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Kategorien > Fantasy > Erzählungen

Das Gewinnspiel

von Michael Perkampus

Der spinnwebenverhangene Balken trat in das Bild. Darunter lehnte ein schlecht lackierte Rahmen mit seinen abblätternden weißen Farbüberresten und brachte die Szene zu einem Lichtspiel der Schatten zusammen. Der gesamte Speicherraum stand unter dem kristallenen Funkeln der Spinnweben und der mit Staub vermengte Lichteinfall inszenierte ein leichtfüßiges Fliehen voreinander.
Doch einer hatte kein Auge für diese überaus melancholische und bizarre Welt. Atemlos hockte er geduckt auf dem Holzboden und sog den Geruch nach ausgedörrtem Holz tief in seine Lungen, nachdem er sich hierher geflüchtet hatte, indem er unter großer Mühe und Anstrengung die Hauswand erklomm und dann, mehr ungeschickt das geborstene Fenster unter dem Giebel ausnutzen mußte, um sich seinen Verfolgern, wie er annahm und hoffte, endgültig zu entziehen.
Der Mob hetzte ihn. Der gefräßige Urschlitten der lynchenden Menschheit war hinter ihm her. Der hatte sein Opfer noch so oft und beinahe jedes mal bekommen können. Ausgerechnet ihn jagten sie und soweit er es überblicken konnte, nur ihn. Die Situation war nicht so recht zu begreifen, er wollte jetzt nicht darüber nachdenken und konnte es auch gar nicht. Die Zeit hierzu fehlte ihm und das Verständnis ging oft mit der Zeit im Einklang, so daß er die Dinge, die er nicht intuitiv erfassen konnte und die nicht der Inspiration entsprangen, auf eine Zeitrechnung legte, die für oder wider ihn zu laufen schien. Schöner Schein. Er wußte nun, wie sich ein Fuchs fühlen mochte, dem mehr als Zwanzig Reiter folgten und die nur ihn auf dem Speiseplan der Begierde stehen hatten. Doppelt so viele Hunde fetzten durch das Unterholz und überall, wo Reinecke sich auch blicken ließ, warteten sie schon auf ihn. Der Fuchs konnte sich das genauso wenig erklären denn wie Pilgrim blieb ihm nicht die Wahl, darüber nachzudenken, weil es schlicht und einfach zu nichts führte. Wer der Rater war, gewann.
Während er nun in seiner Dachluke saß und zum erstenmal seit unbestimmter Zeit wieder zu Atem zu kommen schien, da dachte er daran, daß er es niemals glauben würde, daß er es für immer für einen Traum halten würde, daß er die Situation verspotten würde, in der er selbst steckte und daß dies alles nichts half, denn ob er es glaubte oder nicht schien allen Beteiligten ziemlich egal zu sein.
Er hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb gerade er der hunderste Anrufer gewesen sein sollte. Wenn es darum ging, etwas zu gewinnen, gehörte er eindeutig zu den Verlierern. Gewinnen, das war etwas für eine unfaßbare Elite, die sich das Schicksal zusammenklabasterte nach unbestimmten und undurchschaubaren Vorlieben. Er hätte natürlich nichts dagegen gehabt, wenn Fortuna wirklich eines Tages bei ihm vorbeigeschaut kam um ihm mit einem glühenden Lächeln zu gratulieren. Eine Million, mein Lieber, es ist eine Million! Ein Haus, mein Lieber, es ist ein Haus! Derlei. Auf diesen Gewinn aber, den er immer noch für einen schlechten Scherz hielt, wollte er mit Haut und Haaren verzichten. Hört auf mit der Scheiße! Wie viel wollt ihr, daß es zu Ende ist?
Der hundertste Anrufer! Wie viele Menschen mußten täglich einen hundertsten Anruf bei einer Firma tätigen, einem Amt, einer Privatperson! Ein an sich unbedeutender Augenblick im Spiel der Statistik, der niemals enden konnte und von dem doch die Mehrzahl nichts wußte, weil es niemanden interessiert, ob und in welchem Zeitraum man nun der hunderste Anrufer gewesen ist. Der hundertste Anrufer in diesem Zeitraum, der hundertste Anrufer bei dieser neuen Nummer, bei dieser neuen Firma, an diesem neuen Telefon, bei der neuen Sekretärin, im neuen Sprechzimmer... Ein dumpfer Schicksalsmoment, der sich noch nicht einmal durch ein Husten äußerte, seltener aber noch durch einen damit verwobenen Gewinn, einer wirklich tragenden Sache vielleicht.
Pilgrim blickte zaghaft aus dem zerborstenen Fenster auf die daliegende Straße und sah zu seiner Erleichterung niemanden. Hier konnte er nicht bleiben. Er mußte aus der Stadt heraus! Sie mußten ihn, wenn auch nicht jetzt, so doch in absehbarer Zeit, entdecken. Die ganze Stadt war hinter ihm her, soweit sie ihn kannten und das waren viele, denn man hatte Bilder von ihm herumgereicht, Bilder auf denen er sehr schlecht getroffen war und wie er längst nicht mehr aussah. Sie wollten, daß er seinen Gewinn annahm. Rückgabe ausgeschlossen, umtausch ausgeschlossen, der Rechtsweg sowieso. Niemand wollte es recht verstehen, warum er sich plötzlich aus dem Staub gemacht hatte und das schien auf Pilgrim am befremdlichsten zu wirken. Das Leben hatte sich schlagartig verändert und alle Regeln schienen außer Kraft zu sein. Die Regel, daß man gerne gewann. Die Regel, daß man sich freute, die Regel, daß man vor einem Gewinn nicht flüchten mußte. Die Regel, daß, wenn man den Gewinn zurückwies, einem nicht die Empörung einer ganzen Stadt danieder warf.
Er erinnerte sich nur noch vage, warum er dort angerufen hatte. Die Bruchstücke seiner Erinnerung tanzten. Es ging um einen neuen Anschluß für´s Telefon. Eine wunderbare Firma, neu und mit Leistungen jenseits aller Konkurrenz. Telekommunikation von ihrer stärksten Seite. Sie telefonieren und sparen dabei Geld. Vielleicht gewinnen Sie ja auch etwas...

"Jawohl, Sie sind es! Sie sind es! Darf ich ihren werten Namen erfahren?" krakeelte es aus der dünnen Leitung. Ein Tusch war abwegig verzerrt im Hintergrund auszumachen, Pfeifen und Tröten.
