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Kategorien > Absurd > Merkwürdig

Der Kreislauf des Lebens

von Alex

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Der Kreislauf des Lebens


Das Mahl war opulent. Die fetten Rentner schwitzten in der Sommersonne wie die Schweine. Hier und da quoll ein Hinterteil die dürre Holzbank herunter. Egon riss noch einen Haufen Fleisch aus dem Kadaver und reichte ihn seiner Frau Brigitte. Ihnen gegenüber fächerte sich Hildegard mit der Serviette Luft zu.
„Also wir fahren dieses Jahr wieder an den Tegernsee.“ erzählte sie. Ihr Mann Helmut nickte und kippte sich ein Bier herunter. „Ja, da ist es schön.“ antwortete Brigitte. „Wir waren letztes Jahr auch da, nicht wahr Egon?“ „Ne, stimmt doch gar nicht. Wir waren….wir waren…“ Da drängte sich Egons Sitznachbar Schwager Heinz in das Gespräch: „Am schönsten isses doch eh zu Hause aufm Balkong.“ Helmut nickte und zündete sich eine Zigarette an.
„Oder war das die Manuela mit dem Tegernsee?“ fragte Brigitte in einem verzweifelten Versuch, ihre Erzählung am Leben zu erhalten. „Manuela, meine Tochter mit den drei Kindern.“ „Von drei Vätern… alle tot.“ ergänzte Egon, was Hildegard nur kurz aufhorchen ließ. „Der Willi ist ja auch gestorben.“ Helmut nickte und hustete. „Die Leber…“ erklärte sie. Brigitte konterte: „Die Frau Müller von gegenüber auch. Einfach so letzten Freitag.“ Heinz war währenddessen gefährlich nahe herangerückt und prustete: „Also, ich sach ja immer, runter kommen se alle, ne? Ha! Ha!“ „Das ist halt so…“ beschloss Brigitte.
5 Sekunden später meinte Egon: „Jaja.“, 7 Sekunden später entgegnete Hildegard: „Jaja, so ist das.“ 11 Sekunden später fuhr Brigitte fort: „Jaja… das ist nun mal so.“ 12 Sekunden später nickte Helmut und kippte von der Bank. Seine Frau blickte kurz herunter und meinte anschließend: „Hab ich euch schon erzählt, dass wir dieses Jahr wieder zum Tegernsee fahren?“
Währenddessen krochen die Würmer an den Leichnam heran. Sie bohrten sich in das Fleisch und sezierten es auf die ihnen handlichste Weise, in dem sie zunächst Transportwege in das Fleisch bissen und anschließend die Extremitäten von einander trennten. So hatten sie binnen weniger Tage den Leichnam komplett zerlegt. Sie wanderten über Gräser und Steine, stets darum bemüht, den einfachsten Weg zum Sattwerden zu finden. Doch überall lauerten Feinde. Vögel pickten sie vom Boden und schlangen sie herunter. Aber auch die Vögel hatten nicht lange Freude an ihnen, wurden sie doch von streunenden Katzen erledigt, die wiederum von Lastwagen überrollt wurden. Lastwagen schlafen 6 Tage in der Woche um dann am 7. Tag Katzen zu überfahren und Schweinefleisch zu transportieren. Und die Schweine landeten beim Metzger, welcher sie für das Spanferkelessen bei Maiers vorbereitete. Denn diese kauften eines, ganz egal welches, und spießten es auf den Grill, bis es knusprig braun war. Und Egon riss ein weiteres Stück Brust aus diesem Leichnam und ließ es in seinen fettdurchtränkten Plastikteller versinken.
„Also am Chiemsee ist es im Sommer besonders schön. Besonders im Herbst.“ behauptete Brigitte. Hildegard versuchte zu antworten, wurde jedoch von Heinz´ Füßen irritiert, die sich anscheinend unterm Tisch zwischen ihren Beinen zu schaffen machten. „Also wir fahren ja dieses Jahr an den Tegernsee, Helmut und Ich.“, worauf Heinz penetrant dazwischen brüllte: „Also Tegernsee oder Chiemsee…Hauptsache tief und feucht, sach ich mir, ha!“
Da wurde Heinz von einer relativ großen Gabel aufgespießt und von einem relativ großen Wesen verspeist. „Herr Ober!“ rief es und der Ober trat heran. „Meine Menschen sind nicht durch. Einige leben sogar noch!“ Der Ober schaute sich den Teller aus der Nähe an und erschrak: „Mon Dieu!“, worauf er den Teller an sich nahm und in die Küche eilte. Dort legte er den Teller in die Luftschleuse und ließ ihn in die Tiefen des Weltalls entschwinden. Langsam drehte er sich um seine eigene Achse, das Sonnenlicht spiegelte sich. Dann herrschte wieder Schatten. Planeten zogen an ihm vorbei, Sternenstaub bedeckte ihn mit goldenem Glanz.
„Früher war doch alles besser. Und während er dies sagte, stampfte Egon mit der Faust auf die hölzerne Tischplatte. Seine Frau unterstrich: „Genau, und die Musik im Fernsehen heutzutage! Schrecklich! Es läuft ja nirgendwo mehr Heimatmusik!“
Hildegard meinte: „Ja, genau! Deswegen fahren wir dieses Jahr ja auch an den Tegernsee. Da gibt es nur Deutsche und den Hansi Hinterseer. Der gefällt mir.“
Und der Teller flog in das galaktische Zentrum wo er innerhalb weniger Jahrtausende von einem schwarzen Loch verschluckt wurde.

