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Kategorien > Mysterie > Seltsam

Der Maestro

von Putorius


Ich verdiene als Pianist ein kleines Zubrot und spielte sogar eine gewisse
Zeit lang in dem recht angesehenen Radiosymphonieorchester einer Großstadt,
deren Name ebenso wenig von Bedeutung ist wie der meine. Die wenigen Monate
bei diesem Orchester prägten mein Leben mehr als alles andere zuvor und wohl
auch danach. Darum will ich nun davon erzählen.
Es begann an einem kalten Novembertag mit grauen Wolken, die vom Herbstwind
über den Himmel gepeitscht wurden. Schnee lag schon seit Tagen in der Luft
und ich war froh, endlich ins warme Innere der Konzerthalle eingelassen zu
werden, wo eine abschließende Probe zu Franz Liszts erstem Klavierkonzert
stattfinden sollte. Aber schon im Foyer fiel mir eine ungewohnte Unruhe
unter den anderen Orchestermitgliedern auf. Ich entdeckte den Dirigenten
etwas abseits nahe der unbesetzten Garderobe in ein Gespräch mit einem
Fremden vertieft. Ich hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen, aber seine
aufrechte Haltung, die wenigen, aber ungleich ausdrucksstarken Gesten und
auch der makellose Sitz seines schwarzen Anzuges zogen mich gegen meinen
Willen in ihren Bann. In meiner Ledertasche hatte ich die Partitur des
Konzerts. Ich holte sie als Ansatzpunkt für ein Gespräch heraus und steuerte
geradewegs auf die zwei Männer zu. Mein Dirigent bemerkte mich sogleich,
woraufhin er mir kurz zulächelte und dem Fremden gesenkten Hauptes etwas
zuzuflüstern schien. Als ich die beiden erreicht hatte, begrüßte ich meinen
Dirigenten, der mir mit beinahe achtungsvoller Freude den Fremden als einen
gewissen Igor Newitsch vorstellte. Newitsch, der seine Hände stets hinter
dem Rücken verborgen hatte, schenkte mir ein elegantes Nicken zur Begrüßung.
Mein Dirigent schilderte mir Newitsch als kaukasischen Dirigenten, der sich
nach langem Zögern dazu durchgerungen hatte, an europäischen Konzerthäusern
zu gastieren. Da er kein eigenes Orchester hatte, bot ihm mein Dirigent an,
am folgenden Tage das Konzert mit unserem Orchester aufzuführen. Das
erstaunliche bei der Angelegenheit war, dass Newitsch darauf verzichtete,
auch nur einen Takt ohne Publikum zu üben, da er laut meines Dirigenten
weder deutsch noch englisch, noch eine andere geläufige Sprache beherrschte.
So wurden wir also alle nach Hause geschickt, um uns am nächsten Tag, dem
Tag des Konzerts, am Hintereingang zu treffen.
***
Es war noch kälter geworden und wir froren alle in der Kälte, die den
Bereich beim Hintereingang in eine wahre Eishölle verwandelte. Zum Glück
waren wenigstens unsere Instrumente im Warmen. Dann schloss jemand die
Eisentüre auf, die geräuschlos nach innen aufschwang. Licht und Wärme
strömten uns entgegen, Zigaretten wurden ausgetreten, Mobiltelefone
abgeschaltet und Rucksäcke geschultert, dann drängten wir hinein. Es waren
noch zehn Minuten bis zum Konzertbeginn und jeder versuchte die Kälte aus
den Fingern zu reiben, wobei nicht nur mir schleierhaft zu sein schien, wie
man mit steifen Fingern ein Konzert geben sollte, und das auch noch mit
einem Fremden, von dem man so gut wie gar nichts wußte. Sogar noch auf dem
Weg auf die Bühne tauschte jeder mit seinen Orchesterfreunden Kommentare des
Unmuts aus, redete sogar schon von einem peinlichen Fiasko, ohne dass auch
nur eine Note gespielt war. Mir fiel hingegen nur auf, dass ich Igor
Newitsch an diesem Tage noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Mit dem zweiten Gong wurden die Saaltüren geschlossen, und das Licht in der
Konzerthalle war bereits gedimmt als wir mit einem bangen Gefühl in der
Magengrube, aber unter höflichem Willkommensapplaus unsere Plätze einnahmen.
Erwartungsvolle Stille füllte den Saal als vierhundert Augenpaare ihren
Blick auf die Türe hefteten, durch die Newitsch eintreten sollte. Dann kam
