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Kategorien > Morde, Krimi > Krank

Der Kuchen

von Glory Halleluja

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Der Kuchen
Ich habe sie heute zum Kaffee eingeladen, alle Viere. Drei Uhr ist ausgemacht, ich habe noch eine Stunde Zeit. Ein Stollen erschien mir am geeignetsten; Agnes mag die Rosinen doch so gern. Also stehe ich jetzt in der Küche, hinter mir blubbert die Kaffeemaschine und vor mir liegen Backblech, Schüssel und Rührlöffel. Ich kenne das Rezept auswendig; ich habe schon vielen Freunden mit meinen Stollen eine Freude gemacht.
Der Kühlschrank spuckt mir Eier, Butter und Quark in die Hände, im Wandschrank finde ich die Rosinen, den Zucker und das Mehl.
Während ich Zucker, Mehl, Backpulver, Rumaroma, Muskat und die Eier zu Matsch in der Schüssel verrühre, muss ich an Ruben denken.
Heute in der Schule schrieb er Zettelchen mit Judith, genau über meinen Tisch hinweg. Einen habe ich geöffnet, als ich ihn weiterreichen sollte. Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, sie schrieben über mich.
Der Teig ist nun ein dicker Brei; die schlammige Farbe erinnert mich an Agnes´ kunstvolle neue Frisur, die sie seit Montag trägt. Ja, ich finde, dass ihr Haar aussieht wie mein Stollenteig, aber die anderen finden das nicht. Gil sagt, Agnes sehe aus wie eine Königin.

Inzwischen riecht es in meiner Küche süßlich-herb nach Weihnachten. Den letzten Heilig Abend feierte ich mit Freunden in der Tanzbar. Ich kann nicht tanzen, deswegen forderte mich auch niemand auf, ich habe ihnen trotzdem einen Stollen gebacken.
Der weiche Teig küsst meine Finger, schmiegt sich an meine Haut. Ich gebe Quark, Butter und Gewürze dazu, massiere ihn wie eine Geliebten und forme ihn schließlich wie ein Brot.
Gil sagte heute, ich solle doch einmal den gleichen Friseur aufsuchen wie Agnes, vielleicht könne dieser ja meinen Zottelkopf bändigen. Vielen Dank für diesen guten Rat unter Freunden, Gil. Nur Schade, dass du diesen Ratschlag gleich in der Anwesenheit der gesamten Klasse loswerden musstest.
Ach, und Agnes. Du und ich, wir wissen sehr wohl, dass Ruben letzte Woche am Valentinstag meine Pralinen ungeöffnet an Judith weitergegeben hat. Aber musst du das gleich auch unserer lieben Kameradin Vanessa mitteilen? Hey, nein, ist nicht so wild. Du kriegst trotzdem ein Stück Stollen. Und wer weiß ? Vielleicht kriegt Vanessa auch ein Stück.
Ich nehme eine rot bemalte Schachtel aus dem Gewürzregal. Tadaa, hier kommt meine Spezialzutat, die den Stollen so herrlich süß schmecken lässt. Ich nehme vier Handvoll; eine für Agnes, eine für Ruben, eine für Judith und eine für Gil.
Oh, schon halb? Schnell knete ich das Pulver in den Teig ein, lege ihn auf ein Backblech und schiebe es in das hungrige Ofenmaul. 80 Grad, die Eieruhr ist gestellt.
Ich stelle Schüssel und Rührlöffel in die Spüle, werfe Eierschalen und leere Zuckertüten in den Abfalleimer und wische die mehlige Arbeitsfläche mit einem nassen Lappen ab.
Mit dem Dekorieren des Tisches lasse ich mir Zeit. Ich nehme Omas alte Porzellanteller und Tässchen, und da ich weiß, das Gil gerne kleckert, lege ich die mitternachtsblauen Servietten daneben. Von Oma habe ich übrigens das Stollenrezept und die kleine Kupferlampe, die ich mit auf den Tisch stelle. Oma ist tot.
Ich schüttele die Sitzkissen aus und rücke die Stühle zurecht. Den brühwarmen Kaffee gieße ich in die Tassen und setze schon mal frischen auf.
Ich bin bereit.
Der Stollen auch.
Ich ziehe ihn aus dem Ofen und schneide ihn an. Wie köstlich er duftet! Ich widerstehe der Versuchung, einen großen Bissen zu nehmen. Aber er ist ein Kunstwerk. Schokoladenfarbene Kruste und honiggelbes Fleisch. Ich bin der neue Michelangelo.
Die Türglocke schrillt. Mein Herz macht einen Sprung. Ich öffne die Tür und mir ist, als ob das blühende Leben einmarschieren würde.
Vornweg läuft Judith und schenkt mir ein strahlendes Lächeln, Agnes haucht mir links und rechts ein Küsschen auf die Wangen oder mehr in die Luft, ich weiß es nicht, Gil schubst den schmächtigen Ruben in die Diele und dann stehen sie alle in meinem Haus, dick eingemummelt hinter Mützen und Schals. Sogleich beginnen sie aus ihrer Kleidung zu schlüpfen wie Schmetterlinge aus ihren Kokons
“ Mensch, hier riecht´s ja köstlich!”
“ Hast du etwa gebacken?”
“He, so was kann die?”
Sie scherzen, albern rum. Ich muss lächeln. Hoffentlich schmeckt ihnen der Stollen.
“Glaub´s oder glaub´s nicht, Gil, aber es gibt selbstgemachten Stollen! Setzt euch, setzt euch!”
Ich scheuche sie ins Wohnzimmer. Etwas unsicher setzen sie sich an den Tisch, da hat sie der köstliche Geruch schon in seinem Bann. Gil nimmt sich als Erster, gleich zwei Stücke, die Anderen greifen ebenfalls gierig zu. Ich falte die Hände und schaue ihnen zu; mein Teller bleibt leer.
Ganz ehrlich: sie sehen aus wie ein hungriges Rudel Löwen, das sich auf eine Antilope stürzt. Brösel spritzen wie Blut; sie schmatzen und keuchen, die Platte auf der der Stollen lag, leert sich.
Bevor Agnes nach dem nächsten Stück greift, beäugt sie misstrauisch meinen leeren Teller.
“Willst du nicht auch ein Stück esse?”, fragt sie und stopft sich schon den nächsten Bissen in den Mund
“ Nein, danke. Ich habe schon beim Backen genug genascht”, lüge ich. ”Wenn er euch schmeckt, dann esst ihn auf.”
Und das tun sie. Sie picken die letzten Brösel auf, schlecken über die Teller und verlangen lautstark nach mehr.
Plötzlich kippt Gil vom Stuhl. Einfach so. Unter den entsetzten Blicken der anderen krümmt er sich auf dem Boden, schreit und wird totstill.
“Was...?”, will Judith fragen, aber auch sie wird von heftigen Krämpfen erschüttert und sinkt zu Boden.

Ruben ist der letzte der nach einem erschrockenen Schrei in sich zusammensackt. Ich steige unberührt über seinen Leichnam hinweg und gehe in die Küche. Ich stelle die rote Schachtel mit dem Arsen ins Regal zurück und mache die Espressomaschine aus. Höchstwahrscheinlich werden sie keinen neuen Kaffee mehr brauchen.

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