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Kommentare

Geschichtenschreiberin schrieb am 2006-08-19 18:58:22:
Na Ja gut geschrieben aber etwas weniger absurd am ende.........................
monica schrieb am 2006-07-24 18:06:03:
wow, obwohl so einfach geschrieben, ist deine geschichte doch tiefgründig. sie regt eindeutig zum nachdenken an, was ich sehr wichtig find bei einer guten geschichte! supi
Phoebe Caulfield schrieb am 2006-07-08 19:57:00:
Wow! RIchtig gut geschrieben! Gefaellt mir gut!
Am besten ist das mit dem Tegernsee! Ich find das schrecklich, traurig und verdammt lustig zugleich, wenn Leute sich ernsthaft ueber so Themen unterhalten (muessen) XD
Weiter so!!
LG Phoebe Caulfield
Delirium schrieb am 2006-07-07 13:15:02:
Nicht schlecht. Du hast das mit der Nahrungskette und der vermeintlichen Position, quasi die Vormachtstellung der Menschen in dieser Hierarchie sehr gut dargestellt. Zwar ein wenig absurd, aber genau das ist es, was ich präferiere. Am Ende vielleicht ETWAS weit hergeholt, im Großen und Ganzen jedoch sehr schön zu lesen.
alex schrieb am 2006-07-06 02:19:37:
Danke sehr für die positiven Kommentare. Ich hoffe ich habe es geschafft, meine Absurdität aus früherer Zeit zu behalten, die unpassenden Geschmacklosigkeiten jedoch auszumerzen (es gibt ja auch passende Geschmacklosigkeiten wie hier). Ich glaub, ich hätte die Charaktere noch etwas einfacher einführen können, daher wohl auch ein Teil der Verwirrung.
Kalliope schrieb am 2006-07-05 18:05:30:
Brilliant bizarre Welt!
Mein absurdes Kompliment. Gut, dass es sowas (ekliges) auch noch gibt. Ja, und die Sache mit den Rentnern kennen wir doch alle. Na ja, nur dass sie im wirklichen Leben keine Menschen verspeisen. Nehme ich zumindest an.
PS: Armer Hansi Hinterseeer.
Heather schrieb am 2006-07-05 17:01:07:
Mir gefällt die geschicht.... sie hat was..... aber irgendwie in der Mitte hat es etwas verwirrendes.... Trotzdem hat es spass gemacht sie zu lesen
livia schrieb am 2006-07-05 15:21:44:
sehr gut

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