er. Die besagte Türe öffnete sich und Igor Newitsch trat ein. Er trug einen
feinen Frack mit weißem Kummerbund und teure italienische Schuhe. Auf seinem
ganzen Weg von der Türe bis zum Dirigentenpult schenkte er weder dem
Orchester noch dem unsicher applaudierenden Publikum einen Blick. Dann
erloschen alle Lichter bis auf die, welche die Bühne erhellten, und Newitsch
drehte sich dem Orchester zu. Er schien sich kurz zu sammeln, dann griff er
sicher zum Taktstock, hob ihn über den Kopf und senkte ihn mit einem
energischen Ruck. Die Celli und die Bläser setzten zum beherrschenden
Hauptthema des Satzes an, dann folgte wenige Sekunden später auch schon mein
Einsatz. Die schwierigen Läufe zu Beginn gelangen mir erstaunlich gut und
selbst der sich anschließende langsame Abschnitt, der allein dem Piano
gewidmet war, floss förmlich von meinen Fingern in das Elfenbein der
Flügeltasten. Als dann das Orchestertutti einsetzte schien der Konzertsaal
seine Begrenzungen zu verlieren. Aber das nahm ich nicht bewusst wahr, denn
es war die Musik, die mich in ihrem tosen mit sich sog. Obwohl ich das Stück
noch nicht gut genug kannte, hatte ich irgendwann aufgehört die Noten
umzublättern, denn allzu logisch sponn sich die Melodie weiter. Eine Note
ergab wie von selbst die nächste. Jedes mal wenn ich zu Newitsch aufsah, sah
ich, wie mit jeder Armbewegung die Musik aus seinen Händen zu fluten schien.
Die einzelnen Musiker mussten sie nur auffangen, und ihre Instrumente
zauberten daraus ein Gesamtkunstwerk, das der Weltschöpfung in nichts
nachstand. Eine düstere Brillanz durchwob die Luft mit betörenden Klängen,
gleich einem Parforce-Ritt durch finster bedrohliche Tiefen und engelsgleich
berauschende Höhen. Ich war gefangen von meiner eigenen Interpretation.
Dabei trug mich das Orchester mit silbernen Schwingen in himmlisch höllische
Sphären, während sich die Tasten unter meinen Fingern die richtigen Noten
selbst zu suchen schienen. Doch das Zentrum dieses Rausches blieb der
Maestro Igor Newitsch. Er war der Mittelpunkt des Strudels, die Nabe des
Mühlrades, ja, selbst den Vergleich mit dem Zentrum des Universums scheue
ich heute nicht. Wenn er den Taktstock senkte, brach ein Vulkan aus, wenn er
ihn sachte zur Seite strich, erschuf er Morgenluft und wenn er ihn von sich
weg stieß bebte die Erde. Er malte die Musik auf eine Leinwand aus Klängen.
Das Konzert endete in einem fulminanten Finale und die abrupte Stille ruhte
steinern im Saal. Meine Kollegen saßen entgegen ihrer sonstigen Natur
regungslos mit Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe, den Blick vor sich ins
Nichts gerichtet auf den Stühlen; Newitsch stand einer Statue gleich. Mit
abwärts gerichteten Armen und in den Nacken geworfenem Kopf schaute er mit
geschlossenen Augen nach oben. Auch vom Publikum kein Laut. Dann, nach
schier endlos wirkenden zehn Herzschlägen, setzte frenetischer Jubel ein,
der orkangleich anschwoll und sich, begleitet von ste-henden Ovationen, auf
die Bühne ergoss, wo Igor Newitsch noch immer stand. Er hatte sich
inzwischen umgedreht und nahm die Ehrerbietungen und Bravo-Rufe emotionslos
entgegen. Eine kurze Verbeugung beim Empfang des obligatorischen
Blumenstraußes und dann verließ er den Konzertsaal, ohne ein weiteres mal
wieder zu erscheinen.
Das war meine letzte Begegnung mit Igor Newitsch - beinahe zumindest. Jetzt,
sechs Monate nachdem dies alles stattgefunden hatte, lese ich ein von der
Musikwelt unbeachtetes Buch von ihm, dem Maestro, der mein Klavierspiel so
nachhaltig geprägt hat. Seit diesem Ereignis sehe ich die Musik mit anderen
Augen, und mit jeder weiteren gelesenen Seite verstehe ich mehr und mehr vom
Wesen der Musik. Doch nun muss ich zum Ende kommen, denn die Schrift ist für
moderne Augen ermüdend und nur schwer zu lesen. Aber so ist das bei Büchern,
die im Jahre 1879 gedruckt worden sind.


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