Das Motiv
von
Kronenberg
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Das Motiv
Kapitel 1
„Müssen wir unbedingt zu Oma?“, immer noch verschnupft über das versaute Wochenende buckelt Margriet ihren blauen Rucksack aus dem Kofferraum des alten roten Fords.
„Das hatten wir doch schon. Es ist ihr 70 Geburtstag.“, erwidert Maria genervt und nimmt ihrerseits ihren Koffer aus dem Kofferraum. „Jetzt zieh nicht so ne Flappe, ein Wochenende bei meiner Mutter bringt dich schon nicht um.“, Sie lässt ihre dreizehnjährige Tochter einfach stehen und schleppt den schweren Koffer die steilen Stufen zu dem riesigen alten Haus im Viktorianischen Baustiel hinauf. Ein unangenehmer Schauer und schlechte Kindheitserinnerungen lassen ihre Füße schwer wie Blei werden. Sie verdrängt die langen Schatten der Vergangenheit und setzt ihr strahlenstes Lächeln auf, wobei ihre Wangen angespannt ziehen. Endlich oben angekommen nimmt sie den schweren runden Eisentürklopfer in die Hand und macht sich bemerkbar. Ihre Mutter weigerte sich strickt den Neuerungen der modernen Zeit Einzug zu gewähren und bleibt eisern bei dem alt bewehrten. Technik oder Moderner Kram wie sie es meist zu nennen pflegte war einfach nur unzuverlässig und viel zu Kostspielig. Gelinde ausgedrückt konnte man es einfach nur krankhaft Geizig nennen. Was Maria natürlich nie laut aussprechen würde.
„Fräulein Kaufmann! Wie schön sie mal wieder zu sehen.“, begrüßte Sophia, die Haushälterin und guter Geist des Hauses sie erfreut und griff befließlich nach ihrem schweren Koffer. „Und die kleine Margriet ist auch da! Sie sind ja schon zu einer richtigen kleinen Dame herangewachsen.“, die kleine robuste Haushälterin sah aus, wie Maria sie immer in Erinnerung hatte. Die Haare ordentlich zu einem strengen Knoten zusammengebunden, wobei das früher schwarze Haar einem dunklen Grau gewichen war. Ihr rundes Gesicht strahlte Ruhe und immerwährende Fröhlichkeit aus, obwohl sie meinte einen Schatten der Traurigkeit wahrgenommen zu haben, der über ihr rosiges Gesicht gehuscht war.
„Ich freue mich auch, sie zu sehen Sophia.“, wenn sie Sophia sah, dachte sie sofort an Kekse und Milch in der Küche. An mütterlichen Trost und Zuwendung, die sie von ihrer Mutter nie erhalten hatte. Seit sie denken konnte, war Sophia neben ihr, sie gehörte unabdingbar zu diesem Haus, zu ihrer Kindheit, in diese Familie. Sophia stellte den Koffer in den dunklen Gang und nahm Margriet ihren Rucksack ab, den sie daneben stellte.
„Geht es ihnen nicht so gut?“, erkundigte Maria sich besorgt.
„Ach was, ich werde nur alt.“, winkte sie lächelnd ab. „Ihr Bruder und seine Frau sind auch schon gekommen. Sie sind mit ihrer Mutter im kleinen Salon.“
„Wie geht es denn Mutter?“
„Ach, wie soll es ihr schon gehen? Die Gicht sitzt ihr in den Knochen, aber ansonsten wird sie uns wahrscheinlich alle überleben.“, sie griff nach dem Gepäck. „Ich bringe ihnen gleich eine Tasse Tee. Oder lieber Kaffee? Ich will nur mal eben den Koffer in ihr altes Zimmer bringen.“
„Kaffee wäre schön.“
„Und das junge Fräulein? Eine warme Milch mit Keksen?“
„Eine Cola wäre nicht schlecht.“, Warme Milch mit Keksen? Damit konnte sie Margriet kaum begeistern.
„Cola? Ganz wie sie meinen.“, meinte Sophia etwas enttäuscht, ihre selbst gemachten Kekse waren legendär.
