Das Geständnis eines Schuldlosen
von
Jeni
1
Der Draht fehlte. Er hatte es geahnt, gespürt mit jeder Faser seines altgeschundenen Körpers, hatte es nicht wahrhaben wollen, doch jetzt zeigte ihm das leere Blatt vor ihm deutlich die unerbittliche Wahrheit auf.
Er schüttelte sein schon vor so langer Zeit ergrautes Haar. Wieso hatte er sich nur auf die Sache eingelassen? Wieso hatte er nicht einmal in seinem Leben “Nein!” sagen können?
Er seufzte. Er wusste doch wieso, wusste, wieso er sich diese Last, diese Bürde selbst auferlegt hatte. Seine zittrigen Finger schliffen über das weiße Papier, versuchten den Moment einzufangen, doch sie hatten verlernt wie man zugriff, hatten verlernt, was ihnen früher so einfach gefallen war, was früher sein Leben gewesen war...
Tränen rannen über seine Wangen, stürzten sich wie eine Flut auf das Weiß vor ihm, doch dort gab es nichts wegzuspülen, und er wusste nicht, ob es jemals wieder etwas geben würde, was wert sein würde, es fortzuspülen.
Verzweifelt nahm er wieder den Stift in die Hand, versuchte sich zu erinnern, wie das Leben gehen würde, doch es war nichts mehr als Leere da.
Leere, Leere, Leere.
Er wusste, er war nur ein Gefäß gewesen. Ein Gefäß, für etwas, was er in dem Moment seines Verrats ausgeschüttet hatte. Er schluchzte wild. Ja, das war es gewesen, ein Verrat. Ein Verrat an sich selbst.
Er hatte seine Seele verraten, er hatte seine Seele verloren, bald würde die Hölle auf ihn warten. Oder war er nicht schon in der Hölle? In der Hölle, die er sich selbst ausgesucht hatte? Es klopfte an die Tür. Er wusste gleich würde der Beamte reinkommen und sein Geständnis fordern, ein Geständnis, das er nicht geben würden, nicht geben konnte. Er konnte nicht die Schuld eines anderen auf sich nehmen, auch wenn es das seiner Tochter war. Er konnte keinen Mord gestehen, den er nicht begangen hatte, auch wenn es der an seinen Schwiegersohn war.
Sein Leben war verronnen, zerbrochen an dem Leid seiner Seele, der er zu viel zu gemutet hatte. Verzweifelt blickte er sich um, es klopfte wieder.
“Zehn Minuten noch, dann bin ich fertig!”, rief er.
“In Ordnung, Herr Sollmann. Nehmen sie sich so viel Zeit wie sie brauchen.”
Er löste seinen Krawattenknoten, sah das Heizungsrohr an der Decke.
10 Minuten würden reichen.
1
Kommentare
Marika schrieb am 2009-01-30 16:36:11:
ojeh.. noch ne traurige Geschichte...eine wirklich sehr verzweifelte Situation. Hast sie gut beschrieben. ..
Jeni schrieb am 2009-01-28 15:41:00:
Hallo ihr beiden
Danke für eure Kommentare und euer Lob:
@ Lara-Malou:
... ich finde es nciht unbedingt komisch, ich mein wir reden hier von einem alten Mann (siehe: schon vor langer zeit ergrautes Haar) , außerdem ist er ja in einem Raum, der von Polizisten bewacht ist (siehe: es klopfte an der Tür) , ich habe das zwar nicht geschrieben aber könnte es sich durchaus um ein Präsidium handeln...
Heißt: Der Mann hat sich den Polizisten getsellt und muss es jetzt nur noch sein geständnis zur Papier bringen...
LG
Jeni
Lara-Malou schrieb am 2009-01-27 19:06:27:
macht nachdenklich. Ein bisschen komisch, dass der Polizist dem Mann so viel Zeit gibt, wie er braucht um herauszukommen. könnte er nicht ahnen, dass er versuchen würde zu fliehen?
trotzdem eine echt gute geschichte. man versteht die verzweiflung sehr gut, und das hin-und-her-gerissensein dieses Mannes, der trotz der grausamen tat seine (wohl sehr geliebte?) Tochter schützen möchte, aber irgendwie auch sich selbst. wie wir an "geständnis eines schuldlosen"sehen ist es oft nicht leicht, das wirklich richtige zu tun.
lg,
Lara-Malou
lisaa schrieb am 2009-01-27 16:16:29:
gut geschrieben, man kann sich richtig reinversetzen...weiter so!
Kommentar hinzufügen