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Kategorien > Fantasy > Liebe

Der Fluch

von selene

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I.

"Der Legende nach wurde sie hier vom Prinzen getötet. Sie soll eine atemberaubende Schönheit gewesen sein und als der Prinz sie sah, verfiel er ihr sofort. Es wird erzählt, dass er sie von ihrem Tempel entführt habe und sie zu seiner Frau habe machen wollen. Sie aber verweigerte sich ihm, woraufhin er sie aus Leidenschaft tötete. So jedenfalls steht es geschrieben.", liess die Leiterin die Reisegruppe wissen.
"Was für ein grausamer Mann! Wie kann er behaupten sie zu lieben, wenn er sie einfach so umbringen kann?!", meinte daraufhin Mary.
"In der Schrift steht, dass er seine Tat danach sehr bereut habe, daher dann diesen Schrein bauen ließ und anschließend den Rest seines Lebens hier verbrachte um seine Schuld zu sühnen.", antwortete wieder die Reiseführerin.
"Steht da auch, weshalb er sie überhaupt erst umbrachte?", wollte Mary's Freund Jean wissen, "Ich meine, jemanden zu töten nur weil er einen abweist...ist ja nicht unbedingt so glaubhaft."
"Ja, du hättest ziemlich viele Leichen im Keller, wenn du auch so mit den Frauen verfahren würdest, nicht Jean?", neckte ihn Liza.
"Hey!" erwiderte Jean empört und Liza lenkte ein:"...aber du hast natürlich Recht. Die Beweggründe des Prinzen, die Priesterin umzubringen sind wirklich nicht so ganz nachvollziehbar."
"Ich glaube er hat nicht wirklich seine Gefühle verstanden. Er hat sie gewollt, ohne zu wissen, warum. Und weil er ein Prinz war und immer bekam, was er wollte, hat er nicht begreifen und fassen können, dass er sie nicht haben konnte. Weil er nie vorher Liebe gespürt oder Erbarmen kennengelernt oder gewährt hatte, wusste er nicht anders mit der Wut und Enttäuschung ihrer Abweisung umzugehen, als sie aus der Welt zu schaffen. Er dachte vermutlich, wenn er sie beseitigt, würden auch die Gefühle für sie verschwinden.", sagte Anesa.
"Gott, Ane, du klingst ja, als hättest du den Prinzen persönlich gekannt.", meinte Liza spaßend.
"Ach ja...?", erwiderte diese nur und zuckte mit den Achseln.
Die Reiseleiterin führte die Gruppe nun in die rechte Kammer des Schreins, wo hinter einer Glaskuppel das Pergament, auf welchem die Geschichte der Priesterin und des Prinzen geschrieben stand, aufbewahrt wurde.
"Das Dokument wurde in Sanskrit, der alten indischen Schrift, verfasst. Für gewöhnlich wurde diese Schrift nur von Gelehrten für religiöse oder wissenschaftliche Niederschriften verwendet. Dieses Dokument aber wird als Erzählung eingestuft. Manche Wissenschaftler vermuten, dass diese Geschichte sich möglicherweise wirklich ereignet haben könnte...die Einzigen jedoch, die uns das beantworten könnten sind leider nicht mehr am Leben.", meinte die Führerin.
Anesa hörte kaum noch die Stimme der Gruppenleiterin, die weiterhin über die Fakten des Dokuments und seine Herkunft sprach.
Statt dessen starrte sie das Pergament, auf dem die Schrift bereits am verblassen war, an.
Es kam ihr vor als hörte sie eine Geschichte, die sie schon kannte, schon einmal gehört hatte. Nein, nicht nur gehört, sondern die sie schon erlebt hatte. Vielleicht im Traum? Hatte sie diese Geschichte vielleicht schonmal geträumt, bevor sie ihr heute erzählt wurde?
Selbst der Schrein kam ihr auf eine seltsame Weise bekannt vor.
Sie wusste nicht, woher dieses beklemmende und vertraute Gefühl kam. Es verursachte ihr leichtes Unbehagen und war doch wiederum spannend. Sie wunderte sich, woher es kam und brannte darauf alles über den Schrein und seine Geschichte herauszufinden.

