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Kategorien > Alltag > Beobachtung

Der Aussenseiter

von Writtenby

Da war dieser Aussenseiter, mit den Segelohren, der zerzausten Rockerfrisur, den blauen Hochwasserhosen und den geschmacklosen Baumwollpullis. Er war da - in den Schulstunden und den Pausen und nie merkte, geschweige denn hörte man etwas von ihm. Er hing in seiner Schulbank, starrte Löcher in die Decke, kritzelte etwas mit seinem Füllhalter in den Lack der Bank, dass es quietschte und es sogar bis zur Fensterreihe am anderen Ende des Zimmers zu hören war. Aber unsere Lehrer sagten nichts - wieso auch? Er war zwar kein herausragend guter Schüler, aber hörte immer zu und störte niemals den Unterricht. Er war beliebt - bei seinen Lehrern. Auf eine noch so schnell gestellte Frage, konterte er schön säuberlich - im Geschichtsunterricht am liebsten gleich noch mit der korrekten Jahreszahl. Er war vielleicht ein verschlafen wirkender Typ, aber antworten und zuhören konnte er - zugegeben - ausgesprochen gut.
Die Klasse mochte ihn nicht, was seine Art anbelangte. Er ging nie ein Risiko ein, war brav - ein Muttersöhnchen eben.
Sein Freundeskreis hielt sich im engeren Rahmen, bestehend aus seinem Kanarienvogel und sich selber. Einige hatten ihn mal Selbstgespräche führen hören. Seither ist er bei allen der absolute Versagertyp, das beste Beispiel für einen Menschen ohne Geschmack und Meinung.

Machmal fragte ich mich, in einer langweiligen Schulstunde, wieso denn dieses Persönchen in der vordersten Reihe so unbeliebt war. Es konnten doch nicht ernsthaft seine Segelohren sein. Und auch an den Hosen und den Pullis konnte es nicht liegen, erstens waren es nur Äusserlichkeiten und zweitens waren beliebtere Jungs in unserer Schule noch viel grässlicher gekleidet. Es war also seine verschlossene Art, er dachte viel nach und redete kaum ein Wort. Er wirkte unnahbar und anders, wie wenn er in seiner eigenen Welt leben würde und nur zum Schein da wäre - und um uns die richtigen Antworten zu geben.
Aber ich würde sagen, es lag nicht an ihm, sondern an der Gesellschaft, die ihn nicht so akzeptierte wie er war und der fehlenden Zwischenmenschlichkeit, die ihn so unbeliebt machte. Bei uns ist nur der Siegertyp jemand, jener der zuerst redet und dann denkt, der cooler als alle anderen sein möchte. Bei uns zählt kein Herz, weder die Seele noch der Mensch selber, wenn man nicht in den Markenklamotten daherkommt, die gesehen werden möchten. Und so lebt er jetzt also, unser Aussenseiter, alleine und ausgeschlossen und brütet da, wo er nicht hingehört, in dieser Masse von Menschen, die ihn nicht so nehmen wie er ist. Vielleicht wird er - wenn er älter ist - einmal erkennen, dass er sich auf einem winzig kleinen Punkt der Erde befindet und dass irgendwo auf der Welt Leute warten, die ihn mögen und integrieren, auch wenn er anders ist, Segelohren hat und Hochwasserhosen trägt.

Kommentare

Sattler schrieb am 2008-11-18 12:47:17:
sowas schlechtes hab ich noch nie gesehn
einfach.. shit..
huhu@hotmail.com schrieb:
hm.. find ich gut diese geschichte! aber der schluss gefällt mir nicht soo bin irgendwie nicht zufrieden.. wird er nun freunde haben oder nicht?
zoe@writtenby.ch schrieb:
Nun...Freunde wird er haben, irgendwann mal, wenn er es schafft, sich aus den Fesseln der Gesellschaft zu befreien. Bis dahin bleibt er allein und missverstanden...Lg Zoé
ghde schrieb:
ebenfalls schöne Geschichte
Conoederatio schrieb:
Grüessech wohl! Recht gute Geschichte!

christinaboegel@t-online.de schrieb:
Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Durch den einfachen Stil schaffst du es, dem Leser die Aussage der Geschichte sehr nah zu bringen. Du sprichst auch ein sehr wichtiges Thema an, mit dem ich mich selbst gedanklich auseinandersetze.
Die Menschen sind heute viel zu oberflächlich. Das find ich schade. Ich find es sehr toll von dir, dass du so feinfühlig mit diesem Problem umgehst.
Mach weiter so.
Viele Grüße, Christina

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