Das heilige Wissen
von
Roland Mückstein
TEIL I: Unser Platz im Universum
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_„Und sie bewegt sich doch!“_ (Galileo Galilei)
Herzlich willkommen, liebe Freunde des kopernikanischen Zirkels, sehr
verehrte aufgeklärte Denker und naturwissenschaftlich Interessierte! Unser
heutiges Thema lautet: ‚Bewegt sie sich nun, oder besser doch nicht?‘
Gemeint, liebe Freunde, ist natürlich unsere liebe, gute, und vor allem alte
Erde mit allem, was darauf herumspaziert, -hängt bzw. -liegt. Und, gesetzt
den Fall, sie bewegt sich, _warum_ tut sie das? Diesen Fragen, sehr verehrte
Damen und Herren, wollen wir heute auf den Grund gehen.
Als erwiesen gilt heutzutage, dass sie – nämlich wiederum die Erde – von
Natur aus fröhlich um einen sogenannten Fixstern, nämlich die Sonne, kreist
und dabei gleichzeitig noch um die eigene Achse rotiert. Das mag dem
einfachen Geist genügen; doch wie unserer hochverehrter Herr SV Stricker
schon betonte, sollen wir nicht aufhören zu fragen, denn dadurch lernt der
Mensch was. Lasst uns also, mit dem naturwissenschaftlichen Basiswissen im
Hinterkopf, jene einst bahnbrechende, heute aber längst zum Allgemeingut
gehörige Erkenntnis hinterfragen, ohne damit die Leistungen unserer
ruhmreichen Vorgänger aus dem wohlverdienten Licht rücken zu wollen.
Lasst mich beginnen mit dem Dilemma der menschlichen Erfahrung. Man stelle
sich einen Hügel vor und sich in Gedanken auf denselben und betrachte sodann
die Sonne, wie sie sich morgens im Osten aufschwingt und abends im Westen
feurig wieder niedergeht, jeden Tag aufs Neue, und doch immer etwas
verschoben, wie es die Jahreszeiten bedingen. – Sie werden jetzt sagen: Gut
und schön, er jongliert mit veralteten Sprachbildern, von denen loszukommen
dem Menschen nun einmal unglücklicherweise schwer fällt – dennoch ist das,
was er zu sehen meint, _nicht die Wahrheit_; er unterliegt vielmehr einer
zwar einsehbaren, aber dennoch unzulässigen _Täuschung_.
Das nun, genau das, ist das Dilemma der Erfahrung: Der Mensch, als
aufgeklärtes, wissenschaftlich denkendes Wesen, weiß (oder glaubt zu
wissen), wie sich die Dinge verhalten; doch die Aussagen der in sich
scheinbar so stimmigen Naturwissenschaft widersprechen unpraktischer Weise
besonders in diesem Fall genau dem, was er täglich aufs Neue erlebt und
direkt erfährt. Tja, hier ist Vorstellungsgabe gefragt, die Fähigkeit zur
Abstraktion, zum ‚objektiven‘ Denken, will man nicht mit dem Weltbild der
Wissenschaft in Konflikt geraten.
