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Kategorien > Fantasy > Zwischen zwei Welten

Der Fährmann

von Jeremiah Morelli

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Jack war gewiss kein sonderlich guter Mensch. - Im Gegenteil; Er war sogar ein richtiges Arschloch. Sein Gemüt war wechselhaft und sein Gewissen eingeschränkt, wenn überhaupt vorhanden. Er lebte stets so, als gäbe es kein Morgen, und demzufolge kümmerte er sich nicht viel um das Wohlergehen anderer, solange es ihm selbst nur gut ging.
Jack Miller bewohnte ein Appartement in einer grauen Großstadt. Die Wohnung war geräumig und schön, aber seit zwei Jahren hatte er keine Miete mehr bezahlt. Vielleicht würde der Vermieter irgendwann mit der Polizei anrücken, aber wahrscheinlicher war, dass nichts dergleichen passieren würde, denn Jack war nun mal kein Mann, mit dem andere Streit suchten. Er hatte schon Menschen getötet, und ein jeder wusste das. Angst auszuüben war eine Art der Machtergreifung, die er früh zu beherrschen, gar zu meistern gelernt hatte. Selbst die örtlichen Behörden ließen ihn in Frieden, weil sie seinen Zorn fürchteten. Niemand schrieb ihm vor, was er zu tun hatte. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Er verdiente sich sein Geld durch das Leid anderer, und es störte ihn nicht. Das Leben war nun einmal ungerecht, und um diesen Zustand zu erhalten, musste es nun mal Menschen geben, die die Ungerechtigkeiten ausübten. Jack war solch ein Mensch.
Und außerdem war er tot.
Jack hatte noch Schritte im Flur vernommen, war daraufhin aufgestanden und gerade rechtzeitig dort angekommen, um zu beobachten wie sein Bodyguard den Schalldämpfer auf die Waffe setzte. An alles weitere vermochte er sich nur schemenhaft zu erinnern.
Er stand jetzt in seinem Wohnzimmer und vor ihm lag sein Körper, wie ein seltsames Spiegelbild auf dem Teppichboden. Zwischen den Augen war ein kleines Loch. Teile der Schädeldecke sowie des Gehirns schmückten die Wand neben den kostbaren Vasen, die er einem armen Schlucker im Asiaten-Viertel der Stadt abgeknöpft hatte. Der Bodyguard war verschwunden und freute sich wahrscheinlich tierisch auf das Kopfgeld, das er sich mit Jacks Tod verdient hatte. Ein Nachbar schielte neugierig in die Wohnung, aber auf seinem Gesicht zeigte sich nicht die Spur von Trauer. Der Mann stand im Morgenrock da, schlürfte Kaffe aus einer Tasse, und blickte zur blutigen Leiche, als wäre sie ein Werk moderner Kunst.
Scheiße! Ich bin tot. Zuerst war Jack zu keinem anderen Gedanken in der Lage, dann begann er sich jedoch von seinem Körper fortzubewegen, und ihm kam ein viel erschreckender Einfall: Scheiße, ich komm jetzt in die Hölle.
Er glitt als Geist durch die Decke seines Appartements, fuhr durch die darüber liegende Wohnung und ließ dann auch noch das Dach unter sich zurück. Es war ihm, als würde er von einem starken Sog angezogen, und immer schneller wurde sein Flug. Die Stadt unter seinen Füßen wurde zu einem Einheitsbrei aus tausend Farben und über ihm war auf einmal kein Himmel mehr, sondern nur noch eine weiße Fläche, die sich von Horizont zu Horizont zog und kein Ende zu nehmen schien. Einen Moment später war die Stadt gänzlich fort und Jack spürte wieder festen Boden. Er stand auf dem weißen Etwas und um seine Beine wallten dichte Nebelschwaden. In der Ferne stand eine einsame Gestalt, und Jack entschied sich mangels Alternativen diese Person aufzusuchen.
Die Gestalt war in ein graues Gewand gehüllt und das Gesicht war unter einer ebenso grauen Kapuze nur halb sichtbar.
„Wer seid Ihr?“, wollte Jack wissen. „Und wo sind wir hier?“
