Das Glas ist halb leer
von
Anastasia Nicolakis
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Ich sitze hier in meinem Stuhl und mache nichts.
Es gibt nichts zu tun.
Gelangweilt betrachte ich mein Glas mit Wasser. Es ist halb leer.
Ich rufe meine Frau, sie soll mein Glas auffüllen. Sie meint sie sei beschäftigt. Sie lügt. Sie will nur nicht. Sie will schon lange nichts mehr für mich tun. Im Grunde bin ich ihr nur noch eine Last. Eine Last auf die sie am liebsten verzichten würde. Ich frage mich was sie hier noch will. Liebe ist es wohl kaum. Eher Schuldgefühle. Eventuell Mitleid. Es ist mir egal. Eigentlich ist mir nichts mehr wichtig. Ich durchquere schwerfällig den Raum. Ungeschickt wie ich bin stoße ich an einem Regal an. Ein dumpfes Geräusch ertönt als ein Fotoalbum seinen Kampf gegen die Schwerkraft verliert. Ich hebe es auf. Es ist das blaue Album. Seit dem Unfall habe ich es mir nicht mehr angesehen. Ich schlage unbewusst die vorletzte Seite auf. Die Seite mit dem Bild das mir am meisten Schmerzen bereitet.
Es war ein sonniger Tag. Die Temperatur war genau richtig. Nicht zu heiß und nicht zu kalt.
Wir waren in unserem Garten. Nathan hatte sein erstes Basketballtrikot an und strahlte über das ganze Gesicht. Oh wie ich dieses Lächeln geliebt hatte. Es war das Lächeln eines Kindes das eine traumhafte Zukunft vor sich hatte. Nie hätte ich daran gezweifelt.
Bis zu dem Tag, an dem sich alles änderte.
Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen. Aber ich kann nicht. Niemand kann das. Leider. Am Anfang wollte ich es nicht wahr haben. Die Tatsache, dass ich ihm Krankenhaus lag war mir egal. Meine Frau Pam war mir egal. Nur er war mir nicht egal. Warum musste es ihn treffen? Warum nicht sie? Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Wir hatten unsere besten Tage schon hinter uns. Er nicht. Er hatte es nicht verdient.
An manchen Tagen hasse ich sie dafür. Ich schäme mich nicht für diese Gedanken. Auch wenn ich weiß, dass sie noch mehr leidet als ich. Schließlich erinnere ich sie täglich daran.
Ich sage es nicht laut. Meine Anwesenheit genügt. Der Rollstuhl genügt. Die Narbe in meinem Gesicht genügt. Trotzdem ist sie noch hier. Wegen ihrer Schuldgefühle. Schließlich war es ihre Schuld.
Ich weiß nicht wie lange ich es noch aushalte. Diese Ungerechtigkeit. Die Frage, warum genau ich? Wieso er? Und wieso nicht sie? Wieso ist das Schicksal so grausam? Was haben wir nur falsch gemacht? Wer hat das Recht uns so zu strafen? Und die entscheidende Frage, wann sehe ich ihn wieder?
Ich klappe das Fotoalbum zu. Ich stelle es zurück ins Regal und mache mich auf den Weg in mein Zimmer. Mühsam klettere ich in mein Bett. Auf meinem Nachtkästchen steht ein volles Glas Wasser. Ich öffne die Lade mit den Schlaftabletten. Seit dem Unfall schlafe ich sehr selten aus eigenem Antrieb. Der Arzt hat sie mir verschrieben. Ich bin froh darüber.
Ich nehme 2 Pillen, entscheide mich dann aber doch für 6. Ich will diesmal lange schlafen.
Mit einem Schluck Wasser spüle ich alle auf einmal hinunter.
Ich lächle ein letztes Mal bevor mich die Dunkelheit verschlingt.
Endlich.
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