Der Drachenritt
von
Lucie Li
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Wie jeden Abend saß Walli auf der Bank neben ihrem Reihenhäuschen um noch zehn Minuten vor dem Zubettgehen ein wenig Luft zu schnappen.
Sie sah hinauf in den Himmel und es zeigten sich viele winzige Punkte, die nicht klar ersichtlich waren, nur drei leuchtende Sterne blickten zu ihr hinab. Sie waren genau über ihr angeordnet.
Sie wusste nicht, welches der vielen Sternbilder sich da zeigte, doch sie starrte darauf wie hypnotisiert. Sie war fasziniert von den Weiten, die das Universum in sich barg.
Die Nacht zeigte sich freundlich und gemütlich, so genoss sie die wilden Böen, die ihre Gestalt umspielten und sie wickelte sich ihre Stickjacke fester um ihren Körper.
Der Westwind begann einen Tanz vorzuführen, er erinnerte an einen Passo Doble. Er schwang durch die leergefegte Straße vor ihrer Reihenhaussiedlung wie ein spanischer Torrero, der sich selbst herausforderte.
Fasziniert von der umliegenden Schwärze die sich am Himmelszelt zeigte, ließ sie ihren Blick schweifen. So ein wunderbares Gefühl, als forderte der Wind sie auf, seine Partnerin zu sein. Mehr und mehr erlag sie seiner Macht und steigerte sich immer mehr in ihre unendliche Fantasiewelt hinein.
Am westlichen Teil des Himmels schien sich etwas zu bewegen. Eine große Wolke, geschoben von dem Energiebündel Wind. In östliche Richtung voran schwebend, sah sie jetzt deutlich, wie sich die Wolke in ein Schiff verwandelte. Getragen von den Lüften und getrieben vom Nordwind, der sich jetzt zu diesem neuen Spiel mit der Natur hatte mitreißen lassen. Das Wolkenschiff schwebte lansam auf die drei Sterne zu.
Das Schiff zeigte drei Masten. Einer davon, der Mittlere, der am Höchsten war, einem oben angedachten Kreuz, da er einen wolkigen Querbalken aufwies.
Ein sehr majestätischen Einduck machte dieses Bild, das Schiff sah aus, wie eines aus diesen früheren Piratenfilmen.
Es könnte auch ein Geisterschiff sein, von einem unsichtbaren Steuermann gelenkt, segelte durch die Luft, schaukelte es wie auf dem Meer, das gerade von einem herannahenden Sturm heimgesucht wird. Der Wind trieb es mit seinem Atem voran.
Der mittlere, höchste Mast, mit dem angedachten Kreuz, näherte sich nun mit gefühlter Höchstgeschwindigkeit dem Sternbild und wenn es den Kurs beibehält, würde es den Unteren der drei Sterne gleich berühren.
Er könnte aus seiner Stellung heraus, von dem Mast wie ein Golfball geschlagen werden, in der Schwärze des Universums seine weitere Laufbahn nehmen und irgendwann in der Atmosphäre verglühen oder duch eine Supernova eine neue Galaxie gebären.
Es wurde ruhiger. Der Wind hörte auf zu singen und eine unheimliche Ruhe folgte dem ganzen Schauspiel des Himmels und der Fantasie.
Nun begann sich alles wie in einem Zeitraffer zu vollziehen, als hätte jemand die Slowlytaste gedrückt.
Noch bevor der Mast den unteren Stern in der Mitte des Sternbildes erreichte, formte sich aus dem ersten der drei Masten des Schiffes in ein anderes Gebilde. Der Mast löste sich auf, um als Drachenkopf neu in Erscheinung zu treten.
Der Kopf sah den alten Bildern in den Drachenmythen sehr ähnlich.
Drachen. Hüter des Schatzes im Herzen. In sehr alten Mythen heißt es, dass jeder Mensch einen Schatz in seinem Herzen trägt und dieser Schatz von seinem eigenen Drachen beschützt wird. Wenn der Schatz abhanden kommt, stirbt auch der Drache mit ihm.
Viele Menschen müssen ihre wahren Schätze verloren haben, dachte Walli, sonst gäbe es vielleicht noch Drachen.
Das Bug des Schiffes in riesige Pranken verwandelt und der mittlere, größte Mast, der das Kreuz in der Mitte zeigte, formte sich zu einem Drachenkörper und das Kreuz zeigte die Ansätze seiner riesigen Flügel, die von Schatten der Nacht angedeutet wurden. Der dritte Mast zeichnete den Schwanz des mystischen Gebildes.
Aus dem Schiff ist ein Drache geworden. An dessen Ende hing so eine Art kleines, zappeliges Rauchwölkchen. Walli konnte sich jedoch nicht ausmalen, was das sein könnte.
Nach längerem Beobachten formte sich die mittlerweile größer werdenden Rauchwolke in eine schemenhafte Figur. Walli dachte, das sieht aus wie eine kleine Hexe, die sich krampfhaft versucht auf ihrem Besen zu halten, mit einer Hand festgekrallt am Ende des Drachen.
