Der Mohnblütentanz
von
Jenni und Helen
Tira erwachte durch ein knackendes Geräusch. Sie blickte in zwei rote Augen,
die sich direkt vor ihrem Gesicht befanden. Erschrocken zuckte sie zusammen
und sprang mit einem Satz auf die Beine. Ihr Kopf schmerzte höllisch. Ihr
Herz beruhigte sich erst, als sie eine bekannte Stimme sagen hörte: "Bist du
in Ordnung?" Erst jetzt erkannte sie ihren treuen Freund Sono, einen
Tamba-Krieger.
Tira war erleichtert und erwiderte: "Wo bin ich? Was ist mit mir geschehen?"
Sono nahm sie zärtlich in seine starken, mit Narben versehenen Arme und
küsste sie auf die Stirn. "Es ist vorbei. Sie sind weg. Ich bringe dich
jetzt nach Hause." Er half ihr auf sein kamelähnliches Tier und führte sie
in ihren Palast. Kurz vor dem Eingang zum riesigen Palast, lud er sie ab und
verabschiedete sich, denn wie jeder weiß, ist das Volk der Lungos mit den
Tambas seit Jahrzehnten verfeindet.
Am nächsten Morgen erwachte Tira durch die wärmenden Sonnenstrahlen, die in
ihr Zimmer drangen. Mit einem Ruck öffnete sich ihre schwere Zimmertür. Ihre
Mutter trat ins Zimmer. "Guten Morgen, meine Jüngste. Dein Vater hat gute
Neuigkeiten mitgebracht vom Lande Kondor. Du wirst bald heiraten." Tiras
Herz begann zu rasen. Sie konnte es nicht fassen, dass ihr Vater nach zwei
Monden schon wieder hier war mit dieser schrecklichen Nachricht. Ihre einzig
große Liebe war Sono und niemand sonst. Doch sie widersprach ihrer Mutter
nicht. Was sollte es auch bringen?
Nach dem Frühstück ging sie ins Zimmer ihrer ältesten Schwester. Mala lag in
ihrem Bett und hielt die Hand ihres Mannes fest an sich gedrückt. Tira
begann sie zu rütteln, Mala erwachte. Sie merkte schnell, dass mit Tira
etwas nicht stimmte. Mala führte sie auf ihre Terrasse, so dass sie
ungestört reden konnten. Tira wußte nicht, wo sie beginnen sollte und
brachte kein einziges Wort über ihre Lippen. Mala spürte, worum es ging und
versuchte Tira zu beruhigen: "Sobald du den jungen Mann kennenlernst, wirst
du ihm sein Herz schenken können." Tira nahm ihren ganzen Mut zusammen und
sagte: "Mein Herz ist bereits vergeben." Malas Gesicht versteinerte sich.
"Warum hast du niemandem etwas davon erzählt?" Das Problem bei den Lungos
ist, dass sie ihr Herz nur einmal in ihrem Leben vergeben können. Jede Frau
kann ihren zukünftigen Ehepartner selbst erwählen, bis sie ihr achtzehntes
Lebens-jahr erlangt hat. Tira wurde schon in zwei Monden 18 Jahre alt. So
war es an der Zeit, ihr einen Mann vorzustellen. Mala lächelte und klatschte
freudig in ihre Hände. "Eigentlich ist es gar nicht schlimm, es ist sogar
großartig. So hast du ihn nach deinen Wünschen und Erwartungen ausgewählt."
Tira begann zu weinen und sprach mit zittriger Stimme: "Er ist ein
Tamba-Krieger!" Mala war entsetzt, nahm ihre Schwester aber trotzdem in ihre
Arme. Sie wollte ihrer kleinen Schwester helfen.
Einige Tage später ritt Tira in den Wald, wo sie ihren Sono aufzufinden
hoffte. Vor dem Steinbruch hielt sie an, stieg ab und band das Tier fest.
Sie kletterte das Geröll zehn Fuss hoch, so dass sie durch einen Spalt das
Reich der Tambas sehen konnte. Es war riesig. Obwohl sie wußte, dass sie in
Gefahr war, wartete sie auf Sono. Nach einem halben Tag hörte sie ihren
Namen flüstern. Sie drehte sich um und erblickte Sono. Tira sagte: "Mein
Vater hat jemanden gefunden für mich!" Sono wurde bleich. "Es ist an der
Zeit, dass unsere Völker Frieden schließen.", fügte Tira hinzu. Sie lagen
sich eine Weile in den Armen und merkten nicht, dass der Tag zu Ende ging.
Als es dunkel wurde, gab Tira Sono einen Kuss und ritt zurück in ihren
Palast. Sie wollte mit ihrem Vater reden. Sein grimmiges Gesicht war nicht
besonders ermutigend. Tira begann zu sprechen. Ihr Vater saß schweigend da,
bis seine Tochter aufgehört hatte zu sprechen. Es saß noch lange
stillschweigend da, so dass Tira ungeduldig wurde. Zu ihrem Erstaunen begann
er zu lächeln und nickte.
