Das Stück der Versager
von
Jürgen Haidvogl
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Was war das für eine Langeweile? Nichts tuend herum zu sitzen und auf die Decke zu starren. Die Lampe studieren. Das liegt mir nicht. Ich konnte es noch nie leiden, wenn ich gelangweilt irgendwo herum saß, nichts zu tun hatte und nur vor mich hin zu vegetieren.
Die Decke war weiß. Keine Verzierungen. Etwa vier Meter hoch. So wie in jedem Raum in diesem Gebäude. Sogar in den Gängen war die Decke so hoch oben. Insgesamt gab es vier längliche Lampen, die alle etwa einen Meter lang waren, in diesem Raum. Sie waren jeweils mit einem Gitter versehen. Ich weis zwar nicht warum, aber ich schätze Mal, es war zum Schutz. In diesem Irrenhaus kein Wunder.
Vor mir lief diese junge Dame mit dem Knackarsch auf und ab. Sie erzählte etwas. Ich hörte nicht zu. Es schien zwar wichtig zu sein, aber es interessierte mich kein bisschen. Es war wie in einem schlechten Theaterstück.
Ihre Stimme war schön. Sie klang ruhig und gelassen. Nicht Monoton. Sie betonte dies und das. Legte immer wieder eine Pause ein. Dann sprach sie weiter. Eins musste man ihr lassen, sie versuchte es spannend zu machen. Uns ein zu binden, in das Stück der Versager. Aber mich und auch all die anderen Zuseher interessierte es herzlich wenig. Wir hatten besseres zu tun.
Ich fand bei meinem Platz ein Kreuzworträtsel. Es war noch nicht angefangen. Ich fand das Super.
Hüpfende Beuteltiere?
Kängurus.
US Gossenliterat?
Bukowski.
Ein Kasterl nach dem anderen füllte sich. Ich war gut. Verdammt gut. Doch dann Läutete die Glocke. Der erste Teil des Stücks der Versager war vorbei. Eine weitere Stunde sollte folgen!
So wie all die anderen auch, eilte ich nach unten. Wir brauchten dringend eine Zigarette. Die hatten wir uns verdient. Wir hatten diese notwendig. Wirklich!
Die Kippe tat gut. Ich wollte sie genießen. Doch das ging nicht. Ich wurde angesprochen. Es war Niki: „Wie läuft das Rätsel?“
„Hä?“, erwiderte ich.
„Na das Kreuzworträtsel, das du löst.“
„Gut“, teilte ich ihm mit.
„Findest du die Scheiße auch so langweilig wie ich“, fragte mich jetzt Kathi.
„Ja“, antwortete ich ihr.
„Ich auch“, seufzte sie.
„Aha“,gab ich von mir.
„Was machst du dagegen?“
„Ein Rätsel.“
„Ein Rätsel?“, fragte sie verwirrt nach.
„Ja ein Rätsel“, sagte ich leicht genervt.
„Wieso?“
„Hmm“, erwiderte ich und legte ein sakastisches Lächeln auf, „vielleicht, weil mir langweilig ist!“
„Aso!“, kam es von Kathi und sie begann verlegen zu lachen.
Oh Mann, ich fühlte mich noch nie so genervt. Das lag aber mehr am Stück der Versager, weniger an diesem sinnlosen Smalltalk, den ich wie die Pest hasse. Ich kann kurze Gespräche nicht leiden. Entweder eine ordentliche Unterhaltung oder Stille. Das ist meine Devise. Damit bin ich bisher immer gut zurecht gekommen.
Ich schnipste meinen Glimmstängel weg und wollte nach oben eilen. Doch da kam sie. Die, die ich nicht sehen wollte. Angie. Sie kam die Stufen runter. Ich ging schnell in Deckung, bevor sie mich noch sah, und ließ alle anderen rein. Sie bekamen alle nach der Reihe anschiss. Ich kicherte leise. Ohne das es jemand merkte. Am Ende fragte Angie: „Ist noch wer draußen?“
„Jürgen“, sagte irgendjemand.
Verdammt.
Angie kam raus.
„Hi“, sagte ich.
„Jürgi, was machst du da?“
„Frischluft schnappen“, antwortete ich.
„Natürlich.“
„Ja, ja“, erwiderte ich.
„Los rauf und benimm dich.“
„Ok“, sagte ich und salutierte mit zwei Fingern.
Oben angekommen, machte ich das weiter, was ich vor der Pause getan hatte. Mein Kreuzworträtsel.
Ort zum Kaffeetrinken?