"Ich weiß nicht, ob ich gerade richtig bin, es geht mir um..."
"Sie sind richtig! Sie sind richtig! Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie sind der Gewinner unseres Telefonspiels! Sie sind der EINHUNDERTSTE ANRUFER! Was sagen Sie! Was sagen Sie! Könnten Sie mir bitte ihren Namen geben?"
"Ich... aber eigentlich..."
"Wir kümmern uns darum! Wir kümmern uns darum. Sagen Sie uns, wie Sie heißen, wo Sie wohnen, alles weitere geht ihnen schriftlich zu. Wenn Sie geschäftlich mit uns sprechen wollen, können Sie das ja immer noch tun!"
"Es geht nämlich um einen neuen Anschluß.."
"Geschenkt. Kriegen Sie. Überhaupt keine Sache. Ihr Name?"
" Pilgrim Horakutt... sagen Sie..."
" Adresse?"
" Vierader Weg 23. Was habe ich denn gewonnen?"
" Es geht ihnen zu. Sie werden überrascht sein. Darf ich Sie jetzt schon beglückwünschen? Darf ich das? Darf ich das? Sie ehrenvoller, ehrenvoller, ehrenvoller Mensch. Ich freu´ mich, ich freu mich, wir freuen uns alle! Alle! Alle! Einen wunderschönen Tag noch wünscht ihnen die Belegschaft der TELEMACHIE. Wiederschauen, Herr Horakutt. Auf wiederwiedersehn!"
Wie ein verschreckter Hund starrte Pilgrim den Telefonhörer in seiner Hand an.
Aufgelegt. War das möglich? Hatte er sich verhört? Er steckte sich erste einmal eine Zigarette an, griff erneut zum Hörer und wollte seine Frau erreichen, die in einem Modegeschäft um die Ecke arbeitete. Besetzt. Die haben mich gar nicht angehört! Dachte Pilgrim, dem trotz der Aussicht auf einen Gewinn, womöglich eine Reise für zwei Personen, ein immer größer werdender Kloß im Hals steckte und dort verblieb, so daß er sich in einer Tour räuspern mußte und dabei im Zimmer auf und ab lief. Dann ging er noch einmal zum Telefon und drückte die Taste für Wahlwiderholung. Rate mal, was mir soeben passiert ist! Du wirst es nicht glauben, du glaubst es nicht, als ich vorhin bei TELEMACHIE anrief, du weißt schon, diese neue Firma... Besetzt.
Pilgrim legte den Hörer auf, nahm seine Jacke und verlies das Haus. Würde er eben vorbeischauen. Würde er eben einen Spaziergang machen. Komm gleich mit, wir machen Urlaub! Wir gewinnen ein Haus! Wir haben ein Auto gewonnen!
Als ihm auf der Straße der Frühling ins Gesicht leuchtete, konnte er sich selbst die Neugierde nicht mehr verbergen und er hätte gerne jetzt schon gewußt, in welche süße Falle er da getappt war und er dankte seinem Telefonanschluß, veraltet und zu nichts mehr zu gebrauchen in den Zeiten der schnellen Kommunikation. Anschluß, Fax, Modem... Gewinn!
Er überquerte die Bankertstraße und bog in den Klirrenshof ein, der direkt zum Langenbachweg führte, wo sie die neue Fußgängerzone schon beinahe fertig hatten. Lange konnte es nicht mehr dauern und selbst Pilgrim, der wenig Ahnung von Stadtbildern hatte, schien sie wunderschön zu werden und mühevoll angelegt. Es war ein Glück für Ida, daß der Laden, in dem sie arbeitete, direkt in der Zone erhalten blieb. Der Umsatz würde sich vervielfältigen. Kleine Preise würden noch kleiner werden und Kleinstpreise würden sich atomisieren. Auf einmal kam ihm alles wie ein Wunder vor. Gestern noch war Alltag und heute schon begeisterte er sich bereits für die Baustelle einer Fußgängerzone und den Laden für Stoffetzen zu atomisierten Preisen. Seine Frau hätte das natürlich Qualitätsmode für wenig Geld genannt.
Als er die Baustelle entlang lief, wo man bereits die Grünpflanzen zu setzen begonnen hatte, riß ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. "Pilgrim!" Die Stimme winkte und entpuppte sich als Marie aus der Nachbarschaft, die ihm mit Einkäufen beladen entgegenkam.
"Marie! Wie geht´s?"
Sie nickte fleißig und klopfte ihm, statt ihm die Hand zu geben auf die Schulter. "Ich hab´s gehört! Ich hab alles gehört!" Anstelle noch irgend etwas zu sagen und vor allem, verlauten zu lassen, was sie denn gehört hatte, machte sie sich weiter auf den Weg und das sah ihr nun gar nicht ähnlich, war sie doch die größte Plaudertasche in der ganzen Straße. "Wir alle sind stolz auf Sie!" Sie winkte noch einmal und ließ Pilgrim ziemlich verdutzt dreinschauend einfach stehen.
"Marie...!" Pilgrim zuckte mit den Schultern
"Ich muß leider. Hab´s eilig!" Wieder hob sie die freie linke Hand, drehte sich aber nicht mehr zu ihm um.
Ich hab´s gehört. Woher? Vor einer viertel Stunde hatte er es selber erst erfahren. Das ist vermutlich das Geheimnis einer jeden tratschenden Gazette. Dachte Pilgrim. Ein Geheimnis, das ein normalsterblicher niemals aufdecken würde. Etwas wie eine Kristallkugel, die von der Hauptzentrale der tratschenden Weiber an alle Mitglieder kostenlos vergeben wurde wenn man soundsoviel Punkte im Jahr machte. Diese Frauen wußten, wann man etwas schlechtes gegessen hatte, wann der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand und mit wem man telefonierte... um etwas zu gewinnen!
Vermutlich hätte er sich den Weg zu Ida sparen können, denn ein weiteres Geheimnis der tratschenden Clique war es, die neuesten Informationen so schnell wie möglich unters Volk zu mischen, damit jeder wußte, wer es zuerst wußte. Das Geheimnis, wie man Punkte sammelte um eine Kristallkugel zu bekommen, einen neuen Kaffeesatz oder eine komplette Observieranlage!
