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Kategorien > Wahre Gedanken > über dich

Deine Hornisse

von Linda Rottler

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Ich kreise um seinen Kopf. Wie eine Fliege mustere ich jedes Detail seines erbärmlichen Körpers, seiner noch erbärmlicheren Seele, seines erbärmlich nutzlosen Daseins. Wie gern wäre ich eine Stechmücke, ein Moskito, nein, gar eine Wespe. Eine Hornisse. Es wäre nicht genug. Eine Hornisse ganz tief in seiner Seele, eine ganz, ganz große! Warte nur, denke ich mir. Warte, warte. Heute nicht, morgen nicht, aber eines Tages, Amigo! Noch bin ich eine Eintagsfliege, aber warte! Wenn die Zeit kommt – und sie WIRD kommen – dann bin ich deine Hornisse, so wie du meine bist. Ich wage es nicht, aufzuwachen. Viel zu süß ist die Versuchung, viel zu hübsch dieser Anblick. Was tun? Ich warte ab in sicherer Entfernung. Es könnten Meilen sein, doch sicher sind es nur wenige Zentimeter. Mein Freund, ich sehe deine Seele so gut von hier aus. Lächerlich trieft der Schleim wie ein Schmutzfilm über all das ansatzweise Gute in dir. Gott, es ekelt mich so an! Sieh, wie er dich wäscht, du glänzt wie ein ganz neues zwanzig Cent Stück mit tiefen, tiefen Rillen in der Seite. Als würde eine Rosenblüte deine Lippen bedecken, du goldenes Stück Scheiße! Als würden Perlen aus deinem Mund fallen, stinkende Perlen der hässlichsten Muschel, jedes Mal wenn dein Lachen den Raum so neonfarben leuchten lässt. Und die weichste Seide ziert deinen Körper, saugt die Kälte ab, bis du leer bist. Ich fühle sie bis hier, diese eiskalte Aura. Diese eiskalte, von Motten zerfressene Seide. Triefend vor Abweisung. Wie ich es hasse zu sehen, wie die Steine sich vor dir zu einem perfekten Weg legen. Vulkanstein, so schwarz wie die Nacht. So schwarz wie dein Herz, angebrannt und rauchend, frisch aus der tiefsten Ecke der Erde. Gib mir eine Chance, die Eisberge in deinen Augen mit einem Meißel zu zerschlagen. Was erhoffe ich zu finden? Ich würde mein Leben lang graben, als würde ich irgendwo in dicken Eisschichten ein loderndes, heißes Feuer suchen. Dann würde ich eine Leiche finden, gefroren, mit verängstigtem Gesicht und versuchen, sie zum Leben zu erwecken. Oh, diese Schlangen. Bemerkst du, wie sie beißen, bis das Gift an deinem Nacken entlang fließt? Wie ein Wasserfall, der verzweifelt nach Boden sucht. Und wie sie dir das Gesicht versperren, ich kann es nicht mitansehen! Du blinder Schlangenbeschwörer, sie fressen dich auf, du Blinder! Sie schlafen in deinem Haar! Dein Duft steigt wie Regen empor, von der Sonne angelockt. Es duftet nach Eitelkeit, Arroganz, betörend. Verdammt. Ein verdammter Gestank, so betörend wie ein vollkommenes Paradies. Ich drehe mich um, warte! Warte nur. Ich werde sie begraben, die Leiche in den eisigen Gletschern deiner Augen. Dann, wenn ich deine Hornisse bin!

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