Der Herr in Schwarz
von
Illeas
1
Der frostige Ostwind fegte durch das schneebedeckte Tal. Der unbarmherzige Winter streckte seine kalten Finger über das Land, um sich in dessen von Wärme erfüllten Leben festzukrallen. Das Geäst der blätterlosen, gefrorenen Bäume wog im Winde ungelenk hin und her und das vereiste Holz knarrte und stöhnte. Das Bildnis der grauen Wolken zog auf dem ansonsten durch und durch weissen Himmelszelt langsam ostwärts, stetig, die Welt war im Umbruch, drehte sich, unaufhörlich.
Doch nicht nur die Welt drehte sich. Auch die Gedanken des Mannes, welcher mit ausgestreckten Armen, geschlossenen Augen und gebrochenem Willen auf dem schmalsten Grat seines Lebens stand. Der Odem seines Atems strömte aus seiner Lunge und erwärmte sein Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde. Der Wind liess seinen schwarzen Mantel flattern und der nicht sorgfältig genug gebundene Hüftgurt schlug heftig hin und her.
Gedanken. Hunderte Gedanken schossen dem Herrn in Schwarz durch den Kopf. Schuldgefühle, Reue, Hass, Trauer. Vor allem Trauer. Trauer über diese Situation. Trauer über die Zeit, die vor dieser endgültigen Zeit lag. Vergangenheit.
Er stand auf dem Geländer einer Brücke. Eine schmale Stange unter seinen Füssen, glatt, vereist und unsicher. Er machte sich jedoch keine besorgten Gedanken darum, herunter zu stürzen, sei es in die Tiefe oder auf den schneebedeckten Gehweg. Er machte sich viel mehr Gedanken, warum er nicht springen sollte. Und alle diese Überlegungen endeten an einer Strasse, die nicht zurückführte ? der Weg zum Nirgendwo. Der Sprung in eine sorgenfreie Zukunft, die gleichermassen eine Art der Freiheit bedeutete, wie auch ein Ende jeglicher Freiheit. Doch diese Entscheidung erschien im besser, als jede Entscheidung zuvor.
Wie lange stand er wohl schon da und hatte fiebrig nach Gründen gesucht, das Unvermeidbare etwas zu verzögern. Wie lange war sein Körper nun schon so nah am Ende? Wie lang war sein Geist bereits am Ende? Gebrochen war er schon lange Zeit bevor er den schweren Gang zur Brücke tat.
Doch nun war er es leid, darüber nachzudenken. Er war es schon längst leid und doch tat er es, litt unter den qualvollen Kämpfen gegen sich selber ? gegen die Wahrheit.
Noch ein letztes Mal versuchte er die Welt um sich herum in ihrer Schönheit wahrzunehmen. Eine Schönheit, die ihm seit je her eingetrichtert wurde. Die Welt musste schön sein.
Der Herr in Schwarz blickte zum Himmel. Doch er sah weder das wunderbare Bild, welches er früher gesehen hatte, noch ein Anblick des Abstosses. Nichts, sah er. Der Himmel war weiss, weiss und trostlos. So langweilig wie der Schnee, welcher ihm bereits auf den Schultern angesetzt hatte. Er wischte ihn weg. Wenn, dann wollte er schön von dieser Welt gehen. Schön in das triste Weiss unter ihm springen, die Erde um ihn herum wahrnehmen, wie sie schnell vorbei zischt. Es würde nicht lange dauern.
Eine Träne kullerte ihm über die Wange. Sie fühlte sich warm an. Er fühlte. Obwohl der Wind nur Kälte über ihn brachte, der Schnee ihn zittern liess, die Füsse taub und seine Inneres stumpf waren, fühlte er diese eine Träne mehr, als er die letzten Jahre gefühlt hatte. Ein Schauern durchfuhr den Herrn in Schwarz.