Als sie zum Ausgang kamen kaufte sich Anesa in dem kleinen Souvenirladen eine Kopie des Originaltextes. Zwar konnte sie die Schrift nicht entziffern, doch sie nahm sich vor recht bald Sankskrit zu lernen. In ein paar Tagen würde ihre Klassenfahrt zu Ende sein. Sie würde Indien verlassen und nach England zurückkehren müssen, aber sie wollte auf jeden Fall eines Tages zurückkommen.
"Irgendwann werde ich deine Geheimnisse lüften...", murmelte sie, während sie einen letzten Blick auf den Schrein warf und in den Bus einstieg.


II.

"Eher sterbe ich, als mich Euch hinzugeben.", sagte sie kalt, ihr Gesicht eine einzige Maske, obwohl sich in ihren Augen Widerwillen und Wut spiegelten.
"Ist das so?", fragte der Prinz spöttisch, "Ihr würdet also lieber den Tod umarmen als mich?"
Sie erwiderte nichts, aber senkte auch nicht ihren Blick. Ihr verhasstes Gegenüber schnaubte verächtlich.
"Törichtes Weib!", er kniff seine Augen zusammen und starrte sie einen Moment lang an, dann fragte er: "Liebt Ihr Euer Leben etwa so wenig?"
"Ich liebe mein Leben, aber nicht mehr als ich Euch verabscheue.", erwiderte sie nüchtern.
"Sagt das nochmal!", er näherte sich ihr und packte sie am Arm.
"Ich verabscheue Euch!" wiederholte sie unbeirrt.
Er ließ ihren Arm los und ging einen Schritt zurück.
"Ihr redet leichtfertig, Herrin!" erklärte er und in seinem bisher spöttischen Ton schwang unterdrückter Zorn mit. "Ich habe Euch nicht vor die Wahl zwischen mir und dem Tod gestellt...aber wenn Ihr mit solcher Leidenschaft davon redet, eher zu sterben als meine Braut zu sein...was für ein Mann wäre ich Euren Willen nicht zu akzeptieren?"
Er lachte laut auf, nachdem er das sagte und fragte sie dann: "Also dann, habt ihr noch irgendwelche letzten Worte bevor ich euch Euren Wunsch erfülle?"
Sie sah ihn an, aber ihr Blick schien durch ihn hindurchzugehen.
"Ich nehme an, das bedeutet 'nein'.", meinte er und zog sein Schwert.

Anesa wachte schweratmend und schweißgebadet auf.
"Schon wieder dieser Traum...", dachte sie beunruhigt. Er kam nun immer regelmäßiger, seit sie in Indien angekommen war. Es war immer der gleiche Traum und darin war sie immer dieselbe, ihr unbekannte Frau. Im Traum jedoch schien ihr diese Frau nicht fremd, im Gegenteil sie fühlte sich ihr sehr verbunden, als sei sie wirklich sie, als kannte sie ihre Lebensgeschichte, ihre Gefühle sehr genau, aber wenn sie dann aufwachte erinnerte sie sich nicht mehr daran. Sie erinnerte sich noch an den Dialog der beiden Personen, aber nicht mehr an die Details. Das Leben der Frau aus ihrem Traum, das ihr so wohlbekannt erschien. Wenn sie aufwachte, verschwamm alles und sie hatte das Gefühl, als hätte sie etwas sehr wichtiges vergessen.
Mehr als drei Jahre waren bereits vergangen, als sie das letzte Mal mit ihrer Klasse in Indien war. Sie war wegen ihres Studiums zurückgekehrt. Orientkunde war ihr Hauptfach und obwohl ihre Eltern dagegen waren, hatte sie es durchgesetzt ein Jahr in Indien studieren zu dürfen.
Sie hatte nicht vergessen, was sie sich damals vor dem Schrein der Chiaya Saawita vorgenommen hatte und Sanskrit gelernt, obwohl sie noch nicht besonders gut darin war.
"Ich werde meinen Professor bitten, mir zu helfen.", dachte sie bei sich, während sie ihren Kaffee drank und über ihren Traum sinnierte. Sie fragte sich, ob dieser etwas mit der Geschichte zu tun hatte, und ob die Tatsache, dass sie ihn nun so häufig hatte daher rührte, dass sie wieder in Indien

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