben. Anna würde ihr einfach sagen, dass sie des Schutzes dieser Tarnkappe nicht mehr bedurfte, dass sie einfach herausgewachsen war ... Könnte sie das wirklich? Was würde geschehen? Niemand weiß das im Voraus. Natürlich würde das Ärger nach sich ziehen, unangenehme Konflikte, Auseinandersetzungen ...
Und das alles, ohne die Möglichkeit, sich unter den Schutz der Tarnkappe zurückzuziehen ...
Das war ein großes Risiko, und es erforderte jede Menge Mut.
Aber: War es das nicht wert?

Jedes neugeborene Kind erhält von seinen Eltern ein Geschenk. Dieses Geschenk begleitet das Kind auf seinem Weg ins Leben. Es soll ihm Zuflucht sein und Hilfe. Solange, bis das Kind selbstständig und frei genug ist, ohne dieses elterliche Geschenk auszukommen.
Dann ist es an der Zeit, das Geschenk zurückzugeben und die Eltern werden wissen, dass ihr Kind nun gewappnet ist, für seinen eigenen Weg durchs Leben.

11. August 2006



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Kommentare

lynchen schrieb am 2007-10-07 16:47:03:
ich find die Geschichte total super... und sie stimmt einen echt zum Nachdenken!! Und die Message ist auch klasse rübergekommen!! Respekt... ^^ lg lynchen
doyce schrieb am 2007-09-14 11:11:14:
ist sehr interressant und ich meine, dass ich verstanden habe, was diese "tarnkappe" ist. ^^
rommee schrieb am 2007-09-12 17:08:24:
hmm... ganz schön nachdenklich! hab ich überhupt schon mein geschenk zurückgegeben? ich glaube das was du mit deiner geschichte sagen wolltest ist dir gelungen. daumen hoch! ^^ lg romy

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