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Kategorien > Aus dem Leben > Nachdenkliches

Der Geschichtenerzähler erzählt: Rein, wie Jade

von Alucard

1

Vor einem Wirtshaus saß ein Mann. Er hatte graues, verfilztes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Die Tränensäcke hingen ihm knapp über dem und die blauen Ränder unter seinen Augen zeigten, dass er an diesem Abend schon ordentlich ins Bierfass gelangt hatte. Doch nun war die Kneipe längst geschlossen und der alte Mann saß allein auf einer Bank, die wenige Meter neben dem Eingang stand.
Bis auf eine leere Wodkaflasche war niemand in der Nähe.
Trotzdem begann er auf einmal zu sprechen: „Weißt du, ist es nicht ein schöner Nachthimmel? Wie die vielen Sterne funkeln. Sie sehen aus, wie viele, kleine Tränen. Da fällt mir eine Geschichte ein. Willst du sie hören?“
Die Flasche stand unverändert neben ihm. Sie gab keinen Ton von sich.
„Das freut mich. Dann werde ich wohl jetzt beginnen zu erzählen…“


Zu einer Zeit, als noch die altehrwürdigen Götter auf Erden wandelten und die ersten Menschen erst noch erschaffen werden mussten, wurde eine kleine Göttin geboren. Ihre Ausstrahlung war herzzerreißend. Sie gab den Anderen Mut, wenn sie am verzweifeln waren, sie tröstete die anderen Götter, nur mit ihrem breiten Lächeln, sie hörte ihnen zu, wenn sie Probleme hatten und sie empfand aufrichtiges Mitleid, wenn es Grund dazu gab.
Jeder liebte sie. Wie ein Neugeborenes, das Einen mit seinen unwiderstehlichen Blicken gefangen hält.
Damit sie jedem Lebewesen, immer und überall Mut spenden konnte, wurde sie in einer großen Zeremonie an das Himmelsgewölbe gesetzt, wo sie von nun auf alle herhabscheinen konnte. Man nannte sie: Die Sonne. So wanderte sie auf dem Dach der Welt, von einem, zum anderen Ende, damit niemand jemals im Schatten verweilen müsste.
Die Jahre zogen ins Land und die Götter wurden langsam träge und machthungrig. Besonders der Kriegsgott Ares und der Totengott Anubis wollten, vor allem anderem, Macht. Es geschah, dass die beiden Götter, die anderen spalteten. Jeder Gott schloss sich einem dieser beiden Kontrahenten an. So liefen zum Beispiel der mächtige Zeus und seine Gattin Hera zu Ares über. Sekhmet, die Löwengöttin und Ra, der Herrscher des Lichtes, schlossen sich unter vielen weiteren Unsterblichen, dem Totengott an.
Es kam, wie es kommen musste und der Garten Eden, die Welt, wurde von etwas heimgesucht, was bis dorthin noch niemand kannte. Krieg kam über die Welt. Es war grauenvoll, denn anders wie alle dachten, waren die unsterblichen Götter gar nicht mehr so unsterblich, wenn man ihnen den Kopf abschlug. Blut sickerte in die Erde und das Land begann zu verdorren. Alles Grüne verwelkte und die Welt, wie man sie einst kannte, hörte auf zu existieren.
Doch, statt das die Götter zur Vernunft kamen, kämpften sie nur noch heftiger um den Thron der Welt. Sie dachten, wenn eine Partei gewinnen würde, würde die Welt wieder ihren früheren Glanz erreichen. Wie sie sich irrten.
Der Krieg überzog alles mit einem Schatten. Die großen Götter starben unter den Klingen ihrer Brüder und Schwestern und die Sonne verblasste.
Sie war die einzige, die sich keiner Partei anschloss. Von Vielen wurde sie gefragt, ob sie nicht als flammende Schildmaid den eigenen Truppen Mut spenden könnte. Doch sie lehnte unter Tränen jedes Mal ab. Die Sonne wollte nicht, gegen ihr eigenes Geschlecht in die Schlacht ziehen. Sie würde nie in eine Schlacht ziehen. Was hatte das für einen Sinn, fragte sie sich. Krieg? Blut? Verderben? All dies brachte nur noch mehr Leid über die Welt. Wie konnten die alten Götter nur vergessen, wie schön es war, Blumen beim Aufblühen zu beobachten und mit den Vögeln zu singen? Wie konnten sie dies alles vergessen? Das Wunder des Lebens? Wie konnten sie all das nur mit dem Krieg tauschen, der nur Schmerz hervorbringt?
Sie würde niemals zu einem Instrument greifen, das andere Lebewesen töten könnte.
Diese und noch viele weitere Gedanken schwirrten ihr im Kopf herum, als sie auf dem Dach der Welt saß, die Beine an den Körper gezogen und die Arme davor verschränkt. Ihr Blick schweifte über das verwüstete Feld, das einst der schöne Garten Eden gewesen war. Je mehr Tod und Verderben sie erblicken musste, je bekümmerter wurden ihre Seele und ihr Herz. Das kleine Organ, das in ihrer Brust schlug, schien zu zerreißen. Solche inneren Schmerzen hatte sie. Es war purer aufrichtiger Seelenschmerz den sie durchlitt. Dieser endlose Schmerz materialisierte sich. Aus den Tiefen ihrer unschuldigen Seele floss eine Träne.
Eine einzelne Träne, die ihr ganz langsam, also wollte sie unbemerkt von dannen schleichen, die linke Wange herunter lief.
Als sich die kleinen Wassermoleküle von der porenbesetzten Haut lösten, schien es als würde die Zeit stehen bleiben. Während die Träne durch die Luft, Richtung Erde flog, konnte man ihre Farbe erkennen. Sie war grün.
Kein Atom aus dieser Träne bestand aus Wasser. Es war verflüssigte Jade. Das Reinste und Edelste, was es gab und jemals geben wird. Eine Träne aus der puren, göttlichen Essenz des Mitleids und des psychischen Schmerzes. Nach scheinbar endlosen Sekunden berührte die Träne den verdorrten und zerstörten Boden. So geschah es, dass das Reinste auf Erden, auf den Boden des Hasses und des Krieges fiel.
Diese Träne veränderte die Welt. Von einem Herzschlag zum nächsten, war die Welt wieder regeneriert. Sie erstrahlte wieder in den herrlichsten Farben des Sommers. Es schien, als hätte es nie einen himmlischen Krieg gegeben.
Die Sonne kam von ihrem Platz im Himmel und tanzte auf der Frühlingswiese vor Glück. Doch dann bemerkte sie es. Keiner der Götter war wieder auferstanden. Sie blieben alle tot und keine Macht der Welt könnte einen toten Gott wieder erwecken.
Dann hörte sie es. Es war, als würde ein Baby schreien. Sie folgte dem Geräusch und fand unter einer Pappelfeige ein kleines Kind, das in einem grünen Seidentuch gewickelt war. Es lutschte gerade am Daumen. Als es die Sonne erblickte, begann es zu lachen, wie es Babys eben können, wenn sie von etwas erfreut werden.
Die Sonne lächelte und nahm es in ihre warmen Hände. Sie küsste es auf die Stirn: „Ich werde dich Jahwe nennen und du wirst als Gott über alle Geschöpfe herrschen. Ganz alleine, damit nie wieder so etwas Schreckliches passiert.“


