Der Lehrling Etienne
von
Etienne van Frechen
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Der Lehrling Etienne
Etienne war kein wirklich großer oder starker Bursche, auch war er nicht von sonderbarer Klugheit. Dennoch aber hatte er etwas an sich, das die meisten Menschen bewunderten und worum sie ihn auch beneideten. Manch einer fürchtete sich diesbezüglich sogar vor ihm, während andere ihn zuweilen, speziell wegen seiner ganz eigenen Art, aufsuchten.
Dieses gewisse Etwas das Etienne besaß, war keine besondere Kraft oder gar ein Zauberstab, einzigallein war es das Verständnis, welches er gegenüber allen seinen Mitmenschen empfinden konnte. Etienne besaß ein solch sensibles Einfühlungsvermögen, dass er nur durch den Blick in die Augen seines Gegenübers anfangen musste zu weinen oder zu lachen, je nach dem, was dieser während dessen in sich empfand.
Nun sollte man meinen, dass Etienne diese Fähigkeit als Gabe betrachtete, doch dem war ganz und gar nicht so. Stets versuchte er, den Blickkontakt zu Menschen zu vermeiden oder sie gar als Besucher zu empfangen. Da es aber so war, dass die Leute, die Etienne kannten, oft auf äußerst aufdringliche Weise seine Nähe suchten, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, niemals lange in demselben Ort zu leben. Immer mal wieder überkam in ein spontaner Anfall, welcher in dazu drängte, seine sieben Sachen zu packen und in die weite Welt hinaus zu spazieren. Dies führte ihn durch halb Frankreich, wo er her kam, dann durch Deutschland und in die Schweiz, er war auch schon in Italien gewesen, und nun, wo unsere Geschichte beginnen soll, auf einer schmalen Strasse zu einem kleinen Dorf in Österreich.
Es war ein wirklich sehr kleines Dorf, in welchem er sich einen Schlafplatz für den Abend erhoffte. Überwiegend bestand es aus Bauernhöfen und Ställen, wie auch aus wenigen Werkstätten und Weiden, auf welchen Kühe grasten und Pferde galoppierten.
Dass man als Landstreicher, so wie Etienne es gewesen war, nicht der willkommenste Gast ist, dürfte außer Frage stehen, doch er, den man so schnell zu mögen verstand, hatte selten Probleme damit, ein warmes Plätzchen und eine Mahlzeit angeboten zu bekommen. Und so lernte er, in jenem kleinen Dörfchen, den Schreinermeister Jakob kennen.
Der Schreinermeister war von großer und stattlicher Natur, er hatte einen vollen grauen Bart und eine kleine runde Brille auf der Nase. Seine Augen waren müde und starr und sein Gang wirkte schwermütig. Als Etienne die Werkstatt betrat, während der alte Schreiner gerade mit dem schnitzen eines Stuhlbeines beschäftigt war, beobachtete Etienne ihn für einige Zeit, bis der Alte ihn bemerkte und ansprach. » Hey, wer bist du denn? Hast du dich verlaufen «.
» Nein, nein, mein Herr! « antwortete Etienne, » Ich bin nur auf der Durchreise. «.
» Aha, und wo soll deine Reise enden? «, fragte der Alte und legte sein Werkzeug beiseite.
» Das weiß ich noch nicht genau, aber auf jeden Fall dort, wo es mir gefällt! Ist es hier denn schön? Kann man hier schön leben? «, stellte er dem Schreiner als Gegenfrage.
» Schönheit, mein Junge, Schönheit liegt im Auge des Betrachters! Was ich finde ist nicht das Maß aller Dinge! Manch einer liebt es in der Stadt, umgeben von Automobilen und modernen Gebäuden und ich mag es hier, zwischen Kühen und den Alpen. «
Etienne nickte zustimmend und reichte dem Schreinermeister die Hand. » Mein Name ist Etienne und ich suche eine Bleibe über die Nacht. Sie meinen nicht zufällig, mir helfen zu können? Ich bin auch bereit, dafür zu arbeiten! «
Der alte schaute erst mürrisch, doch nachdem er kurz überlegt hatte, begann er zu grinsen und erwiderte Etiennes Handschlag. » Mich nennt man Jakob den Schreinermeister, du kannst mich aber auch nur Jakob nennen, das reicht völlig aus! Was deine Frage angeht, so muss dir sagen, dass ich keine Fremden in mein Haus lasse. Doch ich biete dir an, hier in der Werkstatt zu nächtigen. Das aber natürlich nur unter der Bedingung, dass du deine Finger bei dir lässt und mir nichts stiehlst! «.
