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Kategorien > Prosa > Wirklichkeit

Der 4-Klingendolch

von Leinad Linguisti

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Der 4-Klingendolch


1.Teil: Der Ort im Nichts



I.

Wohin sollte er gehen? Der Junge ohne Namen hatte kein Zuhause mehr. Er wusste nicht einmal, ob er jemals eines besessen hatte. Er wusste nicht, wieso, er keines hatte. Im Grunde wusste er nichts mehr. Nicht einmal seinen Namen.
Wo kam er her?



II.

Eine Stimme hatte ihn durch die Öde geführt. Jene Ebene die nur von Todgeweihten und Mutlosen betreten wurde. Die Stimme rief den Jungen ohne Namen an einen Ort der im Nichts gelegen war. Weshalb er auch, der Ort im Nichts genannt wurde.
Der Junge ohne Namen war einsam. So einsam wie man sich als Unwissender fühlen konnte. Durchdrungen von einer unbeschreiblichen Kälte. Die Gefühle des Schutzsuchens und des Lieb-gehabt-werde-wollen waren ihm fremd. Der Junge ohne Namen hatte keine Gefühle. Ausgehöhlt wie eine Frucht, war er nur von einem Gedanken beseelt: Seinen Namen zu erfahren.


III.

Die Stimme war lieblich und hauchzart. Sie befahl ihm nichts. Sie zwang ihn nicht, oder drohte ihm. Nein, sie bot ihm an, ihn durch die Öde zu führen. Ihn zu einem Ort zu führen, der im Nichts gelegen war. Der Junge ohne Namen hatte sich immer nur vom Nichts umgeben gefühlt. Ein Ort der dort gelegen war, konnte nur ein guter Ort sein und so folgte er der Stimme.


IV.

Der Junge ohne Namen hielt inne. Schwieg. Horchte auf sein Herz. Hörte auf den leisen Takt den es angab. TOK. TOK. TOK. TOK. Je näher er dem Ort der im Nichts gelegen war kam, desto schneller und aufgeregter schlug es. Der Junge ohne Namen dachte nach. Doch es gab keine Vergangenheit und keinen Gegenwart über die er hätte grübeln können oder überhaupt hätte grübeln müssen. Von der Zukunft wusste er nichts. Sie lag hinter dichten Schleiern aufgewirbelt durch Unwissenheit und Angst aufgetrieben, verborgen. Der Junge ohne Namen hörte auf, denken zu wollen und folgte der Stimme.





2.Teil: Der Weise ohne Rang und Macht


I.

Die männliche Stimme, soweit wusste der Junge ohne Namen, sie zu deuten, führte ihn an den Ort der im Nichts gelegen war. Es war ein kalter und trostloser Ort. Der Junge ohne Namen hatte sich nicht viel erhofft. Er war wie stets und überall. Während seine gesamten Reise über. Immerzu war er nur von dem Nichts umgeben. Die kalten Schatten seiner Schritte wie sie durch die Schwärze huschten und kein Geräusch hinterließen. Sie machten ihm Angst. Der Junge ohne Namen kannte das Gefühl. Eines der wenigen die er wahrzunehmen in der Lage war.


II.

Die Angst überflutete seine Sinne. Der Junge ohne Namen öffnete die blassen Lippen. Zum ersten Mal dachte er über die Einsamkeit nach. Sie war da, dass wusste er. Sie war gegenwärtig. Allgegenwärtig. Denn diese war stärker, als die Gegenwärtigkeit. Der Junge ohne Namen hasste die Allgegenwart. Ein weiters Gefühl, dass er zu spüren vermochte. Hass. Blinden Hass auf irgendwen und niemanden. Die Allgegenwart war überall. Immer. Leise. Schleichend. Die Gegenwart war nur da, wo ein Gedanke gedacht und ein Gefühl gesprochen wurde. Also war auch die Gegenwart bei ihm, aber nur wenn er dachte.


III.

Der Junge ohne Namen dachte das Unmögliche.
Wer bin ich?
Wo gehöre ich hin?
Die Stimme riet ihm, sich zu eilen. Das Nichts würde sich ausweiten und den Ort der dort gelegen war, mit sich tragen. Der Junge ohne Namen eilte sich. Er hörte auf zu denken. Ließ das herumexperimentieren mit Gedanken und Gefühlen. Mit Wünschen und Fantasien einfach bleiben. Der Junge ohne Namen erreichte den Ort im Nichts und er wurde erwartet.


