Der Beschwörer
von
Andreas Altwein
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Mit einem hastigen Schritt sprang Gabie zur Seite und versteckte sich hinter dem Vorhang. Vorsichtig spähte sie durch den schmalen Spalt zwischen Wand und Gardine. Ihr Blick traf direkt in die Augen des seltsamen Mannes, der vor ihrem Balkon sein allabendliches Ritual abhielt.
Gabie und Mark hatten vor drei Tagen in dem Hotel in Lagos eingecheckt. Es waren ihre Flitterwochen, aber für das frische Ehepaar schienen sich diese bereits nach kurzer Zeit in einen Albtraum verwandelt zu haben. Schon in den letzten beiden Nächten war der alte Mann mit dem schütterem, hellgrauem Haar vor ihrem Fenster aufgetaucht. Er stand einfach nur da und vollführte mit seinen Armen komplizierte Bewegungen, die wie die Zeitrafferaufnahme eines Betrunkenen aussahen, der versucht eine Fliege zu jagen.
In diesem Moment öffnete sich die Badezimmertür und Mark trat mit patschnassen Füßen in das Zimmer. „Was ist denn hier los?“
„Scht...“ Gabie versuchte ein Stück weiter hinter den Vorhang zu rücken, wurde aber von der roh verputzten Wand daran gehindert.
„Wieder der Verrückte?“, fragte Mark und gab sich keinerlei Mühe, leiser zu sprechen.
„Ja, komm her, aber vorsichtig, dass er dich nicht sieht.“
Mit einem Seufzen schlich Mark an der Wand entlang und drängte sich dicht an seine Frau. Seiner Meinung nach sah Gabie das Ganze viel zu ernst. Ein alter Mann, der jede Nacht Wache im Hotelgarten hielt. Okay, aber wirklich bedrohlich war die Situation nicht.
„Siehst du?“, flüsterte Gabie ihm ins Ohr. Auf ihrem Hals hatten sich rote Flecken gebildet. Ein Zeichen dafür, dass ihr die Aufregung tatsächlich an die Nerven ging, und nicht nur oberflächlich war.
Mark bemühte sich immer noch nicht, die Lautstärke seiner Stimme zu senken. „Ja, das Gleiche wie die letzten beiden Nächte. Da steht ein alter Mann auf dem Rasen, und nun?“
„Wir müssen etwas tun.“
„Gabie, ich bitte dich!“ Mark schüttelte ungläubig den Kopf. „Was wäre deiner Meinung denn angemessen? Sollen wir die Polizei rufen oder soll ich nach draußen gehen und ihn verprügeln?“ Genervt wandte er sich ab.
Unter normalen Umständen hätte sich Gabie durch seine Worte verletzt gefühlt. Sie hasste es, wenn er sie nicht ernst nahm. Nun aber war sie viel zu sehr damit beschäftigt, dem Ritual auf der Wiese zu folgen. Der Mann in dem togaähnlichen Gewand, der durch sein langes weißes Haar und den ebenso langen Bart fast wie ein Guru wirkte, hatte sich mittlerweile breitbeinig aufgestellt und schaute direkt zu dem Fenster, hinter dessen Vorhang Gabie sich versteckte. Bedächtig nahm er seine rechte Hand, spreizte Zeige- und Mittelfinger ab und führte sie zu seinen Augen. Dann nahm er die Finger und zeigte damit in Gabies Richtung. Ihr Herz fing an zu schlagen, die die Kolben einer Dampfmaschine. „Mark, komm! Komm schnell. Sieh dir das an!“
Sichtlich genervt trat er an das Fenster und sah den Mann in seiner anklagenden Pose.
„Okay, jetzt reicht es!“ Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass der Alte ihn sehen konnte, lief er mit energischen Schritten zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.
Gabie hatte das Gefühl, als würde das Telefongespräch ewig dauern. Während Mark fast fünf Minuten lang auf portugiesisch mit dem Polizisten lamentierte, starrte sie auf den Rasen und beobachtete den Mann, der nicht die geringsten Anstalten machte, sein Ritual abzubrechen. Obwohl sie die Landessprache nicht beherrschte, merkte sie an dem immer eindringlicher werdenden Tonfall ihres Mannes, dass die Polizei scheinbar kein großes Interesse daran hatte, jemanden vorbei zu schicken.