Gewissenhaft versprach Etienne dem Schreinermeister, dessen Werkzeug nicht anzurühren und sich nur in dem, ihm zugewiesenen, Bereich aufzuhalten.
Etienne war ganz und gar kein Dieb. Er war dankbar für jede Hilfe die er bekam und versuchte stets, sich erkenntlich dafür zu zeigen. Zwar konnte er niemals Geld bieten, doch vielen genügte letztlich die Tatsache, ihn als Gast gehabt zu haben. So war das aber nicht bei Jakob dem Schreinermeister. Dieser genehmigte Etienne zwar täglich eine weitere Nacht in seiner Werkstatt, doch ließ er ihn dafür ordentlich knechten. Selten hatte Etienne eine ruhige Minute, um sich auf eine kleine Mauer am Bach zusetzen und für einen Moment zu verweilen. Immer kam ihm der Meister hinterher und scheuchte ihn auf.
Obwohl Etienne jeder Zeit hätte fortgehen können und sich eine neue Bleibe suchen, blieb er dennoch bei dem Alten und ließ sich hetzen. Er machte sich nicht viel aus den Beschimpfungen und schlechten Launen des Schreiners, denn er kannte auch dessen ruhige und zarte Seite. Zum Beispiel, wenn er eine Gravur in einen Schrank schnitzte, saß er völlig gelassen auf einem kleinen Schemel und machte keine Mine. Etienne konnte fühlen, mit welcher unendlichen Liebe und Genauigkeit er seinen Beruf ausübte. Alles was sein Gemüt erschwerte, fiel in solchen Momenten von ihm ab und er konnte sich von seinen Kunst schaffenden Gedanken tragen lassen. Dies waren die Augenblicke des Tages, in welchen Etienne beschloss, doch noch eine Nacht zu bleiben. Er fühlte sich Wohl bei dem alten Jakob, denn dieser behandelte ihn anders als die anderen Menschen, die Etienne kennen lernte. Jakob schupste ihn herum, spottete über seine beiden linken Hände, überging seine Fragen und, das angenehmste aller Dinge, er schaute Etienne so gut wie nie in die Augen.
Eines Tages, nachdem Etienne schon über einige Monate bei dem Alten arbeite und mittlerweile auch in dessen Haus nächtigen durfte, machte Jakob der Schreinermeister, seinem Gast ein beherzendes Angebot. » Weißt du Etienne, « sagte er, » nun bist du schon eine ganze Weile bei mir. Ich bin alt und kann viele Dinge nicht mehr tun. Namentlich das Sägen des Holzes, du weißt wie sehr es mich anstrengt! Nun überlege ich mir seit geraumer Zeit, ob ich dich nicht zu meinem Lehrling machen soll! Was meinst du, könnte ich dich dafür erwerben? Ich weiß zwar, dass dir die Arbeit mit Holz nicht im Blut liegt, so wie mir, doch bist du ein gewissenhafter und ehrlicher Mensch. Ich merke es, wie du dir immer Mühe gibst, die Dinge richtig zu machen, auch wenn du kaum eine Ahnung von dem hast, was du gerade tust. Ich schätze dich wirklich sehr, mein Junge, und ich hoffe, dass ich dir mit meinem Angebot einen gefallen tun kann! «. Während diesen Worten, hatte der Alte erstmals tief in Etiennes Augen gesehen. Etienne wurde kreidebleich und konnte keine Antwort geben. Er spürte die Einsamkeit, welche Jakob empfand und wusste, dass dies nur ein Versuch war, ihn bei sich zu halten. Denn tatsächlich war Etienne ein völlig unbegabter Zimmermann. Viel zu oft hatte er
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Kommentare
Margret schrieb am 2010-07-20 17:25:56:
Ein schönes Märchen, fast wie bei den Gebrüdern Grimm.
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