Aus diesem einzigen Tropfen, der ihm übers Gesicht tropfte, wurden immer mehr. Er schluchzte und wischte sich mit seinen schwarzen Lederhandschuhen die Wärme von den Wangen, doch er weinte dadurch nur noch mehr.
Langsam drehte er sich um und erschrak. Er war so überrascht, dass er beinahe einen Schritt zurück wich und in die Tiefe stürzte. Es war aber noch nicht so weit, denn der Herr erblickte etwas, was er schon lange nicht mehr gesehen oder beinahe vergessen hatte.
Die Brücke, von der er einsam springen sollte, die einst nur weiss war, hatte Farbe bekommen. Hinter ihm, jetzt vor ihm, standen Menschen, in roten und gelben, blauen und grünen Mänteln, mit Kappen und Schirmen, Jeans und Regenhosen, Stiefeln und Turnschuhen. Wie auch er hatten sie Schnee auf Kopf und Schultern, zitterten und standen wortlos da. Sie schwiegen, doch ihre Gesichter drückten mehr aus, als Worte je erfassen könnten. Furcht und Trauer, Sorge und Ungläubigkeit ? Gefühle. Gefühle für ihn, für seine Situation, für seine Entscheidung. Ihre Lippen schwiegen, doch in ihren Gedanken sprachen sie Bände. Es war nicht nur ein Gefühl, das sie spürten ? es war Mitgefühl.
Der Herr in Schwarz setzte sich auf das Geländer und seine Anspannung liess nach, genau wie bei den stummen Zeugen. Noch immer weinte er, die Tränen und der geschmolzene Schnee von seinem Kopf liefen gleichermassen über seine Wangen und sein Kinn, bis sie schliesslich zu Boden fielen und kleine Mulden im Eis hinterliessen.
Schluchzend liess er sich nach vorne fallen und landete auf den Knien. Er riss seine Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
"Kommen sie zu uns, guter Herr. Wir lassen sie hier nicht alleine. Nicht hier."
1
Kommentare
Illeas schrieb am 2007-04-12 22:32:32:
Danke für dein ausführliches Feedback. Das hilft. ;)
Und zu den Fragezeichen... scheinbar hat es mit dem Copy/Paste Probleme gegeben. Die Bindestriche ("-") wurden durch Fragezeichen ersetzt.
Grüsse, Illeas
CogitoErgoSummi schrieb am 2007-04-06 23:03:11:
finde die geschichte sehr gut, gerade weil ich heute selber ziemlich mies drauf bin. sie passt somit perfekt in meine stimmungslage, lässt sich sehr flüssig lesen und hat hier und da -ob nun gewollt oder nicht/bewusst oder unbewusst-einige eingearbeitete raffinessen ^^ - z.b. der sprung von "Die Welt musste schön sein." zu "Der Herr in Schwarz blickte zum Himmel." das eine lässt man sich noch "auf der zunge zergehen", dann aber springt die realität wieder ins rennen und führt den traurigen gedanken/leitfaden fort. das gefällt mir - ist mir auch zum ersten mal bewusst aufgefallen in einer kurzgeschichte ;) - danke dafür, sowas les ich gern ein zweites mal.
ps: einige fragezeichen sind merkwürdig gesetzt - und: "Der Odem seines Atems" ???.....ehm.....ja ;P
pinkyrose schrieb am 2007-01-03 20:33:16:
sehr, sehr schöne tiefgründige Geschichte!
Gefällt mir gut!
lg, pinky
Lexony schrieb am 2007-01-03 19:12:07:
Nein hier nicht. Aber andere sind prädestiniert für so ein Alleinelassen das "Bambi" zu verdienen.
cryptic misery schrieb am 2007-01-02 22:04:36:
schön...
mehr weiß ich dazu nicht zu sagen....einfach nur schön....
mit der richtigen Musik, sehr gut zu lesen....
etwas is mir noch aufgefallen...sie mögen den Ostwind, den erwähnten sie schon in "Sommernacht" =)
lg cryptic misery
Kommentar hinzufügen