Der Duft der Bücher
von
Dilara
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Der Duft der Bücher
Modrig, alt, staubig, so stieg Max, der Geruch der vergessenen Bibliothek in die Nase. Der Saal war über und übervoll mit Büchern, die darauf warteten gelesen zu werden. Er war nervös als er den rostigen Schlüssel in das Schloss steckte. Dieser bewegte sich schwer, der Raum war über ein Jahrzehnt nicht geöffnet worden und nun lag ihm, eine völlig unerforschte Welt zu Füßen. Der Saal erhob sich über zwei Stockwerke mit regalverhüllten Wänden und Leitern, deren Rollen und Schaniere einst golden glänzten. Die Regale selbst waren aus dunklem Kirschholz und so aufgestellt, das sie in diagonal in die Raummitte wiesen und der Blick auf einen runden Schreibtisch frei gaben. Man erreichte den Sitzplatz durch eine versteckte Klappe in der Tischplatte. Er stand etwas erhöht auf einem runden Podest, in dessen Holzboden, ebenfalls aus Kirschholz, goldene Intarsien eingelassen waren, die nach dem ersten Hinsehen eine Sonne bildeten, aber beim genaueren Betrachten erkannte Max die Windrose und die im Parkett eingelassenen helleren Holzbuchstaben für die Himmelsrichtungen.
Ja, hier würde er sich wohlfühlen und arbeiten können. Schade, dachte er, als er sich die Bücher besah, dass solange sich niemand um diesen Schatz gekümmert hat.
Vor einigen Wochen erreichte Max ein Brief, in dem er den Auftrag erhielt, sich hier um diese Bibliothek zu kümmern, die Bücher zu katalogisieren, ordnen und sie reparieren zu lassen, falls nötig. Der Brief kam von der Besitzerin des Anwesens, sie hatte den Saal seit Jahren nicht mehr betreten und wollte ihn und seinen Inhalt, als ihr Erbe, gut versorgt wissen, so schrieb sie ihm persönlich. Max arbeitete als einfacher Bibliothekar in einer städtischen Einrichtung. Der Lohn war lausig, aber er liebte die Bücher zu sehr, seine Arbeit, die ihm soviel bedeutete, von einem Gehaltscheck abhängig zumachen. Aber als ihn dieses Schreiben erreichte, konnte er nicht wiederstehen. Hunderte Bücher, die seiner Zuwendung bedürften, wollte, nein, konnte er nicht dem Verfall überlassen.
So kam er hierher, scheinbar ans Ende der Welt. Das Anwesen war an einem See gelegen und von einem stattlichen Park umringt, der zu dieser Zeit in den leuchtensten Gelb-, Rot- und Brauntönen erstrahlte.
Sein Zimmer war vor seiner Ankunft von der Haushälterin für ihn vorbereitet worden. Es war ein prächtiges Gemach, mit einem großen Himmelbett aus Holz, wie alles in diesem Zimmer, zu dessen Füßen eine schwere Truhe stand. Gegenüber des Bettes loderte ein Feuer in einem alten offenen Kamin aus Stein, außerdem gab es einen massiven Schreibtisch und einen Kleiderschrank. Überall standen Kerzen und Leuchter und boten dem Raum ein angenehmes Licht.
Sein Gepäck war spärlich, obwohl man ihm mitgeteilt hatte, dass seine Aufgabe wohl mehrere Wochen in Anspruch nehmen würde, aber er war sparsam und ihm wurde versichert,dass sich um alle anfallenden Bedürfnisse gekümmert würde.
Den Teil des Anwesens, den er bereits gesehen hatte war ähnlicher Weise ausgestattet, wie sein Zimmer. Schwere, mittelalterlichwirkende Holzmöbel, Steinböden, große Teppiche, offene Kamine mit prasselnden Feuern und überall kostbar wirkende Kerzenständer und Kronleuchter.
Oh, diese Bücher, dachte Max, was für eine Vielfalt, und doch vergessen. Er war so in Gedanken versunken, während er durch die Reihen streifte, dass er nicht bemerkte, wie jemand den riesigen Saal betrat.
