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Kategorien > Fantasy > Krimi

Das Schlaflied

von Andre Schuchardt

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Viele werden wohl den einen oder anderen Tag in ihrem Leben als einen Tag bezeichnen, an dem sie lieber keinen Fuß vor die Haustüre hätten setzen, geschweige denn überhaupt ihr sich nach ihnen verzehrendes, lockendes und wärmendes Bett hätten verlassen sollen. In den meisten Ländern und Berufen kostete einen bereits ein einziger verpasster Arbeitstag jedoch schnell das notwendige Geld, sich das Mittagessen noch leisten zu können. Auch wenn Aleca nun zwar in solchen Fragen des Lebensunterhaltes als eher gut entwickeltes Land galt, sollte man es wohl trotzdem lieber nicht darauf anlegen.
Caefe Vongoron kam es so vor, als hätte die gesamte letzte Woche für ihn nur aus Tagen der Art des Bloß-nicht-aufstehen-wollens bestanden. Anders als für die meisten Leute jedoch bestand für ihn immerhin aber die Möglichkeit, tatsächlich so lange er wollte im Bett zu bleiben. Denn Caefe Vongoron wurde nicht für unmittelbar sichtbare Arbeit bezahlt, auch wenn niemand etwas dagegen hatte, wenn er welche ausübte, noch für eine bestimmte Zeitspanne, in der etwas erledigt sein musste. Man entlohnte ihn schlicht für die Ergebnisse, die er lieferte und die konnten gut – dies lies sein Ansehen bei seinen Vorgesetzten steigen – oder schlecht sein. In diesem Fall übrigens würde sein Ansehen entweder gleich bleiben oder entsprechend zur Schwere fallen.
Caefe Vongoron war recht frei arbeitender Beamter von Aleca und Angestellter der Stadt Raygadun, welche ihres Zeichens bekannterweise die Hauptstadt von Aleca und zweitgrößte Stadt des Kontinentes war. Genau genommen lautete sein Titel Gad-Fehm, oder übersetzt: Gadmann. Denn dieser Beruf kam erstmalig in Raygadun zum Versuch. Der Gadmann übernahm Pflichten, die in anderen Ländern entweder gar nicht oder von mehreren Personen gleichzeitig übernommen werden mussten. So ermittelte er in vielen Verbrechensdingen, meist dabei auf eigene Faust und Verantwortung, sei es nun bei einer Mordserie oder der Suche nach etwas Gestohlenem.
Aber damit vorerst genug von der Gestalt des Caefe Vongoron und hin zu dem Grund, warum für ihn die vergangene Woche so schlecht gelaufen war. Dazu etwas weiter zurück in die Vergangenheit: Einen Monat zuvor kam es in der Kleinstadt Funar nahe der immer noch frischen Grenze mit Daris Marad zu einem geheimnisvollen Fall von Massenselbstmord, gefolgt von einer ebenso seltsamen Reihe von Morden in den Rängen der höheren Würdenträger der Stadt. Die örtlichen Stadtwächter und Büttel waren von den Vorfällen mehr als überfordert und schoben sie irgendwelchen örtlichen Legenden von Geistern und Monstern zu. Die zuständigen Behörden in Raygadun nannten dies Aberglauben und sandten jemanden aus, die Fälle zu überprüfen. Dieser jemand war natürlich niemand anderes als Caefe Vongoron.
In Funar angekommen, begann er wie üblich seine Untersuchungen und stieß dabei schnell auf Probleme, denn offenbar war die Furcht der Einwohner größer, als er erwartet hätte. Die Leute auf der Straße munkelten von einer Verschwörung unter den Oberhäuptern ihrer Stadt. Den allgemeinen Gerüchten zufolge sollte ein Teil des obersten Gildenrates samt dem Bürgermeister, dem Wachtmeister und zwei örtlichen Adligen geplant haben, mit Hilfe einer handvoll in Ciprylla angeheuerter Söldner und – was Caefe nun besonders interessant fand – angeblich sogar mit einer in den Straßen freigesetzten Satenechse, die Stadt gänzlich zu übernehmen. Diese Idee kam Caefe aber zu abwegig vor, um auch nur ansatzweise wahr sein zu können.
