Das Sternenjuwel
von
Elfaron
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Prolog
Die Nacht war hereingebrochen. Der Mond glitzerte gleich einer Perle und tauchte das schneebedeckte Sternenreich in einen erhabenen Glanz. Nach und nach erloschen die Lichter in den Häusern, bis schließlich vielerorts Ruhe eingekehrt war.
Es verging einige Zeit, dann lösten sich die Angehörigen der dunklen Armee aus ihren Verstecken. Nachdem sie eine Weile ziellos umher gestreunt waren, begannen sie damit das Volk aus dem Schlaf zu reißen, um die Behausungen betreten zu können. Jene die sich zur Wehr setzten wurden durch das Niederbrennen von Hab und Gut bestraft. Schon bald hatten die Soldaten eine Unmenge von Orten durchschritten, bis einer von ihnen schließlich den großen Meister mithilfe fremd klingender Worte herbeirief.
„Finoro Mastrun!“
Ein heller Lichtblitz erhellte den Nachthimmel.
Weiter sprach er:
„Wir haben sie gefunden.“
Unter der Kapuze einer grauen Kutte blitzten schwarze, boshafte Augen hervor.
„Ich hoffe für Euer Wohl, dass Ihr Euch nicht irrt.“ erklang die raue, unheimliche Stimme des Meisters.
„Folgt mir.“ Der Krieger raffte sich auf und stolzierte erhobenen Hauptes zu einer kleinen Hütte hinüber, nahe des Dorfes Twey am Fluss Welà-sùyo. Niemand rührte sich als der große Meister herantrat. Nur das Rauschen des Gewässers durchbrach die einkehrende Stille. Ein banges Hoffen legte sich über die Armee von verängstigten Männern. In der Hütte erlosch ein Kerzenschein. Der Meister lachte laut auf. Wollten sie ihn, den großen Boldwin doch tatsächlich zum Narren halten? Siegessicher streckte er seine knochige Hand nach der Türklinke aus. Er öffnete die Tür genießerisch und richtete seinen langen Eichenstab auf. Die kristallene Kugel an der Spitze des Stabes erleuchtete die Hütte mit gleißendem Licht. Ihm entfuhr ein markerschütternder Schrei, als er feststellte, dass niemand dort war.
„Meister.“ Der Soldat erzitterte und brach wimmernd zusammen. „Bitte… sie waren hier.“ Erbarmungslos richtete Boldwin den Stab auf seinen Gefolgsmann. Dieser begann zu schreien und sich vor Schmerzen zu winden, bis sein Körper regungslos da lag.
„Findet sie, wenn ihr Narren nicht wollt, dass es euch auch so ergeht.“
Nicht weit entfernt von der Hütte eilten zwei Gestalten einen schmalen Pfad entlang. Zielstrebig liefen die beiden auf ein Haus zu. Es lag versteckt unter majestätischen Tannen. Die größere von den Gestalten legte ein schnelles Tempo vor. Ein gellender Aufschrei allerdings veranlasste sie Halt zu machen und zurückzulaufen.
„Acissey! Was ist geschehen?“ Atemlos kam der große, junge Mann zum stehen. Er blickte besorgt in die ozeanblauen Augen eines schluchzenden Mädchens. Haare in den Farben des Regenbogens schauten unter der Kapuze ihres schwarzen Mantels hervor. Das aschfahle Gesicht war nass von Tränen.
„Ich bin über eine Wurzel gestolpert.“ Sie griff nach der Hand ihres Begleiters.
„Naémor. Du kannst mich nicht mitnehmen. Ich würde dich nur aufhalten. Geh.“
„Warte.“ Naémor nahm den Proviantbeutel von der Schulter und zog eine kleine Laterne hervor. Mit zitternden Händen entzündete er diese und reichte sie Acissey. Er schloss seine Weggefährtin fest in die Arme. Sie lächelte ermutigend.
„Geh jetzt. Ich werde sie ein wenig aufhalten können.“
Naémor hob den Proviantbeutel wieder auf die Schulter und setzte seinen Weg fort. Bald hatte er die Hütte erreicht. Besorgt warf er einen Blick zurück. Die Laterne leuchtete noch.
