Das Haus der Zeit II
von
Mythoswolf
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II
Im Garten traf ich auf Dän, der Kleeblätter zupfte.
„Hier, ein Vierblättriges“, sagte er lächelnd und reichte es mir. Ich ließ mich neben ihn ins Gras sinken und lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
„Und?“, fragte er, nachdem ich eine Weile geschwiegen hatte.
„Ich bleibe“, sagte ich leise. Er sah mich traurig an.
„Das hatte ich vermutet…“
„Würdest du… würdest du…“, ich wagte es nicht, diese Worte auszusprechen. Ich hatte zu viel Angst vor seiner Antwort. Natürlich würde er nicht bei mir bleiben, ich verlangte viel zu viel von ihm, und so stark, für mich alles aufzugeben, was er hatte, war unsere Liebe wohl nicht, und wenn wir uns irgendwann streiten sollten… dann hatten wir keine Chance, uns zu trennen. Wer zulange hier blieb, den hielt es gefangen. Wie bei meiner Oma.
Dän sah mich an und drückte meine Hand. Er kannte mich. Ich traute mich fast nie, ihm meine Gefühle zu schildern, oder ihn um etwas zu bitten. Er verstand mich meist auch ohne Worte, und dafür war ich ihm immer sehr dankbar gewesen.
„Würdest du… bei mir bleiben?“, fragte ich leise und mit brüchiger Stimme. Ich traute mich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Jetzt würde er mich verletzten, und es war sein gutes Recht, denn das konnte ich nicht von ihm verlangen.
Zuerst sagte er nichts, doch dann drehte er meinen Kopf in seine Richtung und sah mir tief in die Augen.
„Ich habe dir einmal gesagt, dass ich mit dir auch bis zum Nordpol gehen würde, obwohl ich Kälte hasse. Das meinte ich ernst. Ich liebe dich, wirklich. Und nichts wird mich von dir trennen. Ich bleibe bei dir, wohin du auch immer gehst.“
Ich war sprachlos. Im Gegensatz zu mir konnte Dän sehr gut formulieren, was er fühlte, und ich glaubte ihm auch. Zwar war mir klar, dass es unmöglich war, und ihm wohl auch, aber… seine Worte taten so gut. Er wusste nicht, was ich wusste, und wenn er wirklich bei mir bleiben wollte, dann musste er die Geschichte erfahren.
„Dieses Haus… ist nicht das für das du es hältst“, begann ich zögernd. Dän sah mich aufmerksam an.
„Ich weiß, es klingt absurd, und ich habe es zuerst auch nicht geglaubt, aber es stimmt. Die ‚Ewige Treue’ ist verflucht.“
Ich stoppte, erwartete einen Zwischenruf, aber Dän blieb stumm, hielt nur weiter meine Hand. Langsam sprach ich weiter.
„Deshalb sind wir damals hier ausgezogen. Meine Oma ist geblieben, und jetzt lässt es sie nicht mehr gehen. Die Zeit läuft hier nicht weiter, meine Uhr ist stehen geblieben, als wir das Grundstück betraten…“
„Meine auch“, unterbrach mich Dän.
„Ja… jedenfalls, wenn du bei einem Vollmond hier bist, und dann gehst, trifft dich die gespeicherte Zeit des Hauses und lässt dich auf einen Schlag altern, bis zum Ende, ohne Erbarmen. Aber solange du innerhalb des Grundstückes bleibst, passiert dir nichts. Du kannst es nur niemals verlassen.“
„Aber… du hast vier Jahre hier verbracht“, wunderte sich Dän.
„Damals war das Haus noch nicht verflucht.“
„Und ich dachte, Flüche wären alle schon Jahrhunderte alt“, murmelte er. „Irgendwie nimmt man das an.“
Ich nickte.
„Und… warum sind deine Eltern zurückgekehrt?“
„Weißt du… ich hab dir doch von den Medikamenten meiner Mutter erzählt, oder?“ Dän nickte bestätigend. „Sie hat“, ich schluckte schwer. Es fiel mir nicht leicht über dieses Thema zu reden, hatte es auch vorher noch keinem gesagt. „Meine Mutter hat Multiples Sklerose.“
Dän schwieg.