Mark knallte den Hörer genervt auf die Gabel und wandte sich wieder seiner Frau zu. „Er kommt gleich vorbei, aber begeistert war er nicht. Angeblich ist der Alte stadtbekannt und hat Niemandem etwas Böses getan. Scheint hier so eine Art geduldetes Inventar zu sein.“
„Hm. Ist mir egal.“, motzte Gabie, ohne ihren Blick vom Hotelgarten abzuwenden, „Die sollen einfach vorbei kommen und ihn mitnehmen. Sonst versaut mir der Kerl den ganzen Urlaub.“
Obwohl das Gespräch mit dem störrischen Polizisten Mark sichtlich aufgerieben hatte, legte er zärtlich den Arm um Gabies Schulter, zog sie zu sich heran und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Haaransatz. „Es ist doch alles gut, Kleine. Gleich kommt jemand vorbei, und dann ist der Spuk zu Ende.“
Tatsächlich vergingen keine zehn Minuten, bis aus der unten liegenden Hotelhalle lautes Stimmengewirr zu hören war. Nach dem Abschwellen der wüsten Beschimpfungen des Hoteliers, schritt ein noch recht junger Polizist durch die Hintertür in den Garten und ging auf den alten Mann zu, der sich mittlerweile seiner Toga entledigt hatte und nun nackt auf dem Rasen herumstand.
Mark, der es sich mittlerweile auf dem Sofa bequem gemacht hatte, blickte auf, als seine Frau ihn im Flüsterton ansprach: „Er nimmt ihn mit!“
„Ja, deshalb habe ich ja die Polizei gerufen.“
„Aber ihm wurden keine Handschellen oder so angelegt.“ Gabie klang enttäuscht.
„Kleine, was erwartest du? Der Alte mag dich vielleicht erschreckt haben, aber er ist kein Schwerverbrechen. Und um ganz ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er nun für den Rest unseres Urlaubs hinter Gitter wandert.“
Mit einem tiefen Einatmen hob er sich vom Sofa, trat neben Gabie ans Fenster und beobachtete zusammen mit ihr, wie der Polizist den Alten eine Hand auf die Schulter legte und ihn, nackt wie er war, in Richtung Hotellounge bugsierte.
„Zufrieden?“
Gabie nickte und wandte sich ihm zum ersten mal richtig zu, seit er aus der Dusche gekommen war.
„Gut“, erwiderte er, „du wirst sehen, jetzt kehrt hier endlich Ruhe ein.“
Die Nacht war alles andere als ruhig. Als das Pärchen aufstand und sich auf den Weg zum hoteleigenen Restaurant machte, um zu frühstücken, litten beide unter dem Schlafentzug. Anstatt Ruhe war Lärm eingekehrt, ein merkwürdiger, unbeschreiblicher Lärm. Nicht wirklich laut, aber penetrant und ängstigend. Kaum hatten einer von ihnen wieder die Augen geschlossen, begann das Haus zu ächzen, zu stöhnen und zu rasseln, als wäre es ein Mensch, der den Qualen einer fürchterlichen Folter ausgesetzt war.
Mehrfach stand Mark auf, ging auf den Hotelflur und sah dort nach dem Rechten. Doch da war nichts. Jedes mal, wenn sie das Licht anmachten, wenn einer von ihnen, vorzugsweise Mark, durch die Gegend tappte, um die Quelle des Lärms auszumachen, verstummte dieser abrupt.
Mittlerweile war auch Mark zu der Erkenntnis gekommen, dass die Wahl des Hotels, vermutlich sogar des gesamten Urlaubsortes, keine besonders gute Wahl gewesen war.
Als sie den Frühstückraum des Hotels betraten, herrschte dort gähnende Leere. Entsprechend schnell war der Hotelbesitzer persönlich an ihrem Tisch und servierte frisch aufgebrühten Kaffee, dessen Duft allein schon ausreichte, um das Pärchen ins Reich der Wachen zurück zu holen. Wortlos stellte er das Kännchen und die Kaffeetassen ab. Er wollte sich gerade wieder zum Gehen abwenden, als Gabies Frage ihn dazu nötigte, auf dem Absatz stehen zu bleiben. „Können
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Kommentare
chipsi schrieb am 2008-08-24 14:00:27:
eine echt super geschichte.man woher nimmt man blos solche ideen?da gibts fast nix mehr dazu zu sagen auser;super schreibstiel,super ideen echt krass war einfach cool deine story :)
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