Der Fetisch
von
Kulkanie
M. hatte keine Ahnung wie er in den Laden gekommen war. Wie so oft hatte er einsam die Straßen seiner Stadt durchstrichen in der Hoffnung, daß die frische Luft und die Bewegung seinen Gemütszustand zumindestens zeitweise verbessern würden. Meistens taten sie das, aber die schwermütigen Gedanken kehrten immer wieder zurück und oft hatte er das Gefühl, unter der Last der Sinnlosigkeit zerdrückt und von der Monotonie seines Alltags gelähmt zu werden. <BR> Und nun war er dort. <BR> Der Laden war alt und rustikal eingerichtet. In den Regalen standen Bücher, deren Alter fast greifbar war, so schwer lastete die Zeit auf ihnen. Auch die Auslagen mit kunstvollen Schnitzereien, metallenen Figuren und anderen Gegenständen hatten eine Aura der Kraft. <BR> Auch wenn M. nicht wußte, wie er in diesen Laden gekommen war, so war ihm doch klar, daß er dort finden würde, was er suchte und der Verkäufer, wie es gute Verkäufer eben tun, bereits genau wußte, was M. wollte. Und so wartete er. <BR> Als aber der Verkäufer keine Anstalten machte zu reden, wurde M. ein wenig ungeduldig. <BR> ''Nun?'' <BR> ''Was nun?'' <BR> ''Wollt ihr mir nicht geben, weswegen ich gekommen bin?'' <BR> ''Ihr müßt sagen, was ihr wollt.'' <BR> ''Aber Ihr wisst doch bereits was ich will!'' <BR> ''Gewiß weiß ich es. Aber ihr müßt es sagen.'' <BR> ''Warum?'' <BR> ''Damit Ihr es wisst.'' <BR> ''Aber ich weiß es doch!'' <BR> ''Dann sagt es.'' <BR> M. wurde nachdenklich. <BR> Nach einer Weile sagte er: ''Ich suche nach einen Weg von meinen negativen Gedanken abzukommen. Ich weiß zwar, daß sie zu nichts führen und mir nur schaden, aber ich schaffe es nicht sie zu unterbinden.'' <BR> Der Verkäufer betrachtete ihn eine Weile und überlegte. Dann antwortete er: ''Nun gut. Wenn das Ihr Wunsch ist, dann habe ich das richtige für Sie.'' <BR> Er ging zu einem der Tische und nach einem kurzen suchenden Blick nahm er geschwind einen kleinen Gegenstand auf und verbarg in in der Hand. M., der an der Theke stehen geblieben war, hatte nichts sehen können und so wartete er bis der Verkäufer zurückkam. <BR> An der Theke angekommen legte der Verkäufer den Gegenstand auf den Tisch und M. sah, daß es eine kleine Figur war. <BR> ''Dieser Fetisch wird Ihnen den gewünschten Dienst leisten. Wann immer Sie schlechte Gedanken spüren, nehmen Sie ihn in die linke Hand, schließen Sie die Augen und sprechen Sie in Gedanken den Befehl <I>Befreie mich!</I> und er wird sie von Ihnen nehmen.'' <BR> M. wußte, daß es stimmte und diese Lösung gefiel ihm gut. Er griff nach dem Fetisch und war versucht es auszuprobieren, aber er tat es nicht. Eine so gute Lösung gefunden zu haben, versetzte ihn in Hochstimmung und er fühlte, daß es für den Fetisch nichts zu tun gäbe. Doch dann wurde ihm ein letztes Problem gewahr. <BR> ''Und was soll dieser Fetisch kosten?'' <BR> ''Was haben Sie anzubieten?'' <BR> ''Geld natürlich.'' <BR> Der Verkäufer lachte. ''Es gibt viel interessantere Dinge, die ein Geschäft lohnend machen.'' <BR> M. war verwirrt. ''Was wollen Sie denn sonst?'' <BR> Nach einer kurzen Pause antwortete der Verkäufer: ''Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie dürfen den Fetisch vorerst ohne Bezahlung ausprobieren. Wenn er Ihnen zusagt, dann reden wie über das weitere.'' <BR> M. überlegte. Das war keine schlechter Vorschlag und soweit er es beurteilen konnte auch ohne Nachteil für ihn. Schließlich konnte er den Fetisch jederzeit zurückgeben und sagen, daß er ihm nicht gefalle. <BR> ''Also gut. Einverstanden. Ich probiere ihn aus und komme zurück.'' <BR> ''Wunderbar. Wie sehen uns also wieder.'' <BR> M. bedankte sich und verließ den Laden. Er lief freudig, den Fetisch in der Innentasche befühlend, nach Hause.