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Kategorien > Alltag > Gesellschaft

Der Mann am See

von Chris Hunter

Es ist ein Samstagabend im Sommer. Er sitzt auf einer Bank am See, schaut
auf das Wasser und denkt nach. Er hat schon viele Abende in seinem Leben auf
dieser Bank verbracht, aber seit ein paar Wochen sitzt er hier und fühlt
sich einsam.
Einsam und verlassen. Die Wolken sind heute, wie die letzten Tage davor,
völlig weiß und das Einzige was die Oberfläche des Sees färbt, sind die
grünen Flecken der Baumkronen, die sich im Wasser spiegeln. Eine
Entenfamilie schwimmt heran und der Mann sieht seine Frau, wie sie dort
steht. Wie sie kleine Stückchen von einem halben Brotlaib reißt und sie den
Enten in den See wirft. Aber die Enten schwimmen achtlos daran vorbei. Sie
würdigen der Frau keine Blicke, denn sie steht nicht da. Die Ärzte sagten,
es sei Krebs. Der Mann schluckt und er sieht den See wie durch eine
schmutzige Scheibe. Er blinzelt. Die verschwommen Konturen schärfen sich und
ihm rollen zwei warme Tränen über die Wange. Sie war so eine starke Frau und
sie hätte es fast geschafft. Aber dieser verdammte Krebs war stärker als
sie. Er hat sie zerfressen. Und mit ihr ging auch sein Leben. Nichts war
mehr so wie es sein sollte. Niemand der ihn morgens wachküsst. Niemand, der
mit ihm den Sonnenuntergang erlebt. Keine Frau, die neben ihm sitzt, seine
Hand in ihrer hält, die Enten füttert. Alles, was bleibt ist der
Sonnenuntergang. Der blutrote Sonnenuntergang der den Tag in ein schwarzes
Tuch hüllt. Wieder ein blinzeln. Wieder warme, feuchte Tränen. Der Mann
sitzt regungslos. Die Hände, mit braunen Flecken, auf seinen Schenkeln. Sein
weißes Haar weht leicht im Wind. Er fühlt sich müde. Verlassen. Alleine.
Sein starrer Blick ruht auf dem See. Doch dort ist nur seine Frau. An vielen
Orten. In vielen Situationen. Ihr Lächeln, der Geruch ihrer Haut, ihrer
Haare. Er spürt ihre weichen Lippen auf seinem Nacken. Auf seiner Brust.
Wieder schwimmen die schnatternden Enten an der Bank vorbei. Der alte Mann
sieht seine Frau. Wie sie kniet. Wie sie sich erbricht. Immer und immer
wieder. Der Mann sieht, wie sie neben der weißen Toilettenschüssel liegt.
Auf ihrem Kissen das er ihr brachte. Er steht daneben und kann ihr nicht
mehr helfen. Diese verdammte Chemotherapie! Er will sie aufrichten, aber sie
drückt ihn nur weg. Er weint. Sitzt auf der Bank. Er hört ihr zarte Stimme.
Sie sagt das sie ihn liebt. Bis in alle Ewigkeit. Bis das der Tod uns
scheidet. Wie in guten, so auch in schlechten Zeiten. Die Bäume rascheln.
Ein Blinzeln. Der alte Mann schluckt. Seine Kehle sticht. Er sieht die roten
Rosen die er ihr schenkte zu den zahlreichen Anlässen. Zu den Geburtstagen
und an Tagen ohne Gründe. Er fühlt ihre Umarmung. Fühlt ihren Herzschlag an
seiner Brut. Er riecht ihren Schweis. Er hört wie sie sich windet. Im
Schmerz. Der Schmerz der sie nicht schlafen lässt. Hört wie sie schreit.
Weil der Krebs sie zerfrisst. Er hält ihre Hand und kann nichts tun. Jogger
in sportlichem Outfit flitzen hinter ihm vorbei. Er schließt die Augen.
Heiße Tränen. Er ist müde. Unter den Wolken erscheint langsam die rote
Sonne, taucht die Bäume in düsteren Schimmer. Die Wellen des Sees glitzern
in ihrer Bewegung. Hier und da wärmen sich Mücken. Die letzten Gesänge der
Vögel schallen über die glatte Oberfläche. Es wird dunkel. Die Nacht ist
warm. Langsam zieht der Mond seinen Kreis über den Himmel. Der Mann sitzt
still. Vollmond. Er scheint hell. Es ist ein Sonntagmorgen im Sommer. Der
alte Mann sitzt auf einer Bank am See und lächelt. Aber er ist nicht mehr
alleine. Nie mehr.



Kommentare

nelle.perlbach@freenet.de schrieb:
Eine leise Geschichte. Entspricht dem Thema. Sehr gut! Nur die Stellen, an denen er innerlich flucht "Verdammte Chemotherapie" usw. sind mir ein bißchen zu "laut". Aber das ist Geschmackssache.
neuber.janine@freenet.de schrieb:
hi du!
Mir gefällt deine Geschichte sehr gut und ich finde, es gehört echt Talent dazu, soetwas zu schreiben! Respekt!
Ich schreibe selber auch Geschichten, aber nie welche, die solche starken Gefühle in einem wecken! Also echt RESPEKT!
RikeJahns@web.de schrieb:
Hallo...
schaurig schön!
donnawetta@netcologne.de schrieb:
Und wieder mag ich all das, was du NICHT geschrieben hast in dieser Geschichte! Hut ab - ein guter Text!
anoif@gmx.at schrieb:
Hi,
Ich muss wirklich sagen, die geschichte ist traurig schön es ist ein Hammer ein Wahnsinn so schöne Geschichten schrieben zu können, wobei diese nicht schön war sondern wirklich erbermlich traurig, aber ich muss auch ehrlich zugeben dass mir die Tränen zu Mute waren....:) Mach weiter so!!!

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