Der Geldautomat
von
Dominik Baumann
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Es ist immer wieder lustig, Menschen vor dem Geldautomaten zu beobachten. Manche stehen stocksteif davor, Andere betont lässig und wieder Andere geben ihre Geheimzahl ein, als wären sie ein Roboter, dem das Hydrauliköl ausgegangen wäre. Während der Geldautomat freudig piepst und raschelt, achten manche Leute nicht mehr auf den Arbeitsablauf des Geldabhebens. Dies kann allerdings schwerwiegende Folgen haben.
Ich brauchte Geld – viel Geld! Also beschloss ich, die Bank mit meiner EC-Karte zu überfallen und den Geldautomaten dazu zu bewegen mir das benötigte Geld auszuspucken. Doch das erste Handicap zeigte sich schon, als ich die Vorhalle mit dem darin stehenden Automaten betrat. Ein älterer Herr stand vor dem elektronischen Bankangestellten ohne Gehalt und führte in Zeitlupe seine Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Der Automat zerrte an der Karte, die der Mann anscheinend nicht freiwillig hergeben wollte.
Nach wenigen Sekunden hatte der Geldautomat das Tauziehen um die Karte dann doch gewonnen und die Fellmütze des Mannes war leicht auf dem Kopf verrutscht. Als der elektronische Bankangestellte die Karte geprüft hatte, piepste er kurz und befragte den Herren, was er denn wünsche. Der Mann schob sich seine Brille auf der Nase zurecht und starrte auf den Bildschirm.
Der nette Herr wollte ebenfalls Geld und betätigte, als würde er heimlich mit dem Finger von Omas Pudding naschen, den Knopf "Auszahlung". Der Geldautomat wollte dem Kunden aber nicht so ohne Weiteres das Geld überlassen, denn er wollte die Geheimzahl wissen. Das Kundengesicht des älteren Herren verzog sich kurz, die rechte Augenbraue hob sich, dann wurde sich unter der Fellmütze am Kopf gekratzt. In ewigen zwei Minuten gab der Mann sehr langsam und bedächtig seine Geheimzahl ein. Die Tastatur piepste und ein weiterer Kunde betrat die Vorhalle. Dieser bog aber zum Kontoauszugsdrucker ab. Unter der Fellmütze wurde jetzt überlegt, wie viel Geld man wohl benötigen würde: "Magda hat gesagt, wir bräuchten mindestens 50 Euro für die Wochenendeinkäufe. Ach, ist das alles teuer geworden. Dieser Euro ist ein Teuro! Fast genauso schlimm, wie die Inflation nach dem Krieg! Dann hatte Magda doch noch was gesagt? Ah, ein paar Blumen für Erna wollte sie kaufen. Aber was kosten denn bloß Blumen? Fünf Euro oder zehn? Vielleicht 10 Euro! Sind wir bei 60...".
Ich stellte mich derweil auf einen längeren Aufenthalt in der Vorhalle ein und suchte nach einem Platz zum Übernachten. Vielleicht bei den Schließfächern im Nebenraum?
"... heute Abend gehe ich mit Rudi ins Lokal zum Fußballstammtisch. Wie viele Bier trinke ich denn heute? Mindestens 5. Ein Bier kostet 2,50 Euro. Seufz, so teuer! Ach, dieser Teuro ist schlimmer als die Inflation nach dem Weltkrieg. Fünf Mal 2,50 sind dann 12,50 Euro. Wo war ich vorhin, ach bei 50, äh und die Blumen 10, dann 60 plus 12,50 sind 72,50...".
Der Automat blinkte ungeduldig und hatte null Verständnis für das schwierige Rechenproblem seines Kunden. Nicht einmal im Entferntesten dachte der Automat an die Kosten, die das wirkliche Leben draußen forderte. Weil er es nicht verstand, stieß er einen schrillen Piepton aus und gab dem Mann einfach seine Karte zurück.
"... und wenn ich mehr Bier trinke? Wenn der Gerd kommt muss ich eine Runde ausgeben, weil der Geburtstag hatte. Okay sechs Bier und dann noch die Runde für mindestens zehn Personen, sind ungefähr 30 Euro. Sind dann schon 115 Euro. Magda wird schimpfen! Aber wenn’s zum Schafkopfen kommt, ah, ja, haha, da gewinne ich mindestens 50 Euro zurück! Was ist denn jetzt? Wieso gibt mir der dumme Automat die Karte zurück?"
