Das höchste Gericht
von
Juuulie
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Das höchste Gericht
Ein alter, in feinen Zwirn gekleideter Herr schreitet in den Fahrstuhl. Er drückt den Knopf „Obergeschoss“ und der Fahrstuhl rauscht in die Höhe.
Petrus lehnt in seinem uralten Bürosessel und stopft seine Pfeife mit Tabak. Die Hälfte davon landet wie so oft auf dem Tisch. Petrus lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit einer flinken Handbewegung fegt er die Krümel von seinen Akten.
Petrus zündet die Pfeife an und nimmt hastig einen Zug. Ein Hustenanfall erschüttert das Büro. Ach, wie herrlich!
Millimeterweise öffnet sich die Bürotür. Eine blonde Locke erscheint im Türrahmen.
„Komm schon rein“, ruft Petrus wohlwollend und schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Hab doch nichts zu verbergen hier.“
Ein engelsgleiches Wesen schwebt in den Raum. „Bist du bereit, Kundschaft zu empfangen?“, flötet es. „Dort draußen wartet ein junger Herr darauf, hereingebetn zu werden.“
Petrus wälzt seine Unterlagen und blickt seine Gehilfin ungehalten an. „Hat er denn einen Termin, dieser Herr?“
Das Engelchen zuckt resignierend mit den Schultern und schüttelt den Kopf. „Es sei alles etwas plötzlich gekommen, sagt er.“
„Schick‘ ihn herein, na los, jetzt mach schon“, knurrt Petrus und zieht erneut an seiner Pfeife. Ein eigentümlicher Duft durchströmt den Raum.
„Sofort“, murmelt das gelockte Wesen und verlässt den Raum.
Im nächsten Augenblick öffnet sich die Tür erneut und ein alter, in feinen Zwirn gekleideter Herr schreitet herein. Er durchquert den Raum und lässt sich auf einen eisernen Stuhl vor dem Tisch, gegenüber von Petrus, fallen.
„Sie hatten keinen Termin“, nuschelt Petrus hinter seiner Pfeife und blickt den alten Herrn ungehalten an.
„Wie ich sehe, haben sie trotzdem Zeit für mich“, erwidert der Herr und knöpft seinen Mantel auf.
Petrus greift erneut zum Tabak. „Von Zeit kann keine Rede sein“, zischt er und der alte Herr verstummt.
„Also was wollen sie“, fragt Petrus. Er zückt die Feder und guckt den Herrn fragend an.
„Ich will in den Himmel.“, antwortet dieser.
Petrus durchblättert eine vollgeschriebene Kladde und seufzt. „Als ob das so einfach wäre. Der Andrang ist zur Zeit einfach immens. Aber was soll’s. Zeigen Sie mal Ihre Zulassungsbescheinigung her.“
„Ähm...es tut mir ausgesprochen leid, aber ich habe keine Zulassungsbescheinigung. Ging alles viel zu schnell, verstehen sie?“, stottert der Herr.
„Auch das noch!“. Petrus schüttelt den Kopf. „Ich bin echt nicht zuständig für solchen Schreibkram.“
Der alte Herr schaut Petrus flehentlich an. „Aber ich bitte Sie, mir zu helfen. Was kann ich schon tun?"
„Mir alle Informationen geben, die ich brauche. Das können Sie tun.“
Petrus kramt aus den Tiefen seines Aktenbergs ein Formular heraus und zückt abermals die Feder. Aber er lässt diese sofort wieder sinken und reicht sie, gemeinsam mit dem Formular, an den alten Herrn weiter. „Jetzt tragen Sie da Ihre persönlichen Daten ein“, murmelt er.
Der Alte klemmt seine Zunge zwischen die Zähne und schreibt sehr konzentriert. Schließlich reicht er das Formular an Petrus zurück. Dieser überfliegt es mit gerunzelter Stirn, nickt zwischendurch und legt es schließlich ab.
„Dann woll’n wir mal“, fährt er fort. „Wie haben Sie sich denn so verhalten?“
„Ich habe Zeit meines Lebens hart gearbeitet“, erwidert der alte Herr und setzt eine ernste Miene auf.
„Hart gearbeitet? Können Sie sich klarer ausdrücken?“, fragt Petrus. Er notiert etwas auf dem Formular.