Wenden wir uns also wieder den Naturwissenschaften zu, genauer, jener
Theorie, welche in vielen Dingen die Grundlage für das Weltbild der modernen
Physik darstellt: Die allgemeine Relativitätstheorie unseres hochberühmten
geistigen Ahnen Albert Einstein. (Erschrecken Sie nicht, es ist ganz
einfach – zumindest, soweit es diese Betrachtungen betrifft.) – Diese
Theorie gilt in ihren Grundzügen auch heute noch als zutreffend; zahlreiche
Experimente haben ihre Voraussagen mit erstaunlicher Genauigkeit bestätigt
(zu den wenigen Ausnahmen kommen wir im 3. Teil.) Besonders eingängig stellt
sich hier eines der Einsteinschen Grundprinzipien dar, das mit größter
Wahrscheinlichkeit jeder schon einmal gehört oder gelesen hat: „Alles ist
relativ.“
Die Bedeutung dieser so simplen und doch so wichtigen Aussage sei anhand des
beliebten Beispieles zwei aneinander vorbeifliegender Raumschiffe erläutert:
Für einen frei im All schwebenden Beobachter bewegen sich die beiden Vehikel
in entgegengesetzte Richtungen und fliegen – ganz einfach – aneinander
vorbei. Das heißt in der Sprache der Relativitätstheorie: Im Bezugssystem
des außenstehenden Beobachters (d.h. vom Standpunkt des Beobachters aus)
steht der Beobachter selbst still, und die beiden Raumschiffe bewegen sich
relativ zum Bezugssystem des Beobachters aneinander vorbei.
Soweit kein Problem. Kommen wir zum nächsten Schritt: Für den Piloten von
Raumschiff 1 steht der Beobachter jedoch keineswegs still; vielmehr ist es
hier er (der Pilot 1) selbst, der stillsteht, und sowohl der Beobachter als
auch Raumschiff 2 bewegen sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit an ihm
vorbei – das zweite Raumschiff etwas schneller als der Beobachter. Das
heißt: Im Bezugssystem des Piloten von Raumschiff 1 bewegen sich Beobachter
und Raumschiff 2 im Verhältnis (= relativ) zum Bezugssystem mit
verschiedenen Geschwindigkeiten in die gleiche Richtung.
Dem Piloten von Raumschiff 2 wiederum bietet sich exakt die gleiche
Situation wie dem ersten Piloten – er selbst steht still, während sich
Beobachter und Raumschiff 1 an ihm vorbeibewegen.
Diese drei Ansichten widersprechen einander _nicht_ – relativ gesprochen,
steht jeder der drei Beteiligten sowohl in seinem eigenen Bezugssystem still
und bewegt sich relativ zu den beiden anderen Bezugssystemen. Das mag auf
den ersten Blick verwirrend erscheinen, doch es hält jeder logischen Prüfung
stand – objektiv gesehen kann man nicht feststellen, welches der drei
Bezugssysteme das ‚richtige ist‘; sie sind alle drei gleichwertig.
Nun – und jetzt wird es spannend – wenden wir das Ganze auf die Erde und ihr
Verhältnis zur Sonne an.
Dreht sich die Erde um die Sonne? Ja – von der Sonne aus gesehen! Genauso
gut dreht sich aber auch die Sonne um die Erde – von der Erde aus gesehen.
Und nun stoßen wir auch an die Grenzen des Begriffes ‚Fixstern‘, mit dem ich
zu Beginn die Sonne bezeichnet habe: Relativ gesehen steht in einem bewegten
Universum nichts still – und zugleich auch alles, in seinem eigenen
Bezugssystem. – Geht man nun, wie es einige Verfechter der heliozentrischen
(„die Sonne steht im Mittelpunkt“) Theorie tun, davon aus, dass das jeweils
gültige Bezugssystem sich auf den Körper mit der größeren Schwerkraft
bezieht, kann man die Sonne nun auf keinen Fall als Fixstern bezeichnen: Das
Schwerkraft-zentrum dieser Galaxie liegt ganz eindeutig in deren Kern, das
heißt, von diesem Kern aus betrachtet (im Bezugssystem des galaktischen
Mittelpunkts) bewegt sich weder die Erde um die Sonne noch die Sonne um die
Erde, sondern sie beide (und alle anderen Planeten und Monde dazu)
vollführen eine komplizierte Pendel- und Taumelbewegung in einem Orbit um
den galaktischen Kern.
Nun könnte man meinen, dass es in einer derart komplizierten Welt wohl doch
am einfachsten wäre, wieder die Erde als Mittelpunkt anzunehmen – denn
welches Bezugssystem wäre für uns Erdenbewohner natürlicher als der Planet,
auf dem wir leben? Dieses Bezugssystem ist auch vollkommen gültig – aus
unserem Blickwinkel dreht sich das ganze Universum um die Erde bzw. um uns
selbst.
