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Kategorien > Kurzgeschichte > Dies & Das

Der Klappstuhl

von Jeanette Jakob

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Der Klappstuhl
Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die ich einmal irgendwo gehört habe. Ich kann mich nicht mehr entsinnen wo, ob im Fernseher oder in einer Zeitung … man wird täglich mit so vielen Informationen zugeschüttet, dass es meiner Meinung kein Wunder ist, dass man sich an das ein oder andere nicht mehr erinnern kann.
Vielleicht war sie auch auf einmal in meinem Kopf, einfach so.
Als sie es gesehen hatte, wusste sie nicht wieso dort hin wollte. Nur einen Augenblick, einen kurzen Moment hatte sie es gesehen, aber schon da wusste sie, dass sie irgendwann einmal dort stehen würde. Sie wusste es mit dieser absoluten Sicherheit, die man bei bestimmten Geschehnissen hat. Man weiß nicht wieso man es macht, man weiß nur, dass es richtig war. Es war ihr Bauchgefühl. Schon erstaunlich, wenn man bedenkt, wie der Bauch handelt. Viele Wissenschaftler und schlaue Leute sind der Ansicht, dass man bei Entscheidungen auf seinen Bauch hören soll- der Kopf denkt zu viel. Durch Nachdenken entstehen meistens Probleme, die gar nicht da sind oder werden maßlos übertrieben, Sie wissen schon, was ich meine. Aber nun zurück zu ihr. Sie fuhr vorbei- mit dem Auto. Bequemer als mit dem Fahrrad oder zu Fuß, viel bequemer, aber ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, wie gleichgültig man durch die Gegend braust, nur das Ziel vor Augen, ziemlich rücksichtlos und mit einer Miene wie drei Tage Regenwetter? Mit Sicherheit ist ihnen das noch nicht aufgefallen und tun Sie jetzt bitte nicht so als ob! Den ganzen Tag hatte sie dieses Bild in ihrem Kopf beschäftigt. Dinge, die wir nur kurz sehen, welche uns aber begeistern, brennen sich in unser Hirn wie ein Brandmal … manchmal verschwinden sie auch wieder. Doch was sie gesehen hatte würde ihr für immer in Erinnerung bleiben. Der Tag war wunderbar! Nie hatte sie einen solch warmen Winter, den man schon als Frühling bezeichnen konnte gesehen. Die kühle, frische Winterluft vermischte sich mit den warmen, goldenen Sonnenstrahlen und ergaben etwas, für welches der Mensch noch kein passendes Wort gefunden hat. Ich denke man kann es mit „kleinem Wunder“ umschreiben. Noch am selben Tag beschloss sie die kleine Hügelkuppe zu besuchen. Verstehen Sie? Eine Hügelkuppe am Waldrand. Nur eine Hügelkuppe am Waldrand … Aber sie wollte hin. Und das tat sie auch. Eine Stunde lief sie. Immer die Straße entlang. Gerade aus. Fünf Minuten schloss sie die Augen und ging einfach weiter. Die Straße war wenig befahren und sie vertraute auf ihr Gehör, obwohl sie nebenbei Musik hörte.
I swapped my innocence for pride
Crushed the end within my stride
Said I'm strong now I know that I'm a leaver
I love the sound of you walking away, you walking away
Mascara bleeds a blackened tear, oh
And I am cold, yes I'm cold
But not as cold as you are
I love the sound of you walking away, you walking away
I love the sound of you walking away, walking away, hey hey -Franz Ferdinand-
