Der Kleine, der Schatz, die Liebe und die Angst
von
Patrick N. Winters
1
Der Wind wehte die ersten toten Blaetter ueber den Weg.
Der Zaun gab leicht nach, stieß an und wackelte zurueck.
Am Rande des Weges lagen viele Kieselsteine, die den sonst nicht ersichtlichen Weg durch ihr bloßes Vorhandensein zart umrahmten, ihn begrenzten.
Die Raeder knirschten bei jedem Zentimeter den sie zuruecklegten.
Sie band sich ihren Mantel fester, enger, waermer um ihre weiche Taille.
Bueckte sich kurz hinab, und zog die Decke enger, damit er nicht friere.
Es war nicht so kalt, aber es war ein Instinkt, der sie dazu veranlasste ihr Kind zu schuetzen.
Sie wusste es nicht.
Der kleine Junge, vielleicht ein bisschen aelter als ein Jahr, freute sich. Hatte Angst.
In seinen kleinen Haenden, eingepackt unter der Decke, hielt er seinen Schatz, passte auf ihn auf. Den Schatz, den er zu verschenken gedachte. Den Schatz fuer seinen Freund.
Nach einer Weile blieb die Mutter stehen, drehte den Kinderwagen Richtung Zaun, und hockte sich neben ihren Sohn.
Sie kuesste ihn auf die Stirn, streichelte ueber seine Wange und sagte: „Gleich Benjamin. Gleich kommt er. Freust du dich schon?“
Der Kleine streckte seine kleinen Arme nach der Mutter aus, ohne seinen Schatz aus der Hand zu geben. Die Mutter, noch liebend, kam naeher, hielt seinen Kopf und gab ihm noch einen Kuss.
Ein Seitenblick durch den Zaun, Richtung Baum, Richtung Wald.
„Schau! Da kommt er, er kommt nur fuer dich, Benjamin. Ist er nicht schoen?“
Und tatsaechlich, er kam. Beschritt majestaetisch seinen Weg durch die Baeume. Senkte kurz das Haupt mit seiner herrlichen Krone, blickte noch mal auf und kam naeher.
Immer naeher.
„Schau wie schoen er ist. Zeig ihm deine Ueberraschung, dann kommt er her.“
Das Kind sah hinab auf seine Faust, grinste und oeffnete diese.
Sein Schatz, fuer seinen Freund. Eine Kastanie.
Vorsichtig, den Blick von der Kastanie langsam zu ihm gerichtet, hielt er seine Hand zum Zaun.
Der Hirsch kam naeher; majestaetisch, muskuloes, mit glaenzendem Fell.
„Du musst sie ihm naeher hinhalten, Benjamin. Sonst erreicht er sie nicht.“
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand noch naeher.
Er stoeßt, mit seiner weichen Nase, gegen den Zaun.
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand weiter weg.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Er tut dir nichts. Ich passe schon auf dich auf, Benjamin.“
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand schon wieder naeher.
Er stoeßt zum zweiten Male, mit seiner weichen Nase, gegen den Zaun.
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand schon wieder weiter weg.
Er liebte den Hirsch.
Er hatte Angst vor ihm.
Er wollte sie ihm schenken.
Er wollte nicht, dass ihm wehgetan wurde.
Er liebte den Hirsch.
Er hatte Angst vor ihm.
Er liebte die Angst.
Er hatte Angst vor der Liebe.
Er war zwiespaeltig.
Liebte die Angst vor der Liebe.
Hatte Angst vor der Liebe zur Angst.
Er war zwiespaeltig.
War zwispild.
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Kommentare
Lucie Li schrieb am 2007-01-29 18:44:46:
Hat mir sehr gut gefallen.
LG Lucie
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