Kaffeehaus.
Dann kam Angie. Sie schaute sich um und blickte zufrieden drein. Jeder war gedemütigt. Das musste ihr einfach gefallen. Immerhin war das dies, was sie wohl wollte. Schätz ich mal.
Antagonist in Hamlet?
Keine Ahnung. Ich habe Hamlet nie gelesen. Shakespeare konnte ich noch nie leiden. Er war nichts weiter als ein Vollidiot, der nichts drauf hatte. Shakespeare, ein Arsch, der der Königin in den Arsch kroch.
„Hey Angie“, sagte ich, „wer ist der Antagonist in Hamlet?“
„Wie bitte?“, kam es von ihr.
Sie war verwirrt und begriff wohl nicht die Situation.
„Antagonist in Hamlet?“, wiederholte ich mich.
„Wieso willst du das wissen?“
„Weil ich es nicht weis.“
„Was hat das mit dem Förderunterricht zu tun?“
„Nichts.“
„Also.“
„Aber ich scheiß auf den Unterricht.“
„Was?“
„Ich scheiß auf den Förderunterricht.“
„Wieso?“
„Weil der nur dazu dient ihre Inkompetenz auszubessern.“
„Wie bitte?“
„Ach tun Sie doch nicht so bescheuert“, sagte ich, „teilen Sie mir lieber mit, wie der verdammte Antagonist in Hamlet heißt!“
Wir sind beim Höhepunkt.
„Kommst du kurz mit mir raus“, befahl mir Angie.
„Gerne.“
Wir standen draußen. Angesicht zu Angesicht. Die Türe weit offen. Alle beobachteten uns. Das war nun die neue Bühne.
„Was soll das?“, fragte Angie und stemmte ihre Fäuste in ihre Hüften, die gefolgt waren von ihrem enorm fetten Arsch. Den ich verdammt geil fand.
„Was soll was?“, erwiderte ich.
„Wie bitte?“
„Na, was soll was?“
„Dein Kreuzworträtsel, hmm?“
„Irgendwie muss ich mich doch beschäftigen“, teilte ich ihr mit, „soll ich mich etwa langweilen?“
„Du sollst an dem Unterricht teilnehmen“, sagte sie.
„Ne, der ist langweilig.“
„Du findest das also langweilig?“
„Ach, Sie können mich mal“, erwiderte ich.
Ich wollte weggehen, doch sie schrie: „Stopp!“
Sofort blieb ich stehen und mit verdammt lauter Stimme rief ich ihr entgegen, als wollte ich so den Teufel aus ihr raus treiben: „WAS!“
„Wie kannst du nur?“
„Die Scheiße hier geht mir auf `n Sack!“
„Was?“
„Sie und diese sinnlose und demütigende Scheiße könnt mich Mal am Arsch lecken!“, schrie ich.
„Pass lieber auf, was du von dir gibst!“
„Wieso?“
„Weil du sonst nicht das Jahr schaffst.“
„Ach so!“
„Ja“, erwiderte sie, „nur mit dem Förderunterricht wirst du dieses Jahr schaffen.“
„Na klar, als ob ich das nötig hätte!“
Sie starrte mich wütend an. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Und dann noch all diese Blicke. Als sei dieses Gespräch, diese Diskussion, dieses Streitgespräch, der Mittelpunkt ihres Lebens. Als würde es sonst nichts tolles in ihrem Leben geben. Dieses widerliche Pack, die auf solche Streitigkeiten stehen, damit sie sich nicht mit ihrem erbärmlichen Leben auseinander setzen müssen.
„Ich verspreche dir“, sagte Angie, „ohne den Förderunterricht wirst du nicht das Semester schaffen. Das Jahr schon gar nicht!“
„Und was ist mit der nächsten Schularbeit?“
„Ha, die auch nicht!“
Noch immer starrte man uns an. Das Theaterstück des Lebens. Wir, Angie und ich, zeigen ihnen das, was sie sehen wollen. Sie kicherten. Freuten sich. Es amüsierte sie.
„Ich will das du nach Hause gehst und deinem Vater berichtest, wie dumm du heute warst“, sagte Angie, „aber davor wirst du dich bei meiner Kollegin, die so lieb ist und den Förderunterricht macht, entschuldigen!“
„Ok“, erwiderte ich.
Ich ging in den Raum zurück. Alle starrten mich an. Sie erwarteten meine Entschuldigung. Man konnte den Glanz in ihren Augen förmlich strahlen sehen, der die Heuchelei und
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