<BR> <BR> Allein der Besitz des Fetisch reichte die nächsten Tage aus, um jeglichen Trübsinn zu verhindern oder wenn er doch, fast zaghaft, auftrat, ihn kraftvoll wegzuwischen mit dem Gedanken, daß der Fetisch ihm jederzeit ein Ende bereiten könnte. <BR> Doch mit der Zeit kehrte der Alltag zurück und mit ihm die niederschlagenden Gedanken und so begann M. den Fetisch zu benutzen. <BR> Er nahm ihn, wie vom Verkäufer beschrieben, in die linke Hand, schloß die Augen und sprach <I>Befreie mich!</I> und in der Tat fühlte er noch im gleichen Augenblick, wie die Schwermut in den Fetisch glitt. <BR> Anfangs erfreute ihn dieser Umstand, doch je länger er den Fetisch benutzte, umso kürzer währte die Freude über die Befreiung und bald nahm er es einfach nur noch zur Kenntnis. <BR> Mit der Zeit bekam M. das Gefühl, daß etwas nicht stimmte. <BR> Er hatte die erhoffte Erlösung von seinen negativen Gedanken, aber das Resultat des Fetisch war keine Erkenntnis oder positive Lebensansicht sondern Leere. Und M. konnte diese Leere nicht füllen, denn seine schlechten Gedanken waren das Ergebnis seiner vergeblichen Suche nach einer Antwort. Sein eigentliches Problem blieb also ungelöst, was M. sehr frustrierte. <BR> Er holte den Fetisch hervor und betrachtete ihn. <I>Du bist keine Lösung für mich!</I> dachte er sich und kehrte zum Laden zurück. <BR> ''Ich bin unzufrieden mit diesem Fetisch!'' <BR> ''Hat er seinen Dienst etwa nicht erfüllt?'' <BR> ''Doch, aber er ist nicht ausreichend.'' <BR> ''Warum?'' <BR> ''Weil er mein Problem nicht löst, sondern nur die Auswirkung bekämpft.'' <BR> ''Und wißt Ihr diesmal, was Ihr wollt?'' <BR> M. überlegte wieder. Eigentlich wollte er das Problem lösen, indem er nach dem Sinn seines Lebens fragte, aber plötzlich kamen ihm Zweifel, ob dies wirklich so gut wäre. <BR> <I> Ich bin nicht in der Lage einen Sinn in meinem Leben zu finden und genau genommen will ich das auch nicht, denn was, wenn mir dieser Sinn nicht gefällt? </I> <BR> <I> Wenn mein Leben also nutzlos ist und ich am Ende sterben und in Vergessenheit geraten werde, dann will ich doch wenigstens meinen Spaß gehabt haben. </I> <BR> ''Ich will glücklich sein! Wann immer schlechte Gedanken kommen will ich sie fortwischen und durch gute Gedanken ersetzen können.'' <BR> Der Verkäufer nickte, holte etwas von einem der Tische und legte einen neuen Gegenstand auf die Theke. <BR> ''Dieser Fetisch wird Ihnen ebenfalls den gewünschten Dienst leisten. Sie benutzen in genauso wie den anderen.'' <BR> M. nahm die Figur, benutzte sie auf der Stelle und siehe da, es funktionierte! Er fühlte sich überglücklich, dankte dem Verkäufer und ging beschwingt nach Hause.<BR> <BR> In der nächsten Wochen benutzte M. den Fetisch, wann immer er sich schlecht fühlte und das gute Gefühl, das er dadurch bekam, hob seine Laune doppelt, denn die Beobachtung des Effekts verstärkte ihn nochmals. <BR> Doch bald stellt sich auch hier eine Gewöhnung ein, die M. jedoch durch ein größeres Maß an positiven Gedanken ausglich. <BR> Allerdings wurde er nicht wirklich glücklich. <BR> Er fragte sich immer häufiger, wenn auch mit einem guten Gefühl dank des Fetischs, ob er nicht vielleicht doch den eigentlichen Sinn seines Lebens ergründen sollte. Denn was brachte es, sein Dasein auf diese Weise zu verbringen? Ob glücklich oder unglücklich mit der einzig festen Erkenntnis, daß alles, was er hier erreicht, verloren sein wird mit seinem Tod? <BR> Aber noch wollte er nicht. <BR> Er sagte sich, daß das Fehlen eines Sinnes die Freiheit bedeutet, jeden Sinn zu definieren und so begann er alles auszuprobieren. Er bereiste ferne Städte, lernte viel über fremde Kulturen und sammelte Erfahrung. <BR> Eines Tages betrachtete M. sich im Spiegel. <BR> <I> Ich habe mehr gesehen, als die meisten Menschen, die hier leben. Ich habe wunderbare Begegnungen gehabt und bin an den schönsten Orten gewesen, die