Pilgrim stand vor dem Laden. Im Schaufenster stand Klick Klack Mode zu kleinsten Preisen. Atomisierte Preise! dachte Pilgrim und wollte die Tür öffnen. Er wäre fast dagegen gerannt. Die Tür war verschlossen. Erstaunt trat er einen Schritt zurück. Nirgendwo war ein Schild zu erkennen, der das bestätigen hätte können. Nur die übliche Tafel mit den gewöhnlichen Öffnungszeiten hing in der Tür. Es war noch nicht einmal halb zwölf! Kein Grund, den Laden zuzumachen. Alle Läden hatten trotz Baustelle offen und die Straße war belebt wie eh und je, weil man einen Steg für die Bürger dieser Stadt gebastelt hatte, der über den Schotter führte. Pilgrim sah sich um und beschloß dann, gegenüber im Penny-Pub vorbeizuschauen, um nachzufragen.
"Tut mir leid. Wirklich keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob dieser Laden heute überhaupt schon offen war." Sagte die blonde Bedienung und hob die Schultern.
"Aber meine Frau arbeitet da drin."
Die Blonde schenkte ihm ein vielsagenden Lächeln, das bedeuten konnte, er hätte eben besser auf sie aufpassen sollen, so daß es ihm schon wieder peinlich wurde. Pilgrim bedankte sich und verlies den Pub. Auf der Straße warf er noch einmal einen Blick auf die geschlossene Tür. Klick Klack. Atomisierte Öffnungszeiten. Er befragte einen fettbäuchigen Arbeiter, der gerade einen Farn in den Händen trug, ob der Laden schon den ganzen Vormittag geschlossen wäre, doch der konnte sich an nichts erinnern und weil Pilgrim keine Lust hatte, noch dümmer dazustehen, ging er wieder nach Hause, um dort einfach nur zu warten. Es war besetzt! Und wenn besetzt ist, heißt das, jemand ist da! (Oder der Hörer sitzt nicht richtig im Sattel oder der Anschluß ist kaputt).
Marie beobachtete sein Kommen und als Pilgrim wie zufällig einen Blick zu ihrem Fenster warf, bewegten sich die Gardinen in verräterischer Weise.
In der Wohnung angekommen, rannte er schon beinahe zum Telefon um die Wahlwiederholung zu drücken. Er war nervöser als noch vor einer Stunde. Nervös wegen seiner seltsamen Nachbarin, nervös wegen Klick Klack, Prozente und niedrige Preise, dem geschlossenem Laden, in dem seine Frau heute nicht arbeitete. Es war nicht besetzt, allerdings ging auch niemand ran. Nachdem das gleichmäßige Zeichen in ein hektisches übergegangen war, um zu demonstrieren, niemand würde mehr ans Telefon kommen, egal wie lange er noch daran glaubte, starrte Pilgrim den Hörer an und legte ihn langsam zurück auf die Basis.
Warten. Er würde einfach nur da sitzen und warten. Irgendwann mußte Ida ja zurückkommen. Wer sagte denn, daß die Gründe, die er sich jetzt ausdenken mochte, tatsächlich wahr wären? Solange er nichts besseres wußte, war sie eben irgend etwas erledigen. Aber sie arbeiten zu zweit da! Sagte eine Stimme in seinem innern. Kein Laden wurde geschlossen, nur weil jemand um die Ecke einen Sandwich besorgte... nur weil man zu zweit um die Ecke einen Sandwich besorgte!
Er konnte nicht anders und nahm erneut den Telefonhörer in die Hand. Er würde Marie anrufen. Seltsam, wie sie sich benahm, - wußte sie vielleicht etwas? Ich habe alles gehört! Genau! Sie hatte alles gehört, sie hatte eine Kristallkugel und wußte einfach alles! Die Nummer war leicht zu finden. Unter H, wie sein Name, in der gleichen Straße, in der gleichen Stadt. Es läutete viermal.
"Honem!" eine Männerstimme.
"Ja, Hallo Max... hier ist..."
"Pilgrim? Sind Sie das? Ich habe alles erfahren und ich muß ehrlich sagen... Mannomann..."
"Ja, ich bin es und ich..." im Hintergrund wurde eine Stimme laut, es raschelte am Telefon und es wurde gesprochen. Marie sagte irgend etwas und dann war wieder Max zu hören. " Entschuldigen Sie mich einen Moment, ja?"
Pilgrim nickte am Telefon. Wieder hörte man eine hitzige Diskussion, es raschelte erneut und plötzlich wurde ohne ein weiteres Wort aufgelegt.
"Ich fasse das nicht!" murmelte Pilgrim und seine Hand begann leicht zu zittern. Er legte auf. "Ich kann das nicht begreifen! Was geht hier vor?" Niemand antwortete.
In Gedanken versunken, ging er in der Wohnung auf und ab. Jetzt machte ihm das Warten zu schaffen, die Zeit verging träge und er wußte sich keinen Rat mehr, zündete sich eine Zigarette nach der anderen an und sah alle zwei Minuten auf die Uhr neben dem Nordfenster. Er überlegte sich gerade, ob er nicht vielleicht persönlich bei Max und Marie vorbeisehen sollte, obwohl das wahrscheinlich nichts brachte- sie würden ihn einfach draußen stehen und klingeln lassen und wenn er lautstark rief, die Polizei holen. Unser Nachbar hat den Verstand verloren. Er steht vor unserem Haus und klingelt und schreit, obwohl er doch eigentlich zufrieden sein könnte, er hat eine Reise auf den Mars gewonnen, seine Frau erledigt noch gerade eine Kleinigkeit, aber er konnte ja das Schnüffeln nicht lassen und, tja, plötzlich ruft er hier an und fünf Minuten später steht er hier und kreischt und klingelt und klingelt und kreischt!
Plötzlich hörte er ein Geräusch an der Eingangstür. Irgend etwas wurde durch den Briefschlitz geschoben. Die Post war schon durch, es mußte sich um etwas anderes handeln. Nervlich angespannt, wie er war, riß er mit einem Ruck die Tür auf, aber da war niemand. Nicht links, nicht rechts, nur der große braune Umschlag mit der computerbedruckten Adresse und dem Emblem der Firma TELEMACHIE steckte wie ein dicker Käfer im Schlitz der Tür. Pilgrim nahm ihn an sich und trottete ins Wohnzimmer zurück, warf einen Blick auf die Uhr und setzte sich. Ein privater Bote! Ich habe gewonnen und sie können nicht bis morgen warten, mir alles weitere zu erklären! Er betrachtete den Umschlag.