„Das wusste ich nicht“, sagte er schließlich leise. „Tut mir leid.“
„Deshalb sind sie hier, sie hat noch ein, vielleicht zwei Jahre, aber an einem Ort, an dem die Zeit nicht verstreicht, kann sie weiterleben, solange, wie sie das für richtig hält, vielleicht sogar für immer.“
„Das verstehe ich, sehr gut sogar. Und ich verstehe, dass du deine Eltern nicht alleine lassen willst.“
Ich seufzte, und dann sprach ich das aus, wovor ich so große Angst hatte.
„Genauso wenig wie du deine.“
Jetzt schluckte Dän.
„Chrissy… da gibt es etwas, was ich dir nicht erzählt habe.“
„Was?“, fragte ich besorgt. Dän hatte plötzlich so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, dann ließ er mich los und drehte sich um. Zuerst dachte ich, er würde aufstehen und gehen, doch er zog sich seinen Pullover aus.
„Da“, sagte er.
Ich erschrak. Seinen Rücken zierten mehrere Streifen und einen großen, blauen Fleck.
„Was ist das?“, fragte ich, hatte aber schon eine entsetzliche Vorahnung.
„Meine Eltern…“, begann er mit zittriger Stimme „…schlagen mich.“
Kraftlos ließ er sich ins Gras fallen, seine Schultern bebten. Ich hatte ihn noch nie weinen gesehen, und sein Anblick erfüllte mich mit großer Hilflosigkeit. Tröstend nahm ich ihn in den Arm, wiegte ihn sanft hin und her bis er sich beruhigt hatte.
„Das tut mir so leid“, flüsterte ich, während er seinen Kopf an meinem Hals vergrub. „Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“
„Lass mich hier bei dir bleiben“, sagte er mit tränenerstickter Stimme.
„Warum hast du mir nie etwas gesagt?“
„Ich weiß nicht… ich wollte dich nicht belasten.“
Ich schluckte, wie gerne würde ich ihm antworten, doch meine Stimme versagte wieder. Ich wollte ihm sagen, dass ich immer für ihn da sein würde, dass ich ihm helfen würde, wo immer ich konnte, und dass ich ihn immer lieben würde, egal, was auch passieren sollte, aber ich brachte keinen Ton heraus.
„Du belastest mich nicht“, flüsterte ich endlich, so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob er mich überhaupt gehört hatte, obwohl mein Mund direkt an seinem Ohr lag.
„Danke“, antwortete er, hob den Kopf und sah mich an. Ich hoffte, was er in meinen Augen las, war all das, was ich ihm so gerne sagen würde.
„Da ist noch viel mehr…“, begann ich, unterbrach mich dann selbst und schwieg wieder.
„Ich weiß. Ich verstehe dich… ich verstehe dich fast immer.“
„Womit habe ich dich eigentlich verdient? Ich… ich liebe dich so sehr…“
„Ich dich auch, und das wird sich nicht ändern, auch nicht, wenn wir für immer hier zusammen sind.“
Seine Stirn lag jetzt an meiner und wir sahen uns in die Augen.
Wieso habe ich dich verdient? fragte ich ihn stumm. Er schüttelte leicht den Kopf. Warum habe ich solches Glück?
Das die ‚Ewige Treue’ eine Garage hatte, war mir unbekannt, dennoch standen wir etwas später davor und warteten darauf, dass mein Vater ausparkte. Dän und mir fehlten unsere ganzen Sachen, und so würden wir noch mal nach Hause fahren, um diese zu holen.
Ich stand in meinem Zimmer und warf den Inhalt meines Kleiderschrankes in einen Koffer. Dän saß hinter mir auf meinem Bett und packte meine CDs und den Player in eine Reisetasche. Als ich mich zu ihm umdrehte, runzelte ich die Stirn.
