Der Ex-Weltmeister
von
Claudio Müller
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Die Begeisterung spritzte als feiner Speichelregen auf die erste Reihe der mehr oder weniger zuhörenden Schülerschaft Bert-Brecht-Gymnasiums, als Rüdiger Kaiser mit seiner Erzählung auf die Zielgerade bog.
„... und da sah ich sie, die letzte Kurve, während ich dem Führenden hinterherjagte. Ich wusste: Jetzt oder nie. Dann packte ich meine Langlaufstöcke noch fester, rammte sie in den glitzernden Schnee“, mit wildem, ausladendem Gefuchtel versuchte er seine Heldentat zu veranschaulichen, „und setzte zum Endpurt an. Meine Muskeln in den Oberschenkeln brannten, aber ich wollte nur noch eines: Diesen großen Norweger überholen, der da vor mir wie eine Dampflok über die Bahn walzte. Die Zuschauer tobten“, ganz im Gegensatz zur 11. Klasse, „und als ich am Ausgang der langen Kurve schon neben ihm war, konnte ich das rote Zielband bereits erkennen. Es flatterte wild im Wind, als ob es, so schien es mir, meine Ankunft sehnsüchtig erwartete. Von da an“, seine Stimme senkte sich und er blickte zufrieden und seinen Triumph erneut nacherlebend in die Runde, „vergaß ich die Welt um mich herum. Ich raste wie durch einen Tunnel, und das nächste, das ich wahrnahm, waren der Jubel im Zielbereich und der Norweger, der zu mir kam, um mir zu gratulieren.“
Hier legte er eine Pause ein, so wie er es immer an dieser Stelle tat, wenn er diese Geschichte erzählte. Rüdiger hoffte, so die dramatische Wirkung noch steigern zu können.
Dann fuhr er fort und kam zu dem moralischen Abschluss, wegen dem er immer wieder von Schulen gebeten wird, zu den Kindern zu sprechen. „Noch zwei Jahre zuvor hielten es alle – die Ärzte, die Trainer und Kollegen, selbst meine Freunde - wegen meiner schweren Knieverletzung für unmöglich, dass ich je wieder ein Rennen fahren könnte. Doch ich habe nie aufgegeben. Warum auch? Biathlon war immer meine Leidenschaft und die wollte ich mir von niemandem nehmen lassen.“
Schweigen allerseits.
„Wow“, schnaufte der Lehrer, Herr Sackermann, schließlich, bevor die Stille peinlich werden konnte. „Vielen Dank, Herr, äh, Kaiser, für ihre Geschichte“, und begann zu klatschen, wobei er seinen Schülern zunickte, damit sie ihre müden Hände ebenfalls bewegten. „Und? Ihr habt doch bestimmt Fragen an Herrn Kaiser, oder?“
Hatten sie nicht. Nur Stille, die Rüdiger entgegenpeitschte wie der eisige Wind in der Loipe.
„Kommt schon, seid nicht schüchtern“, sagte Lehrer Sackermann und meinte „Bitte, erspart mir die Peinlichkeit eures Desinteresses.“
Es erbarmte sich Jan-Hendrik, Klassenclown und Einser-Schüler. Mit ernster Miene setzte er zur Frage an, auf die Rüdiger gespannt wartete, um weitere Details seiner großen Zeit preiszugeben. „Um so schnell wieder so gut zu werden, müssen Sie ja ein höllisch schweres Training absolviert haben, oder?“
Der Stolz ließ Rüdigers Brust anschwellen. „Es war sehr hart, aber wenn man ein Ziel vor Augen...“
„Haben Sie gedopt?“, warf Jan-Hendrik in das Geseiere.
Ein Floh hustete, aber das war auch alles, was man in diesem Moment hören konnte. Jan-Hendrik sah den hohen Gast erwartungsfroh an und verkniff sich das Grinsen, für das er so berüchtigt war. Lehrer Sackermann wich die Farbe aus dem Gesicht, während er den Tag verfluchte, an dem er sein Lehramts-Diplom erhalten hatte. Die restlichen Schüler, herausgerissen aus ihren Tagträumen, ließen ihre Blicke wie Zuschauer eines Tennisspiels zwischen Jan-Hendrik und dem Ex-Biathlet hin- und herfliegen.