Gewinnunterlagen sind vertraulich zu behandeln.
stand in Arial G2 Lettern am linken oberen Rand, rechts unten sein Name und seine Adresse. Keine Briefmarke. Pilgrim riß den Umschlag mit den Händen auf und mehrere zusammengehefteten Seiten kamen zum Vorschein. Herzlichen Glückwunsch! Konnte er lesen und: die Bewohner dieser Stadt sind stolz auf Sie! Ein Bild der fertigen Fußgängerzone war ebenfalls in Form einer Farbkopie beigefügt. Es mußte sich um ein Modell handeln oder um eine Fußgängerzone in einer anderen Stadt. Einer identischen Fußgängerzone. Er ließ die Seiten durch seine Finger gleiten, wie man ein Prospekt überfliegt um sich einen groben Überblick zu verschaffen. Die Farbe wich nur langsam aus seinem Gesicht, als er einen Absatz las, der einen Gewinn festlegte. Pilgrim sprang auf und wußte zunächst nicht, ob er nicht mehr bei Sinnen war oder ob er sich verlesen hatte. Er begriff die Worte nicht, obwohl sie in einwandfreiem deutsch dort standen. ...freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, Sie am 1. Mai in unserer Hotelsuite im Braunen Hof zu empfangen, die wir für Sie haben reservieren lassen. Sie werden dort die Nacht in einem Luxuszimmer verbringen und des weiteren stehen viele aufregenden Entdeckungen für Sie bereit. Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr findet Ihre öffentliche Hinrichtung zur Eröffnung unserer Fußgängerzone statt...
...Sie zum Ehrenbürger ernennen und Ihnen eines der schönsten Begräbnisse der Stadtgeschichte bescheren...
Pilgrim atmete schwer. Das Pamphlet glitt ihm aus der Hand und der Raum begann sich immer schneller zu drehen. Er zwang sich, sich zu setzen und begann abrupt zu lachen. Ein Scherz! Ich bin einem blöden Scherz auf den Leim gegangen! Irgendwo ist diese verdammte Kamera und filmt mein entsetztes Gesicht und Ida ist dafür verantwortlich! Natürlich wußte Marie davon und hat es nun Max erzählt und wer weiß noch wem alles. Pilgrim klatschte sich mit der flachen Hand auf die Stirn. "Ihr könnt rauskommen. Ich habe euch entlarvt!" rief er in die leere Wohnung und hielt Ausschau nach der Kamera. "Ihr habt mich drangekriegt und es war wirklich ein guter Einfall... Ida! Ich weiß, daß du es bist... komm raus!"
Immer noch suchend ging er von Zimmer zu Zimmer, spähte hinter Türen und sogar in den großen Wandschrank im Schlafzimmer und obwohl er erleichtert wirkte, dachte er daran, daß sie immer herauskamen, wenn sie entdeckt waren. Was sollte das noch. "Geht es etwa noch weiter?" rief er in die Stille und erntete keine Antwort. Pilgrim nahm noch einmal die Nachricht auf und las genauer. Man hatte sich sehr viel Arbeit mit diesem Scherz gemacht und einen kurzen Moment war er wirklich erschrocken gewesen. Da stand sogar, daß man es mit der Landesregierung abgeklärt hatte und daß es keinerlei Probleme geben würde. Sanktioniert und Abgestempelt, sozusagen, unterschrieben und mit dem Vermerk: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen! An alles hatte man also gedacht, um ihm einen Schrecken einzujagen. Gut, er würde mitspielen, er wollte kein Spielverderber sein, setzte sich auf die Couch und wartete auf Ida.

Er hatte den Nachmittag ruhig zugebracht, einen Tee getrunken und etwas in einem Buch geschmökert. Die letzte Zeit kam er überhaupt nicht mehr dazu und er wollte unbedingt wissen, wie Grenouille es anstellen würde, sein letztes und vollständigstes Parfum zu bekommen. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab, irgend etwas schien ihn zu beunruhigen an diesem Spiel und er fragte sich, wie Ida hatte wissen können, daß er heute bei TELEMACHIE anrief. Sie hatten sich nicht darüber unterhalten. Pilgrim klappte das Buch zu.
"Sie hat es nicht wissen können!" sagte er laut und blickte auf die Uhr. Es war schon nach sechs. Ida würde jeden Moment nach Hause kommen, dann konnte er sie fragen, dann würde er sie fragen, denn irgend etwas stimmte nicht. Er hatte dieses Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmte.
Als die Zeiger der Uhr kurz vor sieben anzeigten, machte sich eine große Unruhe in ihm breit und er konnte weder ruhig sitzen noch wußte er, was er jetzt tun sollte. Ida kam nie so spät nach Hause und wenn, dann hätte sie ihn vorher angerufen. Der Laden schloß um sechs (außer an den Tagen, wo er gar nicht erst öffnete) und zu Fuß war es nicht mehr als eine Viertelstunde. Pilgrim stürzte zum Telefon, wählte die Nummer und hatte genauso viel Erfolg wie schon einige Male zuvor. Es ging niemand ran. Ohne abzusetzen wählte er die Nummer von Marie im Haus gegenüber aber auch da ging zunächst niemand hin. Er lies es läuten und als er schon auflegen wollte, meldete sich die Stimme von Max: "Hallo...?"
"Max, ich bin..." (Klick) "...es." Voller Zorn schlug er den Hörer auf die Gabel. Was um alles in der Welt hatte das alles zu bedeuten? Wie ein wildgewordener Stier rannte er in der Wohnung auf und ab und brabbelte etwas stinksäuerliches vor sich her. War die Welt verrückt geworden? Wo war Ida? Sollte er die Polizei-? Nein, der Gedanke schien ihm zu absurd. Sie würden ihm sagen, daß Ida vermutlich mit einer Freundin etwas trinken gegangen war... Viona! Er würde es bei Viona probieren. Wenn Ida sich irgendwo aufhielt, dann bei ihr. Schulfreundin und so weiter. Pilgrim kramte im Notizbuch neben dem Telefon und fand die Nummer auf Anhieb. Geladen wie er war, mußte er die Nummer noch einmal eingeben, weil es keinen Anschluß unter seiner gewünschten Nummer gab. Dann endlich... war der Anrufbeantworter am Apparat: "Halli Hallo! Das ist zwar meine Stimme, ich selbst bin aber im Moment nicht zu Hause. Wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, dann wissen Sie ja, daß Sie erst nach dem Pfeifton sprechen sollten. Tschau." Das müde Pfeifen ertönte.