Die Gestalt streifte die Kapuze ab und entblößte das junge Antlitz eines Mannes mit goldenen Locken, freundlichen Augen und einer Haut wie Marmor. Am Rücken entfaltete sich plötzlich ein Paar großer Schwingen, und Jack begriff, dass er vor einem leibhaftigen Engel stand.
„Ich bin der Wächter.“, sprach der Engel und lächelte Jack an. „Ich stehe stets hier im Nirgendwo, und meine Aufgabe ist es alle Neuankömmlinge zu begrüßen. Ich zeige ihnen den Weg ins Paradies.“
„Ins Paradies?“, wiederholte Jack. „Ihr meint den Himmel?“
„So ist es.“
„Werdet Ihr auch mir den Weg dorthin weisen?“
Der Engel nickte. „Jeder kommt ins Paradies.“
Jack lachte rau. Ihm fiel ein riesiger Stein vom Herzen. „Und ich dachte schon, ich würde ewig im Feuer der Hölle schmoren müssen. Nun erwartet mich wirklich das Paradies?“
„Es gibt keine Hölle, Jack.“
„Das wird ja immer besser.“, Er lachte abermals und konnte sein Glück kaum fassen. Er hatte sein Leben auf Erden in vollen Zügen genossen. Nie hatte er dabei etwas Gutes getan, aber jetzt war das tatsächlich alles egal. Ausgelassen hob er die Hände. „Dann will ich nicht mehr von Eurer Zeit in Anspruch nehmen, Herr Engel, schließlich erwartet mich das Paradies.“
Der Engel lächelte ein undeutbares Lächeln und noch einmal keimte ein winziges Bisschen Misstrauen in Jack auf.
„Ihr habt mich doch nicht belogen, oder?“, hakte er nach. „Jeder kommt in den Himmel? Wirklich jeder?“
„Engel lügen nicht.“, gab der Wächter zurück. „Jeder kommt in den Himmel.“
„Gut.“, strahlte Jack und verwarf endgültig jedes Misstrauen. „Dann sagt mir wie ich dorthin komme!“
Der Engel nickte, berührte Jack an einer Schulter und deutete in die Leere.
„Geht einfach nur geradeaus und Ihr werdet an einen Fluss kommen. Das ist der Hades. Er trennt den Himmel von der Leere.“
„Was muss ich tun, um ihn zu überqueren? Schwimmen?“
„Nein. Ihr würdet im Wasser versinken.“ Der Engel schmunzelte fröhlich. „Aber macht Euch deswegen keine Sorgen. Das Übersetzen ist nicht schwer. Es gibt unzählige Fähren, die am Ufer auf Euch warten. Ein jedes Boot wird Euch sicher über das Gewässer bringen, mein Wort darauf.“
„Nun, dann mal los, nicht?“
Jack lachte und rannte in die Leere. Zuerst sah er nach wie vor nur weiße Schwaden, aber dann teilte sich die Unendlichkeit vor ihm und er kam an das Ufer eines mächtigen Flusses. Das Wasser war schwarz wie die Nacht, aber dahinter sahen seine Augen das Paradies. Eine sanfte Brise trug süße Gerüche heran und liebliche Musik drang an seine Ohren. Der gesamte Horizont jenseits des Hades war eine Welt der Pracht, und die Menschen, die dort lebten waren alle glücklich und zufrieden.
Auch sonst hatte der Engel die Wahrheit gesprochen. Am Ufer standen Boote in Hülle und Fülle. Barken, Flöße, Gondeln und andere Gefährte lagen dort, und auf jeder Fähre wartete ein Fährmann. Es waren Menschen jeden Geschlechts, jeder Rasse und jedes Alters. Sie waren wie der Wächter, dachte sich Jack. Sie warteten alle auf Neuankömmlinge. Gott hatte wirklich vorgesorgt. Es mussten Abermillionen sein und jeder winkte mit sichtlicher Vorfreude.
„Hierher!“, rief jemand. „Ich fahre Euch, Herr!“
„Nein, kommt zu mir!“, rief ein anderer.
Alle hatten strahlende Gesichter und Jack war sprachlos angesichts solcher Hilfsbereitschaft. In der Ferne erkannte er die Umrisse einer Brücke, aber der Weg schien ihm noch zu weit. Das Paradies rief nach ihm und er betrat rasch eine Barke, die schlank und schnell aussah.
„Oh, Herr.“ Sagte der Fährmann und begrüßte Jack freundlich. „Seid Ihr bereit für die Fahrt?“
„Wenn Ihr es denn seid.“, gab

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