„Mir können sie gerne ein paar Kekse zum Kaffee anbieten, ich sag da nicht nein.“, versuchte Maria die unbedachte Kränkung ihrer Tochter wieder wett zu machen und tatsächlich, schimmerte sofort ein erfreutes Strahlen in ihre kleinen grün-braunen Augen.
„Sehr wohl, es sind immer noch die gleichen. Wissen sie?“
„Dann freut es mich umso mehr.“
Zum kleinen Salon führte die breite Flügeltür auf der rechten Seite. Davor war noch das Büro ihrer Mutter. Links die Bibliothek und das Esszimmer. In der Mitte des geräumigen Eingangbereichs führte eine breite Holztreppe in den zweiten Stock mit den Schlafzimmern. Man konnte Lüften so viel man wollte, es roch immer etwas muffig und durch die dunklen Mahagoni Möbel herrschte immer eine etwas gedrückte, fast schon düstere Atmosphäre. Wie immer, nichts in diesem Haus wird sich je ändern. Schoss es ihr durch den Kopf, als sie, gefolgt von ihrer Tochter, den großen Gang durchschritt und den Salon betrat.
„Ah, da bist du ja. Wir haben gerade von dir gesprochen.“, ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Markus erhob sich aus dem wuchtigen dunkelbraunen Ohrensessel und kam auf sie zu.
„Ach ja? Um was ging es denn?“, ihr Blick glitt argwöhnisch zwischen ihm und seiner sehr viel jüngeren Frau hin und her.
„Es ging nur darum, ob du es in deinem alten Ford überhaupt bis hier her schaffen würdest.“, er hauchte ihr, über seinen eigenen Witz schmunzelnd einen Kuss auf die Wange.
„Na, brauchst du wieder Geld um deine Spielschulden zu decken?“, gab sie galant lächelnd zurück.
„Au, das tat weh.“, er griff sich ans Herz und taumelte zurück in den Sessel.
„Hallo Maria.“, Clara, seine 26 jährige Freundin, die wie ein billiges Model zurechtgemacht war, hatte nicht den Anstand aufzustehen. Was sie aber auch nicht erwartet hatte.
„Hallo Clara.“, die Begrüßung blieb verhalten, die Sympathien zwischen den Frauen, waren gering.
„Ich gehe in den Garten.“, verkündete Margriet gelangweilt.
„Willst du deinen Onkel und deine Tante nicht begrüßen?“, Markus zeigte beim lächeln eine Reihe strahlend weißer Zähne, wollte seinen Charme einsetzten, der aber an seiner Nichte abprallte.
„Hallo Onkel Markus, hallo Clara.“, sie ging ungerührt auf sie offen stehende Terrassentür zu und ließ sie stehen.
„Sie ist ja ganz schön frech. Du hältst wohl nicht viel von Erziehung?“, stichelte ihr Bruder.
„Du brauchst reden.“, konterte Maria gelassen. „Wo ist denn Vivian?“
„Die geistert hier irgendwo durchs Haus. Kommt bestimmt gleich wieder.“
„Und Mutter? Ich dachte sie wäre bei euch.“
„Ich bin schon hier.“, Maria erschrak, als sie ihre kleine Mutter, Gicht geplagt, viel zu dünn durch die breite Tür eintreten sah.
„Mutter! Wie geht es dir?“, sie eilte auf ihre langsam gehende Mutter zu und wollte sie zur Begrüßung auf die Wange küssen, hielt aber sofort inne, als sie ihrem abweißenden Blick begegnete.
„Bist du auch endlich da. Wir haben mit dem Tee auf dich gewartet.“, sie ging auf einen Stock gestützt an ihr vorbei und setzte sich stöhnend auf einen weiteren Ohrensessel von dem erloschenen Kamin. Auf dem kleinen Tischchen standen leere Tassen und benutzte Teller, was darauf schießen ließ, dass sie keineswegs gewartet hatten.
Die Tür schwang ein weiteres Mal auf und Sophia kam mit einem großen Tablett mit einer dampfenden Kerramikkanne Kaffee, einem Glas Cola
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