"Ja, Viona! Ich bin es, Pilgrim. Hör zu... ich habe da ein kleines Problem. Ida ist verschwunden und im Laden war sie heute auch nicht. Überhaupt ist einiges sehr merkwürdig. Ruf mich bitte dringend an!" Er legte auf und dachte nach. Seine Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Zu gerne hätte er jetzt noch einmal bei TELEMACHIE angerufen, nur um irgend etwas zu tun, aber dafür war es jetzt natürlich zu spät.
Nach einer unruhigen und halbwegs schlaflosen Nacht, in der er immer wieder aufgeschreckt nach der leeren Bettseite tastete, quälte er sich um sieben Uhr morgens mit bleiernen Gliedern aus dem Bett. Niemand hatte ihn angerufen. Ida war nicht gekommen, die Nachbarn verhielten sich seltsam und er hatte eine Hinrichtung gewonnen. Entweder machte er sich hier gerade zum totalen Affen oder er verstand die Welt nicht mehr. Pilgrim schlurfte in die Küche und brühte sich einen Kaffee bevor er den Hörer abnahm und die Nummer seiner Telekommunikationsfirma wählte. Natürlich war noch niemand außer dem Anrufbeantworter im Büro, also wählte er die Nummer der Polizei. Er schilderte knapp. Daß er seine Frau vermißte und was er von seinen Nachbarn dachte.
"Da können wir Ihnen leider nicht behilflich sein. Das ist eine Sache, die uns nichts angeht."
Pilgrim glaubte, sich verhört zu haben. "Wie meinen Sie das, es geht Sie nichts an?!" schrie er ins Telefon.
"Nun mal sachte. Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen. Sie sind schließlich ein glücklicher Gewinner oder sind Sie das etwa nicht?"
"Was zum Teufel... Woher..."
"Stellen Sie sich nicht zu viele Fragen. Ihrer Frau geht es gut und Sie sollten sich ebenfalls noch zwei ruhige Tage im Hotel gönnen, bevor Sie Ihren Gewinn einstreichen."
"Aber ich... Sie sind doch die Polizei!"
"Ich weiß, daß wir die Polizei sind und unser Rat ist: Bleiben Sie zu Hause und warten Sie auf die Limousine. Haben Sie das verstanden?"
Pilgrims Hände zitterten und der Hörer wäre ihm beinahe aus der Hand gerutscht. In Zeitlupentempo legte er ihn auf und starrte ins Nichts. Am Rande hörte er noch die Abschiedsfloskel des Wachtmeisters.
Ihrer Frau geht es gut. Hatte er gesagt. Sie ist bei uns sicher und Sie werden schon in ein paar Tagen hingerichtet sein, dann kommt sie wieder nach Hause.
Fügte er in Gedanken hinzu und näherte sich langsam einer Ohnmacht. "Was geht hier vor?" murmelte er noch einmal und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Polizei wußte bescheid. Ich hab´s gehört! Ich hab alles gehört!
In der Telekommunikationsgesellschaft mußte er es diesmal nicht sehr lange läuten lassen, dann wurde abgehoben.
"Hören Sie, hier ist Pilgrim Horakutt und ich möchte Ihnen mitteilen, daß ich an Ihrem Gewinn nicht interessiert bin; was immer Sie sich dabei gedacht haben, es war ein feiner Scherz, aber jetzt möchte ich doch bitte wieder etwas Normalität, wenn das in Ordnung ginge."
"Guten Morgen, Herr Horakutt. Schön Sie zu hören, wirklich schön, Sie zu hören. Sie sind nicht zufrieden? Wie kommt das? Die ganze Stadt bewundert Sie! Rückgängig machen? Es gibt nichts Rückgängig zu machen. Das geht nun mal nicht, alles ist in die Wege geleitet, verstehen Sie?"
"Das ist mir verdammt noch mal egal. Ich möchte, daß meine Frau auf der Stelle nach Hause kommt und verlange augenblicklich das Ende dieser Scherze! Und hören Sie auf damit, jedem davon zu erzählen und mich zum Idioten zu machen!" Pilgrim erwähnte, daß er sich keineswegs durch den Anruf, der ja unwissentlich gegenüber eines Gewinnspiels erfolgte, allein schon für den Gewinn qualifiziert habe und man erklärte ihm daraufhin, daß ihn sehr wohl allein schon sein Anruf zu einem Teilnehmer am Spiel machte. Hätte doch nicht anrufen müssen.
Nach diesem Telefonat hielt er das Ganze nicht mehr nur für einen Scherz, sondern für ein Komplott. Seine Gedanken verirrten sich in nicht deutbare Regionen, die nichts mehr eindeutig definieren konnten als ein dunkles Auto vorfuhr, dessen Motor selbst zu schnurren schien: Du hast gewonnen! Du hast wirklich gewonnen! Pilgrim wußte, daß sie ihn jetzt holen würden, war man doch auf dem besten Weg, die Schlachtung und damit die Einweihung der Fußgängerzone nicht rechtzeitig beginnen zu können, weil man schon vermutete, er würde sich durch Flucht der Gewinnannahme entziehen. Es gab also keinen Zweifel und es hätte keiner zusätzlichen Erklärung mehr bedurft als es nun begann, fürchterlich zu läuten und gleichzeitig zu klopfen, wobei sein Name beinahe von diesem Orkan verprügelt wurde, den sie hinzufügend riefen. Stocksteif geworden stand er da. Wie ein Kaninchen im plötzlichen Lichtkegel einer seltsamen und vor allem schnellen Schlange, die keine Schlange war. Spiel, das kein Spiel mehr war. Pilgrim wußte, daß er sich augenblicklich bewegen mußte, wenn ihm sein Leben lieb war. Da floh er.
Da hetzte er, durch ein Fenster entkommen, durch die Gassen und Gärten, kannte seine Wege nicht, wand sich über Hindernisse einen eloquenten Weg, nur weit fort von seiner Wohnstraße und den Besuchern, die ihm die frohe Botschaft des Gewinns persönlich überbringen wollten. Kommen Sie mit uns mit uns ins Hotel Brauner Hof und essen Sie, soviel sie mögen und können und trinken sie sich satt am Labsal wahrer Freudenbrunnen und werden Sie der Ehrenmann, der Ehrenbürger sowieso und lassen Sie ihr Leben!