Allerdings besteht eines der wichtigsten Anliegen der Astronomie darin, die
Bewegungen der Himmelskörper in ihrem Verhältnis zueinander zu berechnen und
möglichst klar darzustellen – und wie an den sinnverwirrend komplizierten
Darstellungen vor-kopernikanischer Astronomen klar zu erkennen ist, lässt
sich die Bewegung aller Planeten unseres Sonnensystems um die Erde nur
äußerst schwierig berechnen (die Bahngleichungen bräuchten eine Unzahl an
Variablen und wären für niemanden mehr verständlich.) Beschreiben wir aber
unser Sonnensystem in dem Bezugssystem der Sonne, ergibt sich ein relativ
einfaches, gut zu berechnendes Modell, das auch dem Laien bei
oberflächlicher Beschäftigung einleuchtet.
Damit müssen wir schließen, dass die große Leistung eines Galileo Galilei
oder eines Nikolaus Kopernikus nicht etwa darin besteht, dass bei mit ihren
Forschungen auf eine neue große Wahrheit gestoßen sind – vielmehr ist es ihr
Verdienst, eine _einfachere Berechnungsform_, ein durchschaubareres _Modell_
für die Planetenbewegungen in unserem Sonnensystem eingeführt zu haben, und
das trotz dem massiven Widerstands von Seiten der von christlicher
Philosophie geprägten ‚alten‘ Wissenschaft.
Der Schlussappell dieses Abschnitts könnte also in etwa so lauten: Lacht
nicht über die, die meinen, die Erde stünde im Mittelpunkt – sie haben
recht! Verachtet aber ebenso wenig die, welche die Sonne, den galaktischen
Kern, den Mittelpunkt des lokalen Haufens oder auch sich selbst als den
Angelpunkt des Universums ansehen – sie haben ebenso recht!
Damit genug vom Rechthaben; wir schreiten fort zum Unrecht.
TEIL II: Die Meteoritenpause
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_„So etwas wie Wasser gibt es gar nicht; das ist bloß geschmolzenes Eis.“_
(Furbish
Lousewart)
Es gehört zu den im Rückblick amüsantesten Anekdoten aus dem Bereich der
Natur-wissenschaft, dass es quasi das ganze 18. Jahrhundert hindurch laut
allgemeinem Beschluss der naturwissenschaftlichen Autoritäten keine
Meteoriten gab. Dies galt selbstverständlich auch rückwirkend, was die Folge
hatte, dass es im 18. Jahrhundert auch keine vor dem 18. Jahrhundert
niedergegangenen Meteoriten gab, geschweige denn es in absehbarer Zukunft
solche geben konnte.
Zwar verkündete Voltaire das ‚Zeitalter der Vernunft‘; zwar gingen nach wie
vor Meteoriten nieder, von denen einige auch beobachtet und ihre Überreste
gefunden wurden; doch die 1666 von Colbert gegründete Pariser _Académie des
sciences_, damals die führende Autorität auf dem aufstrebenden Gebiet der
Naturwissenschaften, tat mit Vehemenz alle diesbezüglichen Beobachtungen als
Betrug ab und bezeichnete dementsprechend auch alle vorhandenen
Meteoritenreste als Fälschungen. (Heutzutage würde man _Halluzinationen_
dazu sagen. Oder _Sumpfgas_.) Der einfache Grund war der, dass diese dummen
Meteoriten einfach nicht in das System passen wollten, das sich die weisen
Herren jener Zeit zurechtgelegt hatten und das eben nun mal bedingte, dass
keine Gesteinsbrocken aus dem All durch die Erdatmosphäre herabstürzen und
ihre Überreste hier lassen durften.