Sie schaukelte unbeholfen hin und her, als würde sie noch ihren Besen nebenbei zurechtweisen, dass er sich doch mal bitte bemüht, den Kurs zu halten.
Der Drache befand sich jetzt genau unterhalb des Dreiergestirns, das sie noch genauso anblinzelte, wie zu Beginn ihrer Himmelsbetrachtungen.
Entweder sie hatte ihre Blicke zu lange auf den Sternen ruhen lassen, denn als sie sich wieder dem Drachenschauspiel zuwendete, sah sie die Hexe bei dem Versuch, sich langsam vom Ende des Drachen nach vorne zu kämpfen, was bei dem heftigen inzwischen Ostwind nicht einfach schien.
Sie gewann den Kampf und landete genau auf dem Rücken des Drachen. Ein errungener Sieg und es sah aus, als würde sie beide Hände in die Lüfte strecken, in einer noch ihren Besen kramphaft festhaltend. Der Wind heulte noch einmal richtig auf und schubste Walli, die langsam aufgestanden war, in Richtung ihrer Haustüre.
Raus aus dem Zeitraffer. Die Hexe ritt auf ihrem Drachen davon. Wohin der Wind sie wohl trägt?
Jetzt wird es Zeit, ins Bett zu gehen, dachte Ania und freute sich über eine Gute-Nacht-Geschichte, die ihr gerade der Himmel, die Sterne, der Wind und eine Wolke erzählten.
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Kommentare
Lucie Li schrieb am 2007-01-31 13:58:07:
Leider ist hier nicht ersichtlich, für wen meine Kommentare sind. Hier die Aufklärung:
Mein zweiter Komment gilt Patrick N. Winters, danke für deine schönen Worte...
Der zweite bezieht sich auf JB Hawk.
Ich gewöhne mir an, immer die Namen mit anzugeben, da es mir wegen evtl. zustande kommender Missverständnisse leid täte.
Liebe Grüße
Lucie
Lucie Li schrieb am 2007-01-31 11:44:33:
Herzlichen Dank, für die Hinweise. Ich werde es umsetzen, leider kann ich hier nicht editieren.
Freut mich, dass dir die Geschichte trotzdem noch gefällt.
Ich glaub, das mit dem Zeilenwechsel muss ich mir noch einmal genauer anschauen. Ich bin dir sehr dankbar für deinen bereichernden Kommentar.
Liebe Grüße
Lucie
Lucie Li schrieb am 2007-01-30 17:33:56:
Danke für deine schönen Worte.
Ja, deine Werke gefallen mir wirklich.
Ich schreibe das was ich denke und rein gefühlte Kommentare.
Liebe Grüße
Lucie
JB Hawk schrieb am 2007-01-30 16:40:55:
Hi Lucie,
vorab möchte ich sagen, daß ich die poetischen Bilder, die Du verwendest, sehr schön finde. Der tanzende Wind, einem Torrero gleich... Sehr gelungen.
Andererseits finde ich, daß Deine Vormulierungen manchmal etwas zu verschachtelt sind.
Z.B. fände ich es besser, wenn es hieße: "Es könnte auch ein Geisterschiff sein, daß, von einem unsichtbaren Steuermann gelenkt, durch die Luft segelte und auf dem sturmgepeitschten Meer schaukelte."
Im vorletzten Absatz beginnst Du dann noch mit "entweder" - ohne, daß ein "oder" folgt. Oder habe ich das überlesen?
Überhaupt solltest Du Dir vielleicht überlegen, ob Du weniger Absätze machen möchtest. Nicht die großen mit einer Zeile dazwischen, sondern von den kleinen, bei denen man nur eine Reihe nach unten geht. Man macht dabei nämlich auch automatisch eine Lesepause und das kann den Fluß an manchen Stellen empfindlich stören.
Außerdem machst Du ein großes No-no der Schreiberzunft: Den gefürchteten Zeitenwechsel! Ist mir auch schon ein paar Mal passiert. Aber am Anfang "saß" sie auf der Bank und dann "behält" das Geisterschiff den Kurs bei. Korrekte wäre "beibehielte".
Davon abgesehen ist eine sehr schön poetische Geschichte, die mir gut gefällt.
JBHawk
Patrick N. Winters schrieb am 2007-01-30 14:11:45:
unschuldige, reine gedanken,
fliegen durch den raum,
ohne hast,...
in mir geboren,
doch nur durch deine geschichte
losgeloest.
danke.
post skriptum: ich fuehle mich geehrt deine gedanken ein paar minuten
durch meine geschichten in ihren bann gezogen zu haben,...
hoffentlich haben sie dir wirklich gefallen,...
Lucie Li schrieb am 2007-01-29 19:33:42:
Sorry, es sollte unten Walli heißen, das kommt davon, wenn man seine Prots umbenennt.
LG Lucie
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