Das Weihnachtsplätzchen
von
Eva - Catrin Schwab
Wie jedes Jahr am ersten Advent, sind Leonie und ihre Mutter in der Küche sehr beschäftigt mit der Weihnachtsbäckerei. Schon seit Stunden werden die Zutaten gemengt, der Teig geknetet, Plätzchen ausgestochen und verziert. Leonie ist mit Feuereifer dabei. Die Mama hat ihr in diesem Jahr zum ersten Mal einen Teigklumpen zugewiesen, den sie ganz allein bearbeiten darf. Das macht einen Spaß! Leonie ist über und über mit Mehlstaub bestäubt, die Finger sind mit Butter- und Eigelbspuren verschmiert, das Gesicht ist mit Schokostreuseln übersät. Die Augen der kleinen Leonie leuchten vor lauter Glück. Mit ihren Speckfingerchen knetet sie unermüdlich den mittlerweile warmen Teig. Mama möchte ihr beim Ausrollen behilflich sein, aber nein: "Ich kann das ganz allein, Mama," widerspricht das Mädchen. "Schau, ich hab' schon 4 Plätzchen verziert." Die Plätzchen liegen ordentlich nebeneinander auf der Arbeitsfläche. "Toll hast du das gemacht! Jetzt kannst du auch gleich versuchen, die Plätzchen vorsichtig auf das Backblech zu legen. Nach 15 Minuten Backzeit darfst du sie dann rausholen und probieren." "Mhmmm, der Teig schmeckt aber roh viiiel besser", antwortet Leonie schmatzend. "Aber mein Schatz, davon bekommst du doch ganz schlimm Bauchweh", erwidert die Mutter. Oh, oh! Bauchweh ist etwas ganz schlimmes, da muss man viel weinen. Das hat Leonie in allzu guter Erinnerung. "Und wenn die Plätzchen aus dem Ofen kommen, kann ich sie aber essen, stimmts?" erkundigt sich Leonie. "Selbstverständlich, mein Schatz."
Das Mädchen und seine Mutter werkeln noch den ganzen Nachmittag zusammen in der Küche. Schwarz-weiß- und Spritzgebäck sind bereits fertig. Nur die Ausstechplätzchen scheinen nie enden zu wollen. Nach jedem Ausrollen und -stechen des Teiges bleibt erneut ein Rest übrig. Leonie ist unermüdlich beim Verzieren mit Nüssen, Schokoguss, Liebesperlchen, süßen Streuseln und vielem mehr. Mit dem allerletzten Teigrest hat Leonie etwas ganz besonderes vor: "Ich mach ein Riesenplätzchen, ganz für mich allein!" Die Mutter ist schon etwas gestresst - die Küche sieht unbeschreiblich chaotisch aus. Wie konnte sie nur auf die Idee kommen, Leonie selbständig mit dem Teig arbeiten zu lassen!!?? Aber die strahlenden Augen ihrer Tochter lassen sie das Chaos schnell wieder vergessen.
Leonie findet für den Teigklumpen kein passendes Förmchen. Alle scheinen zu klein zu sein. Also beschließt sie, einen Stern mit den eigenen Händen zu formen. Sie quetscht und presst den Teig solange, bis sie zufrieden ist mit ihrem Werk. Der Stern sieht etwas ungewöhnlich aus. Insgesamt etwas dicklich, die Zacken krumm und die Proportionen sind auch nicht unbedingt realistisch, aber schließlich ist er vollkommen selbst gemacht und Leonie ist mächtig stolz auf ihr Werk. Jetzt werden noch die Reste der Verzierung aufgebraucht und großzügig auf dem Plätzchen verteilt. Leonie ist mittlerweile fix und fertig und wird quengelig. Die Mama schiebt noch schnell das letzte Blech mit dem etwas anderen Plätzchen in den Ofen und bringt Leonie ins Bett. Jetzt wartet nur noch der große Abwasch und das unbeliebte Aufräumen auf sie. Nachdem die Mutter wieder Ordnung geschaffen hat und alle Plätzchen fein säuberlich in eine große Lebkuchendose sortiert und auf den Schrank gestellt hat, zieht sie sich ins Wohnzimmer zurück.
"Guck mal, hast du den schon gesehen?" fragt ein Schwarz-Weiß-Plätzchen seinen Nachbarn, den Tannenbaum, in der großen Dose. "Wen meinst du denn?" fragt der Tannenbaum irritiert. "Na, den Dicken da hinten, der dem Herz den Platz wegnimmt." "Ach, tatsächlich. Was ist denn mit dem passiert?" erkundigt sich der Tannenbaum. "Das ist ja wohl offensichtlich", antwortet der Halbmond. "Der konnte wohl nicht genug bekommen und hat sich ungefragt zwischen uns gequetscht und drückt mir jetzt von hinten schmerzhaft in den Rücken." "Bist du dir da ganz sicher?" hakt der Tannenbaum nach. "Er könnte schließlich krank sein." "Paperlapapp. Krank, hast du so was schon gehört! Weihnachtsplätzchen sind doch nicht krank, das gibt's doch gar nicht!" mischt sich ein kleiner Engel aus der anderen Ecke ein. "Wir könnten ihn immerhin mal fragen, weshalb er so komisch aussieht", schlägt der Tannenbaum vor. "Das ist wohl nicht dein Ernst. Reden willst du also mit dem. Ich bin dafür, dass wir ihn einfach ignorieren. Schließlich beansprucht er schon den meisten Platz in unserer Dose, da müssen wir nicht auch noch "gut Freund" miemen", erwidert das Schwarz-Weiß-Plätzchen.