Die Meteoriten, die sich offenbar nicht für den wissenschaftlichen Konsens
interessierten, fielen weiter fröhlich hernieder, und spätestens mit dem
großen Tunguska-Einschlag 1908 musste auch der verbohrteste
Altwissenschaftler zugeben, dass hier etwas Großes vom Himmel gefallen war.
(Die von dem schon vor dem Aufprall mehrfach zerbrochenen Meteoriten
ausgehende Druckwelle wälzte mehrere Hektar Wald nieder und war noch in
Mitteleuropa zu spüren.)
Alles in allem eine nette Geschichte aus der Vergangenheit, möchte man
meinen. Unsere heutigen Wissenschaftler wissen es zum Glück besser.
TEIL III: Äther, Quanten und andere Katastrophen
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_„Der Fehler ist nicht, daß man einem Irrtum folgt, sondern daß man nicht
auch der entgegengesetzten Wahrheit folgt.“_ (Felix Cunctor)
Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die Mehrheit der Wissenschaftler
überzeugt, mit einem Modell zu arbeiten, mit dem alle Erscheinungen des
Universums ausreichend genau beschrieben werden konnten; allfällige
Korrekturen dieses Modell würden sich höchstens noch im Dezimalbereich
bewegen. Zu dieser Zeit war man beispielsweise davon überzeugt, das Licht
breite sich durch eine starre Substanz aus, die das ganze Weltall durchzog:
Den sogenannten „Weltäther“. Die damalige physikalische Theorie erforderte
die Annahme eines Mediums, durch das sich die Lichtwellen bewegen konnten,
ebenso wie sich Schallwellen nur durch ein Medium, wie beispielsweise Luft
oder Wasser, ausbreiten können; dieses Medium glaubte man im Weltäther
gefunden zu haben.
Nun gab es aber zwei Herren, die der Meinung waren, die bloße Annahme eines
solchen Weltäthers genüge nicht; man müsse ihn auch experimentell nachweisen
können. Diese weisen Männer hießen Albert Abraham Michelson und Edward
Morley, und sie entwickelten auch flugs einen einfachen und einleuchtenden
Versuchsaufbau, um diesen Nachweis durchzuführen. Das Experiment fand unter
großem Öffentlichkeitsinteresse zum ersten Mal 1881 statt – und fiel, sehr
zur Unlust der damaligen wissenschaftlichen Gemeinschaft, negativ aus; das
hieß, das gemessene Ergebnis unterschied sich deutlich von den Voraussagen,
die mithilfe der Ätherhypothese aufgestellt worden waren. Kurz: Das
verdammte Ding funktionierte einfach nicht so, wie es sollte.
Nun setzte sich augenblicklich die gewohnte Maschinerie der Wissenschaft in
Bewegung – oder besser gesagt, in Nicht-Bewegung, denn statt sich ernsthaft
über die Bedeutung des unerwarteten Versuchsausgangs Gedanken zu machen,
wurde wieder einmal der beliebte Begriff „Meßfehler“ in die Bresche
geschoben. Der Versuch sei ungenau gewesen, sagten viele; die vor dem Labor
vorbeirumpelnden Kutschen hätten den ganzen Aufbau in Vibration versetzt. –
Doch zum Leidwesen der Physiker war die Sache damit noch nicht abgetan; 1887
wurde das Experiment wiederholt, diesmal ohne Gerumpel und Erschütterungen –
und wieder konnte keine Relativbewegung der Erde zum Äther festgestellt
werden.
Nun wurde es wirklich peinlich. Eine der Grundthesen der Physik war mit
einem Mal in Frage gestellt, und die Weisen mußten wohl oder übel ihre
Vorstellungen revidieren; hastig wurden Erklärungen nachgeworfen, einige
davon reichlich plump (wie etwa die Annahme eines neuen geozentrischen
Weltbilds, das es der Erde erlaubte, im Äther zu ruhen), andere schwerst
fehlerbehaftet (wie die Erklärung, die Erde schleppe Ätherschichten mit sich
wie ein Löffel in dickem Honig), und andere wieder durchaus sinnvoll (wie
die Theorie der Lorentz-Kontraktion); doch keine von ihnen konnte alle aus
dem Michelson-Morley-Experiment entstandenen Probleme lösen.