Irritiert nahm der Mann seine Karte an sich, steckte sie aber dann gleich wieder in den dafür vorgesehenen Schlitz. Wieder fragte der Bankomat nach der Geheimzahl und der Mann gab sie mit einigem Grummeln nochmals ein. Der andere Kunde am Kontoauszugsdrucker hatte mittlerweile seine Karte in den Drucker gesteckt. Der Drucker piepste und ratterte. Auch der ältere Mann am Geldautomat gab etwas in den Geldautomaten ein und kurz darauf begann auch der Geldautomat zu Rattern. Nett wie diese Geldautomaten nun mal sind, wollte er dem Kunden am Ende des Vorgangs seine EC-Karte wieder zurückgeben und schickte sie durch den Schlitz aus seinen Innereien nach Draußen. Doch der Kunde reagierte nicht, sondern rieb sich stattdessen die Hände.
"Die alten Grattler zocke ich beim Schafkopfen ab. Magda wird zwar schimpfen, wenn sie erfährt, dass ich so viel Geld abgehoben habe. Aber man muss beim Schafkopfen einige Vorfinanzierungen machen. Haha, und mein Sieg winkt! In meiner Mütze kann ich gut die Karten verstecken und manipuliere so das Spiel. Hehe, denen ziehe ich das Geld raus und ich habe die Inflationskosten wieder drin. Am Anfang muss ich natürlich ein bisschen Bluffen. Und danach geht es los, die Schlappis zocke ich ab!"
Dann erst fielen seine Augen zufällig auf den Schlitz des Geldautomaten. Er erkannte seine Karte. Langsam und bedächtig hob sich sein Arm, dann Daumen und Zeigfinger. Diese ergriffen die EC-Karte mit sicherem Griff, um sie aus dem Schlitz zu ziehen. Natürlich mussten sorgfältig und sehr langsam alle Merkmale der Karte überprüft werden. Der dumme Automat hätte schließlich auch eine andere Karte zurück geben können. Nach erfolgter positiver Prüfung wurde die Karte wieder in den Geldbeutel gesteckt und der dann langsam in der Jacke verstaut. Der andere Kunde am Drucker freute sich mittlerweile über seine neuen Kontoauszüge. Der ältere Mann beäugte ihn argwöhnisch, drehte sich aber dann wieder zum elektronischen Bankangestellten um, der das Geld des Mannes schon seit einigen Sekunden für ihn bereit hielt. Der Mann griff nach seinem Geld – doch was machte der Automat plötzlich? Der Geldautomat kassierte einfach das Geld wieder ein und schloss seine Geldklappe!
Der Mann verharrte; blieb mit ausgestrecktem Arm stehen. Er stand wie ein Diskuswerfer da, der in der Wurfaktion eingefroren worden war. Unter der Fellmütze wurde das Gesicht farblos, dann dunkelrot. Die Augen blähten sich zu großen schwarzen Tellern auf und ich meinte durch ein schwarzes Loch auf irgendein Sonnensystem zu Blicken. Fassungslos stand der Mann da, bis er nach einigen Minuten den Arm fallen ließ und aus seiner Starre ins lebendige Leben zurück kehrte.
"Ja – ja, gibt’s denn so was!", schrie der Mann und schaute dabei mich an.
"Haben sie das gesehen?!", fragte er mich dann, als ich nicht reagierte.
"Was meinen sie denn?", war meine Gegenfrage.
"Der Geldautomat! Er hat mir einfach das Geld weggenommen! Einfach verschluckt hat er es!", schrie er und die Fellmütze wackelte. Dabei musterte er den anderen Bankkunden mit den Kontoauszügen.
"Wo ist mein schönes Geld? Ich brauche es doch zum Schafkopfen! Warum freut sicher dieser Mann an dem Automaten so dämlich? Wo mir doch mein Geld abhanden gekommen ist! Hm, Automat! Ich hab’s! Dieser Mann hat mein Geld! Warum sollte er sich sonst so freuen? Das da in der
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