Der dicke Stern wendet sich beschwerlich und ächzt laut dabei. Er traut sich jedoch nicht, sich in die ungemütliche Diskussion einzumischen. Er ist viel zu schüchtern, als dass er selbstbewusst ausrufen könnte, dass er mit sehr viel Liebe von den kleinen Händchen der Leonie geformt worden ist und dass alle anderen aus Standard-Ausstechformen entstanden sind. Schließlich ist er einzigartig und alle anderen beliebig austauschbar. Aber dazu fehlt ihm einfach der Mut. Er hört sich deshalb geduldig die Beschimpfungen der anderen an. "Dass der überhaupt in unsere Dose kam - das war bestimmt ein Versehen", meint das Herz, dass direkt zu den Füßen des dicken Sterns liegt. "Du liegst doch am nächsten dran", sagt der Tannenbaum. "Frag doch mal lieb, weshalb er etwas anders aussieht als wir, es gibt bestimmt eine schlüssige Erklärung." "Bist du bescheuert", kontert das Herz, "ich leg mich mit dem doch nicht an. Der drückt mich dann komplett zusammen und ich zerbrösel in 1000 Teile. Nee, da halt ich lieber meinen Mund."
So verlaufen die Diskussionen Abend für Abend. Es beteiligen sich immer mehr an der Verschwörung gegen das dicke Plätzchen und der Stern selbst wird traurig. Keiner spricht ihn direkt an, noch nicht einmal der Tannenbaum, der scheinbar Interesse hat zu erfahren, warum der Stern anders ist. Der Druck der Gruppe ist einfach zu groß. Die ganze Dosengemeinschaft ist mittlerweile beteiligt. Alle möchten ihn verscheuchen und werden härter mit der Wortwahl. Der dicke Stern fängt heimlich an zu weinen und versucht die Ohren auf Durchzug zu stellen. Anfangs gelingt ihm das noch nicht so gut. Aber zum Glück werden auch die Streithähne irgendwann müde, weil ihnen die Beleidigungen ausgehen, sodass der dicke Stern endlich Ruhe findet und erschöpft einschlafen kann.
In den nächsten Wochen bekommt die Familie viel Besuch von Tanten, Onkeln und Freunden. Die Mutter holt dann jedes Mal die Gebäckdose vom Schrank und füllt einige Plätzchen in eine Schale um, damit sie das Selbstgebackene ihren Gästen anbieten kann. Am 4. Advent, kurz vor Weihnachten, ist eins davon der Tannenbaum. Der dicke Stern bekommt einen großen Schrecken, weil er jetzt auch den letzten Rückhalt verloren hat. Ihm graut schon sehr vor dem Abend und der Nacht.
Die Verwandten sind begeistert und loben vor allem die kleine Leonie sehr für ihre Backkünste. Da werden die Bäckchen des Mädchens ganz rot vor Freude. Sie erzählt der Tante auch von ihrem Riesenplätzchen und drängt die Mama, es aus der Dose zu holen. Die Mutter holt den Stern aus seinem ungeliebten Zuhause und gibt ihn ihrer Tochter. Leonie läuft schnell zu der Tante. "Schau, das ist das Allertollste! Ich heb es mir für Weihnachten auf und ess' es dann ganz allein!" Die Tante ist entzückt über den vielen Zuckerguss und den aufgeblähten Teig. "Na, dann lass es dir schmecken, mein Kind." Leonie legt ihr Plätzchen wieder vorsichtig zurück in die Dose.
In dieser Nacht wartet der dicke Stern gespannt, was die anderen zu seinem kleinen Ausflug wohl sagen würden. In der Dose sind nach den zahlreichen Besuchen und Mitbringseln während der Adventzeit schon große Löcher entstanden. Dennoch liegen die "schönen" Plätzchen noch weit entfernt von dem dicken und meiden jeglichen Kontakt. Der Tannenbaum ist jetzt auch nicht mehr da, aber trotzdem fühlt der Stern, dass er heute Nacht keine Angst zu haben braucht.