Ungefähr zeitgleich warf ein anderer Physiker ein anderes Modell über den
Haufen: Philipp Lenard führte ausgiebige Versuche zu dem 1888 von Wilhelm
Hallwachs entdeckten sogenannten „äußeren photoelektrischen Effekt“ durch
und kam dabei zu dem überraschenden Ergebnis, daß sich das _Licht_, das ja
bis da hin stets als Welle betrachtet worden war, auch nicht ganz so
verhielt, wie es sollte. Statt, wie es sich für eine Welle gehört, seine
Energie langsam und stetig auf eine Metallplatte zu übertragen, schien es
wie ein Teilchenstrahl einzelne Elektronen buchstäblich aus der Platte
herauszuschlagen – was nach damaliger Auffassung ein unerklärbares Phänomen
war.
Nun, die Zeit der neuen Erklärungen war gekommen. Die Entwicklung ging nun
sozusagen Schlag auf Schlag; ich stelle im Folgenden nur einige der
wichtigsten Punkte und ihre Bedeutung vor. – Zunächst stellte Albert
Einstein seine „Spezielle Relativitätstheorie“ auf, erklärte damit unter
anderem, daß die Lichtgeschwindigkeit ein konstanter Wert sei und alles
andere relativ dazu betrachtet werden müsse, und warf so einiges in dem
veralteten Gedankengebäude der „klassischen“ Physik durcheinander. Einsteins
Spezielle und die darauffolgende Allgemeine Relativitätstheorie zählen
heutzutage zum physikalischen Unterbau; doch es dauerte nicht lang, da wurde
selbst dieses schön ausgearbeitete System wieder in Frage gestellt, und zwar
durch die Quantenphysik, die auch heutigen Physikern noch enorme
Kopfschmerzen bereitet.
Einstein hatte die Versuchsergebnisse von Lenard damit erklärt, daß Licht
sowohl einen Wellen- als auch einen Teilchenaspekt besaß; diese Tatsache
ließ sich nun anhand verschiedener anderer Versuche deutlich nachvollziehen,
wie etwa an dem berühmten Doppelspaltexperiment, bei dem Licht nach dem
Durchqueren eines Doppelspaltes in einem Muster auftritt, wie es eine Welle
durch Beugung am Doppelspalt und Überschneidung der Wellenfronten bilden
würde – aber beobachtbar als einzelne Teilchen.
Nun gut, Licht hat also eine Doppelnatur – doch das war noch nicht alles.
Als mit neuen Meßmethoden immer kleinere Einheiten „beobachtet“ werden
konnten, kam die Teilchenforschung zu immer beunruhigenderen Ergebnissen:
Offensichtlich funktionierte zwischen der (mikroskopischen) Quantenebene und
der makroskopischen Ebene, wie sie die klassische Physik beschreibt, das
Gesetz der Kausalität nicht mehr – das heißt, es war mit einem Mal nicht
mehr selbstverständlich möglich, jeder Wirkung eine Ursache und umgekehrt
zuzuordnen. Die Quanten verhielten sich scheinbar, wie sie wollten ... und
sie hielten sich dabei nicht einmal an die Regeln der Statistik! Dieser
auffällige Widerspruch zu allen Prinzipien der klassischen Physik wird von
den Quantenphysikern als „Zusammenbruch des Zustandsvektors“ bezeichnet.
