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Kategorien > Alltag > Jugend

Das Griechische Theater

von ja...schon

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Exzessiv nannte man uns. Ungepflegt auch schon diverse male. Aggressiv waren wir manchmal. Doch wir haben schon immer nen Fick gegeben.
Da konnten die Leute sagen was sie wollten. Ich persönlich war glücklich so wie es war.
Grundvoraussetzung war nur, dass genügend Schnaps dabei war und wir unseres Alltags überdrüssig mal wieder schön am Wochenende auf die Kacke hauen konnten.
So war es auch diesmal als man in fröhlichster Runde in A.´s neuer Wohnung, eine recht heruntergekommene Bruchbude im nicht so behüteten aber lebendigen Teil der Stadt seine Freizeit feierte.
Was soll man sagen? Hauptsache warm, Unterhaltung in Reinform, vertreten durch die billigen Ausgaben von Jack Daniels, Jägermeister und der wertvollsten Unterstützung durch den Rest der Bagage.
„Prost ihr Fotzen“, ließ das laute Organ von A. verlauten, es war schon mindestens die 12. runde Kräuterlikör, und Glückseeligkeit machte sich breit.
Man hörte die „Doors“, redete von Ereignissen der Woche und was man in der Zeit so im „Spiegel“ gelesen hatte. Es entbrannte eine heftige Debatte über die Schichtverteilung der Gesellschaft und die allgemeine Ungerechtigkeit.
Es fallen Schlagworte, Prekariat, Proleten und Leblosigkeit der demokratischen Idee. Typisch eingebildete Säufer mit Abitur.
„Habt ihr das von Viktor gehört?“, meldet sich P. auf einmal zu Wort, „dem muss es richtig beschissen gehen, liegt im Krankenhaus. Jochbein und Nase durch.“
„Ja, du Depp ich war dabei.“ Das war L., der lauteste. „Die haben echt zu dritt auf ihn eingetreten.“ „Und was hast du gemacht? Zurückgelehnt, die Show genossen?“
„Halts Maul, was soll ich da machen? Das ging viel zu schnell. Außerdem hab ich die Bullen gerufen, ja.“ Aufgeweckter Junge, dieser Viktor. Lebendig, mit einem gewissen Grad an makaberem Humor versehen erheiterte er oftmals die ganze Gang.
Freunde fürs Leben, das waren wir alle und schworen es uns auch immer um nicht alleine und ohne den Schutz der Gruppe in dieser anonymen Welt zu Recht zu kommen. Jeder war fester Teil dieser Gruppe und man half sich wo man konnte, doch mit dieser Situation mit der die beteiligten am vorigen Wochenende zu kämpfen hatten, waren sie wohl insgesamt überfordert. „Der kommt schon bald wieder auf die Beine. Wurde am Donnerstag schon wieder entlassen.“ Und das nach zwei Operationen. Ne reife Leistung wie ich fand.
War auch irrelevant er lag auf jeden Fall flach an diesem Tag und war nicht Teil der grandiosen Schnaps-runde.
Themawechsel: „Prost ihr Fotzen.“
Dinge verschwimmen.
Wieder gefunden vor dem Club beziehungsweise auf dem Weg dorthin. Ein kleiner Park direkt vor dem Ziel lud wie immer ein den noch mitgebrachten Alkohol zu leeren bevor man wieder einmal sieben Euro für einen Scheiß ausgibt in dem man sowieso nur jedes Wochenende die gleichen miesen Fressen sehen muss.
Na es sind ja auch gute dabei. Vornehmlich im Park davor anzutreffen. Von weitem schon Geschrei. Ich rauchte. Im Park, ein Pulk von Menschen. Ein kleines Herumgeschubse. Ausdrücke flogen, während ich weiterhin abseits stand und rauchte.