Nachdem es in der Wohnung völlig ruhig geworden ist, fängt der Engel plötzlich an: "Habt ihr das gesehen, der fette Stern ist der Liebling von der süßen Leonie. Wie ist das möglich??" "Also, ich war auch ganz erstaunt, als er aus der Dose genommen wurde," antwortet das Herz. Das Schwarz-Weiß-Plätzchen schmollt vor sich hin, weil es mit der Wandlung der Ereignisse ganz und gar nicht einverstanden ist. Es war sich bis heute sicher, dass es selbst das Allerschönste ist und nicht der aufgequollene Stern da hinten. Missmutig zieht es sich zurück. Nach und nach äußern die anderen Plätzchen ihre Meinung. Keiner traut sich jedoch, den Stern direkt anzusprechen. Zu groß ist die Kluft mittlerweile geworden. Jeder ist überrascht von der Zuneigung der kleinen Leonie zu dem dicken Stern. Sie diskutieren wild über die Ursachen, jeder findet sich selbst schöner. Aber die Begeisterung des Mädchens bringt sie ins Grübeln. Sie nehmen sich vor, nicht mehr so böse über den Stern zu sprechen, der Abstand in der Dose soll aber vorerst bewahrt bleiben.
Am Weihnachtsmorgen herrscht geschäftiges Treiben in der Wohnung. Während den zahlreichen Vorbereitungen stellt die Mutter einen Plätzchenteller mit den Resten auf den Wohnzimmertisch. Die Dose ist jetzt bis auf den dicken Stern leer. Der Baum wird geschmückt, das Essen vorbereitet und das Weihnachtszimmer hergerichtet. Zwischen all den Aktivitäten wird immer wieder hektisch ein Plätzchen verspeist. Mehr oder weniger genussvoll verschinden sie nach und nach im Mund. So hatten sich die Plätzchen ihr Ende nicht vorgestellt. Gemütliches Zusammensein und weihnachtliche Musik bei Kerzenschein sind weit entfernt.
Gegen Abend wird alles ruhiger, die Familie geht in die Kinderchristmette, isst gemeinsam zu Abend und setzt sich anschließend gemütlich ins schön hergerichtete Weihnachtszimmer. Die Mutter holt das letzte Plätzchen aus der Dose und legt es auf den Teller mitten auf dem Tisch. Leonie spielt Flöte und die Eltern singen dazu. Der Adventskranz und die Kerzen am Baum spenden weihnachtliches Licht. Der Duft von Zimt und Bratäpfeln liegt in der Luft. Leonie sagt ein Gedicht auf, das sie in der Schule gelernt hat und übergibt ihren Eltern ein selbstgemaltes Bild. Sie selbst bekommt von ihren Eltern einen Bauernhof, den der Vater eigenhändig in seiner Werkstatt aus Holz gezimmert hat. Leonie ist überglücklich und setzt begeistert die Holztiere nacheinander in den Stall. Es gibt sogar Bauer und Bäuerin.
Das alles beobachtet das dicke Plätzchen, das als einziges übrig geblieben ist. Es kann gar nicht beschreiben, wie glücklich es ist. Nach all den Beschimpfungen und Beleidigungen wird es so belohnt und darf seiner Leonie am Weihnachtsabend zuschauen, wie sehr sie sich freut und alles genießt. Der Stern bläst sich noch dicker auf vor lauter Wonne und platzt fast vor überschäumender Freude. Etwas Besseres kann einem Plätzchen wirklich nicht passieren.
Nachdem Leonie ihren Bauernhof ordentlich eingeräumt hat, greift sie mit ihren kleinen Händchen auf den Tisch und nimmt den dicken Stern in die Hand. "Schau, Stern, das habe ich vom Christkind bekommen. Und jetzt habe ich lange genug gewartet, bis ich dich endlich essen durfte." Genussvoll beißt Leonie in das verzierte Plätzchen und der Stern ist der Glücklichste auf der ganzen Welt.
(von Eva-Catrin Schwab)
Kommentare
klassepm schrieb am 2010-12-12 18:28:27:
Eine tolle Geschichte mit einem schönen, immer wieder aktuellen Grundgedanken. Meine Schüler werden ihre Freude daran haben. Wir werden uns in vielen Alltagssituationen daran erinnern, wie man es eben besser machen könnte als Schwar-weiss, Herz und Co.
klara schrieb am 2010-11-28 11:15:48:
Ich finde sie schön und lustig.
Ich möchte auch so schön schreiben.
Ann-kathrin schrieb am 2008-11-22 20:46:31:
das ist unfair auch negative meineungen müeesn gelesen werden !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Franzi schrieb am 2007-11-11 11:25:12:
Super süße Geschichte ! Toll und bestimmt schön zum lesen in der Weihnachtsfeier
Plätzchenfresser schrieb am 2007-10-21 17:06:58:
Ich find die Geschichte voll süß. "grins",obwohl ich ja nicht unbedingt so ein Lese-fan bin. Aber diese Geschichte ist nun mal so geschrieben, dass ich einfach bis zum Ende lesen musste um heraus zu finden, was mit dem Plätzchen passiert. Ich hab zwar 20min. dafür gebraucht, in denen ich hätte Hausaufgaben machen können, aber das war es mir allemal wert!
tugba schrieb am 2006-12-12 12:23:13:
ich find die geschichte ganz schön aber zu lang könnte man des net kürzen weil nach der zeit hat man keinen lusst weiterzulesen:D für die leute halt die lesen net zu toll finden:D
anja schrieb am 2006-06-27 11:50:44:
Eine sehr schöne Geschichte!
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