1935 wurden sich die daraus ergebenden Probleme gleich zweimal
ausformuliert: Einmal in den Allegorie von „Schrödingers Katze“, und einmal
im sogenannten „Einstein-Podolski-Rosen-Paradoxon“. – „Schrödingers Katze“
ist ein Gedankenexperiment des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger,
und läuft im Endeffekt darauf hinaus, das eine Katze, die in einem
abgeschlossenen Behälter durch die indirekte Wirkung eines Quanteneffekts
getötet werden kann (aber nicht muß – das hängt, dank der unpraktischen
Zufälligkeit der Quanten, vom Zufall ab), solange _sowohl tot als auch
lebendig_ ist, wie der Behälter nicht geöffnet und der Zustand der Katze
beobachtet wird. Anders gesagt, durch den Akt des Beobachtens der Katze
„entscheidet“ sich die Wirklichkeit rückwirkend, ob die Katze zuvor
gestorben ist oder überlebt hat.
Das klingt stark unangenehm, und das war es auch; ganz besonders, nachdem
experimentell nachgewiesen wurde, daß tatsächlich „ein Photon an zwei Orten
zugleich sein kann – die Experimentatoren können sogar auswählen, ob das
Photon sich an beiden Orten aufgehalten hat oder nur an einem der beiden.“
(Max Tegmark und John Archibald Wheeler in _Spektrum der Wissenschaft_
3/2001). Damit war nicht mehr nur die Kausalität in Frage gestellt, sondern
auch die Lokalität, also die Aussage, ein Teilchen könne zu einem Zeitpunkt
nur an einem Ort sein. – Auf eben diesen Widerspruch bezog sich auch das
Einstein-Podolski-Rosen-Paradoxon, das aus der Quantentheorie die der
Relativitätstheorie widersprechende Aussage ableitete, daß zwischen zwei
„gekoppelten“ Quanten beliebiger Entfernung ein _sofortiger_
Informationsaustausch stattfinden müßte – das heißt, ein
Informationsaustausch ohne Medium und mit unendlicher Geschwindigkeit!
Einstein und seine Kollegen wollten mit dieser Ableitung eigentlich die
Quantentheorie widerlegen – dummerweise wurde eben dieser Effekt dann auch
experimentell nachgewiesen und die Quantentheorie noch bestätigt!
Aber es wurde immer schlimmer. Die verschiedenen, zum Teil extremen
Erklärungsansätze für die merkwürdigen Effekte der Quantenebene häuften
sich: David Bohm schlug eine „verborgene Variable“ vor, also eine
„darunterliegende Ordnung“, die noch zu entdecken wäre (oder
praktischerweise nicht zu entdecken ist), um den gehirnverdrehenden Zufall
wieder aus der Physik zu verbannen; 1957 (im gleichen Jahr, in dem auf
Regierungsbefehl in den USA Wilhelm Reichs psychologische und medizinische
Arbeiten vom Markt gezogen und verbrannt wurden) entstand das
Everett-Wheeler-Graham-DeWitt-Modell, das im Allgemeinen besagte, daß sich
die Welt bei jedem Quantenübergang in zwei Teilwelten spalte und damit
_jedes mögliche Ereignis_ in einem von unendlich vielen Paralleluniversen
auch tatsächlich stattfand. Seit 1926 gab es auch die viel angefeindete
„Kopenhagener Interpretation“ von Niels Bohr, die dem menschlichen
Bewußtsein die Funktion des „Entscheidens“ über die tatsächlichen
Quantenzustände zusprach; es war Bohr, der als erster erkannte, daß die
Quanten _weder Welle noch Teilchen_ sind, sondern Welle und Teilchen nur
(offenbar ungenügende) Modelle sind, die wir erschaffen haben, um die Welt
zu beschreiben; _wir „entdecken“ unsere Modelle nicht, wir erschaffen sie_.
