Der Gelehrte und der Blinde
von
Peter Scholle
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Der Gelehrte und der Blinde
Vor etwa 507 Jahren trafen sich in einer wunderschönen Birkenallee ein sehr
angesehener Gelehrter und ein unbekannter, von allen Bürgern kaum
beachteter Blinder.
Sie saßen zufällig zusammen auf einer hölzernen Bank und suchten ein wenig
Rast vom Spazieren gehen. Aus dem Augenwinkel beobachtete der Gelehrte
den sonderbaren Fremden und fand es sehr seltsam, wie dieser mit
geschlossenen Augen und in sich selbst versunken da saß. Ob er überhaupt
bemerkt hatte, daß sich jemand zu ihm gesetzt hatte?
„Sehen Sie das kleine Eichhörnchen?“ fragte der Blinde. Es huschte flink den
Baumstamm hoch und sprang dann von Baum zu Baum.
Der Gelehrte schrak zusammen. War der Banknachbar also doch nicht blind?
Er räusperte sich und entgegnete betont freundlich:
„Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie schlafen ein wenig, da wollte ich nicht
stören. Sehr wohl beobachte ich das spielende Eichhörnchen und finde
großen Gefallen daran. Nur wundere ich mich, wie Sie es sehen, obwohl Sie
die ganze Zeit mit geschlossenen Augen da sitzen.“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über die Gesichtszüge des Blinden als
er entgegnete: „Es stimmt schon, daß ich Probleme mit dem Augenlicht habe,
doch ganz blind bin ich nicht. Ich sehe eben alle Dinge nur wie einen
Schatten, das Eigentliche, die Schärfe und Klarheit bleibt meinem Blick
verborgen. Deshalb habe ich mir angewöhnt, mit dem Herzen zu sehen, und
siehe da: alles wird wunderschön und klar und macht mir große Freude.“
„Ja, aber Ihre Augen waren doch ganz geschlossen und trotzdem konnten Sie
das Spiel des Eichhörnchens verfolgen. Das gibt mir Rätsel auf.“
„Mein lieber Herr, lehnen Sie sich doch mal ganz entspannt zurück, schließen
die Augen und achten dabei auf die Geräusche, die Düfte und Gerüche, den
Hauch der Luft und fallen Sie einfach in die unendliche Weite des Seins. Sie
werden bemerken, daß auch Sie dann in der Lage sind, ein Eichhörnchen mit
geschlossenen Augen zu sehen.“
Der Gelehrte grübelte über die Worte des Blinden nach -
komisch, seltsamer Vogel, dieser Blinde. Wozu das alles,
wenn ich das Eichhörnchen klar und deutlich sehen kann?
„Für Sie ist es sicher richtig, durch das Herzfenster die Welt zu betrachten,
für mich allerdings, der ich über einen scharfen Blick verfüge, eher
überflüssig. Dennoch muß ich gestehen, das, was sie sagen, hat was – was
auch immer.“
Wieder zog ein angedeutetes Grinsen über das Gesicht des blinden Mannes
und er begann zu erzählen: „Lieber Mann, das Sehen mit dem Herzen wäre
auch für Sie von Wichtigkeit, weil es Ihnen helfen würde, Ihre Ängste und
Illusionen zu verlieren. Erst wenn Ihnen das gelingt, sehen Sie richtig.“
Missmutig zog der Gelehrte eine Augenbraue hoch. Jetzt ist es aber genug,
dachte er bei sich und verletzte Eitelkeit überschattete seine nun folgenden
Worte: „Was denn für Ängste? Ich fürchte nichts und Illusionen machen
doch wohl eher Sie sich, mein lieber Freund. Ich sehe die Dinge mit eigenen
Augen klar und ohne Illusionen vor mir. Viel habe ich gesehen und gelernt in
meinem Leben und Ihre Herzguckerei ist doch wohl eher ein Ausflug in die
Welt der Phantasie. Aber nichts für Ungut, ist es doch eine sympathische Art,
die Welt schönzufärben.“
Der Blinde, der aufmerksam zugehört hatte, nickte und sagte seinerseits:
„Sicher haben Sie in Ihrem Leben viel Wissen angehäuft und viele
Erfahrungen gemacht, aber dennoch sind Sie voller Angst und belastet mit
vielen festgefahrenen Überzeugungen. Angst vor Dingen, die in Ihnen sind,
die sie aber mit Ihren Augen nicht sehen können. Hierfür haben Sie ja gerade
das Herzfenster zum Sehen. Jegliche Angst ist Illusion, jegliches Getrenntsein
ist Illusion. Durch das Herzfenster betrachtet sind wir zwei und die Welt um
uns herum eins. Es gibt keine Trennung. Was Sie mir wünschen, fällt auf Sie
zurück. Ihr Glück ist auch meins. Ihr Schmerz ist auch mein Schmerz. Sehen
Sie Ihrer Angst ins Gesicht und sie fällt in sich zusammen, wie ein
Kartenhaus. Es gibt sie nicht. So einfach ist das – und doch so schwer und
nur mit dem Herzen zu erkennen.“
„Ruhe jetzt! Ich glaube, Sie leiden an Einbildungen und Größenwahn.
Gucken Sie ruhig weiter mit dem Herzen, ich hingegen verlasse mich lieber
auf meinen scharfen Blick, da weiß ich, woran ich bin.“
Ruckartig faßte der Gelehrte sich auf die Schulter, denn ein Birkenzweig fiel
auf ihn nieder. Für Sekunden war er völlig irritiert.
Als er seine Gedanken wieder geordnet hatte, wollte er dem Blinden an seiner
Seite noch ein paar abschließende Weisheiten mit auf den Weg geben, doch er
mußte feststellen, daß er völlig allein auf der Parkbank saß. Vor ihm spielte
ein Eichhörnchen in den Bäumen der Allee und die Abendsonne senkte sich
bereits langsam zum Horizont.
Unsicher stand der Gelehrte auf und trat mit weichen Knien den Heimweg an.
Er hatte große Sorge, den Verstand verloren zu haben. Nach einigen Metern
drehte er sich noch einmal um und schaute zur Bank zurück. Er blieb einige
Zeit auf der Stelle stehen und starrte die Parkbank an. Langsam merkte er,
wie seine Spannung sich löste und sich allmählich eine Gestalt auf der Bank
zu erkennen gab. Es war der Blinde. Er lachte dem Gelehrten breit ins
Gesicht und deutete mit der Hand auf sein Herz.
Er lachte und lachte und verschwand langsam aber sicher dorthin, wo er
herkam.
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Kommentare
canelle schrieb am 2007-09-11 15:21:20:
ich hab die geschichte in die schule mitgenommen, weil ich einfach irgendeine kurzgeschiht gebrauht hsb. man merkt schon, dass die geschichte nicht at all von einem berufsautor geschi´rieben ist, aber dafür ist sie gut. es geht mir aber etwas zu gekünstelt und zu wenig realisitisch jnd alltäglich zu. glg
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