es auf dieser Welt gibt. Und doch wird alles verschwinden, wenn ich sterbe. Dann unterscheide ich mich nicht mehr von jemanden, der an Hunger gestorben ist oder sein Leben lang die immer gleiche stupide Arbeit verrichtet hat. </I> <BR> <I> Alle Freiheiten, die ich mir genommen habe, gaben meinem Leben einen Sinn für den Augenblick, den sie wärten. Denn wie verblaßt doch schon die Erinnerung gegenüber der Wirklichkeit! </I> <BR> M. war endlich bereit, die Antwort auf die Frage zu suchen, der er Zeit seines Lebens ausgewichen war und so begab er sich erneut in den Laden. <BR> ''Auch dieser Fetisch ist nicht nach meinem Wunsch.'' <BR> ''Ja.'' <BR> ''Ich bin zu den Schluß gekommen, daß ich überhaupt nicht auf der Suche nach etwas bin, daß mir dieses Leben erleichtert. Ich will den Sinn wissen.'' <BR> ''Ja.'' <BR> ''Also sage mir: Welchen Sinn hat mein Leben?'' <BR> Der Verkäufer beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr. <BR> M. wurde bleich. <BR> ''Es muß einen Ausweg geben!'' <BR> ''Unwissenheit.'' <BR> Der Verkäufer holte ihm eine wunderschön verzierte, alte Pistole, aber M. hatte keinen Blick für diese Äußerlichkeit und mit einem Gefühl der Erleichterung schoß er sich eine Kugel durch den Kopf.<BR> <BR> Vorsichtig und konzentriert sammelte der Verkäufer die Essenz von M. in einer neuen Figur. Er ging zu einem der Tische, stellte sie an ihren Platz und hielt kurz inne, um seine Sammlung zu betrachten. Er lächelte. <BR> Plötzlich blickte er auf und horchte angestrengt. Dann ging er mit einem lauten Lachen zurück zur Theke: ''Kundschaft!''
Kommentare
laputillie@gmx.net schrieb:
Huy, krasse Geschichte!
nechljudjow@aol.com schrieb:
nicht gerade innovative motive, die sprache ist ebenfalls eher bieder und unausgegoren (zum beispiel die inkonsequenz bei der verwendung der altmodischen "ihr" statt "sie"-anreden, die sowieso in kontrast zu eher modernen ausdrücken wie "negative gedanken" stehen) und der schluss scheint überaus banal, ja geradezu kitschig, wenn man das thema bedenkt und was alles wie oft darüber schon gesagt oder geschrieben wurde.
der text bringt einfach nichts neues, fällt sogar weit hinter schon gedachtes zurück in kitsch und banalität, und dieses nichts wird einer recht undurchdachten sprache artikuliert, die nichts bewirkt.
nordkorea@hotmail.com schrieb:
hihi, schon wieder darf ich meine kritik nachfolgend einer von nechljudjow schreiben...
- Thematik: An sich spannend, die Idee mit einem ominösen Laden und nicht-geldlicher Bezahlung erinnnert mich an "Needful Things" von Stephen King
- Sprache: Es tut mir leid, doch mir drängt sich der Begriff "pseudointellektuell" auf. Versuch so zu schreiben, wie du sprichst, so wirst du am meisten Authentizität rüberbringen. Die vielen, unangebrachten und meist wülstigen Adjektive stören. Versuche deine Geschichte(n) mit Verben und Subjekten zu erzählen, Ajdektive sind sparsam einzusetzen. ;-)
- Inhalt: Ich habe mich wirklich angestrengt, doch ich konnte bei bestem Willen nicht allzuviel Aussage in deinem Text finden. "Am Ende sind alle gleich"? In diesm Fall wäre weniger (Text) mehr (Wirkung)!
Liebe, wenn auch kritische Grüsse
meinmist@hotmail.com schrieb:
Ich fand die Geschichte cool, wenn auch nicht perfekt.
achderbloss@web.de schrieb:
Relativ zu den Inhalten dieser Site ist diese Geschichte gut. Eine kreative Idee, die kleine Fehler wenig trüben. "Ihr" und "Sie" ist mir auch gleich aufgefallen. Das Ende ist ein krasser Perspektivwechsel, der aufgekommenes Mitleid und andere Gefühle irgendwie absägt. Das ist gut, weil es zur Aussage passt, die für mich heisst: Das Leben hat keinen Sinn, nur Unwissenheit schützt vor dieser zerstörerischen Einsicht. Zum Glück bin ich unwissend.
Weiter so, Kulkanie
Es grüßt Gregor
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