Betrunken, ausgelassen und fröhlich begann ich mich einzumischen. Schon flogen die ersten Fäuste. Zwei hemmungslose und aggressive Menschenmassen von jeweils mindestens zwanzig Personen prallten aufeinander, wie im Krieg der alten Zeiten. Es hat schon fast etwas historisch Kollegiales wenn man es so betrachtet: Einer für alle. Alle auf einen. Naja wir haben den Krieg gewonnen, und nachdem scheinbar sechs Streifenwagen nötig waren um die verwirrende Konstellation aufzulösen, hatte sich der Großteil der Beteiligten ohnehin schon verpisst.
Ärztlicher Bericht: „Schädel-Hirn-Trauma, Bruch des orphischen Bogens an der rechten Stirnseite, Nasenbeinfraktur“. Alles festgestellt an einer Person. Den hat’s schlimm erwischt.
Gott sei Dank keiner von uns. Die einhellige Meinung bei uns: „Die haben angefangen, wir haben’s beendet, Punkt.“
Im Endeffekt war es so, doch wer kann schon noch mit Sicherheit sagen was passiert ist, oder wie dieser große Spaß angefangen hatte. Sicher ist nur, der den ich mir gepackt hab, der sah nicht so schlimm aus. Deshalb hatte ich auch keinen Grund abzuhauen als die Bullen schließlich anrückten. „Von uns hat jedenfalls keiner was gemacht, Herr Wachtmeister, aber wenn ihre Schicht vorbei ist, haben sie dann zufällig Lust nen Kaffe mit mir zu trinken?“
„Mann, sieht der nicht süß aus?“ Die deutsche Polizei reagiert immer ganz empfindlich auf derartige Witze. Endlich durfte man gehen, doch einer musste mit auf die Wache. Da darf man dreimal raten wer. Der Einzige der festgenommen wurde war gleichzeitig der einzige Schwarze in der Gruppe. Ein blöder Zufall, ich weiß.
Der Abend ging also seinen Gang, die Laune war bestens, von dem anderen Haufen Idioten war nichts mehr zu sehen. Unseren Freund hatte man auch schnell wieder raus aus polizeilichem Gewahrsam und deshalb nichts wie rein in den Club. Tanzen, grelle Lichter, grimassenhafte Gesichter zu allen Seiten. Ab und zu ein bekanntes dabei. Noch mehr Alkohol und ich war glücklich.
Man stolperte also aus der Diskothek, geblendet vom morgendlichen Sonnenlicht, marschierte in freudiger Erwartung eines Frühstücks zum Dönermann am Sendlinger Tor, dazu ein Ayran und die Welt hat dich gern. Nachdem ich unfassbar gut gegessen hatte und das ganze mit der seltsamen Mischung aus Joghurt und Salz herunter gespült war, wollte ich unbedingt nach Hause in mein Bett. Es war schließlich schon halb neun.
J. , S. und ich warteten also auf die Trambahn, die mittlerweile schon wieder normal fuhr. Trotzdem war die Wartezeit von dreiundzwanzig Minuten unumgänglich und deshalb ging ich zum Zeitungsständer um mir die frisch gedruckte Ausgabe der BILD zu klauen. Ich nahm sie in die Hand, sprödes kaltes Druckwerk. Die Überschrift überflogen um festzustellen ob es auch die neueste Ausgabe war. Dann weiter zum Titelbericht:
„Neunzehnjähriger Münchner stürzt sich vom Olympiaturm!
Sind die drei Schläger aus dem Kunstpark an der Misere schuld?“
Das kann nicht sein dachte ich mir, blätterte um auf die zweite Seite, doch ich wusste schon worum es da wohl gehen würde. Alle für einen. Der eine war weg.

Dazu nur mit Viktors letzten Worten:
„Das Leben ist wie das griechische Theater, wenn´s einem nicht gefällt sollte man gehen!“

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Kommentare

CrazyGirl schrieb am 2010-05-19 18:00:04:
Gute Story, gut geschrieben. Gefällt mir!

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