Für einen kurzen Moment blickte Naémor bedächtig zu den Sternen hinauf, atmete tief durch und betrat das verlassene Haus. Die Tür knarrte leise. Seine schneebedeckten Stiefel hinterließen nasse Spuren auf dem steinernen Fußboden. In der Mitte der einstigen Wohnstube hielt er inne. Der Mond tauchte den Raum in ein bläulich schimmerndes Licht. Ein modriger Geruch stieg ihm in die Nase. Dieser rührte von dem verfaulten Holz der maroden Möbel her. Naémor fuhr mit der Hand über den großen, runden Tisch und schloss Augen, so als wolle er sich Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen ins Gedächtnis rufen. Die Oberfläche des Tisches fühlte sich feucht und rau an. Rundherum lagen vier umgestoßene Stühle und zerbrochenes Geschirr. Es waren die stummen Zeugen eines verzweifelten Kampfes, der hier stattgefunden hatte. An der hohen Decke hatten Spinnen ihre Netze gespannt. Deren silbrige Fäden bewegten sich seicht hin und her. Der Kamin, in dem viele wärmende Feuer geprasselt hatten, war nun ein dunkles, kaltes Loch, verschmutzt mit Ruß. Naémor ging weiter und betrachtete einen Moment lang, die unebene Treppe, welche in das obere Stockwerk führte. Dann schritt er empor. Mit jeder erklommenen Stufe bemächtigte sich seiner ein immer stärker werdendes Gefühl von gespannter Erwartung. Oben angekommen tat sich ein kleiner Korridor vor ihm auf. Vorsichtig, an der Wand entlang tastend, folgte er dem Gang. Die Wände unter seinen Händen waren brüchig und von Rissen übersäht. Am Ende des Ganges fiel das Mondlicht durch ein rundes Buntglasfenster herein und beleuchtete die letzte Tür mit magischem Glanz.
Langsam schob Naémor sie auf. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Lange hatte er sich nach diesem Augenblick gesehnt. Nun überkam ihn tiefe Trauer und die Erkenntnis dass glückliche Zeiten ein jähes Ende finden konnten. Er trat ein in das spärlich eingerichtete Zimmer. Hier hatte er all das gelernt, was ihn nun ausmachte. Alles war unverändert. In der einen Hälfte des Zimmers befanden sich ein Lager aus Decken und Kissen und ein hohes Regal gefüllt mit vielen Büchern. Sie handelten überwiegend von Magie- und Kampfkunde. Der Geruch von verfaultem Papier lag in der Luft.
In der anderen Hälfte des Zimmers befand sich ein Tisch. Darauf standen Gefäße, die verschiedenste Tränke und Tinkturen enthielten.
„Ihr hättet nicht herkommen sollen.“
Naémor fuhr herum. Ein junger Elf stand in der Tür. Sein langes, goldenes Haar war zersaust und das rote Gewand, welches er trug verschmutzt. In seiner Hand hielt er ein blutverschmiertes Schwert. Sein Blick war erfüllt von Sorge und Angst.
„Ares.“ Freudestrahlend umarmte Naémor den Elfen. Dieser erwiderte die Umarmung.
„Ich bringe Kunde Eures Vaters.“ Sagte er schließlich und zog eine versiegelte Schriftrolle hervor.
„Somit habe ich das getan, worum ich gebeten wurde. Ich werde nun gehen. Und auch Ihr solltet gehen junger Krieger. Eure Verfolger sind nah.“ Ares machte auf dem Absatz kehrt und verschwand.
Naémor blickte aus dem Fenster und sah, wie das Licht der Laterne hin und her schwang. Die Feinde schienen den Pfad entdeckt zu haben. Er wandte sich ab. Liebevoll berührte er das Siegel der Schriftrolle und öffnete es langsam. Als er die Handschrift seines Vaters erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
„Mein geliebter Sohn,
wenn du diese Zeilen liest, werden Mutter und ich bereits in das Reich der Toten hinabgestiegen sein. Ich sah unseren Tod bereits voraus, als mich am Tage deiner Geburt ein Bote von Boldwin heimsuchte. Dieser sagte mir in dir würde eine unbändige Macht schlummern,
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