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Kategorien > Gesellschaft > Zum Nachdenken

Der Maskenball

von Oliver Dauterich

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Die Einladung lag eines Morgens im Briefkasten, ich holte sie gemeinsam mit meiner Tageszeitung und einigen nutzlosen Handzetteln, von der Sorte die irgendeinen besonderen Artikel verkaufsfördernd unterstützen sollen aber fast immer ungelesen in dem Papierkorb landen, an den bereits gedeckten Frühstückstisch.
Ursprünglich wollte ich mir zuerst meine Zeitung vornehmen, wie ich es immer tue aber der aufwendig, mit goldenen Lettern bedruckte Umschlag machte mich neugierig. Also widmete ich mich zu allererst dem Brief , der offenbar persönlich eingeworfen worden war, denn ich konnte weder Stempel noch Marke finden.
Diese Tatsache und der nach Adel klingende Absender, Familie Georg von Ratow, unterschieden ihn von meiner alltäglichen Korrespondenz.
Im Innern befand sich eine Einladung zu einem Maskenball, ausgestellt auf meinen Namen, der an diesem Wochenende bei genannter Adresse stattfinden soll. Anbei lag noch ein kurzer Text, der mich schließlich davon in Kenntnis setzte, wieso mir diese Ehre zuteil wurde.
Es geht auf eine kurze Begegnung mit meiner Person und Herrn von Ratow vor etwa einem halben Jahr zurück.
Ich besuchte damals ein Konzert eines alten Schulkameraden, der sich zu einem anerkannten Pianisten gemausert hatte. Im Anschluß trafen wir uns auf dem kleinen Empfang und ließen fast vergessene Erinnerungen aufleben.
Jedenfalls trat dieser elegant gekleidete Mann auf uns zu und überschüttete meinen Freund mit wahren Lobeshymnen über Gefühlsbetonung, Dynamik und Originalität in dessen Musikvortrag.
Allerlei leeres Geschwätz, wie mir mein Freund später gestand.
Doch für mich, der in diesen Dingen eher etwas unwissend ist, klang dies alles sehr beeindruckend und daher unterstützte ich jede Feststellung des Mannes mit einem "ich bin ganz ihrer Meinung", "ganz recht" oder "wirklich ausgezeichnet".
Scheinbar hinterließ ich so einen bleibenden Eindruck.
Als man uns dann gegenseitig vorstellte, überreichte ich Herrn von Ratow meine Karte. Eine von denen, die ich extra für B-Leute wie ich sie nannte (B wie Beziehung), hatte drucken lassen.
Sie hatte den signifikanten Zusatz "General Manager", was nicht unbedingt gelogen war, wenn ich auch in Wirklichkeit nur einen Zeitschriftenladen mit Lotterieannahmestelle mein Eigen nennen konnte. Wie auch immer, es war wohl das Saatkorn welches nun seinen ersten Sproß trieb.