Zwei Monde später wurde Tira von ihrer Mutter eingekleidet und geschmückt.
Sie trug ihr weißes, mit Mohnblüten besticktes Kleid. Sie sah wunderschön
aus. Auch Sono war elegant und festlich gekleidet. Jedoch wie immer dunkel
und düster. Sie wurden getraut und dann gab es ein riesiges Fest. Und dies
alles heimlich. Die ganze Verwandtschaft von Tira beglückwünschte die
beiden. Doch von Sonos Familie war niemand anwesend. Sie feierten bis tief
in die Nacht, mit Gesang, Tanz und einem grossen Festessen.. Um Mitternacht
war das Fest zu Ende. Zum ersten Mal durfte sich Sono neben seine Tira
legen, ohne zu fürchten, entdeckt zu werden.
Sono und Tira lagen in ihrem großen Ehebett. Sono wartete, bis seine Tira
eingeschlafen war. Dann verließ er leise das Zimmer. Er band sein Reittier
los und ritt in den Wald hinein. Er ritt lange, bis er endlich ins Reich
seines Vaters kam. Dort war es finster und kalt. Als er vor dem großen Tor
ankam, öffnete sich dieses mit einem Ruck und eine Armee von Tamba-Kriegern
ritt ihm entgegen. Der Boden bebte. An der Spitze ritt sein Vater stolz auf
seinem Reittier. Sono schloss sich ohne zu zögern der Armee an.
Tira erwachte durch das Signalhorn. Sie schreckte auf. Sono lag nicht mehr
neben ihr. Sie zog sich blitzschnell an und lief die Treppe hinunter in den
unterirdischen Teil des Palastes. Dort stieß sie zu ihrer Mutter, ihren
Schwestern und vielen Dienstmägden und deren Kindern.
Sie schlossen alle Türen und kauerten beieinander. Es wurde ganz still.
Draußen konnte man die schweren Schritte der Krieger hören. Tira rannte eine
Wendeltreppe zu einem geschützten Turm hinauf. Von da aus konnte sie alles
überblicken. Etwa 100 Fuß weit entfernt, sah sie eine dunkle Armee, die
schnell heranrückte. Kaum war die Armee der Lungos aus dem Palast
herausmarschiert, wurden sie angegriffen. Der Kampf fand direkt vor den
Toren des Palastes statt. Plötzlich erblickte Tira in der Dunkelheit das
Gesicht ihres Mannes. Sie wurde bleich vor Schreck. Er sah genau so aus wie
sein Vater. Sie kniete sich an die Turmmauer nieder und begann zu weinen.
Nach mehreren Stunden wurde es um den Palast herum leiser. Nur vereinzelte
Hilferufe von Verwundeten hörte man noch. Tira hatte Angst. Nach einer Weile
erhob sie sich und blickte ängstlich durch das Turmfenster. Was sie da sah,
schmerzte in ihrem Herzen. Tote, Verwundete und wenig Überlebende. Langsam
begab sich Tira vom Turm hinunter Richtung Tor. Mit großer Anstrengung
öffnete sie das Tor. Gerade vor dem Eingang lag ihr Vater. Er hatte seinen
Palast tapfer verteidigt und mit seinem Leben bezahlt. Tira weinte. Ging
aber tapfer weiter auf der Suche nach ihrem Mann. Auf einmal sah sie eine
dunkle, königliche Gestalt am Boden liegen. Ihr erster Gedanke war Sono. Sie
kniete nieder und nahm ihm langsam den Helm ab. Der Mann sah Sono zwar
unheimlich ähnlich, aber an der Narbe, die sich quer durch das Gesicht zog,
merkte sie, dass es nicht ihr Sono war. Es war sein Vater. Sie stand auf und
in dem Moment sah sie Sono. Er humpelte ihr erschöpft und schwer verletzt
entgegen. Aber sie waren überglücklich.
Kommentare
mias_voice@yahoo.de schrieb:
Paradise City, November 4th 2003
Hey, schöne spannende Geschichte mit sehr gelungener Pointe. Vielleicht hätte man die Charaktere der Personen, insbesondere der Väter, darstellen sollen.
vlg mia
jvoce@ifm.uni-kiel.de schrieb:
Spannend, aber worauf Sono hinauswill, ist mir nicht ganz klar. Warum zieht er gegen seine Braut in den Krieg? Und warum sind am Ende beide so glücklich? Weil ihre Väter tot sind und 2 halbe Königreiche?
LeonieGeisinger@gmx.de schrieb:
Mir gefällt euer Erzählstil ziemlich gut, er ist spannend. Allerdings finde ich den Stoff der Geschichte viel zu groß für eine Kurzgeschichte, die einzelnen Personen haben noch keine wircklichen Charaktere. Ich fänds toll wenn noch eine Geschichte käme
Kommentar hinzufügen