Er hatte die Herrin des Hauses noch nicht persönlich kennengelernt, aber in seiner Vorstellung war sie eine alte Frau mit schütterem Haar, tiefen Falten im Gesicht und krumm gebückt, an einem knorpeligen Stock gehend. Er glaubte, sie sei eine Egozentrikerin, die hier auf ihr Ende wartet und nun sentimental wurde und wollte, dass ihr Erbe geordnet wird.
Er schrak zusammen als er hinter sich ein Räuspern hörte, aber als er sich umdrehte, war dort niemand. Vielleicht werde ich jetzt paranoid, dachte er so bei sich. Max wandte sich wieder um und dort stand sie. Eine junge Frau, die so schön war, dass sein Herz einen Moment aussetzte. Ihre langen wallenden Haare umspielten ihr zartes Gesicht und ihre feinen weiblichen Rundungen bis zur Hälfte ihres Oberkörpers. Die dunklen Locken bildeten einen starken Kontrast zu ihrer blasen Haut und den dunkelroten, geschwungenen Lippen. Ein modernes Schneewittchen, dachte er, in einem knielangen Trägerkleid. Ihre schwarze Feinstrumpfhose hatte die selbe Farbe wie ihr Kleid und ihre Schuhe, und betonte ihren langen Beine.
Wahnsinn, dachte Max wieder, als ihre melodische Stimme erklang, weich und leuchtent in seinem Ohr. „Guten Tag, Herr Keet. Ich hoffe Sie haben in ihrem Zimmer alles zu Ihrer Zufriedenheit vorgefunden.“ „Ähhh…Guten Tag. Ja, danke“, stotterte er, „Wer sind Sie?“
„Tut mir leid. Sie haben recht. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Elaina, Elaina de Fuego, ich bin die Besitzerin dieses Hauses.“ „Oh ja, natürlich. Es freut mich sehr Sie kennen zu lernen“, antwortete Max, nervös wie ein Schuljunge. „Sie haben eine sehr schöne Sammlung, Frau de Fuego!“ „Vielen Dank, aber bitte sagen Sie Elaina zu mir.“ „ Sehr gerne, ich bin Max.“ „ Schön, dass es Ihnen hier gefällt, ich werde aber jetzt nicht weiter stören.“ „Schon gut, es ist sowie so spät und ich wollte mich nur einmal umsehen, bevor ich morgen an die Arbeit gehe.“ „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!“, sagte Elaina und verschwand ohne auf eine Antwort zu warten. So ging Max auch, um am nächsten Tag ausgeruht mit der Arbeit anfangen zu können.
Die nächsten Tage und Wochen bekam er kaum jemanden zu Gesicht, außer der Haushälterin morgens und abends. Seine Aufgabe nahm ihn sehr in Anspruch. Elaina kam einmal die Woche und erkundigte sich nach seinen Fortschritten. Wenn sie den Raum betrat, hörte er sie nicht und ihr plötzliches Erscheinen erschreckte ihn jedes Mal. Ihre Schönheit ließ sein Herz bei ihrem Anblick aussetzen, nur einmal vor zwei Wochen wirkte sie blass und krank. Sie trat nur abends in die Bibliothek und auch sah er sie nie bei den Mahlzeiten.
Heute abend war es später als sonst, er hatte beim Arbeiten die Zeit vergessen, der Kamin knisterte und er bemerkte kaum wie die Stunden verrannen. Erst als das Feuer herrunter gebrannt war und ihm kalt wurde, sah Max auf die Uhr. „Was Mitternacht? Schon so spät?“, sagte der Bibliothekar zu sich selbst. Er würde Morgen an dieser Stelle weitermachen, so ließ er alles liegen und ging in Richtung Küche, denn er hatte noch nicht zu abendgegessen. Als er eintrat brannte eine Kerze auf dem Küchentisch und in dessen Lichtschein saß Elaina und trank ein Glas Wein, der süßlich-metallisch duftete. Sein Atem stockte als er sie sah, „Guten Abend, Max, oder sollte ich sagen Guten Morgen?“ „Ich habe die Zeit bei der Arbeit vergessen und wollte vor dem Zubett gehen noch etwas essen.“, antwortete er. „Na, dann will ich Sie nicht aufhalten. Sie können sich aber auch setzen und mir etwas
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