Säulengleich, doch zitternd wie bei einem leichten Erdbeben, verharrte Rüdiger vor der Klasse, wütend ob der Impertinenz dieses Balgs. Und wie er vor diesen Jugendlichen stand, die einst Teppiche vollgesabbert und Windeln vollgeschissen haben, als er seinen Triumph feierte, stieg langsam eine zystische Röte seinen Hals empor, die sich final in empörte Worte manifestierte.
„Natürlich nicht! In meinem ganzen Leben habe ich keine verbotenen Mittel genommen. Und überhaupt, damals, während meiner Zeit, war Doping noch gar kein Thema.“
„Aber wenn es Mittel gegeben hätte, hätten Sie sie genommen, oder?“
„Also wirklich, Jan!“, grätschte der Lehrer dazwischen. „Es gibt doch keinen Grund, unserem Gast so etwas zu unterstellen. Er hat seine Leistung, äh, seinen Titel mit fairen Mitteln, äh, errungen.“
Schweißperlen rannen durch Rüdigers spärliches, langsam ergrauendes Haar und über seine Stirn. Warum, dachte er, muss ich mich von einem übergewichtigen alten Lehrer vor einem noch nicht mal Volljährigen verteidigen lassen?
„Ok, tut mir leid“, sagte Jan-Hendrik, und senkte den Blick. Rüdiger war erleichtert. Hoffentlich war die Stunde bald vorrüber, er wollte raus, brauchte Luft und ein kühles Helles, wenn's beliebt.
„Aber eine Frage habe ich noch“, setzte der Einserschüler wieder an. „So ein Weltmeistertitel verschafft einem doch bestimmt viel Ruhm und eröffnet viele Möglichkeiten, oder?“
Erleichtert darüber, dass der Junge wieder zur Vernunft gekommen ist, antwortete Rüdiger: „Ja, durchaus. Weltmeister – das kann schließlich nicht jeder von sich behaupten. Aber...“
Und wieder unterbrach ihn Jan-Hendrik. „Was genau hat es Ihnen denn gebracht? Ich meine, abgesehen von dem Privileg, hier vor uns stehen zu dürfen?“
Vorsichtiges Gelächter breitete sich in der Klasse aus, während des Lehrers Blicks verwirrt und hektisch durch das Klassenzimmer flitzte und der Stargast um Worte rang. Er musste etwas entgegnen, wusste Rüdiger, und legte sich eine gepfefferte Antwort zurecht. Es ging um jugendliche Naivität, erstmal erwachsen werden, selbst etwas vollbringen und dann später wiedersehen.
Doch mitten in seine Gedanken schrillte die Klingel, was die Schülerschaft in einen gasförmigen Zustand zu versetzen schien, in dem sie durch die Tür nach draußen strömten. Dabei zischten und wisperten sie sich für Rüdigers Ohren unverständliche Laute und vermutlich herablassende Witze zu. Jan-Hendrik warf seine leicht aussehende Cord-Tasche über die Schulter und schlenderte ebenfalls hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen, ohne Rüdiger noch einmal anzusehen. Fast schien es, als ob das Wortgefecht nie stattgefunden hatte, und das verwirrte Rüdiger vollends.
Die kläglichen Entschuldigungsversuche des Lehrers nahm er kaum wahr. Statt dessen stellte er sich vor, wie die Schüler auf dem Flur beisammenstanden, ihn nachäfften und seine einstigen Weltklasse-Leistungen in respektloser Weise herabwürdigten. Dann verschwanden diese Bilder urplötzlich und nur ein Gedanke blieb: „Das war's. Schluss mit diesem Elend. Diese Welt braucht dich nicht, und Du brauchst sie erst recht nicht.“
Zwei Tage später betrauerten sämtliche Medien den Freitod eines berühmten Sportlers, eines einst gefeierten Siegers, eines unserer Helden. Niemand hatte geahnt, dass ein Mann wie er sich würde umbringen können. Über die Ursache wurde wild und wie immer weit an der Wahrheit vorbei spekuliert.
Als Rüdiger dies las, waren die eigenen Selbstmordgedanken, die er zwei Wochen zuvor selbst noch gehegt hatte, nur noch Fragmente einer
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