Das Mädchen am Fenster
von
Gorgonzola.el.Feta
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Das Mädchen am Fenster
Wieder sitzt sie da. Wie jeden Tag. Was sie wohl macht? Täglich komme ich hier diesen Weg entlang. Es ist mein Schulweg und zu jeder Zeit sitzt sie dort am Fenster und schaut auf die Straße. Anfangs habe ich immer zu ihr gesehen und sie angelächelt. Doch sie saß nur da und sah mich an. Ohne Reaktion. Heute bin ich wieder hier. Schon von weitem sehe ich sie am Fenster stehen. Mit glasigen Augen schaut sie in die Welt hinaus, ohne sie wirklich wahr zu nehmen. Sie sieht das Leben an sich vorüber ziehen. Mit einem Mal, ganz plötzlich, werde ich sauer darüber. Na gut, ich habe den Sinn des Lebens auch noch nicht entdeckt. Was macht das schon? Auch wenn es keinen triftigen Grund gibt, warum der Mensch auf der Erde weilt, so kann man es doch wenigstens genießen. Sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und das eigene Leben lebenswert machen. Die schönen Momente sind es doch, die das Leben ausmachen! Was bildet sich diese Person also en, hinter ihrer geschützten Glasscheibe zu stehen, um das Leid auszuschließen und das Leben zu verpassen? Kann man denn so gleichgültig gegenüber allem sein? Doch auf dem höchsten Punkt meiner Rage schlagen meine Gedanken einen anderen Weg ein. Gerade heute habe ich in der Schule einen Vortrag gehalten. Einen Vortrag über eine Frau, die dem Leben nicht viel abgewinnen konnte und nach dem Ende trachtete. Ihr erster Selbstmordversuch endete in Blindheit und nicht mit dem Tod. Unerschrocken kämpfte sie aber weiter, bis sie endlich ihr Ziel erreicht hatte und ihr verhasstes Leben verlassen konnte. Gerade heute habe ich gesagt, wie wichtig es doch sei, nicht so egoistisch zu sein und sein eigenes Umfeld mit den Menschen darin genau zu betrachten. Wie wichtig es doch sei, anderen Menschen ein Freund zu sein; offenen Auges durch die Welt zu gehen und denen zu helfen, die Hilfe nötig haben. Denn wo würde der seelische Zustand des Menschen enden, fragte ich meine Klassenkameraden, wenn jeder seiner Wege ginge, ohne jemals nach rechts oder links zu sehen? Ohne jemals die Schattenseiten wahr zu nehmen? Der Mensch ist ein Perfektionist in Sachen Ausblendung geworden. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst zählt nicht mehr. Wir leben in einer Ellenbogengesellschaft.
Ganz vertieft in Gedanken lauschte ich noch einmal meinen eigenen Worten von diesem Vortrag, ohne zu bemerken, dass ich stehen geblieben war. Was bin ich doch selbst für eine eigennützige Person! Tadele die Menschheit wegen ihres blinden Sehens und bin doch selber nicht viel besser. Anstatt mich zu fragen, warum das Mädchen jeden Tag dort am Fenster ist, verurteile und verachte ich sie. Was mag ihr wohl passiert sein? Was mag sie gesehen haben, dass sie gegenüber dem Leben so abgestumpft ist?
Ich gehe wieder weiter. Ohne mir sicher zu sein was ich tue oder was ich überhaupt damit bezwecke, gehe ich auf das Haus mit dem Fenster zu. Das Mädchen sieht mich kommen, doch sie scheint es nicht wahr zu nehmen. Eine Weile sehen wir uns an. Getrennt von nur einem Fenster, getrennt von einer ganzen Welt. Was soll’s. Nach einem weiteren Schritt bin ich aus dem Sichtfeld des Fensters verschwunden und stehe an der Tür zum Klingeln. Das Geräusch schrillt schrill in meinem Kopf wider. Die Tür öffnet sich und ich stehe dem Mädchen vom Fenster gegenüber. Dann betrete ich ihre Welt und sehe die Straße von ihrer Fensterseite aus.
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