Der Flieger
von
Julius
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Der Flieger
Dreizehnuhrfünfzehn , dreizehnuhrsiebzehn , -zwanzig ,
eigentlich müsste er jetzt zu hören sein oder zu sehen , der Flieger , der ihn vom nahegelegenen Flughafen auf die warme Sonneninsel im Atlantik hätte bringen sollen .
Aber die Wolkendecke war so dicht , dass er ihn wohl kaum würde wahrnehmen können . Doch jetzt , das rollende Dröhnen der Turbinen , das konnte er jetzt hören , es kam näher , wurde lauter , donnerte über ihn hinweg.
Dort oben hätte er jetzt sein sollen , so kurz nach dem Start noch angeschnallt , unbequem eingezwängt in den Sitz der Touristenklasse , die Hände fest um die Lehne geklammert. Flugangst , er hätte nämlich Flugangst jetzt, dort oben im Nebelmeer. Es würde lange dauern , bis er sich würde entspannen können . Meist ließ die Verkrampfung erst nach , wenn er unter sich ein sonnenbeschienenes Wolkengebirge sah , sein Fantasialand , wie er es nannte , auf das er seine Träume , Ängste und Sorgen projizieren konnte, bis sie sich freischwebend und schwerelos in weiße Luftschleier auflösen würden . Aber über seinen Zustand sprechen konnte er nicht , konnte sich auch keine Notizen machen , die Wörter versagten sich ihm, es war , als ob die kleine Leuchtschrift über jedem Sitz , die zum Anschnallen aufforderte, speziell für ihn die Mahnung bereithielt “Fasten words please” , und als ob seine doch sonst so geläufige Fähigkeit sich auszudrücken erstarrt sei oder gefesselt.
Während er dem Turbinengedröhn nachlauschte , wurde ihm klar , dass er auch jetzt, hier auf der Erde , im Garten hinter seinem Haus , Angst empfand . Kalter Schweiß war ihm auf die Stirn getreten , der Rücken war kalt-feucht , das Hemd klebte - da waren sie wieder , die Symptome , die ihn gezwungen hatten , nein , die er zum Anlass genommen hatte , die bereits gebuchte Flugreise abzusagen. Dreimal war er in der vergangenen Woche beim Arzt gewesen , hatte sich untersuchen lassen , Blut war abgenommen und in vielen kleinen Röhrchen in ein Labor geschickt worden , von wo tags drauf die Nachricht kam “Ohne Befund”. In der letzten Besprechung gestern wurden alle Daten und Ergebnisse nochmals überprüft , bis zuletzt der Mediziner ratlos und abwehrend beide Hände hob , die Finger spreizte und mit lauter Stimme erklärte “Ich weiß es nicht ... !”.
So war schließlich die Ursache für seine Anfälle von Kaltschweiß offen geblieben . Die Psyche und ihre Wechselwirkung mit dem Körper wurde ins Spiel gebracht ,und natürlich wurde auch Stress erwähnt , der ja für Vieles herhalten muß heutzutage . Selbstverständlich hatte er Stress gehabt während der vergangenen zehn Monate : Da war die plötzliche schwere Erkrankung des älteren Bruders , der viele Wochen lang von Klinik zu Klinik wechselte, mehrere Operationen überstand und an einer unerklärlichen Sepsis des Bauchraums fast gestorben wäre . In dieser Zeit war ihm bewußt geworden , wie sehr er doch an seinem Bruder hing - obwohl sie lange Jahre nicht auf dem besten Fuß miteinander gestanden hatten - , wieviel er ihm zu verdanken hatte und wie schwierig , ja fast unmöglich es sein würde , ohne ihn auszukommen bei den gemeinsamen geschäftlichen Interessen , die sie verbanden . Stress und Belastung ergaben sich natürlich zusätzlich aus dem Bemühen , den Bruder zu vertreten , der Schwägerin Mut zuzusprechen ,der Familie die Hoffnung zu erhalten .
Auch in seinem eigenen Bereich hatten sich die Dinge unvorhergesehen schwierig entwickelt. Der kleine Verein , den er leitete , geriet plötzlich in heftige kommunalpolitische Turbulenzen ; es kam zu einer öffentlichen , in der Presse ausgetragenen Auseinandersetzung mit dem Bürgermeister , die in etlichen Leserbriefen meist wenig kenntnisreich kommentiert wurde. Nicht ohne Grund hasste er Kommunalpolitik und -verwaltung, hatte Zeit seines Lebens versucht, ihre Abgründe zu meiden . Schon als junger Referendar hatte ihn während seiner Ausbildungsstation im Hauptamt einer Ruhrgebietsstadt der heftigste Widerwille erfasst gegen die hemdsärmelige, kumpelhafte Erledigung der Dienstgeschäfte , die regelmässigen Feierabendbesäufnisse von Beamten und Antragstellern und die kaum verhehlten Durchstechereien.
Natürlich gab es auch Momente der Zufriedenheit. Er erlebte sie etwa beim Reiten , wenn er sich voll auf das Pferd konzentrieren musste . Oder neulich beim Lesen : Er saß spätnachmittags in seinem kleinen Bücherzimmer , schaute von der Lektüre auf und blickte durch die offene Tür in den angrenzenden Wohnraum ; sah , wie die tiefstehende Sonne herein schien , die dunklen Mahagonimöbel rot aufleuchten ließ, alle Farben des Gobelinsessels deutlich hervorhob , ihre farbigen Reflexe spielerisch über die Bilder an den Wänden schickte ,den ganzen Raum in eine lichtere heitere Wirklichkeit hob, und wurde plötzlich von solch einem überwältigenden Glücksgefühl erfasst, dass er meinte, es körperlich und fast schmerzhaft spüren zu können. ‘Das ist der Höhepunkt’ , hatte er gedacht , ‘nie wieder wirst Du Ähnliches erleben, nie wieder in Deinem ganzen Leben’ - und so mischte sich , das wurde ihm jetzt klar , während er auf den verhallenden Flugzeuglärm horchte , auch in diesen Moment des Glücks und der Dankbarkeit wieder eine Spur von Angst , ein Gefühl der Vergänglichkeit und der Gedanke an das Ende , den Tod.
Aus Westen war jetzt nur noch ein letztes schwaches Grollen der Triebwerke über der Wolkendecke zu hören . Es war vorbei. Die Enttäuschung über die verpasste Reise, der Anfall von kaltem Schweiß , die Sorge um seine Gesundheit und die Erinnerung an quälende Flugangst - vorbei. Kein Erschrecken mehr , keine Ratlosigkeit.
Wichtig war jetzt nur , die Kleidung zu wechseln . Langsam ging er ins Haus.
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