Es kam ihr so vor, als würde die Musik sich in ihrem Kopf abspielen, so nah war sie ihr. Mit geschlossenen Augen schwankte sie von der einen Straßenseite auf die andere über. Dann wieder zu der einen. Dann wieder zu der anderen. Sie schien völlig unbekümmert, sie dachte an nichts, sie genoss die Freiheit, den Luxus mit geschlossenen Augen eine Straße entlang zugehen. Hätte man sie dabei so gesehen, würde man sie für geisteskrank halten. Aber das war sie nicht. Sie folgte nur einem Weg, und der Weg ist bekanntlich das Ziel. Der Wind streichelte ihr durch das Haar und sie nahm den süßen Duft von Heu und Stroh war, welchen sie sich nicht ganz erklären konnte. Als sie auf einem kleinen Hügel stand, noch weit entfernt von ihrem Ziel, hatte sie die Augen geöffnet. Haben Sie so etwas schon einmal getan? Ich kann Ihnen nur dazu raten. Die Landschaft schien schärfer, kräftiger, als hätte man sie poliert. Jede Pflanze blinzelte sie von weiten an und die Felder waren in ein warmes goldgrün getaucht. Wahrlich eine sonderbare Farbe, aber eine schöne. Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und betrachtete mit großen Augen diesen kleinen unbedeutenden Streifen auf der Welt. Doch nichts auf dieser Welt ist vollkommen, oder perfekt. Auch nicht dieser Moment. Fahrradfahrer holten sie ein. Sie war sauer. Das Bild fiel in sich zusammen und übrig blieb das, was alle Menschen die hier vorbeifuhren: ein ganz normales Feld. Doch sie hatte gesehen was es wirklich war, bis jetzt. Möchten sie in ihrer Arbeit, in tiefster Konzentration oder Faszination unterbrochen werden? Nun, ich auch nicht. Die Fahrer brausten an ihr vorbei … und ihr Ärger schwand. Es war ein Vater mit seinem Sohn, der leicht unsicher, aber mit kindlicher Begeisterung den Berg herabrollte. Der Groll wandelte sich in Freude um. Selten, so etwas zu sehen. Innerlich sprach sie ein Lob aus: guter Vater! Die beiden verschwanden hinter dem nächsten sanften Hügel und sie setzte ihren Weg fort. Ab und zu, ganz selten holten sie ein paar Autos ein und sie konnte den verwirrenden Blick der gestressten Erwachsenen in ihnen auf sich spüren. Sie lächelte ihnen zu. Vielleicht fühlten sie sich dadurch etwas besser- manchen Menschen hilft das unwahrscheinlich. Kurze Zeit später tauchte die Hügelkuppe vor ihr auf. Sie entdeckte auch den Jungen mit seinem Vater, welche sich am See vergnügten. In welcher Weise konnte sie nicht sehen, die Entfernung war zu groß, aber das vergnügte Kichern des Kleinen erzählte ihr mehr, als ihre Augen es jemals getan hätten. Nur noch ein kleines Stück … ein paar Meter. Die Hügelkuppe glänzte und wieder musste sie an Wölfe oder andere wilde Tiere denken, die in dem dunklen, blätterlosen Dickicht verschwanden. Dieses kleine Stück Land sah so unberührt aus, so verborgen. Als hätte keiner bis jetzt den unvorstellbaren Wert dessen erkannt. Es wirkte so einladend auf sie, machte sie glücklich, machte sie berauscht, machte sie gierig. Ihre Schritte verschnellerten sich, ja sie rannte fast. Zwischen zwei Strohballen hindurch, einen kleinen Hügel abwärts, direkt frontal auf den Berg zu. Er war so nah, zum greifen nah! Sie hätte die Bäume am Rand zählen können. Sie rannte, hechtete über einen Steinhaufen, stürzte fast, fing sich und eilte weiter. Sie konnte ihr Blut in den Ohren rauschen hören, obwohl die Musik immer noch spielte.
Everybody sees me,
But it's not that easy,
Standing in the light field,
Standing in the light field.
Waiting for some action,
Waiting for some action
Oh but why won't you come over here? -The Strokes-
So nah … So nah ... zu nah!
Stop. Ein Feld. Vom Regen aufgeweicht. Eine braune Masse. Blanke Erde. Fruchtbar. Ein Hindernis.
Sie verlangsamte ihren Schritt. Ihr Atem rasselte, das Blut rauschte wie ein Wasserfall in ihren Ohren und die Schläfen pochten laut. Sie blieb direkt an der Grenze zum Feld stehen und schaute verbittert

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