Der Mann der eine Frau war
von
Rudi Benter
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zu jener Zeit alles neu war, war ich doch davor mit verschlossenen Augen durch die Welt marschiert, wie ein Kind, das die blinde Kuh beim gleichnamigen Spiel verkörpert. Nun aber begann ich, mich mit meiner Umwelt in Verbindung zu setzen, auch lächelte ich viel mehr, was mir wohl durchaus die Sympathie von Leuten gab, welche mich vorher ignoriert oder nicht einmal realisiert hatten. Die Aufmerksamkeit flog mir sogar schon bei der Ankunft am Hauptbahnhof zu. Dort traf ich Vanessa, eine alte Klassenkameradin, eine von genau dem Schlag der mich immer ignoriert hatte. Nun aber kam sie zu mir her und fing sofort an, sich munter und rege mit mir zu unterhalten.
"Hey Tom, ich bin es, Vanessa. Erinnerst du dich noch an mich? Wir waren zusammen auf dem Gymnasium und jetzt, wo wir uns gerade begegnen und beide hierher gekommen sind, dachte ich mir, wie schön es ist hier jemanden zu kennen, und wir haben uns ja sooo lange nicht mehr unterhalten....", genau, so lange. In Wirklichkeit hatten wir uns noch nie unterhalten, aber das war mir egal, mein Ego wollte diese Gespräch. Dann aber hörte sie nicht auf zu reden. "Weist du noch, wo der Sepp und ich dir dein Kuscheltier geklaut haben und du dann so lange den Direktor vollgeweint hast bis er alle Spinds durchsuchen ließ. Das hat dir auch niemand übel genommen, weil während der Suche kein Unterricht war...", merkte sie mit einem hämischen Grinsen an. Ich, um meine Überlegenheit zu beweisen, erinnerte sie daran, wie sie geweint hat, als das Tier in ihrem Spind gefunden wurde, alles natürlich mit einem gebührenden Lächeln, man will sich schließlich keine Feinde machen. So verabschiedeten wir uns dann also nach einem oberflächlichen Geplänkel voneinander; ich war glücklich, befangen von meiner plötzlichen Beliebtheit. Kurzzeitig machte sich sogar eine gewisse Arroganz in mir breit. Trotzdem blieb ich auf dem Boden der Tatsachen und steigerte mich nicht in den Gedanken hinein, der Beste auf Erden zu sein. Erstmal musste ich alles meinen Mitbewohnern erzählen. Trotz der nur geringen Beziehung zu den beiden wollte ich doch immer gerne ihren Rat hören.
"Wisst ihr, was mir heute passiert ist? Das ist der reine Wahnsinn!", warf ich enthusiastisch ins Zimmer.
"Ah, war gut da...", sagte Hans, nicht als Frage konzipiert, sondern eher ein wenig genervt. Fred, mein anderer Mitbewohner schüttelte wie immer heftig den Kopf. Später ging ich noch zum Arzt, um meinen geschnittenen Arm zur Sicherheit überprüfen zu lassen.
"Warum haben sie sich geschnitten?", fragte er mich.
"Das war nicht ich!", erwiderte ich finster schauend, denn ich sah, dass er mich nicht ernst nahm. Danach erläuterte ich ihm das Geschehen bis Dato.
"Nun, in diesem Falle werde ich die Polizei einschalten.", sprach er, gespielt entsetzt.
"Sie sind Arzt! Wenn jemand die Polizei ruft, dann bin ich das." - "Nun, wie sie meinen. Ich lese gerade, dass ihre Tetanusimpfung dringend nötig ist, und bei dem Schnitt in ihrem Arm...Setzen sie sich ins Nebenzimmer, während ich alles vorbereite." Das tat ich, obwohl meines Wissens im Vorjahr eine Impfung stattgefunden hatte. Durch die Tür war die Stimme einer Krankenschwester und eines Arztes zu hören, die über irgendeinen Herren sprachen, dessen Zustand zwar weiterhin ernst sei, sich aber gebessert habe. Als ich wieder eintrat empfing mich die Krankenschwester freundlich.