Wieder einmal muß ich auf Alfred Korzybskis „Allgemeine Semantik“ hinweisen,
die in etwa die gleiche Grundaussage hat: „Das Modell ist nicht die
Wirklichkeit“, oder bildlicher: „Versuche nie, die Speisekarte zu essen.“
Aufruhr gab es jedoch auch auf dem Gebiet der Mathematik und Logik; und auch
hier resultierte die Umwälzung daraus, daß man immer weiter zu den
Grundlagen vorstieß. Alfred N. Whitehead und Bertrand A. Russell versuchten
in ihrem Grundsatzwerk „Principia Mathematica“, die gesamte Logik mit all
ihren Regeln auf ein einheitliches Fundament zurückzuführen – ihr Buch führt
deutlich vor Augen, daß sogar eine simple Aussage wie „A=A“ vierhundert
Seiten Vorüberlegungen erfordern kann und selbst dann nur gültig ist, wenn
man einige „logische Grundregeln“ schon voraussetzt. Noch weiter ging dann
G. Spencer Brown in seinen „Gesetzen der Form“, in denen er noch einmal
einiges anzweifelte, was sogar Whitehead und Russell für gegeben angenommen
hatten. Die tatsächliche mathematische Gehirnexplosion brachte aber erst der
österreichische Logiker Kurt Gödel, der schlüssig nachwies, daß der
logisch-mathematische Nachweis selbst sich in seiner Weiterführung _immer
selbst widerlegt_ und damit ungültig ist.
Wem das noch immer nicht genug ist, der möge sich noch die Folgerungen der
modernen Erkenntniswissenschaften zu Gemüte führen: Von deren Standpunkt aus
muß man bei jeder Wissenschaft zunächst einmal die „Instrumente“ prüfen, mit
denen die Beobachtungen getätigt werden – und dazu zählen in erster Linie
die menschlichen Sinne sowie das menschliche Gehirn. Damit wird jede
Wissenschaft zur Neuro-Wissenschaft; die Neuro-Wissenschaft aber wiederum
zur Neuro-Neuro-Wissenschaft, und so weiter, was der sogenannten „Von
Neumannschen Katastrophe der unendlichen Regression“ entspricht: Man müßte,
um einen einzigen „wirklichen“ Beweis zu führen, buchstäblich in die
Unendlichkeit zurückgehen, um sämtliche Unsicherheitsfaktoren auszuschalten.
Was hiermit in Frage gestellt werden soll ist nicht so sehr die Wissenschaft
an sich; diese ist durchaus sinnvoll in ihrem Bemühen, möglichst passende
Modelle zur Beschreibung der Wirklichkeit zu finden. Vielmehr ist es die
_Objektivität_, an die uns die verwirrenden Forschungsergebnisse des
vergangenen Jahrhunderts ernsthaft zweifeln lassen sollten, die Annahme, es
gebe ein einziges Modell, das eine einzige Wirklichkeit beschreibe – denn
aus der unüberschaubaren Vielzahl der wissenschaftlichen wie
„unwissenschaftlichen“ Theorien, Dogmen und Weltanschauungen läßt sich im
Endeffekt nur ein einziger sicherer Schluß ziehen: _So etwas wie eine „wahre
“ Wirklichkeit gibt es nicht – Die Wahrheit lautet für jeden anders._
Wenn Ihnen das nicht gefällt, ignorieren Sie es mit gutem Gewissen. Sie
befinden sich damit in der sicheren Mehrheit, denn Objektivität bedeutet
Sicherheit – und nahezu jeder ist bereit die paar Einschränkungen
(Psychosen, immer wieder auftretende Paradoxa usw.) für den Erhalt eines
eingeengten Blickwinkels, eines starren Weltbilds hinzunehmen. Und es gibt
ja immer noch die Möglichkeit, alle Fakten, die nicht ins System passen, zu
ignorieren ... dafür hat die amerikanische Nonkonformisten-Gesellschaft
einen wunderbar treffenden Ausdruck geprägt: „Swamp Gas“, zu deutsch:
„Sumpfgas“.
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