Der Mann schlägt ein Bein über das andere und setzt eine feierliche Miene auf. „Schon in jungen Jahren war ich ein fleißiger Bursche“, beginnt er. „Mit Bravour bestand ich einst meine Reifeprüfung. Nach einer hervorragenden Graduation habe ich schließlich sofort eine leitende Position in einem internationalen Konzern übernommen. Die Beförderung ließ nicht lange auf sich warten. So war ich bis zu meinem Tod die längste Zeit ein...wie sagt man so schön? Ein Top-Manager. Diese harte Arbeit, die ich Zeit meines Lebens geleistet habe, soll jetzt belohnt werden. Ich will in den Himmel.“
Petrus schreibt eifrig mit, hält aber plötzlich inne und klopft mit der Feder auf den Tisch. „Wie sieht’s denn mit den zehn Geboten aus?“, fragt er herausfordernd. „Immer artig gewesen?“
„Sicher, aber sicher“, murmelt der Herr und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Sie waren verheiratet,“ fährt Petrus fort. „Immer treu gewesen?“
„Also, was denken Sie von mir?“, brüstet sich der Herr und will fortfahren, wäre in diesem Moment nicht ein engelsgleiches Wesen ins Zimmer gerauscht.
„Tach auch“, trällert dieses und wendet sich sogleich an Petrus. „Ich war sein Schutzengel und ich weiß alles, wirklich alles, das auf seinem Mist gewachsen ist.“
Petrus zuckt mit den Schultern und wiederholt die Frage nach dem Ehebruch.
Der alte Herr will zu einem Protest ansetzen, schnappt aber den eindringlichen Blick des Engels auf und seufzt. „Nun gut, ich habe sie betrogen.“
Das Engelchen nickt zufrieden.
Petrus schüttelt den Knopf, macht sich eine Notiz und möchte fortfahren.
„Immer ehrlich gewesen?“, fragt er schief grinsend.
Der alte Herr stampft auf den Boden und zuckt resigniert die Schultern. „Nein, verdammt. Mit achtzehn Jahren habe ich meine damalige Freundin belogen auf die Frage, ob ich noch Jungfrau sei. Und wo wir schon dabei sind, getötet habe ich auch mal. Das arme Opfer war ein Laubfrosch, den mein Bruder sich als Anschauungsobjekt in sein Zimmer gestellt hatte. Ich konnte das ewige Gequake einfach nicht mehr ertragen.“
Petrus hört gar nicht mehr auf zu schreiben. „Unglaublich, einfach unglaublich.“, murmelt er vor sich hin.
Das Schutzengelchen grient in sich hinein und nickt dem alten Herrn zu. „Sie haben da noch etwas vergessen.“
„Jetzt ist doch eh alles gelaufen“, schimpft dieser. „Ja okay, ich habe gestohlen. Im Tante Emma Laden, im zarten Alter von neun Jahren. Wer das gemacht hat, der war eben...hart, verstehen Sie?“
Petrus runzelt die Stirn, enthält sich aber eines Kommentars.
Nach einer kurzen Pause wendet er sich erneut an den alten Herrn.
„Haben sie noch was auf Lager?“
Der alte Herr wirft einen kurzen Blick zu seinem Schutzengel hinüber und seufzt. „Nein, ich denke, das war alles.“
Petrus verschränkt die Arme vor der Brust. „Nun, ich hätte da noch so einiges“, beginnt er. „Darf ich sie in einem Satz zitieren? ‚Den Weihnachtsmann, den gibt es nicht.‘, das haben Sie Ihrer kleinen Tochter erzählt, und zwar exakt am 5. Juni 1988. Was haben sie sich denn dabei gedacht, einen hoch angesehenen Kollegen von mir derart zu verleugnen?“
Die Augen des alten Herrn wachsen zu den Größe von Untertassen an. „Gibt es den Weihnachtsmann denn wirklich?“, fragt er unsicher.
Petrus schnaubt verärgert. „Ja was denken sie denn, wo Ihre Frau jedes Jahr die ganzen Geschenke hernimmt?“
„Ja, aber...“, setzt der Herr an, verstummt aber auf ein Zeichen des Schutzengels.
Petrus zerknüllt das Formular und schmeißt es dem verdatterten Himmelsanwärter an die Stirn.
„Und wissen Sie, was das schlimmste ist, mein Lieber? Ich
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