Da brannte er im innern seiner wie Schüsse knallenden Absätze auf Asphalt. Hall um Hall war es ihm wie ein Tosen und seine Ohren verwandelten sich in feine und allerfeinste Organe. Die Struktur der Auflösung seiner Nerven war geschaffen. Pilgrim kauerte sich hinter eine Regentonne, die nahe an einer Gartenanlage stand und wußte, daß dies nicht die Lösung für ihn sein konnte. Er war ein Stückchen aus der Stadt herausgerannt, wollte von niemandem erkannt und beglückwünscht werden, vor allem aber wollte er nicht in ein Hotel gebracht werden um dort wie ein König zu Tafeln. Luft, das wollte er zurückbekommen und einen klaren Verstand. Den hatte er gerade nicht, weil ihm schon die Ausgangssituation unvernünftig und grotesk vorkam. Flucht, das war ein starker Gedanke, weil es eben kein Gedanke, weil es eben ein Instinkt tief in der Triebfeder eines jeden Geschöpfes blieb. Kurz schossen ihm Funken durch den Kopf. Diese brachten Bilder mit, als seine Gattung noch mit Keulen jagte und Prometheus mit seinem Feuer sich noch lange bitten lies. Flucht war der Alleinbegriff des Überlebens. Dachte er sich. Flucht vor der Schlachtbank. Flucht vor der Fußgängerzone. Flucht vor dem Komitee. Mußte er nun sein ganzes Leben auf der Flucht verbringen? Wie ein Ausgestoßener leben? Zur Polizei konnte er nicht gehen, vermutlich mußte er erst einmal aus der Stadt heraus. Ja, er mußte in eine andere Stadt gelangen. Dieser Gedanke schien ihm vernünftig. In der Zwischenzeit war ein weiterer Tag beinahe an seinem Ende angelangt und er würde noch etwas warten um im Schutze der Nacht endgültig zu verschwinden. Er erhob sich gerade hinter seiner Tonne und streckte die Arme in die Luft als er den Pöbel auf sich zurasen sah. Pilgrim traute seinen Augen nicht, es waren eine Menge Leute und ein Jeder trug eine Gerätschaft mit sich, die sich in die Klasse der Stricke, Fesseln und Ketten oder der Schlagstöcke, Eisenrohre, Spaten und sogar Äxte einteilen ließen. Fackeln trugen sie beinahe alle und im leichten Laufschritt, der sehr elegant wirkte, tanzte der Feuerkern unmerklich auf und ab, die Flamme hinter sich her ziehend.
Die ganze Stadt war auf den Beinen. Sie bezichtigten ihn allein als Gewinner und wenn er es nicht besser wüßte, käme er sich vor wie eine Gestalt Kafkas in einem Alptraum. Aber es war ein Alptraum! Die Wahrheit ist ein Alptraum!
In einem plötzlichen Anfall brachte Pilgrim seine Beine unter Kontrolle und nahm den ungewohnten Schrecken einfach mit auf Reisen, der in einer schwerwiegenden Anteilnahme seiner Mitbewohner mündete. Nur um ein Haar konnte er diesmal entkommen, doch wie lange würde das nun so weitergehen? Kam er überhaupt in die nächste Stadt, die immerhin einige Kilometer in irgendeine Richtung entfernt lag? Wenn er erschöpft war, befand er sich sehr nahe an der Gefahr, weil er die Konzentration verlor. Er dachte nicht darüber nach, wohin er flüchten sollte, er flüchtete einfach und genau dies war das Problem denn er rannte in die Stadt zurück. Jetzt fühlte er sich nicht nur wie ein Kaninchen, jetzt war er ein Kaninchen und er fühlte sich klein und schutzlos, was noch zusätzlich zu seinem abrupt verzerrten Weltverständnis hinzukam. Dennoch gelang es ihm, eine unbeseelte Straße zu finden und mit ihr das Haus mit dem Dachboden, indem er sich jetzt gerade befand. Er hatte die Wand förmlich angesprungen und sich an der Dachrinne hochgezogen wie ein Wurm.
Als er sich nun auf der Dachkammer etwas umsah um einen weiteren Plan zu fassen, hörte er Trompetenstöße aus einer weiten Ferne die Luft erfüllen. Es waren mächtige Töne und auch wenn sie noch sehr weit entfernt schienen, konnte ein geschultes Ohr leicht erkennen, daß es sich um die Trompeten der Kavallerie handelte, die es in diesen Breiten niemals gegeben hatte. Pilgrim kannte das, was er zu hören bekam aus zahllosen Südstaaten-Dramen im Fernsehen und wie oft hatte sich Nostalgie in sein Herz geschlichen in Anbetracht eines freien Landes wie es Amerika einst gewesen sein mußte mit seinen unendlichen und noch nicht zubetonierten Weiten, als Washington selbst noch eine kleine Stadt gewesen war.
Zwar vertrat man dort Ansichten, die für einen Europäer nur schwer nachzuvollziehen waren und gerade deshalb, weil es ein neues Land war, weil es immer ein neues Land blieb, weckte es einen Instinkt, den man mit Freiheit definieren mochte. Ganz im Gegensatz zu seiner Wirklichkeit, die all sein Wissen und sein Vertrauen in eine gerechte Welt in den Manifesten erschüttert hatte. Er durfte nicht so sehr über das Wie und Warum nachdenken, weil er sonst auf der Stelle den Verstand verlieren müßte!
