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Kategorien > Melancholie > Auf der Reise

Das Mädchen mit den Aprikosen Teil 2

von Rommee

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Nur ein kurzer Hinweis: lest am Besten erst Teil 1 ^^

Nicht mehr ohne dich, denke ich. Dann zerre ich meine graue Strickjacke enger um mich. Die S-Bahn ist klimatisiert. Ich schiele schräg auf meine Hände, weil ich befürchte, dass sie nicht mehr zu meinem Körper gehören. Sie sind so kalt, so schrecklich kalt, aber der Rest von mir glüht, als ich über die knittrigen Papierseiten in meinem Rucksack fahre. Anscheinend sind die Hände noch dran, denn trotz der innerlichen Kälte gehorchen sie einwandfrei.

Den Kopf an die Fensterscheibe der Bahn gelehnt – an der außen die Regentropfen einen Wettlauf von links oben nach rechts unten laufen, schließe ich meine Augen und lausche. Meine Ohren weiten sich für die sanften Gitarrenklänge und den schrägen Gesang von Tomte. Wenn Frontmann Thees Uhlmann singt, erklärt er mir die Welt. In meinem Gehirn versinkt dann jede einzelne Textzeile solang im Repeat-Modus bis die Worte ganz logisch und einfach wahr klingen. „Die Sonne scheint so oder so – die Wolken entscheiden ob du sie siehst.“

Draußen veschwimmen Häuser, Bäume und Straßen in der Dämmerung und dem nassen Grau der Regenwolken. Meinen Kopf fest an die Scheibe gepresst zische ich an dem tristen, milchglasigen Landschaftseinheitsbrei vorbei. „Wo wirst du heute schlafen und worüber denkst du nach?“. In einigen Häusern sind die Lichter schon angeknippst und ziehen waagerechte Linien in der Luft, weil mein Blick nicht hinterherkommt mit der rauschenden Geschwindigkeit der Bahn. Der Blick schwimmt, aber das Bewusstsein ist ganz klar vor lauter Wahrheiten des Thees Uhlmanns.

Ich koste sie aus – die Melancholie. „Ich möchte dich wiedersehen.“ Eigentlich hast du mich ja erst vor 4 Stunden am Berliner Bahnhof verlassen. Eine Umarmung, ein Lächeln. „War schön!“ Ich kann jetzt noch deine Handberührung glühend auf meinem Rücken fühlen, als du sagtest: „Gutes Gelingen. Du packst das!“. Deine Hand ist viel wärmer als meine Eisklumpen. Ich ziehe die Jackenärmel mit den Fingernägeln nach unten und balle die Hände zu Fäusten, dass sie im wolligen Stoff ja schnell genauso warm werden.

Ein sachter Händedruck am Rücken – das schönste Gefühl auf dieser Welt. Nicht diese Phrasen wie Liebe und Freundschaft, die sind schon viel zu oft für andere Zwecke ausgeschlachtet worden. Sondern das banale Gefühl, dass dir jemand den Rücken stärkt, auf deiner Seite und vor allem hinter dir steht, an dich und deine Haltung glaubt. Vertrauen.

Und jetzt ist von dir nicht mehr geblieben als diese mittlerweile nur noch eingebildete Wärme deiner Hand auf meinem Schulterblatt., der zerknautschte und leicht angerissene Stadtplan in meinem Rucksack, die Aprikosen. Und eine Reihe Polaroids in meinen Gedanken vom letzten Sommer. Unserem Sommer. Der letzten Woche in Madrid. „Weißt du was du mir bedeutest?“
Wie ein Mädchen seine Wege sucht, wie sie die Welt im Kern verflucht und doch sagt das alles gut ist. Wie es ist.

Es ist immer die momentanen Situation, die Gegenwart, die so ist wie sie sein soll. Bloß keine Veränderung! Aber in dieser Welt der rasenden Gedanken in rasenden S-Bahnen, der Welt der Hetze, ist Stillstand der Teufel. Und man muss weiter. Den nächsten Schritt und man fragt sich: Wie ging es denn vorher ohne? Wie hab' ich denn eigentlich vor dir gelebt? Habe ich überhaupt? Und wie soll es weitergehen, wenn du weg bist, dich Berlin verzehrt, dir den Verstand raubt? Du dich auflöst oder wir einfach voneinander gehen. Morgen. Nächsten Monat. Nach dem Studium in 2 Jahren. Vor 4 Stunden?

Meine Nägel graben sich in die Wolle der Strickjacke und in das Fleisch meiner Innenhand. Die Gelenke werden weiß, mein Daumen steikt und schmerzt. Ich kämpfe. Zittrig greife ich schließlich in den vollgestopften Rucksack nach dem Rascheln des Stadtplans. Rrrraaaatsch. Das faltige Papier kratzt am geöffneten Reißverschluss entlang, als ich es in einem heftigen Ruck herauszerre.

Langsam klappe ich die einzelnen Seiten um. Entfalte Madrid a Huf dem Stadtplan und die Erinnerungen an den Urlaub in meinem Kopf. Madrids Straßen laufen krumm und buckelig. Ganz vorsichtig,so dass ich mit der dünnen Schicht Hornhaut meiner Zeigefingerkuppe nur die gröbsten Risse und Falzen spüre, fahre ich die Gassen entlang, die wir in den letzten 168 Stunden staunend hinauf und hinab gestapft sind. Immer wieder. Bei Tag. Bei Nacht.

Währenddessen schieben sich die Finger meiner zweiten Hand unter den Deckel der feinen Plastikschachtel mit dem Trockenobst. Den Blick starr auf die Straßenzüge gehefetet, taste ich blind nach etwas Rundem, Runzeligen. Und noch bevor ich die gesamte Calle Alcála abgefahren habe, ist die Frucht schon in meinem Mund verschwunden. Ich lächele als ihre Süße meine Zunge kitzelt.

Der Einheitsbrei vor meinem Fenster beginnt wieder kompakter zu werden. Vermischt sich mit den spanischen Gässchen vor meinem inneren Auge. Schemenhaft taucht ein Berliner Vorort hinter der Fensterscheibe auf und wird immer klarer. Wir halten. Und direkt vor meinem Fenster fallen sich ein Junge und ein Mädchen in die Arme. Schmeißen ihre Taschen über den gesamten Bahnsteig. Lachen. Schluchzen. „Ich möchte dich wiedersehen.“ Sie drücken sich so stark aneinander, dass ihre Hände Faltengebirge aus Jackenstoff des jeweils anderen bilden und ich die Luft anhalte, weil ich vermute, dass sie sich jeglichen Sauerstoff aus den Lungen pressen. Das ist kein verzehrender, sexueller Kuss der sie verbindet, sondern die oftmals so profane Umarmung. Für die beiden unvergesslich schön. Das muss wohl Liebe sein. Es ist so schön pures Glück zu sehen. Es ist so traurig, dass das Spiegelbild im Kopf, mit mir selbst in der Hauptrolle nie so aussehen wird. Nie wahr werden wird.
Das Pärchen gleitet langsam aus meinem Blickfeld. Wir rollen wieder und die Träne auf meiner Wange rollt mit. „Und wenn man nur wüsste woher man kommt, wenn man nur wüsste wohin. Und wann du mich das nächste Mal berührst.“

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