IV.

Ein bärtiger Mann. Uralt und von Weisheit gebeugt kniete im Nichts und lächelte den Jungen ohne Namen an. Der Junge ohne Namen sah ihn an. Lange. Schweigend. Nachdenklich. Zeit spielte hier keine Rolle. Das Nichts war allgegenwärtig und unendlich. Es war ewig.
„Warum lächelst du mich an“, fragte der Junge ohne Namen emotionslos?“
Emotionen waren ein Gefühl, das er aus egoistischen Gründen niemals zuließ. Er hätte es tun können, aber er durfte es nicht. Emotionen waren allgegenwärtig. Sie waren tückisch und nicht kontrollierbar. Vor allen Dingen aber waren sie schmerzhaft.


V.

Schmerz. Eine wichtige Lektion, die der Junge ohne Namen einmal gelernt hatte. Damals als er sich noch erinnern konnte, wer er war.
3.Teil: Der 4-Klingendolch


I.

Der uralte Mann lächelte noch immer. Nicht gehässig. Nicht hämisch. Nicht falsch. Er lächelte auf seine Art. Unverfälscht. Standpunktartig angelegt. Der Junge ohne Namen fragte ihn noch einmal.
„Warum lächelst du mich an?“
Der Mann erhob sich aus seiner knienden Position. Er brauchte keinen Stock, keine Krücke, keine Hilfe. Er stand einfach auf. Wie ein Mensch zu stehen vermag.
„Ich bin der Weise ohne Rang und Macht“, umging der Alte die Frage des Jungen lächelnd.“
„Warum riefst du mich“, stellte der Junge ohne Namen eine andere Frage?“
„Weil du dich selbst brauchst“, antwortete der Alte lächelnd.“


II.

Der Junge ohne Namen verstand nicht. Wie konnte sich jemand selbst brauchen? Jedermann war sich selbst das Selbst. Vielen das Selbst das liebste. Wenigen das Selbst das Teuerste. Der Junge ohne Namen hörte auf zu denken. Es tat weh, an sich selbst zu denken. Aber er hatte keinen anderen mehr als sich selbst. Warum wusste er nicht?


III.

Der Weise ohne Rang und Macht schob etwas aus seiner Robe aus nachtschwarzem Nichts. Der Junge ohne Namen rechnete mit einem Stein, einem Blatt, einem Wort. Irgendetwas mit dem der Weise ihn verletzen konnte. Er war oft verletzt worden auch wenn er sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht daran erinnern sollte. Der Gegenstand der auf den Boden im Nichts fiel, war klein und abgegriffen. Alt und neu zugleich. Der Junge ohne Namen hob den zerkratzten Griff eines nicht mehr vorhandenen Dolches auf. Die Klinge fehlte. Der Weise ohne Rang und Macht lächelte weiter und der Junge ohne Namen wunderte sich.


IV.

„Dies ist der 4-Klingendolch“, führte der Alte aus. Eine edle Waffe. Zum Gebrauch für den Kampf nicht geeignet.“
Der Junge ohne Namen ließ das Gefühl des Zornes heraus. Ein schreckliches Gefühl. Bittere Kälte und Feuer umwehten ihn.
„Wozu dient er dann?“
Der Weise ohne Rang und Macht lächelte.
„Er dient dir. Er wird dir helfen dich zu erinnern. Vier Klingen, vier Dinge die zu lernen sind.“


V.

Der Junge ohne Namen nickte nur stumm. Ein Dolch der nur für ihn da war. Den er benutzen konnte, sobald er die Vergangenheit und die Gegenwart kannte.
4.Teil: Das Ritual des Drittelmondes(1) – Dünne Sichel


I.

Der Weise ohne Macht und Rang musterte den Jungen.
„Woran denkst du?“
„Ich denke kaum“, sagte der Junge prompt. Es tut weh.“
Der Weise nickte, als begreife er die Situation des Jungen erst jetzt.
„Das Denken tut dir weh? Die Entscheidungen die du über diesen Gedanken hinaus fällst, sind weitaus schlimmer. Gedanken sind leblos. Entscheidungen machen sie erst lebendig.“


II.

Der Junge ohne Namen nickte kurz.
„Unsere Wege trennen sich nun“, sagte der Weise.

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