Tatsache war nun aber, dass eine kleine Gruppe Bürger – allesamt brave Einwohner der Stadt, die nichts Besonderes gemeinsam hatten oder sich gar kannten – eines schönen Morgens einfach tot in einem Lagerhaus aufgefunden wurden waren. Genauere Untersuchungen ergaben, dass sie scheinbar einen Massenselbstmord begangen, in dem ein unbekanntes Ritual sowie eine ausgeweidet vorgefundene Ziege vermutlich auch ihre Rollen gespielt hatten. Diese Geschichte erfuhr Caefe von Mara'ar Chazanis, dem Schreiber der Stadtwache. Chazanis war ein dürrer, grauhaariger, alter Mann, der aber Vieles zu erzählen wusste und der Caefe an dessen ersten Abend in Funar erstmal die Stadt zu zeigen bereit war. Auch die Lagerhalle sah dieser sich an, ohne dort jedoch etwas zu finden.
Das wiederum, so meinte Chazanis, läge an den weiteren Vorfällen, welche zwei Tage nach dem Fund der Leichen einsetzten. Die Toten waren gerade erst beigesetzt worden, da bemerkte man ihr Verschwinden. Zwei Stunden später wurde auch der Bürgermeister vermisst. Am nächsten Morgen sollte man ihn tot im kleinen Hafen des Ortes vorfinden, im Wasser treibend, mit zerfetzter Kehle und abgetrennten Händen. Die so genannten Selbstmörder waren zuvor vom Wachtmeister und dreien seiner Wächter sauber unter Verschluss und von der Öffentlichkeit fern gehalten worden. Nach Entdeckung des Bürgermeisters sickerten jedoch langsam Gerüchte durch die Reihen der Herrschenden und hinunter in die der Arbeitenden. Ihnen zufolge waren die Toten ebenso zugerichtet gewesen wie der Bürgermeister. Dies hätte der Wachtmeister aber geheim halten wollen.
Doch kam noch mehr. Innerhalb der nächsten Woche verschwanden zwei der bereits erwähnten Wächter des Wachtmeisters, das Oberhaupt der Gilde der Schmiede-aller-Art, sowie den adligen und in der Stadt alt ansässigen Geschwistern ma'Ganoul. Sie alle sah man erst am jeweils darauf folgenden Tage wieder, alle in derselben Verfassung wie schon der Bürgermeister. Eine recht eindrucksvolle Runde, von der niemand sagen konnte, wer sie wohl warum getötet haben könnte. Ein Teil der Bevölkerung sprach von einem wahllos mordenden Ungeheuer, heraufbeschworen an dem Tag in dem Lagerhaus, welches sogar seine eigenen Beschwörer getötet hätte. Andere brachten die bereits erwähnten Gerüchte einer Verschwörung wieder ins Gedächtnis. Doch die Meisten hatten schlicht Angst und weigerten sich fortan, nach Einbruch der Dunkelheit noch ihre Heime zu verlassen.
Zu diesem Zeitpunkt dann beschloss man, nach Verstärkung aus Raygadun zu senden. Bevorzugt wollte man Kämpfer, doch man bekam – Caefe Vongoron. Seine ersten beiden Tage in Funar verbrachte er mit dem Stellen von Fragen und dem Sammeln von Hinweisen. Abgesehen von Chazanis war aber kaum jemand bereit Antwort zu geben. Oder man fütterte Caefe nur mit unnützem Geschwafel. Einzig der Wachtmeister und zwei der verbliebenen drei Gildenoberhäupter hatten ihm Neuigkeiten zu erzählen. Die beiden Oberhäupter bezichtigten hierbei den Wachtmeister, Drahtzieher hinter all den Geschehnissen zu sein. Das hatte Caefe nach Chazanis' Erläuterungen allerdings auch schon vermutet. Ein Besuch bei dem Verdächtigen enttäuschte ihn jedoch maßlos, da sich herausstellte, dass dieser sogar noch älter und gebrechlicher war als selbst Chazanis. Trotz seiner unzweifelhaften geistigen Energie erschien er Caefe nicht wirklich in der Lage, die Morde begangen zu haben. Vielmehr wirkte er wie die Art alter netter Großvater, welcher am Lagerfeuer sitzend seinen Enkeln

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