"Hallo Herr Müller. Wie geht es ihrer Frau?". Da musste sich die nette Dame geirrt haben, war ich doch garnicht vermählt. Ich sagte nichts dazu, denn ich wollte die Person, welche mir gleich eine Spritze geben würde nicht verärgern. Danach war mir übel und ich hatte kein gutes Gefühl. Müde trat ich den Heimweg an. Die Nacht schlief ich sehr gut, auch die folgenden Nächte. Immer musste ich Tabletten schlucken wegen meiner Wunde, damit sie sich nicht entzündete. Den Schurken, der mir die Verletzung zugefügt hatte sah ich auch nicht wieder. Eine Woche später war es dann soweit, ich fuhr zu ihr, meiner wunderbaren Nathalie. Ach, was war das wieder schön, neben ihr zu liegen, sie im Arm zu halten. Es war ein starkes Grundvertrauen vorhanden, als ob wir uns schon immer gekannt hätten, füreinander geschaffen wären. Wir aßen miteinander und das Essen bei ihr schmeckte wesentlich besser, als das in der Kantine meines Wohnheims. Alles war gut, wenn ich bei ihr war. Immer öfter kam ich zu ihr und irgendwann schien der richtige Zeitpunkt gekommen, sie zu fragen, ob sie meine Frau werden wolle. Die Antwort allerdings verwirrte mich sehr.
"Schatz, wir sind schon lange verheiratet."
Ich stutzte; war das nicht auch die Rede der Krankenschwester gewesen? Was sollte das alles? Nathalie nahm mich in ihren Arm, danach setzten wir uns und sie begann, mir alles zu erzählen.
"Liebling,", sagte sie," Es ist alles lange her, etwa zwei Jahre. Damals war unser fünfter Hochzeitstag. Doch du fingst an dich seltsam zu benehmen, Dinge zu sehen, die aus deiner Phantasie hervorkamen." - "Aber ich kann mich an all das nicht mehr erinnern. Das ist unmöglich! Irgendwas müsste mir doch im Gedächtnis geblieben sein."
" So ist es wohl auch. Du hast mich ja doch irgendwie wiedererkannt als wir uns wiedergesehen haben."
"Und an der Party, wo es mir so schien, als kenne ich jeden, da waren es alles..." - "...deine Freunde."
"Nun verstehe ich. Und alles, was ich sonst so erlebt habe waren Halluzinationen. Der Bahnhof, der Zug, die Stadt, das habe ich alles nicht gesehen? Bist du echt?"
"Ich bin keine Einbildung. Ich fange am besten von vorne an. Als du damals in die Nervenklinik gekommen bist, durftest du aus therapeutischen Gründen keinen Besuch empfangen. Erst vor einer Weile durfte ich zu dir kommen. Als ich eine Weile auf dich gewartet hatte, wollte ich etwas zu trinken holen. Der Automat jedoch schluckte mein Geld, ich trat dagegen. Dann bist du gekommen und -"
"Danke den Rest kenne ich. Aber du warst ein Mann. Was hat das zu bedeuten?", fragte ich, obwohl ich bereits ahnte, was es damit auf sich hatte.
"Ich sprach ständig mit den Ärzten. Sie sagten mir, das du dir immer etwas antust, wenn du dich aufregst."
"Das habe ich mir gedacht. Es ist eine Wahnvorstellung. Ich bin verrückt, tatsächlich verrückt. Aber weshalb erinnere ich mich an nichts? Wer bin ich? Ich muss doch etwas über mich erfahren."
"Deine Anfälle haben sich gehäuft. Du hast dir ständig Schmerzen zugefügt, die Ärzte verschrieben dir sehr starke Medikamente, weil sie Angst hatten, du könntest dich umbringen. Diese Medikamente nahmen dir die Erinnerung. Aber zur Zeit werden sie abgesetzt, es geht dir besser."
"Mein Gedächtnis funktioniert wieder. Aber wie ich früher war weiß ich immer noch nicht."
"Das, mein lieber Gatte werde ich dir irgendwann erklären aber jetzt nicht. Es ist nicht leicht, ein Leben wie das deine in so kurzer Zeit zu erzählen. Außerdem brauchst du Ruhe. Du wirst dich bald wieder selber entsinnen können."
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