„Ich wäre mir nicht so sicher, ob Elektrogeräte dort funktionieren…“
„Wie sollten wir denn dann dort kochen?“, warf Dän ein. Ich nickte, beschloss aber trotzdem, meine Eltern zu fragen.
„Mama?“, rief ich, meine Mutter streckte den Kopf aus dem Badezimmer, in der Hand hielt sie meine Zahnbürste.
„Ja?“
„Hat es Sinn, meinen CD Player mitzunehmen?“
„Für dich schon, für uns andere vielleicht weniger“, antwortete sie mit
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Kommentare
Mythoswolf schrieb am 2006-05-23 20:24:37:
Moinmoin, Lisa, Cogito (ich bleib jetzt dabei ^^) und Marc (schön, dich wieder bei uns zu wissen =))
Erstmal Danke für eure Kommentare, ich arbeite euch jetzt mal der Reihe nach ab. xD
@Lisa: Ein bisschen hab ich noch, keine Panik ;)
@Cogito: Ursprünglich sollte es auch eine Art "Roman werden", bis ich dann irgendwann abgebrochen hab... übrigens sollte es sich in die Richtung entwickeln, die du grade vorgeschlagen hast, nämlich, dass sich die Liebe verliert und... aber ich verrat nichts weiter. Das Experiment wäre tatsächlich eine interessante Idee, vor allem, da die Geschichten gewissermaßen auch zusammen hängen... ich werd mal drüber nachdenken ;). Im Moment scheribe ich an einem längeren Psychothriller, aber so nebenher könnte ich das ja mal versuchen =)
@Marc: Ich muss dich leider enttäuschen, diese Geschichte hab ich vor über einem Jahr geschrieben und auch nicht vollendet. Ich weiß eigentlich, wie es weitergehen soll, aber mir fehlt die rechte Lust, diese Geschichte weiter zu schreiben. Aber hey, wenn sie dir so gut gefällt, werd ich mich vielleicht mal wieder dransetzten (puh, ich glaube, jetzt hab ich ganz schön was zu tun!)
Liebe Grüße
Svenja =)
Marc Spieß schrieb am 2006-05-22 18:25:45:
Nach meiner kreativen Pause, hoffe ich, dass du meine neuen Beiträgen auch wieder liest. Dein neuster Beitrag ist jedenfalls super gelungen und zeigt, dass du reifer schreibst und dich entwickelst. Ich freue mich sehr auf mehr :)
CogitoErgoSummi schrieb am 2006-05-22 16:12:28:
ich finde es schwierig, das hier zu bewerten, da ich ja 1.) nicht weiß, wie viel text du hier noch unverarbeitet reinstecken willst und 2.) hab ich ein kleines inhaltliches problem....
der stoff wäre geeignet für einen ganzen roman.... wobei du den rahmen schon gegeben hast, würd ich grob behaupten. anfang und ende stehen quasi schon drin, aber "das dazwischen", von dem ich zum großteil wirklich beeindruckt bin, ist mir zu kurz/ zu unausgeschmückt.
es freut mich jedoch, mich irgendwo in dieser geschichte wiederfinden zu können.....immer wieder.....hier z.b.: "Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du dich in Sachen verrennst und diese bis zum Schluss durchziehst." oh ja, wie oft hab ich das schon gehört..... und hinterher dann das "Ich habs dir ja gesagt!" ;)
du könntest ja mal versuchen -ein kleines experiment- aus deinen geschichten einen ganzen roman zu basteln. ein großes puzzlespiel, das nur noch zusammengefügt werden muss.... nach all der ZEIT, die sie da haben, wäre es z.b. nachvollziehbar, dass der alltag irgendwann die liebe überrollt....... zuerst die anfänglichen missverständnisse jeder beziehung (mit teilen aus "Es ist nicht deine Schuld..." und "Mein Fehler".....mündend in "Verloren")......wenn du daran arbeitest, sag mir bescheid[ clean_the_klo@web.de ], das wird das nächste buch neben meinem bett sein.... ;)
willey schrieb am 2006-05-15 15:52:59:
Schreib weiter. Noch besser als Teil 1!
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