Wollte er nun hier stehen und ungläubig staunen, darüber nachdenken oder in Einfachheit weiter reagieren, auch wenn er schon längst nicht mehr begreifen konnte, worum es eigentlich ging und wie so etwas möglich sein wollte. Es standen einige Kisten auf dem Dachboden herum, aber er suchte nicht nach einem Versteck sondern nach einem anderen Ausgang als es das Fenster war. Den gab es, wie er einsehen mußte, nur nach unten, was ihn sehr beunruhigte, so daß sich eine Gänsehaut vorbereitete, ihn für immer mit Grauen zu überdecken, ging es ihm doch wie den meisten Katzen, die zwar einen Baum mit rasender Geschwindigkeit erklimmen konnten aber keine Möglichkeit mehr wußten, hinab zu gelangen. Dennoch ging er zur Luke um sie zaghaft zu öffnen, als er von unten herauf schon Stimmen dringen hörte. Türen wurden aufgestoßen, Schritte trampelten und er wich, sichtlich sehr erschrocken, zurück noch bevor er den Stahlring berührt hatte. Ging alles so schnell zu Ende? Wußte man, wo er sich befand oder suchte man noch nach ihm? Hatte er geglaubt, schneller sein zu können? Nun, er konnte immer noch feierlich und stolz das Opfer antreten, ohne jegliche Dramatik. Der Pudding in seinen Knien befahl ihm das sogar. Er könnte die Luke aufreißen und rufen: Oh meine Häscher! Ihr ahnt ja nicht mein Glück, daß es gerade ihr seit, die mich geleiten. Entschuldigt mir das kleine Katz-und-Maus-Spiel, wenndoch, es war euer Nachteil nicht, habt ihr mich doch zur Einsicht meiner Pflicht, den Gewinn anzunehmen, gehetzt bis ich wirklich nicht mehr konnte. Jetzt noch zu zögern, falschen Stolz zu bewahren, hieße ja freilich, feige zu sein und ist in Feigheit eine stolze Flucht noch möglich? Seht ihr! So nehmt mich denn hin und faßt mich nicht wie einen Gefangenen, bin ich doch ein vom Schicksal gezeichneter Gewinner. Habt also Teil an mir!
Das aber tat er nicht, erkannte er doch, und mit ihm sein Pudding in den Knien, sein Grundproblem, nämlich nicht geopfert zu werden, damit nicht gelöst zu haben, ob er es nun in einem Anfall von Tapferkeit ertrug oder ob er schlotternd wie ein Hund geschleift wurde. Als er da stand und die halluzinatorische Verzweiflung ihm jegliches Gefühl für Zeit genommen hatte, bemerkte er noch das ruckartige nach-oben-schnellen der Luke und befand sich eben nicht weit der hereinströmenden Personen. Diese jedoch begnügten sich vorläufig damit, ihn starr und ohnmächtig und ohne Fluchtgedanken vorzufinden. Sie kletterten zur Gänze zu ihm herauf, begannen zu lächeln und in ihrem Gesicht lag das ganze Wissen, von Pilgrim gleich erkannt zu werden.
"Pilgrim!" sagte der erste von ihnen, der den als Pilgrim angesprochenen als seinen Bruder erkannte.
"Pilgrim!" sagte der zweite in einer dunklen und sonoren Stimme und es war sein Vater. Zu einer überraschten Reaktion war Pilgrim nicht mehr fähig, zu reden gar noch unfähiger. Die anderen erkannte Pilgrim nicht, wenn auch es überhaupt unklar schien, ob er überhaupt jemanden erkannte. Er wußte jetzt sehr viel mehr über das zoologische Verhalten der Menschen in Ausnahmesituationen und er wußte auf einmal, daß Angst einen Geschmack hatte und nicht nur nach sehr viel Schweiß roch.
"Pilgrim! Pilgrim!" riefen jetzt beide nicht ohne einen kleinen Hauch von Sorge in den Stimmen, die aus einem anderen Universum zu kommen schienen und die Watte um Pilgrims Ohren nur sporadisch durchdrangen. Einbildung nur? Holten ihn nun seine engsten Vertrauten zum Schafott? Genau das also taten sie und ihm wollte es erst ab dem Moment richtig begreiflich erscheinen, als weitere Mitglieder seiner Familie durch die offene Luke eindrangen und sogar den Mob mit den Fackeln angeführt hatten.. Vor ihm stand sein Vater, dem Bruder zunickend und ihn selbst mit einem zugekniffenen Auge musternd.
"Du willst uns also Schande machen!" begann er sogleich auszurufen und seine Stimme wollte Militärisch klingen. Sicher, da war er einmal gewesen, hatte aber nie Gelegenheit bekommen, einen Befehl zu geben. "Du willst also allen Ernstes einen Gewinn ablehnen, der uns allen", und er beschrieb eine Runde in die Familienbande, bezog zufällig einige Nachbarn mit ein, "zur Ehre gereichen würde? Du!" Und sein Zeigefinger schnellte auf Pilgrims Gesicht zu als wolle er durch ihn hindurchfahren und den Dachboden mit seinem Blut weihen und nicht erst warten bis übermorgen, bis morgen? Bis wann eigentlich? Der Finger blieb einen Finger breit vor seiner Nase stehen, sah aber nicht aus, als müsse er da stehen bleiben und könne jederzeit, wenn es die Situation erfordern sollte, weiter nach vorn rücken. Die Mitgekommenen sahen ihn auf Du! Böse an, doch weiter geschah nichts. Der Vater drehte sich verächtlich von ihm weg, sein Finger zitterte. Er begann ein Klagelied anzustimmen, begleitet von unstillbaren Tränen. Das Lied war das Grausigste, das Pilgrim jemals in seinem Leben zu hören bekam, vorgetragen von einem gebrochenem Mann mit tränenerstickter Stimme und so falsch die Töne anschneidend, daß es Schmerzen in den Hirnlappen verursachte. Alle Anwesenden lauschten andächtig der Litanei und waren ganz versunken in das Gezeter des großen Mannes, der seinen Sohn Heim zur Pflicht gemahnte, zum Wohle des Volkes, der ganzen Stadt. Pilgrim indessen, der berauscht von den Gesetzen des Absurden in seiner eigenen Welt verblieb, konnte eine neue Kraftquelle in sich aufsteigen spüren, als er erkannte, daß er wirklich dem blanken Wahnsinn gegenüber stand. Er nutzte die Gunst der Andacht, sich probeweise davonzustehlen. Der Bann war verschwunden. Zunächst wollte er herausfinden, ob man einer einzelnen seiner Bewegung folgen würde und bewegte dazu zunächst seinen linken Arm von unten nach oben und von oben wieder nach unten, einen Halbkreis in der Luft beschreibend und - Nein! Niemand achtete auf seine Übung. Alle summten die bizarre Melodie mit und hingen an den Lippen seines flennenden Vaters. Da versuchte er es mit einem Schritt. Erstarren! Ein Schritt. Still. Ein weiterer Schritt und er befand sich schon aus dem Gesichtsfeld seines Bruders, weil der hinter einem Trägerbalken stand und wie eine Marionette wirkte. Pilgrims Vater sang über sein Unglück, einen derart feigen Sohn zu haben, der vor seiner gewonnenen Schlachtung zu fliehen suchte, er flehte singend um Gnade.