Für den Maskenball hatte ich noch einige Vorbereitungen zu treffen. Als Erstes war eine Verkleidung von Nöten, also besuchte ich einen Kostümverleih und ließ mir einige Vorschläge machen.
Nach 20 Minuten hin und her entschied ich mich endlich für die imposante Ausstattung eines preußischen Offiziers.
Irgendwie hatte ich mir von Anfang an genau so etwas vorgestellt,
eine Uniform. Ein Mensch in Uniform macht doch einfach etwas her, egal wer darin steckt. - All die Abzeichen, Litzen und glänzende Knöpfe - ich konnte nicht umhin auch noch den passenden Säbel dazu zu mieten, sozusagen das i-Tüpfelchen der ganzen Maskerade.
Als Zweites kümmerte ich mich um ein angemessenes Gefährt. Hier brauchte ich nicht lange überlegen, denn ein Bekannter (der mir noch etwas schuldete) besaß einen voll restaurierten und auf Hochglanz polierten 190er Mercedes Baujahr `58.
Ihn davon zu Überzeugen mir seinen um alles geliebten Augapfel zu leihen, erforderte jedoch noch ein enormes Maß an Überzeugung, aber durch das taktisch klug eingesetztes Argument des Gefallens den er mir schuldete, saß ich am längeren Hebel und verließ bald darauf, unter Predigung tausender Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßgaben, den Hof mit dem Wagen.
Ich hatte mich erkundigt ob mein Schulkamerad, der Pianist auch geladen sei, doch ich erfuhr , daß er schon wieder auf Tournee irgendwo in den USA war.
Ich muß zugeben, ich fühlte mich nicht sehr behaglich bei dem Gedanken ganz alleine unter all den hohen Tieren auf dem Ball zu sein aber ich wollte es ja nicht anders.
Gegen acht Uhr abends verließ ich in voller Montur meine Wohnung und machte mich auf den Weg. Die Fahrt führte mich bis ans Ende der Stadt, ein Villenviertel selbstverständlich, in das ich mich bis jetzt äußerst selten verirrt hatte.
Das Haus, oder besser der Palast, war leicht zu finden und ich stellte mich hinter der wartenden Schlange von teuren Autos in der Auffahrt an.
Man bekam, sobald man an der Reihe war, die Tür von einem der jungen Männer in roten Jacken geöffnet und überließ diesem im Tausch gegen eine nummerierte Marke, die Schlüssel zum Wagen (hier brach ich schon mit der allerwichtigsten Regel meines Freundes, "nie jemand anderen das Auto fahren lassen", doch wie hätte ich den dagestanden, vor all den wichtigen Leuten?).
Die Größe und der Reichtum der Immobilie war einschüchternd und erhebend zugleich. Langsam ging ich zum Eingangsportal, an dem ich meine Einladung vorzeigte.
Das Innere des Hauses stand dem Äußeren in nichts nach. Man hatte das ganze Parterre in einen Ballsaal umfunktioniert. Böden aus feinstem Marmor und Kronleuchter an allen Ecken. Gold und Silber reflektierten ihr Licht dermaßen, daß man im ersten Moment regelrecht geblendet wurde. Die Band im großen Saal, ich zählte zwölf Musiker, spielte gerade Glen Millers "in the mood", einige Paare tanzten, andere unterhielten sich und dazwischen tummelten sich Bedienstete, die eifrig um das Wohlergehen der Gäste bemüht waren.
Ich stand gewissermaßen neben mir und versuchte mich wieder etwas zu fassen, als mich Herr von Ratow wieder zurück auf den Boden der Tatsachen brachte.
"Mein lieber Freund, so treten sie doch endlich ein!"
Er hatte mich offenbar gleich erkannt und stellte mir seine Frau vor. Eine Dame in den besten Jahren mit enormen Dekolter. Ich mußte mich wirklich zusammennehmen nicht ständig hinzusehen.
Herr von Ratow war als Ludwig der Sonnenkönig und sie als eine seiner Gespielinnen verkleidet. Wie vielleicht bekannt ist, unterstützte die damalige Mode die weiblichen Rundungen nicht wenig.
Frau von Ratow schien meine scheuen Blicke zu bemerken, sah darin aber keinerlei Grund in Verlegenheit zu geraten, im Gegenteil, ich glaube sie genoss es geradezu. Jedenfalls schob sie ihre gewaltige Oberweite immer mehr zwischen ihren Mann und mich.
Man lobte meine überaus gelungene Kostümwahl und salutierte zum Spaß. Ich baute mich mit den Händen in den Seiten vor ihnen auf, blickte düster drein, musterte beide von oben bis unten und sagte mit äußerst strengem Unterton, daß man beim Militärgruß gefälligst die Haxen zusammenzuschlagen hat.
Natürlich sollte dies nur ein Scherz sein, aber wie ich aus deren eingeschüchterten Gesichtern erkennen konnte, nahmen sie es wohl für bare Münze und waren etwas irritiert. Erst als ich rühren! befahl und wieder mein Lächeln aufsetzte, entspannten sich ihre Mienen wieder.
Ich wurde im Haus herumgeführt und mit einigen Leuten bekannt gemacht bei denen ich, wie ich an deren Verhalten bemerkte, auch eine tiefgreifende Wirkung hinterließ.
Mir gefiel es von allen zuvorkommend und mit Hochachtung

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Kommentare

arne t. schrieb am 2010-04-25 16:58:26:
Echt gut geschrieben...., habe erst darüber geschmökert und bin dann hängen geblieben.
... hat was aus dem Leben!!!
Debbie schrieb am 2007-06-26 14:05:07:
Irgendwie war die Geschichte gut geschrieben aber es war so keine Spannung darin. Keine wirkliche Geschichte...

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