Die Wodkaflasche schwieg beharrlich. Der alte Mann lachte nur, und wischte sich eine graue Strähne aus dem Gesicht. „Hat’s dir gefallen?“
Als er ein Geräusch hinter sich hörte, drehte er den Kopf herum, und stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass die Kneipe gerade öffnete. „Ich denke, ich genehmige mir noch einen Schluck. Willst du mitkommen? Nicht? Schade.“ Er erhob sich schwerfällig von der Bank und machte sich mit einem Seufzen auf den Weg zum Gasthaus.
Die Flasche blieb allein auf der Bank zurück. Ein einzelner Tropfen lief von ihrem Hals herunter, als hätte sie eine Träne vergossen.

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Kommentare

Alucard schrieb am 2007-07-13 18:49:10:
Ja hab ich, aba die Idee für diese story hatte ich von einer seite, wo über die bedeutung einer grünen träne geschrieben wurde.
Anariel schrieb am 2007-07-11 02:35:58:
Ha aber nu,
die zweite dieser Geschichten des Geschichtenerzaelers ist ebenso schön wie die erste.
Herzzerreißend, tief berührend...

Hmm, die erinnert mich ein klein wenig an den ersten Songtext, den ich für die Himmelsbiester schrieb: Krieg im Garten Eden.
Auch hier zu finden. Hast du ihn schon gelesen?

Gruss
Anariel

Alucard schrieb am 2007-06-20 20:21:44:
auch diese Story wurde nicht bewertet, schade :-(

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