Pilgrim zwängte sich gerade durch den einzigen Spalt, der ihm zur Verfügung stand um niemanden berühren zu müssen und streckte sein linkes Bein hakelnd nach den Treppenstufen aus, als die hypnotische Klage so abrupt endete, daß er beinahe stürzte. Ein Aufschrei fuhr durch die Verwandtschaft und es war sein Bruder, der ihn geistesgegenwärtig ergriff und schon die Hände in seine Kleider krallte. Pilgrim aber ließ sich fallen, da er ohnehin nur noch halbherzig stand, gerade so als sei er ein Sack und nur dadurch entschlüpfte er den starken Armen seines Bruders, der er zumindest einmal gewesen war. Pilgrim lies im Sturz nach unten nicht eine einzige Stufe aus und sie alle markierten seinen Körper an verschiedenen Stellen. Zuletzt schlug er mit dem Kopf an eine Werkzeugkiste, die am Fuße der Treppe jemand unachtsam hingestellt hatte. Er verlor das Bewußtsein auf der Stelle und merkte sich die Geschichte nicht weiter.

Als er würgend erwachte, befand er sich eingespannt in einem Pranger wieder. Die Hände waren ihm durch die gleichen Balken gesteckt wie es sein Kopf war. Auch das kannte er schon. Er kannte es aus Mittelalterfilmen. Er hockte auf den Knien und faßte den gigantischen Menschenauflauf ins Auge, die alle sehen wollten, wie er sein Leben für die Taufe der neuen Fußgängerzone gab, wie er sich als Bürger dieser Stadt an deren Verschönerung und an deren Tradition beteiligte und hierzu bis zum Äußersten ging. Er hatte gewonnen! Er und niemand anders! Rechts und links von ihm wurde getanzt in bunten Kostümen, Musik ertönte an allen Ecken, es roch nach Magenbrot und Wunderkerzen, Zuckerwatte wurde verteilt und so mancher naschte kandierte Mandeln. Für die Kinder waren Karussells aufgestellt und sicherlich fehlte es nicht an Eiscreme. Ein Volksfest war es und auch ein Mix aus altem Kostümfest und moderner Sensation. Pilgrim konnte sich kaum bewegen und der Schmerz, den er bereits jetzt in seinen Knien fühlte, stand dem in seinem Kopf in nichts nach.
Trompeten hoben an und vage erinnerte er sich an das Tönen der Kavallerie, die sich jetzt selbst ein Bestandteil der Festteilnehmer verstand. Pilgrim konnte sie in Reih und Glied auf ihren Pferden sitzen sehen mit ihren blauen Kostümen und den Musketen über den Rücken geschnallt. Die Pferde stanken und erinnerten ihn an den nahenden Tod. Tod. Dieses Wort hielt er noch etwas länger in seinen Gedanken fest und obwohl er wirklich wußte, daß es kein Traum war, würde er sterben ohne es richtig begreifen zu können. In welchem Jahrhundert leben wir? Telekommunikation und Pranger! Kavallerie und Fernsehen! Seltsamerweise fühlte er keine Angst, nur Unverständnis, Schmerz und ein merkwürdiges Aufflackern von Sinnlosigkeit.
Die Trompeten (Fanfaren) hatten geendet, als der Bürgermeister der Stadt neben ihm auf die Bühne tänzelte. Es wurde nicht wenig Beifall zelebriert und es wurden sogar Blumen in seine Richtung geworfen. Er dankte der ganzen Stadt für ihr geschlossenes Auftreten und stellte Pilgrim vor. Drogen! Sie stehen alle unter Drogen! Schoß es ihm durch den Kopf. Sein Verstand wollte das Verhängnis verstehen können.
" ...noch lange erinnern werden!" sagte Bürgermeister Schnitthuber. "Als der einhundertste Anrufer bei unserem neuen Telekommunikationskonzerns TELEMACHIE, denen ich heute hier sehr herzlich für ihr Sponsoring noch einmal im Namen aller danken möchte, konnte Pilgrim Horakutt den stolzen Preis eines Ehrenbürgers entgegennehmen. Des weiteren gibt er uns zu diesem feierlichen Anlaß sein Blut und seinen Kopf, der natürlich einen Ehrenplatz in einer Panzerglasgesicherten Vitrine nahe der Stadtkirche bekommen wird. Beginnen wir, liebe Freunde, liebe Nachbarn und liebe Mitbewohner, die neue und außergewöhnliche Fußgängerzone der Gemeinde Ambrosia einzuweihen." Applaus setzte ein und die allgemeinen Rufe nach seinem Lebenssaft. Der Bürgermeister beugte sich zu ihm hinab und bedankte sich bei ihm, bevor er ihm einen Kuß auf die Stirn verabreichte. "Danke, mein lieber. Danke, danke, danke!"
"Ihr seit wahnsinnig!" krächzte Pilgrim
"Ich danke ihnen trotzdem," sagte Schnitthuber etwas ruppig und gab das Zeichen der Zeremonie. Pilgrim hörte einen Trommelwirbel dicht neben seinem linken Ohr und sein Herz begann sich zu beschleunigen. "Danke." Hörte er eine Frauenstimme und kurz darauf erkannte er seine Frau, die ein riesiges Hackbeil überreicht bekam und auf ihn zu kam. "Ida...!" Noch einmal wurde sein Herz schneller und seine Augen größer. Ida beugte sich zu ihm hinab und bedeckte sein schweißnasses Gesicht mit Küssen. Ein leises Kichern drang aus seinem Hals. "Ich wußte es... meine Güte. Das war der größte Schrecken meines Lebens!" Pilgrim wollte wie ein Wasserfall reden vor Erleichterung, als er erkannte, daß es sich doch um einen Scherz handelte, wie er besser nicht in Szene gesetzt werden konnte. Ida richtete sich auf und unter frenetischem Jubel rief sie: "Ich bin stolz auf dich, Liebling. Ich bin so stolz auf dich!" Und das meinte sie ernst. Man konnte es in ihrem Gesicht lesen, bevor sie die Klinge nach unten rasen ließ.



Michael Perkampus


Kommentare

Stefanie schrieb am 2006-05-19 17:22:36:
Die Geschichte erinnert mich inhaltlich stark an "Die Lotterie", Autor weiß ich leider nicht, die auch für das Marilyn Manson Video zu "Man that you fear" als Vorlage gedient hat.

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