Der Lehrling Etienne
von
Etienne van Frechen
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sich schon mit dem Hammer die Finger grün und blau geschlagen. Auch keinen Nagel bekam er senkrecht ins Holz, und über seine Schnitzarbeiten konnte man nur liebevoll schmunzeln. Trotzdem aber gab er stets sein bestes und war meist mit sich selbst zufrieden.
Einige Minuten ließ er sich die Frage des Alten durch den Kopf gehen und antwortete ihm schließlich mit gefallendem Gesichtsausdruck, was dem Meister große Freude bereitete.
» Als Lohn «, stellte Etienne als Bedingung, » verlange ich nur deine Freundschaft, einen Schlafplatz und eine warme Mahlzeit an jedem Tag! «.
Verdutzt schaute Jakob seinen neuen Lehrling an und lachte. » Du möchtest kein Geld haben? Du könntest ein eigenes Zimmer beziehen und dir selbst etwas zu Essen kaufen! Vielleicht sparst du auch ein bisschen etwas und kannst dir einmal ein kleines Haus leisten! «.
Da musste Etienne anfangen zu lachen. » Ich mache mir nichts aus Geld, weißt du!? Ich habe viel zu oft gesehen, wie sich Menschen deswegen gestritten und sogar ermordet haben. Dieses farbige Papier macht die Leute zu gierigen Bestien, die auf jegliche Moral verzichten und den Sinn des „Liebe deinen Nächsten“ vergessen haben. Ich habe für mich selbst entschieden, ein Leben außerhalb dieser imaginären Grenze zu führen und mich auf wesentlichere Dinge zu konzentrieren! «.
Da der Schreinermeister sich eine solche Antwort erhofft hatte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Zufriedenheit. Viele Jahre hatte er alleine in seinem Haus gewohnt. Kinder hatte er niemals gehabt und seine Frau war vor wenigen Jahren an einer Krankheit verstorben. Seither hatte er nur seine Arbeit und die Kunden, durch welche er sich gerade so über Wasser halten konnte. Mit Etienne aber spürte er, dass sein Leben reicher wurde. Nicht etwa reicher an Geld, sondern viel mehr an den kleinen Dingen im Leben, die er vor langer Zeit aufgehört hatte zu beachten. So schaffte es der Lehrling Etienne eines Tages, seinen Meister zu überreden, für einen Nachmittag die Werkstatt zu schließen und am nah gelegenen See einwenig zu angeln.
So verging ein volles Jahr, in welchem Etienne alles nötige über die Schreinerei erlernte. Er verstand alles ziemlich schnell, machte sich Notizen und Zeichnungen, um nichts zu vergessen, jedoch war ihm die praktische Umsetzung an einem Stück Holz beinahe unmöglich.
Einmal, er sollte ein kleines Nachtschränkchen bauen, zeigten seine Skizzen von unheimlicher Genauigkeit und Kreativität, als Fertiges aber präsentierte er ein Schränkchen, dessen Türen sich nicht öffnen ließen, weil er diese aus versehen zugenagelt hatte. » Du hältst Türen wohl lieber geschlossen!? « meinte Jakob, als er den Holzkasten zu Gesicht bekam.
Diese Worte beschäftigten Etienne über einige Wochen, bis er deren tieferen Sinn wirklich begriffen hatte und beschloss, seinen Meister davon in Kenntnis zu setzen.
» Jede geschlossene Tür, bedeutet ein offenes Fenster! Ich habe dir zu beginn meiner Lehre erzählt, dass ich mich gegen das Leben mit Geld entschieden habe. Der Weg den die meisten Menschen gehen, mit ihrem finanziellen Reichtum und der Sicherheit gegenüber Morgen, dieser Weg führt sie durch unzählige Türen, manche offen, manch eine vorübergehend verriegelt. Immer aber lässt sie den Mann mit Geld, früher oder später, hindurch. Ich aber mache mir die Mühe und klettere durch die Fenster. Natürlich strengt es mich mehr an und ich werde früher als andere an Rückenschmerzen leiden. So glaube ich aber dennoch, mit schöneren Erinnerungen zu sterben als die vielen anderen, die nach viel Geld streben und den wahren Lebenssinn aus den Augen verloren haben, sodass sie sich letztlich in völliger Nichtigkeit suhlen und als gescheiterte Existenzen auf einem Trauerfoto, mit aufgesetztem Lächeln, enden werden! Mein Lächeln aber wird ehrlich sein, das verspreche ich! «.
Jakob der Schreinermeister gab keinen Kommentar zu Etiennes Worten, sondern ließ diese in seliger Ruhe auf sich wirken und schnitzte weiter an seiner Holzarbeit. Schnell wurde ihm klar, dass nun der Moment, vor welchem er sich über ein Jahr lang am meisten gefürchtet hatte, gekommen war; Etienne würde weiter ziehen!
ENDE
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Kommentare
Margret schrieb am 2010-07-20 17:25:56:
Ein schönes Märchen, fast wie bei den Gebrüdern Grimm.
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